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Roy L.

Das Jahr der Seele: PENTANGLE

Folkmusik 1964-1984 | Teil XXI


Das Jahr der Seele: PENTANGLE
Kategorie: Spezial
Wörter: 4317
Erstellt: 03.06.2008
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PENTANGLE - Cruel Sister
(1970, UK, Transatlantic)



Fast genau 40 Jahre ist es her, seitdem PENTANGLE auf der Bühne der Royal Festival Hall in London den Grundstein für ein neues Verständnis von Folkmusik legten. Hier liefen alle Fäden zusammen, die sich im Swinging London Mitte der Sechziger parallel entsponnen hatten: Folklore, Blues, Jazz waren nie zuvor so dicht beieinander gewesen, und innerhalb kürzester Zeit hatte die Band um BERT JANSCH und JOHN RENBOURN es auf wundersame Weise geschafft, mit einem rein akustischen und extrem anspruchsvollen Album („Basket Of Light“, 1969) unter die ersten Fünf der Hitparade zu gelangen. In diesem Sommer wird das legendäre Quintett, das zu jeder Zeit auch in der BRD recht erfolgreich war, noch einmal in Originalbesetzung in der Festival Hall auftreten und danach auf eine vermutlich letzte Reunion-Tour gehen. Grund genug, noch einmal eine der spannendsten Linien in der Geschichte der britischen Folkszene nachzuzeichnen.

When they brought him his shield, it was bright red gules,
painted with a pentacle of purest gold.
Holding the baldric, he hung it from his neck,
and the sign thus set suited him well.
Why the pentacle is proper to that noble prince
I must let you know, though I linger in the telling.
It is a sign that Solomon set long ago
to signify truth by a trustworthy token.
It is a figure with five fine points
and each line overlaps and locks with the others,
everywhere endless: the English, I hear,
most often call it the Endless Knot.1

