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Thomas L.

CAMERATA MEDIOLANENSE

Ein Interview mit Elena Previdi


CAMERATA MEDIOLANENSE
Kategorie: Spezial
Wörter: 3346
Erstellt: 25.07.2013
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Über CAMERATA MEDIOLANENSE muss man nicht viele Worte verlieren. Das Musikerkollektiv aus Mailand ist – trotz einer überschaubaren Anzahl von Veröffentlichungen – zur Verkörperung der Seele gleich mehrerer musikalischer Subkulturen geworden. Mit der Veröffentlichung “Campo di Marte” aus dem Jahr 1996 und den darauf folgenden Liveauftritten wussten sie Anhänger der Neofolk-, Industrial und der Gothicszene zu begeistern. Mit martialischen Trommeln, hymnischen Melodien und fragilem weiblichen Gesängen verbanden sie theatralische Darbietungen auf der Bühne, die unterstrichen, dass es hier um weitaus mehr geht als nur um Musik. Nach der EP CD “Madrigali” aus dem Jahr 1999 wurde es jedoch still um die Italiener, die in den Folgejahren nur noch live in Erscheinung traten. Umso größer war die Überraschung, als sich die Neuigkeit verbreitete, dass ein neues Werk des Mailänder ansteht und das dieses erstmals durch PROPHECY veröffentlicht wird – und zudem weitaus mehr werden sollte als eine gewöhnliche CD. Die Rückkehr sollte vielmehr ein fulminanter Paukenschlag werden, der den Hörer nicht nur mit guter Musik, sondern auch mit einer opulent ausgestatteten Box beglückt, deren Kernstücke die CDs und ein Kunstbuch sind. Aufbauend auf Texten des italienischen Dichters PETRARCA, zeigt sich der Maler SATURNO BUTTÒ verantwortlich für zwölf Gemälde, die er jedem Stück/Gedicht zuordnet. Grund genug also, das Gespräch mit Bandkopf ELENA PREVIDI zu suchen ...

“Vertute, Honor, Bellezza” stellt eine glanzvolle Rückkehr für CAMERATA MEDIOLANENSE dar; nicht nur die Musik, auch die optische Präsentation in Gestalt eines Kunstbuches mit vielen Aufsätzen über CM und verbundenen Künstlern ist mehr als eindrucksvoll. Elena, kannst Du das neue Album vorstellen und etwas zur Entstehung erzählen? In welcher Zeit wurde es geboren und wie kam es, dass es sich zu so einem großen Projekt entwickelt hat?

Vielen Dank für die Anerkennung. Das komplette Projekt besteht aus einer CD Single mit drei Tracks (“99 Altri Perfecti”), die als Einführung dient, der aus zwölf Stücken bestehenden CD (“Vertute, Honor, Bellezza”) und einer weiteren CD-Single mit drei Stücken, die den Abschluss darstellt (“Vergine Bella”). Die CD-Single “Vergine Bella” ist so konzipiert, dass sie nach den anderen Veröffentlichungen gehört werden sollte. Die beiden Singles werden allerdings nur mit dem Kunstbuch verkauft: Dieses Kunstbuch stellt den visuellen Aspekt des Projektes dar, es handelt sich dabei um ein 84seitiges Buch and es enthält die CDs, die Bilder, die von SATURNO BUTTÒ für dieses Projekt angefertigt wurden und diverse Aufsätze in englischer Sprache über PETRARCA, CAMERATA MEDIOLANENSE und SATURNO BUTTÒ aus der Feder verschiedener Autoren.
Das Projekt nahm seinen Lauf ohne viel Gezeter oder einen bestimmten Anspruch, tatsächlich erinnern wir uns nicht einmal mehr daran, welchen von PETRARCAs Texten ich als erstes musikalisch umsetzte. Aber als dann aus diesen Texten drei oder vier wurden, erkannten wir den Wert dieses Experiments. Wir spielten diese Stücke zusammen im Studio und bei einigen Konzerten und so nahmen sie über eine gewisse Zeit ihre endgültige Gestalt an. Von diesem Moment an begann das Projekt sehr schnell zu wachsen, das war vor etwa fünf Jahren. Zunächst hatten wir geplant, eine Single zu verwirklichen, die unsere Rückkehr ankündigt (da viele Jahre lang nichts von CAMERATA MEDIOLANENSE veröffentlicht wurde) und die uns als Test für das Aufnahmestudio dienen sollte (da die Aufnahmen für “Vertute” sehr komplex werden würden). Unsere Liebe zur Symmetrie brachte die Notwendigkeit eines Zwillingskapitels mit sich, also planten wir neben der regulären CD noch die CD-Single “Vergine Bella” und damit wuchs das Projekt weiter. Zwischenzeitlich hatten wir den von uns hochgeschätzten Maler SATURNO BUTTÒ kontaktiert und erläuterten ihm unser Projekt, sodass wir ihn für die Themenbilder und die drei Frontcover gewinnen konnten.
Er machte sich sofort an die Arbeit und schuf das Cover der “99 Altri Perfecti”, welche so 2011 veröffentlicht wurde. Dann haben wir “Vertute” aufgenommen und danach hat SATURNO die zwölf Bilder für die jeweiligen Stücke erschaffen. Am Ende des Projektes haben wir im Sommer 2012 mit Piano und Stimmen “Vergine Bella” aufgenommen und SATURNO hat seine wundervollen Bilder dazu beigetragen.
Wir haben das Glück, dieses Material durch die dankenswerterweise von PROPHECY möglich gemachte hervorgehobene Präsentation zu sehen, da sie sich für die Veröffentlichung eines Kunstbuches entschieden, in dem SATURNOs Werk beinahe in seinen ursprünglichen Dimensionen betrachtet werden kann.

