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Michael We.

TRUE NORWEGIAN BLACK METAL

Echt schön


TRUE NORWEGIAN BLACK METAL
Kategorie: Spezial
Wörter: 1413
Erstellt: 29.09.2008
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Erschienen:
Juni 2008
Verlag: VICE BOOKS
Format: 36,4 x 28,8 x 2,4 cm
Preis: 40 Euro
Seiten: 208
Fotos: 126

Diesem Text muss ein Geständnis vorangestellt werden: Ich bin meilenweit davon entfernt, ein Experte für Black Metal zu sein. Über gelegentliches, neugieriges Hören bin ich nie hinaus gekommen. Trotzdem hat mich die Frage seit Erscheinen dieses dicken Buches nicht mehr losgelassen, warum PETER BESTE ausgerechnet einen Black Metal-Bildband veröffentlicht. (Und als reiner Bildband müssen die 208 Seiten verstanden werden, auch wenn einige Texte beigestellt sind – dazu später mehr.) Denn Bildbände haben in der Regel entweder dokumentarischen, anleitenden oder natürlich ästhetischen Charakter. "True Norwegian Black Metal" ist weder dokumentarisch noch anleitend im Sinne von "Der Schlüssel zum echten Black Metal". Bleibt also nur die Ästhetik. Es wird vielen Black Metal-Fans nicht gefallen, aber zu sehen gibt es in der Tat vor allem (subjektiv) schöne Fotos. Professionelle Lichtbilder von – oft in Szene gesetzten – Musikern, die eigentlich ihr ganzes Tun darauf ausrichten, sich vom Massenverständnis des Begriffes "Ästhetik" abzusetzen. Was die Frage nach dem Warum umso spannender macht.

Die Fakten: PETER BESTE ist ein junger, freier Fotograf, der in Brooklyn, New York lebt. Nach dem starken Interesse an seinen Werken und den vielen Ausstellungen zu urteilen, die er weltweit schon hatte, steht er am Anfang einer großen Karriere. Sein fotografisches Augenmerk galt bereits anderen Musikthemen wie der Rapkultur in Houston, seine große Liebe war aber schon während seines Studiums der norwegische Black Metal. Norwegen, eines der reichsten Länder der Welt mit einmaliger Landschaft, hohem Lebensstandard und geringer Armut, bietet vordergründig wenig Anlass zu Protest. Mitte der 1980er-Jahre haben sich dennoch einige Black Metal-Gruppen – die bekanntesten dürften MAYHEM (1984) und DARKTHRONE (1987) sein – gegründet. Sie wollten, auch wenn dieses gemeinsame Ziel erst später formuliert wurde, ein Zeichen gegen die evangelisch-lutherische Staatskirche und die um das Jahr 1000 beginnende und immer noch anhaltende Christianisierung Norwegens setzen. (Das Land hat eine der letzten Staatskirchen der Welt; rund 90 Prozent der Norweger gehören ihr an. In der Regel sind Einwohner eines Landes mit Staatskirche per Geburt automatisch Mitglied in dieser.) Direkt nach seinem Uniabschluss als Fotograf im Jahr 2001 reiste BESTE zum ersten Mal nach Norwegen und knüpfte einige wenige Kontakte. Darauf aufbauend besuchte er das Land und seine Black Metal-Bands dreizehn Mal in den vergangenen sieben Jahren, blieb dort zusammengerechnet sieben Monate und schuf eine Nähe zu den Musikern, die auch seinen Fotos anzumerken ist.