Das „Pentacle“ oder Pentagramm, so erzählt die im Kosmos der Artussage angesiedelte Geschichte von „Sir Gawain And The Green Knight“, ist ein Schutzemblem, dessen symbolische Fünfzahl (vgl. die fünf Wunden Christi) den tugendhaften Ritter vor allem Übel bewahren soll. John Renbourn muss den Text vielleicht sogar im Mittelenglischen gelesen haben, sonst wäre er nicht so ohne weiteres vom Pentacle zum Pentangel gekommen. Wie auch immer, der Name scheint mehr als passend für die fünf eigenwilligen Persönlichkeiten – „five fine points“ – die alle aus ihrer ureigensten Ecke hervorkamen und sich Anfang 1967 getroffen hatten, um in den nächsten fünf Jahren ihre recht verschiedenen musikalischen Einflüsse zum Einklang zu bringen und dabei ganz neue stilistische Wege zu synthetisieren: „and each line overlaps and locks with the others“.
All diese fünf Leute hatten bereits ihre Fußspuren in der Musikszene hinterlassen, noch bevor PENTANGLE überhaupt ins Leben gerufen wurde. Der bekannteste unter ihnen ist mit großer Sicherheit BERT JANSCH: der wortkarge Außenseiter, der eigentlich Gärtner werden wollte und heute zu den genialsten Gitarristen aller Zeiten zählt, verbrachte seine Jugend in der schon früh etablierten Folkszene Edinburghs. Mit sechzehn Jahren nahm er Gitarrenunterricht bei ARCHIE FISHER und zuvor bei JILL DOYLE, fast ironischerweise die Halbschwester von DAVY GRAHAM, der nur kurze Zeit später mit dem Stück „Angi“ einen neuen handwerklichen Maßstab für alle kommenden Gitarristen in England vorlegte. Auch für Jansch wurde „Angi“ zum ersten Prüfstein seiner Karriere. Er kannte das Stück bereits vor der Veröffentlichung von einem Tonband, das Graham seiner Halbschwester hatte zukommen lassen und war zu der Zeit tatsächlich der einzige, der es sich wirklich aneignen konnte. Schnell brachte Bert seine Lehrmeister an die Grenzen ihrer Kunst. Im Howff, dem ersten echten Folk- und Bluesclub in Edinburgh, war er der stille Beobachter der großen Blueshelden und Folktroubadoure, die hier unterwegs haltmachten: BROWNIE McGHEE, BIG BILL BROONZY, STEVE BENBOW, ALEX CAMPBELL. Seine erste Gitarre wurde ihm nach drei Wochen gestohlen und in den nächsten zehn Jahren würde er ausschließlich mit geborgten Gitarren zum Star der Londoner Clubszene avancieren.
Anfang der Sechziger wohnt Jansch für einige Zeit mit CLIVE PALMER und ROBIN WILLIAMSON in mehreren heruntergekommenen Edinburgher Behausungen zusammen, noch bevor diese mit MIKE HERON die INCREDIBLE STRING BAND gründeten. Mit Williamsons späterer Lebensgefährtin LICORICE McKECHNIE wäre Jansch einmal sogar beinahe verheiratet gewesen. Zur selben Zeit etwa schreibt er seine ersten Songs, „Courting Blues“, „Strolling Down The Highway“, „Running From Home“ – eskapistische und bluesinfizierte Loner-Nummern, die 1963 auch Ausdruck einer ganz neuen Generation von Musikern und Hörern sind.
Mit Williamson fährt Jansch im Januar 1963 zum ersten Mal für ein paar Auftritte ins Epizentrum aller damaligen musikalischen Entwicklungen: London. In der dortigen Folkszene, die vor allem von den konservativen Kommunisten EWAN MACCOLL und BERT  LLOYD dominiert wird, fühlen sich die beiden wenig willkommen. Sie sind unpolitisch, spielen kaum traditionelles Material und wirken eher wie verdrogte Beatniks. Eine der für Bert folgenreichsten Begegnungen in London ist jene mit der jungen bezaubernden Folksängerin ANNE BRIGGS. Über Anne kommt Jansch zum ersten Mal näher mit englischen und schottischen Folksongs in Berührung. Die beiden kleben für eine Zeit lang förmlich aneinander, schreiben zusammen Songs („Go Your Way“, „The Time Has Come“, „Wishing Well“), verschaffen sich gegenseitig Auftritte in Londoner Folkclubs und pendeln gemeinsam zwischen Schottland und England. Sowohl Anne Briggs als auch MARTIN CARTHY werden für Jansch gewissermaßen zur ständigen Brücke zwischen Edinburgh und London, bevor er sich 1965 längerfristig in der Hauptstadt niederlässt2.