Das letzte reguläre Album mit neuem Material erschien im Jahr 1999, “Madrigali”. Was war der Grund für die extrem lange Pause zwischen “Madrigali” und “Vertute, Honor, Belleza”?

Darauf gibt es keine rationale Antwort. Das Problem ist, dass ich die ganze Musik für CM komponiere und in den Jahren nach “Madrigali” habe ich vorrangig tiefgründige musikalische Forschung und Studien betrieben. Die Gruppe hatte darunter zu leiden, aber, da ich meinen Instinkten folge, musste ich mir diese Zeit nehmen. Zwischenzeitlich haben wir aber weiterhin zusammen gespielt und uns getroffen, auch haben wir einige Konzerte gegeben, was immer eine starke Erfahrung ist ... dennoch ist die Zeit verflogen. Auch hat sich “VHB” zu einem umfangreichen Projekt entwickelt; hätten wir eine gängige CD bevorzugt, so wäre diese bereits vor einiger Zeit veröffentlicht worden.

Bedenkt man die lange Zeitspanne zwischen den Alben, so war ich sehr verwundert darüber, dass manche Stücke so klingen, als seien sie in den Jahren der “Campo di Marte” aufgenommen worden. War es schwierig, die musikalische Tradition in den Jahren, in denen ihr nichts aufgenommen habt, aufrecht zu erhalten? Gab es irgendeine Art der Verführung, die Euch hätte dazu verleiten können, den einstmals eingeschlagenen musikalischen Weg zu verlassen?

Wir folgen keinem vorgegebenen musikalischem Pfad, nur unserem Instinkt: Wir fühlen uns in unserer Wahl absolut frei. Wir lassen unsere Ideen auf jene Art und Weise real werden, in der diese sich selbst offenbaren. Wahrscheinlich liegen diese Affinitäten in unserer Natur, sie sind das Ergebnis eines anhaltenden Gefühls, dass uns durch die Zeit begleitet. Ich bin aber persönlich sehr glücklich über Deine Bemerkung, da “Campo di Marte” für mich noch immer über allen anderen unserer Produktionen steht. Aber dem nahezukommen hatten wir während der Konzeption und der Aufnahmen von “Vertute” nicht im Kopf.

Die modernen und elektronischen Elemente, die auf dem neuen Album zu hören sind, waren auch schon Bestandteil der “Madrigali”. Wird die Zukunft von CM einen ausgewogenen Mix zwischen dem Alten und Neuen beinhalten oder könnte es auch eine stärkere Entwicklung in Richtung elektronischer Musik geben (ich persönlich hoffe auf ersteres)?