Anfang bis Mitte der 1990er-Jahre sorgten einige Ereignisse dafür, dass Black Metal aus Norwegen so viel mediale Aufmerksamkeit bekam, wie dieser Musikrichtung davor und danach nie wieder zuteil wurde. 1991 beging der damalige MAYHEM-Sänger DEAD Selbstmord. Die Kugeln dazu soll ihm sein Bandkollege EURONYMOUS (Gitarrist bei MAYHEM) geschickt haben – eines von vielen Gerüchten um diesen Freitod. EURONYMOUS wurde 1993 von seinem einstigen Freund VARG VIKERNES (BURZUM) mit zahlreichen Messerstichen getötet, das Motiv ist bis heute unklar. Neben VIKERNES sollen mehrere norwegische Musiker Mitglied im antichristlichen "Inner Circle" gewesen sein, von dem bis heute ebenfalls nicht sicher ist, ob er überhaupt existiert hat. Viele der angeblichen Mitglieder sitzen wie auch VIKERNES im Gefängnis, ihnen werden Morde, Grabschändungen und Kirchenbrände zur Last gelegt, die zwischen 1993 und 1997 rund 20 historische norwegische Holzkirchen vernichteten, darunter die berühmte Stabkirche Fantoft in Bergen. Einige Zeitungsausschnitte aus diesen Jahren sind im Buch abgedruckt. (Sie tragen Titel wie "The Ugly Truth About Black Metal" oder "Blood, Fire, Death"). Diese Ereignisse werden, bedingt unter anderem durch die damit einhergehende Kommerzialisierung, von vielen Musikern und Fans als Ende der Bewegung – zumindest in Skandinavien – betrachtet.

Die Bilder: Abgelichtet sind unter anderem Mitglieder der Bands DARKTHRONE, MAYHEM, EMPEROR, SATYRICON, ENSLAVED, IMMORTAL, GORGOROTH, CARPATHIAN FOREST, DIMMU BORGIR, ILDJARN und AURA NOIR. Es überwiegen die Fotos, auf denen die Musiker in voller Montur zu sehen sind, was bedeutet, dass sie sich meist zurechtgemacht haben wie zerschundene Leichen: blutüberströmt, aschfahl, zerfallen und zerkratzt. Ebenso vorhanden sind aber die privaten, ungeschminkten Schnappschüsse beim Rauchen einer Zigarette oder zuhause beim Musikhören. Allen Bildern gemein ist die schon angesprochene, fast distanzlose Nähe – man kann das Vertrauen spüren, das die ansonsten nach außen eher feindselige Gemeinschaft zu PETER BESTE gehabt haben muss. Selbst die bewusst eingenommenen Posen, wie gleich auf dem ersten Foto mit dem feuerspeienden FROST (SATYRICON) in einer Höhle, wirken deshalb nicht gestellt oder künstlich.
Zu den interessantesten Aufnahmen gehören die Kombinationen aus Black Metal und norwegischer Natur. Hier verweilt das Auge lange, genießt und schweift zwischen den Gegensätzen hin und her, aus denen diese Fotos ihre Ästhetik beziehen. Auf der einen Seite die bedrohlich geschminkten, dunklen Musiker, auf der anderen die ganz und gar friedliche und reine Natur Norwegens. Auf dem Highlight dieser 'Abteilung' ist ABBATH von IMMORTAL zu sehen, wie er durch einen riesigen, norwegischen Trollwald stapft. Einige Landschaftsfotos kommen sogar ganz ohne Musiker aus, zeigen Einsamkeit und Faszination bestimmter Landstriche.



Weitere Bilder lassen sich in Kategorien einteilen: solche, die ein Schmunzeln entlocken zum Beispiel. Musiker, die noch geschminkt mit einer Flasche Wein in der Badewanne einschlafen, auf dem Weg zu einem Auftritt eine Sense über norwegische Landstraßen schleifen oder zähnefletschend (fürs Foto) im abgewrackten und vollbepackten Volvo zum nächsten Konzert fahren. Motive für alle, die schon hinter jedem Kajalstrich einen 'Satanisten' vermuten und dieses Buch natürlich nie in die Hand nehmen würden, deshalb umso rührender in ihrer erzieherischen Wirkung. Andere Momentaufnahmen unterscheiden sich nicht wesentlich von üblichen Musikerfotos – rauchen, lächeln, entspannen, spazieren gehen.



