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Roy L.

SPIROGYRA: Bells, Boots & Shambles

Folkmusik 1964 - 1984 | Teil III


SPIROGYRA: Bells, Boots & Shambles
Kategorie: Spezial
Wörter: 1779
Erstellt: 20.01.2008
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SPIROGYRA - "Bells, Boots & Shambles"
(1973, UK, Polydor)

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Der SOFT MACHINE-Bassist HUGH HOPPER soll einmal gesagt haben, dass der Begriff „Canterbury-Szene“ mehr oder weniger ein journalistisches Konstrukt sei, das eher nur schematisch mit der Realität der Bands, die unter diesem Begriff gefasst werden, zu tun hat. Ob er damit nun Recht hat oder nicht, wir wollen ihm für den vorliegenden Artikel einmal den Gefallen tun, von dem bösen Journalistenwort exzessiven Gebrauch zu machen. Bei SPIROGYRA nämlich handelt es sich um eine Art Canterbury-Grenzfall. Die Geschichte der kurzlebigen Prog-Folk Band nimmt jedoch nicht in der Grafschaft Kent Anlauf, sondern weiter nördlich im industriellen Bolton. Hier beginnen die jungen MARK FRANCIS und MARTIN COCKERHAM Ende der Sechziger selbstgeschriebene Songs auf ihren Gitarren zu spielen. 1968 nehmen sie ein Demo auf, das sie bei dem frisch gegründeten APPLE Label einreichen, und wäre ihnen nicht JAMES TAYLOR dazwischen gekommen, würde unser Rückblick auf SPIROGYRA heute vermutlich anders ausfallen. So aber ließ der Plattenvertrag auf sich warten, unterdessen entschwand COCKERHAM auf hippie-spiritueller Sinnsuche nach Griechenland und in den Nahen Osten. Nach England zurückgekehrt, schreibt sich der ambitionierte Songwriter an der University of Kent in Canterbury ein. Schnell findet er musikalischen Anschluss und denkt darüber nach, mit SPIROGYRA noch einmal von vorn anzufangen. COCKERHAM ist nicht nur in dieser Hinsicht ein liebenswürdiger, zuweilen auch etwas kauziger Träumer, ein Utopist, aber eben ein tatkräftiger, der immer in unzählige Projekte gleichzeitig verstrickt ist und auch bei Theaterproduktionen mitwirkt. Nach kurzer Zeit organisiert er für sein neu belebtes Projekt einen Auftritt am Keynes College mit 18 (!) involvierten Musikern. Drei davon, STEVE BORRILL, JULIAN CUSACK und BARBARA GASKIN bleiben dem Projekt treu und machen SPIROGYRA zu dem, was heute Folk-Rock-Geschichte geworden ist.
Die Vier wohnen, studieren und musizieren zusammen in der St. Radigunds Straße, während (Achtung, böses Wort:) die Canterbury-Szene in voller Blüte steht und anfängt, beachtlichen Einfluss auf die nationale und internationale Rockmusik zu nehmen. Leute wie STEVE HILLAGE und Musiker von CARAVAN sind gern gesehene Gäste in der Cockerham-Kommune. In diesem Umfeld lernt BARBARA GASKIN auch DAVID STEWART kennen, mit dem sie später zusammenarbeiten und 1981 die bekannte Hit-Single „It's My Party“ aufnehmen wird.                 
In einem solchen musikalischen Klima gedeihend entwickeln sich SPIROGYRA schnell und ohne Umwege von einer Studentenband zu ernstzunehmenden Folk-Innovatoren, die im Herbst 1971 ihr erstes Album veröffentlichen. Dennoch hält man sich von dem nahezu mathematischen Canterbury-Prog-Anspruch ziemlich separat. Es ist im Gegenteil gerade eine erdige Naivität und der kaum zu unterdrückende Hang zu jugendlichen Gewaltausbrüchen, die „St. Radigunds“ zu einer wilden, unkontrollierten aber auch ästhetischen die-Schöne-und-das-Biest Saga à la COMUS' „First Utterance“ werden lassen, das übrigens nur wenige Monate später in die Läden kam. Der eigenwillige Kontrapost von Cockerhams aufwiegelnder Kratz- und Quakstimme (Der frühe DAVID TIBET kommt uns in den Sinn.) und Gaskins beruhigend sanftem Nachtigallgesang, setzt sich im wagemutigen Geigenspiel von Julian Cusack fort, das sich oft blindlings in abgründigen Wirbelstürmen verfängt, um dann mit sanfteren Früchten des Wohlklangs wieder hervorzutauchen, wofür der junge Violinist seinerzeit großes Lob erntete. Die Texte sind, wie es sich für einen Philosophie- und Politikwissenschaftstudenten eignete, zeitgemäß konter-kulturell, greifen aber im Fall von „Cogwheels, Crutches & Cyanide“, dem zweifelsohne eindrucksvollsten Stück der gesamten Bandhistorie, sehr tief in die offene Wunde, die zwischen Wissen und Weisheit klafft. „We are on the doorway of knowledge / Have we the wisdom? / Have we the wisdom?“. Das Lied ist auch eine emphatische und intelligent konstruierte Kampfansage an den verhängnisvollen Fortschrittsmarsch des wissenschaftlichen Zeitalters und fragt nach dem entrückten Zauber der Dinge: „we are looking for something that's missing / dark all around us / darkness surrounding“.
Weil die Platte dem Folk-Rock der Zeit einige Schritte zu weit voraus war, fand sie kaum Zugang zur Öffentlichkeit und schaffte es tatsächlich nie bis ins Radio, weshalb die Band sich einem anstrengenden Tourplan hingeben musste. Aus diesem Grund verließen Borrill und Cusack, die ihr Studium im Gegensatz zu Querkopf Cockerham ernst nahmen, 1972 die Band, schauten aber zu allen weiteren Aufnahmen mehr oder weniger als Gastmusiker im Studio vorbei. Zu diesem Zeitpunkt erschien mit „Old Boot Wine“ ein kaum würdiger Nachfolger zu „St. Radigunds“, der ein paar besondere Momente hat, insgesamt aber zu gefällig, zu poppig und zu seicht ins Ohr geht und wieder heraus flieht.