Auch auf diese Frage kann ich keine endgültige Antwort geben: Die Ergebnisse unserer Arbeit wurzeln im hohen Maße in der Frage, welche Instrumente wir nutzen. Während “Musica Reservata” und “Campo di Marte” von der ersten bis zur letzten Note handgespielt waren, etwas, das heutzutage nahezu prähistorisch anmutet, so wurde “Madrigali” sehr durch elektronische Musik und Computermusik beeinflusst. Dies geschah vor allem durch PINO CARAFAs Unterstützung, tatsächlich habe ich ausschließlich seine Instrumente genutzt. Nur die Stimmen und Teile der Percussions wurden im Studio aufgenommen. Mit “VHB” haben sich die Dinge erneut geändert, da ich in Bezug auf die Elektronik unabhängig wurde, auch wenn ich immer mit PINOs Unterstützung rechnen konnte. Er ist nicht nur ein Techniker, sondern auch ein  großartiger Musiker. Ein großer Teil unserer Musik hängt bis heute von seinen Beiträgen ab. Die Nutzung von Computern hat mir neue Perspektiven eröffnet, aber – um ehrlich zu sein – das bedeutet nichts Endgültiges: Wenn Du Dir unsere aktuellste Arbeit anschaust, die CD Single “Vergina Bella”, so ist das wahrscheinlich unsere am wenigstens moderne Veröffentlichung, die Du dir vorstellen kannst – nur Piano und Stimme. Das ist übrigens auch das erste Mal überhaupt, dass ich bei CM Piano spiele, und ich denke, dass ich eine Pianistin bin. Auch wenn das seltsam anmuten mag, aber für Jahrzehnte hat mich das Klavier für die eigene Musik nicht gereizt, aber das hat sich nun geändert: in Zukunft ist also alles möglich.

Euer Auftritt auf dem WGT liegt nun hinter Euch. Wie waren die Reaktionen auf das neue Material?


Es lief sehr gut, besser als erwartet. Viele Leute waren dort und hörten konzentriert und still der besonderen Darbietung von Piano und Stimme zu. Am Ende ernteten wir viel Dank und Wertschätzung. Wir wurden von den Veranstaltern sehr spät kontaktiert, sodass es nicht mehr möglich war, eine vollständige Darbietung von “Vertute, Honor, Bellezza” zu arrangieren. Aus diesem Grund haben wir uns für eine kurze Aufführung der “Vergine Bella” CD-Single entschieden, die durch eine Vorschau auf das Video von “Canzone alla Vergine” eingeleitet wurde – dies ist unser erstes Video (und es wurde von LUMINITA produziert und gesungen, unserer ersten Sängerin, die nun wieder bei uns ist). Einen Tag nach dem WGT wurde es auf YouTube eingestellt.
Am Ende des Konzertes kam LUMINITA auf die Bühne und spielte den Song live. Das war ein bewegender Augenblick. Der Sound war großartig, der Flügel bestens und auch die “Neuen”, DESIREE, CARMEN und GIANCARLO haben sehr gut gespielt. Wir waren sehr zufrieden. Aber in der Zukunft möchten wir gern ein Set bestehend aus dem kompletten Album “Vertute, Honor, Belleza” darbieten.

Das konstante Lineup der Band und die im Hintergrund verbundenen Künstler lassen auf eine sehr persönliche und familiäre Bindung der Mitglieder zueinander schließen – ich vermute, nur wenige Bands schaffen es, den Kern einer Band zu erhalten, auch wenn es für eine Dekade keine neue Veröffentlichung gibt. Ist CM mehr ein Kollektiv Gleichgesinnter, das durch ähnliche Interessen und Ideologien gehalten wird, als eine Band im klassischen Sinne?

Unsere Gemeinschaft ist kultureller und musikalischer Natur, Ideologien würden wir dafür nicht bemühen wollen. Der Kern wird von Menschen gebildet, die sich seit sehr langer Zeit kennen, aber dennoch sind wir anderen gegenüber nicht verschlossen. Durch die Jahre hinweg fanden viele ihren Weg zu uns, mit denen wir ein gemeinsames Gefühl teilen. Wir sind ein Kollektiv, oder besser, eine “Camerata”; unsere Natur ist nicht die einer “Band”. Aber es ist wahr, dass wir als “Band” für eine lange Zeit zwischen der aktuellen und der vorherigen Platte gelebt habe. Eine Phase, die, zumindest für den Moment, mit dem Ausstieg von DANIELA BEDESKI abgeschlossen zu sein scheint.

Das neue Album ist den Gedichten von FRANCESCO PETRARCA gewidmet und die visuelle Seite wird von dem Künstler SATURNO BUTTÒ übernommen. Auch wenn es im Booklet Ausätze über beide Künstler gibt, kannst Du uns berichten, wie Ihr als Individuen und als Kollektiv Euren Weg zu diesen Künstlern gefunden habt?