Inzwischen war in der britischen Musikszene einiges geschehen: Das schon mehrere Jahre im Untergrund brodelnde „Folk-Revival“ war langsam an die Oberfläche gedrungen und Folkclubs wie junge Nachwuchsgitarristen verbreiteten sich wie ein Lauffeuer über das ganze Land. Überhaupt nahm die Gitarre nun immer mehr eine wirklich ganz zentrale Rolle in der Folkmusik ein, eine Entwicklung die sicher nicht unwesentlich von Virtuosen wie DAVY GRAHAM und MARTIN CARTHY begünstigt wurde. Jansch tauchte also gerade im rechten Augenblick in dieser Landschaft auf und eroberte London im Sturm. Sein reserviertes, fast schüchternes Auftreten, sein ungewöhnlicher Gitarrenstil und die düsteren Songs à la „Needle Of Death“ verwirrten und begeisterten alle, die ihn zu dieser Zeit spielen hörten. Es war weder „Blues“ noch „Folk“, sondern schlicht und einfach „Jansch“. Auf Drängen von ANNE BRIGGS, die sowohl Tonmeister BILL LEADER als auch TRANSATLANTIC-Labelchef NAT JOSPEH auf Bert aufmerksam machte, nahm der 21-jährige Gitarrenheld im Winter 1964/65 seine erste Platte in der Küche von Bill Leaders Wohnung auf.
Es war gerade zu dieser Zeit, als die alte Folk-Generation um EWAN MACCOLL und PEGGY SEEGER von einer neuen jungen und frischen Szene abgelöst wurde, die sich zuerst in den Clubs von Soho, im Scot's Hoose oder im legendären Les Cousins/49 Greek Street3 herauskristallisierte. Diese Orte waren mehr oder weniger die Brutstätte für Albions neue Folkbewegung, die Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger ihren Höhepunkt erreichen sollte. In dieser Umgebung trifft Bert auch zum ersten Mal auf JOHN RENBOURN, ein weiterer genialer Gitarrenvirtuose, dessen Karriere sich gerade auf dem Weg nach oben befand.
Wie Jansch ist Renbourn ein Kind der Spätfünfziger Skiffle- und Blueshysterie und ihre Jugendhelden waren fast dieselben: LEADBELLY, McGHEE, BROONZY. An der Kunsthochschule von Kingston spielt er E-Gitarre in der heute vergessenen R'n'B-Band HOG SNORT RUPERT'S FAMOUS PORKESTRA und gelangt, wie so viele andere, über DAVY GRAHAM auf die Folk-Fährte. In ALEXIS KORNERs Roundhouse, ein weiterer Blues- und Jazzschuppen (natürlich) in Soho, lernt Renbourn die amerikanische Sängerin DORRIS HENDERSON4 kennen, die gerade nach einem Gitarristen suchte, der sie auf ihrem Debütalbum „There You Go“ begleiten würde. So brachte es der junge John Renbourn ebenfalls 1965 zu seiner ersten Veröffentlichung, sein erstes Soloalbum erschien nur wenig später ebenso wie Berts LP über TRANSATLANTIC. Bert und John wohnten zu dieser Zeit zusammen mit LES BRIDGER und der Folkgruppe YOUNG TRADITION in einem Haus in West Hampstead, das MelodyMaker-Journalist KARL DALLAS einmal treffend als „mixing pot“ bezeichnete. Der neue Songwriterstar DONOVAN und Englands erster Hippie WIZZ JONES5 waren hier gern gesehene Gäste, ROY HARPER wohnte gleich um die Ecke und die WATERSONS und ANNE BRIGGS machten hier Halt, wann immer sie Auftritte in London hatten. Es war einer jener Brennpunkte, an dem Trad-Folk und Songwriter-Blues in intensiver Wechselwirkung standen und auf diese Weise einen Grundriss für die weitere Folk-Entwicklung in Großbritannien lieferten.
Hier arbeiteten Bert und John 1966 auch an ihrem ersten gemeinsamen Album, das schlichterweise „Bert & John“ betitelt wurde und kurze Jams der beiden inzwischen gefragtesten Gitarristen der Szene präsentierte. Im selben Jahr erschien Berts drittes Soloalbum, das bahnbrechende „Jack Orion“. Vermutlich ein Kind der gemeinsamen Zeit mit ANNE BRIGGS enthielt es fast nur traditionelles Liedmaterial, darunter auch „Blackwaterside“, das JIMMY PAGE nur wenig später auf dem ersten LED ZEPPELIN-Album kopierte, sowie eine visionäre, fast zehnminütige Fassung der Ballade „Glasgerion“ (hier „Jack Orion“ benannt). Jansch experimentierte hier zum ersten Mal mit der alternativen Gitarrenstimmung DADGAD, die Graham und Carthy etabliert hatten und die das Volkslied in einer so noch nie dagewesenen Interpretation darstellte. Sowohl „Jack Orion“ als auch Renbourns barockes Instrumental-Folk Album „Sir John Alot“ (1968) dürfen tatsächlich als Blaupause für die immer mehr in Richtung Folk tendierende Entwicklung von PENTANGLE gesehen werden, die letztendlich auf „Cruel Sister“ kulminierte.