Neben viel Euphorie, die "True Norwegian Black Metal" ausgelöst hat, verblasst die eine oder andere leise geäußerte Kritik. Dennoch sind einige Anmerkungen berechtigt: Die Fotos sind ohne erkennbare Sortierung und Chronologie aneinander gereiht. Lediglich Fußnoten am Ende des Bildteils, die allerdings ohne Seitenzahlen kaum zuzuordnen sind, verraten, um wen es sich handelt. Von den Textbeigaben, die oft besonders gelobt wurden, erfüllt eigentlich nur die dreiseitige Abhandlung über norwegischen Black Metal zusammen mit einer ausklappbaren Zeittafel in der Mitte des Buches ihren Zweck. Im circa 30seitigen Anhang finden sich Cover des norwegischen Fanzines SLAYER, das übrigens nach langer Pause bald wieder erscheinen soll, Abdrucke einiger Artikel (etwa ein altes Interview mit VARG VIKERNES), Zeitschriftenartikel über Kirchenbrände und ein paar handgemachte Flyer und Zeichnungen. Die Typographie ist allerdings derart miserabel, dass sich viele Texte nur mit Mühe lesen lassen; vermutlich wurden die meisten Seiten einfach eingescannt. Archivaufnahmen der frühen 1990er-Jahre komplettieren den hinteren Teil und kompensieren ein wenig die Tatsache, dass sich PETER BESTE – mehr als 20 Jahre nach der Gründung der ersten Bands – notgedrungen mit den verbliebenen Helden oder den nächsten, kommerziell viel erfolgreicheren Generationen (z.B. DIMMU BORGIR) beschäftigt.
Gelobt werden muss das Buch natürlich für seine Einzigartigkeit, für den ersten Versuch, einen kleinen Teil des Black Metals – wie weit dieser Begriff gefasst werden kann, wird Kollege Dominik T. in einer musikalischen Übersicht darlegen – nah, roh und ohne gequirlte Interpretation darzustellen. Die Motive in Kombination mit ihrer Umgebung sind interessant genug fürs Auge, um immer wieder hineinzublättern. Sie erzählen keine Geschichten, bieten keinen vollständigen Überblick, sind aber meist stark genug, für sich zu stehen. (Die "Houston Rap Culture"-Serie verfolgt zum Beispiel einen ganz anderen Ansatz und hat mit der ständigen Präsenz von Drogen, Waffen und Geld auf den Fotos eine klare Aussage.) Ein Mehr an Struktur und sortierter Information hätte aber gut getan, denn – um endlich zur Eingangsfrage zurückzukehren – so hängt "True Norwegian Black Metal" zwischen den Stühlen. Kenner werden wenig Neues finden, zumal die eigentlich spannende Zeit kaum berücksichtigt werden konnte. Interessierte Neulinge werden sich dagegen nur mit Mühe zurechtfinden. Einen dokumentarischen Anspruch hat das Buch (wie erwähnt) allerdings auch gar nicht. Bleiben alle, die einen kleinen PETER BESTE in sich tragen. Die eine ähnliche Leidenschaft für die Bands und Musiker des norwegischen Black Metal haben, eine fast distanzlose Begeisterung. Sie werden die große Nähe genießen und in die dunkle Atmosphäre der Bilder hineinkriechen. Viele scheint es von ihnen zu geben, denn die erste Auflage ist kaum zwei Monate nach Erscheinen des Buches bereits ausverkauft, ab Mitte Oktober soll der Bildband wieder erhältlich sein.

Ein Filmteam begleitete BESTE bei einigen Treffen mit Musikern, daraus entstand eine fünfteilige Dokumentation, die hier zu sehen ist.

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Interview mit EURONYMOUS (1992)

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Hubert (29-09-2008, 11:05)
Ich gebe aber zu, dass auf diesem Immortal-Bild oder auch auf dem Dimmu-Borgir-Bild ein gewisser Gegensatz zum Ausdruck kommt. Schade, dass Beste ein anderes Bild nicht berücksichtigt hat, auf dem zu sehen ist, wie ein nietenbewehrter Arm sanft über eine Borke streicht.
Naturverherrlichender Nordischer Black Metal
Hubert (29-09-2008, 10:56)
Deine Rezension ist gut. Aber eines muss richtiggestellt werden. Es gibt keine Gegensätze zwischen norwegischem Black Metal und norwegischer Natur. Norwegischer Black Metal ist ein Ausdruck der norwegischen Natur! So zumindest ist es im Modell. Beckmesser können natürlich Defizienzen in der Realität finden, doch das ist nicht wirklich von Belang.

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