PETRARCAs Poesie ist in ihrer Form von vollendeter und blendender Schönheit, ihren hohen Stellenwert erlangt sie aber auch dadurch, dass die Inhalte auch nach siebenhundert Jahren noch aktuell sind, sie sind universell gültig. Aber die wenigsten lesen sein poetisches Werk, den Canzoniere. Ich gehörte zu diesen wenigen und an einem bestimmten Punk erwuchs in mir das Verlangen, dieses musikalisch auszudrücken, da ich entdeckte, dass meine Lektüre des Fragmentum intensiver wurde, wenn ich sie mit meiner Musik umhüllte. Man könnte sagen, dass ich danach gestrebt habe, die Lektüre für den zeitgenössischen Leser etwas lesbarer zu machen, ebenso die Bedeutung der Poesie, oder besser gesagt, meine Interpretation ihrer Bedeutung. Dies zu tun ist im heutigen Italien nahezu eine Provokation, in einer Zeit des Sturzes in die Dunkelheit und des kulturellen und menschlichen Verfalls. Die anderen Mitglieder der Camerata waren zunächst überrascht, als sie das erste Mal von meinen Plänen erfuhren. Dies war allerdings nur für einen Moment der Fall, danach glaubten sie an das Projekt und so wurde es das Werk von CAMERATA MEDIOLANENSE und nicht das von ELENA PREVIDI. Die Beziehung zu SATURNO BUTTÒ entstand aus einer langjährigen Bekanntschaft mit seinen Bildern. SATURNO kontaktierte uns kurz nach der “Madrigali” und äußerte seine Wertschätzung. Nach dem Betrachten seiner Bilder wurde uns klar, dass er der richtige Künstler für die Cover unserer nächsten Arbeit war. Wie wir wissen, ist seitdem viel Zeit vergangen. Aber das hat letztendlich auch etwas Gutes, denn als es soweit war, ist das Projekt in seinem Umfang immens gewachsen und seine Kunst hat dazu sehr viel beigetragen.

PETRARCA wird als Poet angesehen, der die Wiederkehr der Antike anstrebte und somit die Renaissance maßgeblich inspirierte, womit ich auch eine vorchristliche und religiöse Komponente verbinde. Dem gegenüber steht im Booklet, das Euro Perspektive kultureller und nicht religiöser Natur ist. Was ist der Grund für die Rückweisung der Religion? Wo ziehst Du diese Trennungslinie, da ja viele kulturelle Ausdrucksformen direkt in der Religion wurzeln?


Unsere Perspektive ist natürlich kultureller und nicht religiöser Natur. Wir ziehen es vor, dass die Öffentlichkeit die Deutung annimmt, die sie bevorzugt, ohne einführende Worte zu unserer Vision: Dazu müsste man uns zwingen. Die Musik und die verwendeten Texte sprechen für sich. Du sprichst zum Beispiel von vorchristlichen Assoziationen, während viele in PETRARCA sehr viel “Christliches” sehen. Lass uns “Vergine bella” und “Canzone alla Vergine” nehmen, beide beruhen auf dem letzten Fragmentum der Canzoniere. Auf den ersten Blick gibt es dazu nicht viel zu sagen: Es ist ein christliches Gebet an die Madonna (die Jungfrau Maria). Ein Gebet voller bildgewaltiger Metaphern, aber bekennend christlich vom ersten Vers an. Aber ist es wirklich so? Diese Ekstase vor der reinen Schönheit, dieser gewagte Vergleich mit ihr und der Sonne und noch viel mehr lassen die Frage aufkommen, ob man diese Verse wirklich als “christliches” Gebet betrachten kann. Unser Musikset soll einen Beitrag dazu leisten, dass der Hörer sich seine eigenen Ideen dazu entwickelt. Wir wollen also nicht DIE Antwort geben ... Wenn überhaupt, dann wollen wir etwas vorschlagen. Wir wollen die Leute meditieren lassen.

Ich war sehr erfreut darüber, dass ihr PETRARCA mit einem Album würdigt, auch wenn mein persönlicher Zugang zu ihm sicherlich etwas anders ist ... Als Bergliebhaber kenne ich ihn vorrangig als Pionier des Alpinismus – ist das ein Aspekt, der Euch auch interessiert oder ist das ohne Belang? Sein Aufstieg auf den Ventoux wird oft als Wendepunkt der Geschichte betrachtet ...