Doch nicht nur Bert hatte in Anne Briggs eine Sängerin gefunden, die ihn zum Folk bekehrte, auch John begann sich in dieser Zeit immer stärker für englische Tradition, Folklore und „Early Music“ zu interessieren. Seine Muse hieß jedoch JACQUI McSHEE, eine junge Folk- und Bluessängerin, die Bert und John über den Instrumentenbauer CHRIS AYLIFFE kennen lernten. Ayliffe und McShee waren Anfang der Sechziger ähnlich wie Wizz Jones als Straßenmusiker in Paris unterwegs gewesen, ein paar Jahre später unterhielt Jacqui mit ihrer Schwester einen Folkclub in Sutton, in dem natürlich auch Bert und John gelegentlich auftraten. Als John im Herbst 1966 an seinem zweiten Album „Another Monday“ arbeitete und Dorris Henderson gerade wieder nach Amerika zurückgekehrt war, fragte er Jacqui, ob sie sich stattdessen als Gastsängerin an den Aufnahmen beteiligen würde. Die beiden traten in Folge mehrmals zusammen im Cousins und anderen Clubs auf und John lernte einige Folksongs von Jacqui.
Vielleicht war es nur aus reiner Experimentierfreude, als Bert und John die Idee verfolgten, mit Jacqui eine richtige Band zu gründen. Zunächst hatten die Drei mit Janschs Manager BRUCE DUNNET den kleinen, intimen „Horseshoe Pub“ ins Leben gerufen, der in seiner kurzen Bestehenszeit 1967 auch zur neuen Heimat von befreundeten Künstlern wie SANDY DENNY6 oder ANNE BRIGGS, aber auch des kleinen Kreises um WIZZ JONES, RALPH McTELL und CLIVE PALMER wurde. Was ihnen nun noch fehlte, war eine Rhythmussektion, die sie aus der hiesigen Jazz-Szene rekrutieren würden. John hatte den Bassisten DANNY THOMPSON bei der Fernsehshow „Gadzooks! It's All Happening“ (1965) kennen gelernt, in der Dorris Henderson gemeinsam mit Renbourn auftrat. Thompson entstammte einer musikalischen Familie und entdeckte schon früh seine Liebe fürs Kontrabassspielen. Mit 16 jammte er Nacht für Nacht in einem Londoner Striplokal mit allen Jazzgrößen der Szene. Seinen Wehrdienst leistete er in Malaysia, wo er den Kontrabass für kurze Zeit gegen die Posaune in der Marschkapelle eintauschen musste. Anfang der Sechziger nach England zurückgekehrt, etablierte sich Danny schnell zu einem der gefragtesten Sessionmusiker. Er begleitete ROY ORBISON auf drei Tourneen, spielte auf DAVY GRAHAM & SHIRLEY COLLINS' wegweisender „Folk Roots, New Routes“-LP und war ein paar Jahre später auch auf den beiden besten INCREDIBLE STRING BAND-Alben „5000 Spirits Or The Layers Of The Onion“ und „The Hangman's Beautiful Daughter“ zu hören. Gemeinsam mit dem Schlagzeuger TERRY COX, ebenfalls Sessionmusiker, der zuvor mit AL FAIRWEATHER zusammenarbeitete und nebenbei großer MOON DOG-Fan7, steigt er 1964 bei THE BLUES INCORPORATED8 ein, ein All-Star Jazz- und R'n'B-Fusionprojekt, das die beiden Bluesveteranen CYRIL DAVIES und ALEXIS KORNER initiiert hatten. Mit Korners Band und ebenso mit DUFFY POWERs NUCLEUS waren Cox und Thompson nun auch häufiger im Cousins zugegen.
Irgendwann wurden die beiden dort von Renbourn in den Horseshoe Club eingeladen, um mit Bert, Jacqui und John einmal alles querbeet durch Jazz, Folk und Blues auszuprobieren. Aus dem Trio war also binnen kurzer Zeit ein Quintett geworden und Renbourns Vision vom magischen PENTANGLE nahm endlich Gestalt an. Obwohl TRANSATLANTIC nicht wirklich über dieses gewagte Projekt seiner beiden erfolgreichsten Solokünstler erfreut war, veröffentlichten sie das erste Album schon im Frühjahr des folgenden Jahres, begleitet von Linernotes eines ersten großen Fans: JOHN PEEL. Nur einen Monat später standen PENTANGLE in der Royal Festival Hall auf Londons größter Konzertbühne und waren die erste Band, die Ende der Sechziger den Mittelpunkt zwischen Folk und Jazz erforschte und damit auch noch erfolgreich war.