Als Cockerham sein Studium abbricht und Canterbury verlässt, scheint es zunächst, dass  SPIROGYRA mit großen Schritten der endgültigen Auflösung entgegeneilen. In Battersea angekommen, teilt er sich eine Wohnung mit JOHN MARSHALL und wird u.a. mit DOLLY COLLINS bekannt gemacht. Hier  beginnt die Arbeit an dem komplex arrangierten „Bells, Boots & Shambles“, das rückblickend sicher nicht an die Impulsivität und Originalität von „St. Radigunds“ heranreicht, jedoch im Detail am ehesten Cockerhams Vision eines dramatisch inszenierten, progressiven Folk-Pop- Requiems für die verhasste „moderne Welt“ wiedergibt.
Man merkt der Platte auf den ersten Blick die klare, beherrschte und kompromisslose Führung des Songwritings an, das deutlich auf die Arbeit eines Einzelnen hinweist und nicht so ungestüm versucht, unpassende Teile miteinander zu verbinden. Der Prog-Einfluss hat freilich zugenommen, die Orchestrierung fällt breiter und vielschichtiger aus und die Songs bewegen sich nicht in so engem Raum, wie auf den Vorgängeralben, und dennoch treten auch hier immer wieder salonfähige BEATLES-Melodien mit all ihrer Süßigkeit und Eingängigkeit an die Oberfläche. Erfahrene Gastmusiker wie der Cellist des London Philharmonic Orchestras JOHN BOYCE, der bekannte Jazz-Trompeter HENRY LOWTHER und nicht zuletzt FAIRPORT CONVENTION-Schlagzeuger DAVE MATTACKS, der de facto an jeder SPIROGYRA Veröffentlichung beteiligt war, tragen viel zu dem souveränen, ernsthaften Duktus von „Bells, Boots & Shambles“ bei. Der Titel spielt natürlich auf die frühmittelalterliche Formel „Bell, Book & Candle“ an, die zur Exkommunion eines Todsünders beschworen wurde. Für SPIROGYRA vollzieht sich in der Zeremonie eher ein Rückzug oder zumindest eine Gegenpositionierung zu einer säkularisierten, militarisierten Welt. Schon der erste Titel „The Furthest Point“ holt, wie der Name sagt, weit aus: ein ausladend epischer Auftakt samt Fanfaren und Streichern, wie man es heute nur noch bei Ausnahmegruppen wie die italienischen IANVA vernimmt, baut endlos hohe Türme in den Himmel, dann flüstert Cockerham ein paar bedeutungsschwangere Verse aus dem Off und der Hörer fühlt sich schon abstrakten Landschaften entgegentreiben, bis Barbara Gaskins rettender Einsatz das entrückte Lied wieder auf die Erde zurückholt. Und so geschieht es seltsamerweise häufig bei SPIROGRYRA. Fast in jedem Song gibt es mindestens eine Passage, bei der man das Bedürfnis verspürt, sich erst einmal ganz ruhig hinsetzen und aufmerksam zuhören zu müssen, so als würden Cockerham und Gaskin in ihre Lieder eine Art Metaebene einbauen, auf der sie noch einmal kommentieren, was bisher geschehen ist. Auf „Bells, Boots & Shambles“ fällt das besonders auf, weil hier die Gitarrenkompositionen oft von einer Klavierspur grundiert werden, und daher von vornherein eine feierliche, abendliche Augenblicksstimmung mit einem Aroma von trockener, nüchterner Melancholie herrscht. Tatsächlich klingt in jedem der sieben Stücke schon eine Ahnung von Abschied und Letztmaligkeit an, sowohl in dem märchenhaft antiken „Old Boot Wine“, wie in den ersten nachdenklichen Tönen von „Parallel Lines Never Seperate“ oder der vierteiligen Sinfonie „In The Western World“, die jedoch nicht ganz die Intensität von „The Furthest Point“ erreicht. Es ist nun nicht mehr ein jugendliches Abtasten der Möglichkeiten, sondern ein ganz sicherer, fester Blick in eine Richtung, die ohne Umschweife auf das große Finale zutreibt.