Das ist wirklich wahr. Sein Aufstieg zum Mont Ventoux ist berühmt. Vielen Dank für diese Überlegung: Für gewöhnlich wird der „alpine“ Aspekt nicht so sehr herausgestrichen, es wird vielmehr die symbolische Bedeutung dieser Unternehmung gewürdigt. In einem bekannten Brief beschrieb er den harten Aufstieg zum Gipfel des Berges, den er als Weg zum Höhepunkt der Reinigung betrachtete, fernab von den weltlichen und frivolen Dingen der Erde. Diese Gedanken sind sehr nah an jenen, die er in “Voi ch’ascoltate” ausgedrückt hat – und für uns sind diese Ideen sehr lebendig.

In Anbetracht der Tatsache, dass PETRARCAs Kunst bereits 700 Jahre zurückliegt ... : Gibt es zeitgenössische Künstler, die Ihr würdigt und von denen Ihr denkt, dass ihr Schaffen die Jahrhunderte ebenso überdauert, wie jene von PETRARCA?


Unser Konzept der "Kunst" ist sicherlich sehr verschieden von dem der großen Mehrheit unserer Mitmenschen: Unser Verständnis von Kunst impliziert die Besinnung auf die Schönheit und im gleichen Moment die Fähigkeit, vor ihr zu rasten und über sie nachzudenken. Aus diesem Grund wird diese Art von Kunst oftmals sehr feindselig betrachtet, und – lass es uns so sagen – auch behindert von Kräften, die sehr intensiv daran arbeiten, Menschen von diesen Tugenden abzuhalten (anzuhalten und nachzudenken, die Schönheit zu lieben). Und da ihre Arbeit zum gegenwärtigen Zeitpunkt auf einem sehr guten Level ist, ist es zumindest riskant, eine rosarote Zukunft für jene vorherzusagen, die unsere Vision teilen. Eine Vision, die in diesem Kontext auch als ketzerisch bezeichnet werden kann.

Ein Gemälde von BUTTÒ zeigt einen gekreuzigten weiblichen Christus. Macht Ihr Euch Gedanken darüber, wie Christen auf diese Kunst reagieren? Kann solche Kunst die Frauen mit dem Christentum versöhnen oder wird es eher die konservativen Christen provozieren? Gibt es überhaupt die Möglichkeit, in das Denken religiöser Menschen hineinzuwirken oder erntet man nur bestehenden Hass oder Zustimmung?

BUTTÒ ist ein durch und durch respektabler Künstler: Wir stimmen mit ihm überein, dass seine Kunst eine zeitgenössische Darstellung der heiligen Thematik ist. Wenn er behauptet, dass die besten Orte, um seine Gemälde auszustellen, Kirchen sind, dann denken wir, dass seine Art, seine Ideen umzusetzen, nicht so weit entfernt ist von der zahlreicher italienischer Künstler des 17. Jahrhunderts. Es gibt viele Beweise für die umstrittene Orthodoxie der Motive in der sakralen Kunst jener Zeit. Man denke zum Beispiel nur daran, dass viele Maler als Motiv für Heilige Huren und Epheben mit klaren erotischen Anspielungen wählten. Die Verantwortlichen zeigten eine wundervolle Begabung für Understatement. Heute reden viele Menschen ohne sich der Geschichte dieser Dinge bewusst zu sein. Und es reden wirklich zu viele Menschen darüber, und schreien auf eine sehr stereotype Weise. Wieviele Menschen kennen beispielsweise die antike Tradition der gekreuzigten weiblichen Heiligen? (Ich offensichtlich nicht - TL) Ich glaube, sehr wenige. Die orthodoxen Christen hatten in Anbetracht dieser Darstellungen niemals Unbehagen verspürt, die eben auch die zeitgenössische Öffentlichkeit erreicht.

Mit der Musik und auch mit den im Kunstbuch gedruckten Aufsätzen unterstreicht ihr die hohen Standards, die ihr setzt. Das ist sicherlich nicht gewöhnlich in den Szenen, mit denen man Euch gemeinhin verbinden (Neofolk, Gothic, Neoklassik ...). Fühlt Ihr Euch in diesen Szenen noch immer wohl? Was hört ihr privat?