Von da an entwickelte sich die Karriere der Band in rasantem Tempo. Das Konzert in der Festival Hall wurde aufgezeichnet und im November 1968 zusammen mit einer zweiten Studioplatte als Doppelalbum unter dem Namen „Sweet Child“ herausgegeben. „Sweet Child“ war vor allem das Dokument einer Band, die sich nach dem reinen Experimentieren und Improvisieren auf der ersten Platte allmählich gefunden hatte und eine klarere Linienführung zwischen Folksongs wie „Sovay“ und „The Trees They Do Grow High“ und schwülen Bluesnummern wie „I've Got A Feeling“ in den Griff bekam. Thompson und Cox waren immerhin echte, professionelle Musiker und konnten sich auf jede mögliche musikalische Ausrichtung einlassen. Durch ihren Input wurden die Arrangements der beiden Gitarrenhelden Jansch und Renbourn gewissermaßen salonfähig und einem größeren Publikum zugänglich. Sängerin McShee war zwar keine Sandy Denny oder Anne Briggs, aber sie hatte diese klare, weiche Stimme, die trotz aller Virtuosität ihrer Bandkollegen die Songs immer wieder dominierte.
Nach einer dreimonatigen US-Tour Anfang 1969, die sie vom Fillmore an der Ostküste bis zum Fillmore an der Westküste führte und die für Jansch ein unerträglicher Kulturschock gewesen sein muss9, nahmen PENTANGLE mit „Basket Of Light“ jene Platte auf, mit der sie sowohl national als auch international den endgültigen Durchbruch schafften. Als womöglich bestproduziertes Album der gesamten britischen Folk-Ära verband „Basket Of Light“ anspruchsvolle, virtuose Taktwechsel mit eingängigen traditionellen Melodien und selbstgeschriebenen Balladen und gerade der beinahe siebenminütige „Hunting Song“ darf wohl ruhigen Gewissens als nie wieder erreichte Sternstunde in der Bandchronologie angesehen werden.
Die Ausrichtung des Projekts war nun auch klar und deutlich auf das Folk-Revival fixiert und der vorherige Folk-Jazz-Blues-Fusioncharakter hatte sich zu einem Folk mit nur noch leichten Jazz- und Blueseinflüssen verlagert. Dieser Schritt war 1969 marktstrategisch recht klug gewählt, denn in Großbritannien herrschte für die nächsten zwei, drei Jahre tatsächlich eine Atmosphäre, in der man mit Akustikgitarren und intelligenten Songs durchaus Einfluss auf den Mainstream nehmen konnte. Die Single-Auskopplung „Light Flight“ wurde schnell zum Markenzeichen der Band, vor allem weil das Stück bald jede Woche als Titelmusik in der von der BBC produzierten Fernsehserie „Take Three Girls“ im Großteil aller britischen Mittelschichtwohnzimmer erklang.