Ausgesprochen hat das bei Erscheinen der Platte natürlich niemand, immerhin tourten Cockerham und Gaskin noch bis 1974 mit zwei bisher nicht involvierten Gastmusikern durch Europa, auch wenn sie da schon den einstmals eingeschlagenen Folk-Rock-Pfad nahezu gänzlich verlassen hatten. Zu deutlich musste in ihnen schon die Vermutung aufglühen, dass „Bells, Boots & Shambles“ das Album „to end all albums“ gewesen ist. Mitte der 70er trennen sich die Wege der Band endgültig. BARBARA GASKIN folgt von hier aus DAVID STEWART in mehrere Projekte, zunächst HATFIELD & THE NORTH und später NATIONAL HEALTH und arbeitet auch heute noch mit ihm zusammen, was ihr im Übrigen mehr Ruhm und Bekanntheit einbrachte als ihr Engagement bei SPIROGYRA. Bei MARTIN COCKERHAM hatte dagegen der Zug des rebellischen Abenteurers die Oberhand behalten. Er ist einer der wenigen Hippies, die es nicht zum Manager, Anwalt oder Politiker geschafft haben. 1975 stürzt sich der rastlose Traumkrieger spontan und ohne einen Gedanken an Rückkehr zu verschwenden, in einen Trip nach Nordindien und den Himalaja. Unterwegs wird er zum Hare Krishna-Anhänger, lernt Vedisch und Sanskrit und verbreitet Prabhupadas Lehren zunächst in Indien, später auf Bali. Zwischendrin zieht es Cockerham immer wieder nach Irland, wo er weiterhin Songs schreibt und aufnimmt aber nie veröffentlicht. In den Achtzigern verschwindet er erst nach Kalifornien, dann in einen Dschungel auf Hawaii und betreibt späterhin eine Farm, mit der er sich selbst zu versorgen in der Lage ist. All die Jahrzehnte hindurch sind SPIROGYRA und generell die Musik nie ganz begraben. Im Gegenteil, Cockerham arbeitet fast regelmäßig an neuem Material, behält es aber zunächst für sich. Anfang des neuen Jahrtausends kehrt der vielgereiste Krishna-Initiierte nach England zurück und nimmt wieder Kontakt mit seinem allerersten Bandkollegen MARK FRANCIS auf. Seit mehreren Jahren arbeiten die beiden intensiv an einem SPIROGYRA-Comeback, das nur aus finanziellen Gründen immer wieder verschoben werden muss. Geradeso als würde der nie genügend gewürdigte Musiker nun seinen wohlverdienten späten Ruhm einfordern, kündigt Cockerham für 2008 einen Kanon von 12 (!) Veröffentlichungen an, unter denen sich neben einem neuen SPIROGYRA-Album und einer Sammlung von Neubearbeitungen alter Songs auch sämtliche in den 70ern und 80ern entstandenen Aufnahmen befinden. Fast scheint es wie die endgültige Publizierung des Lebenswerkes, bevor sich Andere daran bereichern können. Cockerham glaubt auch heute noch ohne auch nur ein Gran an Verbissenheit eingebüßt zu haben, an die Schlechtigkeit des Fortschritts, an die nahende Apokalypse und dass jemand kommen wird, der die Welt rettet, vermutlich ein überirdischer Monarch, der ein globales Königreich errichtet und das Urböse mit der Wurzel ausreißt. Dass hierin jahrelang kultivierter Starrsinn und britischer Sarkasmus wilde Vermählung feiern, macht das Ganze nur umso sympathischer.

Auch wenn ein SPIROGYRA-Revival inzwischen Tatsache geworden ist, „Bells, Boots & Shambles“ wird auf ewig ein „letztes Album“ bleiben. Ein Werk, das für die späteren Stunden des Abends reserviert ist und dann eindrucksvoll und stilsicher alle Register des Progressive-Folks zieht: es ist groß und gedankenschwer, triumphal und edelmütig, und es ist wie so viele visionäre Platten erst nach mehreren Jahrzehnten in seiner ganzen Genialität erfasst worden.


Titel:
A
The Furthest Point
Old Boot Wine
Parallel Lines Never Seperate
Spiggly

B

An Everyday Consumption Song
The Sergeant Says
In The Western World

40min


Erstauflage:
Polydor 2310 246 | 1973

Re-Releases:
1991: Repertoire REP 4137-WZ | CD (Neupressung 2002)
2007: Tapestry Records TPT 230 | LP                           

 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Martin Cockerham
» Spirogyra @ MySpace

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