Das können wir bejahen, wir fühlen uns dort zuhaus. Aber wir haben das Verlangen, auch eine Öffentlichkeit außerhalb dieses Kontextes zu erreichen, da wir davon überzeugt sind, dass unser Weg, obwohl er eine häretische Seite hat, auch für Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zugänglich ist. Was wir ausdrücken wollen, zielt ohnehin nicht auf eine bestimmte Mode oder Trends ab. Was unsere Hörgewohnheiten angeht, so fühlen wir uns alle mehr oder weniger in der gleichen Umgebung zuhaus. Ich mag auch elektronische Musik, MANUEL schätzt EGIDA AUREA, CULT OF YOUTH, VIRIDANSE und MILITIA (zwei italienische Bands, die den 80ern entstammen), MARCO bevorzugt Indie und betrachtet momentan SIGUR RÓS als beste Band der letzten 15 Jahre und zählt THE SAVAGES zu den besten Aufsteigern der letzten Zeit, während 3VORS Antwort folgendermaßen lautet :”SIOUXSIE AND THE BANSHEES gestern, heute und morgen”. Auch mögen wir alle alte und klassische Musik.

Wenn das Album ein an verlorene Werte gerichteter Weckruf ist, auf welche Weise sollen sich diese manifestieren? Betrachtet Ihr Euch selbst als Traditionalisten? Es gibt recht viele konservative Elemente in Eurer Musik, während die Kunst von BUTTÒ sicherlich auch eine avantgardistische Note hat ...

Unser Blick in die Vergangenheit ist keine nostalgische Operation, es ist ein Bedürfnis, das sich uns selbst in der Gegenwart erhebt und in die Zukunft schaut. SATURNO BUTTÒ hat viel mit uns gemein. Er könnte Avantgarde sein, wäre da nicht ein wichtiges Detail: Er praktiziert figurative Technik. Wieviele Maler wählen heute einen solch radikalen Weg? In der gleichen Art und Weise verwende ich meinen Hintergrund der klassischen Komposition bei CAMERATA, ich verstecke sie in einem zeitgenössischen Pop-Kontext. Tatsächlich ist bei “Vertute” dieser Hintergrund viel offensichtlicher als für gewöhnlich. Um zu vermeiden, dass dieser Hintergrund zu sehr vorherrscht, haben wir die Elektronik verstärkt und in manchen Stücken den Sound etwas aufgehellt, zum Beispiel durch die Verwendung von Drums im Stile der 80er Jahre bei dem Stück “99 altri perfecti”, auch wenn das vielleicht manche von unseren Hörern stören wird.

Interessiert ihr euch für tagespolitische Dinge oder betrachtet ihr die Welt aus der Perspektive des isolierten Künstlers?

Zweites. Für immer.

Was ist die Haltung von CM zur europäischen “Krise”? Im Booklet wird die kulturelle Einheit Europas thematisiert – sehr ihr dieses Erbe gefährdet? Oder sehr ihr in diesem Erbe einen Weg aus dem Niedergang, der momentan vorherrscht?

Wir agieren mit Klängen, daher ziehen wir es vor, unsere Werke für uns sprechen zu lassen. Wir sind geneigt, Erklärungen über unsere Gedanken und Überzeugungen zu vermeiden. Der von Dir zitierte Satz stammt auch nicht von uns, sondern ist aus einem Kommentar von PEDRO ORTEGA aus dem Kunstbuch, der die “Madrigali” analysierte. Die letzte Phase, in der Europa eine wahre kulturelle Einheit erlebt hat – zumindest so, wie wir sie verstehen – war im siebzehnten Jahrhundert.

Wie sehen die Zukunftspläne von CAMERATA MEDIOLANENSE aus? Werden wir wieder so lange auf ein neues Album warten müssen oder gibt es bereits konkrete Pläne für die nächste Veröffentlichung?


Wir hoffen wirklich, sehr bald mit neuen Arbeiten zugegen zu sein. Sicherlich sind die Umstände für uns momentan optimal und es gibt auch schon eine interessante Ansammlung von neuen Liedern. Natürlich kann ich mir da nicht ganz sicher sein, aber es ist durchaus möglich, dass CM in den nächsten Jahren die verlorene Zeit nachholen werden. Und in der Zwischenzeit genießen wir diesen schönen Moment ...

 
Thomas L. für nonpop.de


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