Als „Cruel Sister“ im November 1970 erschien, befanden sich PENTANGLE geradezu auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Ihre Alben verkauften sich beeindruckend gut und Bandmanager JO LUSTIG versorgte sein Quintett mit einem schier endlosen und sicher ermüdenden Konzert- und Tourplan. Schon Ende der Sechziger drängte unterdessen eine riesige Psych-Folk Welle Schritt für Schritt die eher konservativen Trad-Folker wieder mehr in den Hintergrund zurück und im Musikgeschäft waren inzwischen Songwriter gefragter als Volksliedsammler. Genau zu diesem Zeitpunkt ein Album herauszugeben, das ausschließlich aus traditionellen Liedern besteht, darunter eine A-capella Version von „When I Was In My Prime“ und eine LP-seitenfüllende Interpretation von „Jack Orion“, war mit großer Sicherheit das, was ein Jahr nach „Basket Of Light“ die wenigsten von PENTANGLE erwartet hatten. Mit einer gewissen Chart-Verpflichtung im Rücken  hätte sich die Band nun eigentlich auf den Markt und ihr Publikum einlassen müssen, so war der Misserfolg von „Cruel Sister“ zumindest vorhersehbar.
„Cruel Sister“, verpackt in ein schlichtes beiges Cover mit einem Kupferstich von DÜRER auf der Vorderseite, war mehr oder weniger das Projekt von John und Jacqui gewesen, die sich beide immer intensiver damit beschäftigten, Folksongs und Balladen aufzuspüren und neu zu arrangieren. Bert hatte zu der Zeit ein wenig das Interesse an PENTANGLE verloren und konzentrierte sich eher auf seine neue Soloarbeit „Rosemary Lane“ (erschienen 1971), die aber ebenfalls wieder stärker in Richtung Folk tendierte.
Bei den fünf Liedern, die sich PENTANGLE hier herausgesucht hatten, handelt es sich interessanterweise nicht um die immer gleichen Gassenhauer, die man auf jeder gefühlten dritten Folkplatte vermuten möchte, sondern um eher düstere und tragische Balladen, von denen drei auch im Kanon von FRANCIS J. CHILD enthalten sind und die von Renbourn, McShee und Jansch nur etwas modifiziert wurden. Der 'akademische' Input von Danny Thompson wurde hier natürlich deutlich zurückgenommen und auch Terry Cox begnügt sich mit ein bisschen leichterer Perkussion und ist nur an wenigen Stellen richtig am Schlagzeug zu hören.
Dennoch ist „Cruel Sister“ alles andere als ein vollkommen konservatives Werk der Tradition geworden. Schon beim ersten Titel „A Maid That's Deep In Love“ greift Renbourn zum ersten Mal seit seiner College-Zeit wieder zur E-Gitarre und leistet sich auf der B-Seite sogar ein leicht psychedelisches Gitarrensolo. FAIRPORT CONVENTION hatten ein Jahr zuvor mit „Liege & Lief“ einem neuen Subgenre Bahn gebrochen: dem Electric-Folk oder Folk-Rock. FAIRPORT-Bassist ASHLEY HUTCHINGS lenkte genau diesen Pfad nur wenige Monate vor der Veröffentlichung von „Cruel Sister“ mit seiner neuen Band STEELEYE SPAN und deren erstem Album „Hark! The Village Wait“ nun in noch etwas erdigere und rustikalere Gefilde. PENTANGLE dagegen suchten, auch weil sie schlichtweg die besseren Musiker waren, nach einem eleganteren Weg. Ihre Arrangements transzendieren die üblichen Songstrukturen, ohne sich von der Vorlage zu sehr zu entfremden. Bei ihnen brummen die E-Gitarren nur unterschwellig und leise im Hintergrund, immer wenn die Dramatik des Lieds es gerade verlangt und von den schlichten Takten eines Rock-Schlagzeugs ist das Quintett völlig entfernt und orientiert sich eher an den teilweise recht komplexen Rhythmen, die dem traditionellen Material ohnehin inhärent sind.
Gerade das morbidschöne und tragische Titelstück „Cruel Sister“10 zeigt die Band in völliger Konzentration und fast schon melancholischer Ruhe. Das vermutlich kanadische „Lord Franklin“11, dessen traurige Geschichte einmal SINÉAD O'CONNOR zum Weinen gebracht haben soll und bei dem Jansch ungewohnterweise auf der Concertina eine warme und harmonische Stimmung erzeugt, zählt zudem gewiss zu den Höhepunkten in JOHN RENBOURNs Karriere. Das magnus opus jedoch, auf das PENTANGLE bewusst oder unbewusst drei Jahre lang hingearbeitet hatten, entlädt sich erst auf der B-Seite.
BERT JANSCH hatte, wie weiter oben schon erwähnt, auf seinem dritten Album die traditionelle Ballade „Glasgerion“ zu seinem sehr markanten und wegweisenden „Jack Orion“ modifiziert. Nun breitete er mit seinen Bandkollegen diese blutige Tragödie auf über achtzehn Minuten aus und entwarf daraus eine Suite aus mehreren Sätzen, die verschieden instrumentiert jeweils dem Spannungsbogen der Geschichte verfolgen. Die Erzählung von Jack Orion, dem virtuosen Geiger, der mit seiner Musik die Herzen aller Damen erobert und seinem Diener Tom, der die Verführungskunst seines Herren hinterhältig ausnutzt, um selbst eine Nacht mit einer „fair young lady“ verbringen zu können, wird in diesem dynamischen Arrangement lebendig und transparent, wie es selten in einer neueren Volksliedinterpretation der Fall ist. Jacqui und Bert teilen sich dabei den Gesangspart und die anderen spielen sich dann abwechselnd mit subtilen Soli in den Vordergrund. Beeindruckend ist es vor allem, wenn sich nach Jacquis Part das Stück in eine fast fünfminütige, leicht angejazzte instrumentale Improvisation entlädt, bis am Ende die gesamte Band noch einmal zusammen einsetzt. Musikalisch wird so das Niveau auf einem gut verdaulichen Level gehalten, auch wenn diese achtzehn Minuten sicher nichts für so zum Nebenbeihören sind. Musikjournalist COLIN IRWIN hat es in den Linernotes zur CD-Auflage unglaublich gut auf den Punkt gebracht: „As a selling point it was a bizarre, indulgent turnoff, as a piece of music it was breathtaking“.
Das hört sich nun fast schon so an, als würden PENTANGLE ihr Folkmaterial hier auf eine 'höherkultivierte' Ebene heben wollen, um auch ein bisschen „progressiv“ und (damals) zeitgemäß zu sein. Aber irgendwie würde das auch nicht ins Bild einer Band passen, die nie viel Interesse für aktuelle Trends und Entwicklungen aufbrachte und der in den letzten zwei Jahren ihres Bestehens ja auch zurecht vorgeworfen wurde, etwas zu sehr im eigenen Saft zu kochen. Und sobald man zudem McShees unbegleitete Interpretation von „When I Was In My Prime“ hört, weiß man doch sehr genau, dass es hier eher die längst hinter ihnen liegenden Tage im Horseshoe und anderen Folk-Clubs sind, auf die PENTANGLE mit dieser Platte rekurrieren. So ist „Cruel Sister“ vor allem ein Album, das mit seinem seltsamen Zickzack von Vor und Zurück im Wesentlichen auch die Grundhaltung der gesamten Folkbewegung widerspiegelt: die gleichzeitige Vorwärts- und Rückwärtsgewandtheit als belebendes Doppel, als ständiges Paradox aller Tradition und Folklore.

Sowohl die Kritik als auch die Verkaufszahlen meinten es nicht allzu gut mit „Cruel Sister“, so dass das Album häufig als größter Reinfall der Bandgeschichte betrachtet wird. Beim darauf folgenden „Reflection“ (1971), das neben drei amerikanischen Folksongs nun auch wieder selbstgeschriebenes Material enthielt, einigte sich die Presse dagegen auf ein anerkennendes „Rückkehr zur Form“. Ein zweites „Basket Of Light“ schien dennoch weit außerhalb der Reichweite gelegen zu haben. Übers Jahr 1972 lebt sich die Band immer mehr auseinander und die von Manager LUSTIG organisierten Konzerte werden den fünf Leuten hinter PENTANGLE immer mehr zur nervenaufreibenden Qual.  In der Neujahrsnacht meldete sich Bert bei Jacqui betrunken am Telefon und stotterte: „I really can't take anymore. The band has split“.
Nachdem sich das 'Endless Knot' nun doch entknotet hatte, verfolgten alle Beteiligten wieder ihre vorherigen Karrieren. Renbourn und McShee arbeiteten weiter zusammen an ihrer Erforschung von keltischer und angelsächsischer Renaissance- und Mittelaltermusik, was hin und wieder auch unter dem Namen JOHN RENBOURN GROUP12 veröffentlicht wurde. Thompson und Cox waren ohnehin umtriebige Sessionmusiker, die Anfang der Siebziger an nahezu jeder Folkproduktion beteiligt waren und u.a. auf Alben von DONOVAN, TUDOR LODGE, BREAD, LOVE & DREAMS, SHIRLEY COLLINS, JADE und C.O.B. auftauchten. Mitte der Siebziger zieht sich Terry Cox für immer nach Menorca zurück, wo er ein Restaurant eröffnete und nur noch hinterm Schlagzeug zu sehen war, wenn CHARLES AZNAVOUR mal auf Tour gehen wollte. Thompson dagegen hielt noch am ehesten, musikalisch wie auch persönlich Kontakt zu Jansch, der nun mit sturem Selbstvertrauen und der für ihn schon immer charakteristischen Indifferenz gegenüber dem Musikgeschäft und all seinen Massenhysterien („the Beatles never entered my life“) gute und weniger gute Alben herausbrachte und immer mehr dem Alkohol verfiel.
Die fünf Studioalben eines neuen PENTANGLE13, das 1982 ursprünglich aus einer kurzlebigen Reunion der Originalbesetzung hervorging und sich später mit NIGEL PORTMAN SMITH, MIKE PIGGOT und PETER KIRTLEY in eine fast völlig andere Band verwandelte14, wirken auf ihrem Zeithintergrund seltsam anachronistisch und stehen kaum noch in einer Relation mit dem, was PENTANGLE einmal zwischen 1967 und 1972 bedeutete.
Man könnte einer Band wie den originalen PENTANGLE sicher eine ganze Menge vorwerfen, nicht zuletzt auch den Erfolg. Doch trotz vermeintlich blutleerem Virtuosentum und stagnierender Weiterentwicklung trug sie letztendlich nicht unwesentlich dazu bei, dass Folkmusik über die kleine Welt der Clubs hinaus wieder zum Gespräch wurde und den Kontakt zu breiten Bevölkerungsschichten zurückgewonnen hatte. „Cruel Sister“, ihr vielleicht nicht bestes, aber so doch ehrlichstes und aufrichtigstes Album porträtiert davon abgesehen sehr schön eine Band, die auf dem Gipfel ihres Erfolgs stehend ein sehr hohes Risiko eingeht und eher sich und ihren Wurzeln treu bleibt, als sich vom Musikbusiness die Koordinaten ihrer (fünf) Eckpunkte diktieren zu lassen.


Anmerkungen:

1 Sir Gawain And The Green Knight, übersetzt von Paul Deane, Vers 619-30
2 Im Sommer 1963 taucht Bert Jansch am Rande des zweiten Edinburgh Folk Festivals auf. Nat Joseph hatte in einem kleinen improvisierten Tonstudio Aufnahmen veranlasst, die die gesamte Edinburgher Folk-Szene dokumentieren sollten und über DECCA als „Edinburgh Folk Festival Vol. 1 & 2“ auf LP erschienen. Hierauf finden sich u.a. die frühesten Aufnahmen von Clive Palmer & Robin Williamson, Owen Hand, Anne Briggs, Archie Fisher...
3 In beiden Clubs hatte Bert Jansch über das ganze Jahr 1965 hinweg regelmäßige Engagements. Donovan, Martin Carthy, Davy Graham, Wizz Jones und einige andere gastierten ebenso regelmäßig im Cousins.
4 Dorris Henderson war 1968 auch in die kurzlebige multi-nationale Folk-Rock Band ECLECTION involviert, über die NONPOP noch gesondert berichten wird.
5 In einer 1960 fürs Fernsehen aufgenommenen Reportage über die „Beatniks in Cornwall“ sieht man Wizz Jones als langhaarigen Outlaw, der sagt, alles was er tun möchte, sei Gitarre zu spielen und durch die Welt zu reisen. Auszüge dieses Filmmaterials sind sogar über YouTube einzusehen
6 Noch kurz bevor sie 1968 bei FAIRPORT CONVENTION eingestiegen ist
7 Auf dem zweiten Pentangle Album „Sweet Child“ findet sich eine sehr beeindruckende Solo-Perkussionnummer von Terry Cox mit dem Namen „Moon Dog“, die dem blinden Musiker gewidmet ist
8 Auch Leute wie MICK JAGGER, ERIC BURDON und JIMMY PAGE waren kurze Zeit in KORNERs Projekt involviert
9 In einem Interview im Sounds Magazin vom Januar 1971 antwortete er auf die Frage nach einer neuen US-Tour: „Under no circumstances will I return. All that madness and insanity, no thanks!
10 Von der norwegischen Band FOLQUE existiert eine sehr schöne norwegisch gesungene Interpretation („Harpa“) der Ballade, die  in den Sammlungen von Child und Roud als „The Twa Sisters“ auftaucht. Zu finden ist „Harpa“ auf dem unbetitelten Debütalbum von 1974.
11 In Rouds Sammlung ist es als „Lady Franklin's Lament“ bekannt und erzählt die tragische Geschichte von Sir John Franklins gescheiterter Arktisexpedition von 1845.
12 „A Maid In Bedlam“ (Transatlantic, 1972); „The Enchanted Garden“ (Transatlantic, 1980)
13 „Open The Door“ (1985), „In The Round“ (1986), „So Early In The Spring“ (1989), „Think Of Tomorrow“ (1991) und „One More Road“ (1993)
14 Bert Jansch und Jacqui McShee waren zwischen 1985 und 1994 die einzigen ständigen Mitglieder der Band. 1995 hatte Jacqui eine neue Band gegründet, die seitdem den Namen Jacqui McShee's Pentangle trägt.



Titel:
A
A Maid That's Deep In Love (Roud 231; Child 289)*
When I Was In My Prime (Roud 3)
Lord Franklin (Roud 487)
Cruel Sister (Roud 8; Child 10)

B
Jack Orion (Roud 145; Child 67)

37min


Erstauflage:
Transatlantic TRA 228 | 1970

Re-Release:
1992: Line | TACD900S | CD
2001: Castle Music | CMR 206 | CD


* die Angaben zum Rould Folk Song Index und Child Ballads sind Anmerkungen des Verfassers

 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Pentangle @ MySpace

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Kommentare
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Wieder einmal...
Maik L. (02-09-2008, 23:29)
...bin ich von Sachkenntnis und Hingabe beeindruckt. Bitte mehr davon. Das muss "man" teilen.

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