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Roy L.

EXTRADITION: Hush

Folkmusik 1964-1984 | Teil II


EXTRADITION: Hush
Kategorie: Spezial
Wörter: 1878
Erstellt: 13.01.2008
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EXTRADITION - "Hush"
(1971, Australien, Sweet Peach Records)



„You're ahead of your time“. Das waren die einzigen Worte, die der spätere Plattenladenbesitzer und Musikjournalist DAVID PEPPERELL noch über die Lippen brachte, als er die neue Band seines Freundes ROBERT LLOYD (davor 18TH CENTURY QUARTET) zum ersten Mal auf der Bühne sah. Es war im Mai 1970. Melbourne, Australien – das Publikum im Union House versteht kaum etwas von der Bedeutung und Intention des Auftritts, es ist keine Rockmusik, nichts zum Tanzen, am Ende klatscht man den Musikern ironisch und gelangweilt Beifall. EXTRADITION sind zu ihrer Zeit im Lärm der Anderen untergegangen. Die Band existierte knappe zwei Jahre, in denen immerhin das inzwischen als außergewöhnliches Meisterwerk erkannte Album „Hush“ entstand. Nach einem kurzen Nachspiel in verschiedenen anderen Gruppen verlieren sich die Wege aller Beteiligten im Dunkel der letzten zwei, drei Dekaden. Mit „Hush“ jedoch ist eine Platte hinterlassen worden, die bis heute eine der wenigen funktionierenden Fusionsversuche zwischen traditionellem und psychedelischem Folk bleiben sollte.
Die drei Gründungsmitglieder COLIN CAMPBELL, COLIN DRYDEN und SHAYNA KARLIN kommen allesamt aus der australischen Folkszene. Mitte der Sechziger treten sie in den blühenden Folkclubs der Ostküste auf, CAMPBELL und DRYDEN gemeinsam in Sydney (Anscheinend gibt es von dem Duo auch Aufnahmen, die allerdings als verschollen gelten.), die aus Brisbane stammende KARLIN hingegen ist Stammsängerin im Melbourner „Traynor's“, oft in Begleitung des schottischen Sängers GORDON McINTYRE. Was dort gespielt wird, sind vornehmlich britische oder australische Volkslieder, die schon früh aus Europa importiert wurden, seltener Songs der neuen Folk-Ikonen aus Amerika, DYLAN oder BAEZ. DRYDEN war zudem in der „Forschung“ aktiv, bei einem mehrjährigen Aufenthalt in England kam er mit der Folktradition in Berührung, 1969 gab er in Sydney ein Folk Song Magazin namens „The Leaf“ heraus, von dem nur eine einzige Ausgabe erschien. Der Name EXTRADITION scheint daher gut gewählt, um die Herkunft der Band zu lokalisieren, aber er referiert natürlich auch auf den eindringlichen Wunsch, aus der konservativen Atmosphäre der Folkclubs auszubrechen. Die drei Musiker und Sänger sind jung und haben eigene Ideen, sie haben ein Repertoire hinter sich, über das sie längst hinausgewachsen sind und nun beginnen sie zu experimentieren. Bei ersten Auftritten im Frühjahr 1970 lassen sie die Zuhörer entweder verstört oder begeistert mit ihren zeremoniellen, meditativ-spirituellen Inszenierungen zurück, die - im Australien der frühen 70er zumindest - für ein Folkpublikum zu exotisch, für ein Rockpublikum zu seicht und anstrengend sind und vieles antizipieren, was späterhin als „Ethno-“ begriffen wird. Entscheidend für die weitere Entwicklung von EXTRADITION wird kurze Zeit später eine Begegnung mit der damals recht etablierten Rockband TULLY, die das Trio auf einer gemeinsamen Tour kennenlernt. Die beiden Bands könnten auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein: TULLY, 1968 in Sydney aus den Überresten der australischen R&B-Pioniere LEVI SMITH'S CLEFS hervorgegangen, sind mit ihrem Vorhaben, die nationale Musikszene zu revolutionieren sehr erfolgreich. Nach einer Reihe von legendären Konzerten wirkt die Band an der sechsteiligen Rock & Visual-Art Fernsehsendung „Fusions“ mit und ist mehrere Monate lang an der australischen Inszenierung des Musicals „Hair“ beteiligt, wovon später auch Aufnahmen erscheinen. Als TULLY 1970 ihr erstes Album veröffentlichen, zählen sie zu den ersten australischen Musikern, die einen Moog Synthesizer verwenden. Ihre Musik ist eine inspirierte Mischung aus harmonischem Pop und Art-/Prog-Rock, mit klassischen Orgelpassagen und viel Raum für Schwerverdauliches, die sich dennoch überraschend gut verkaufte. Ihre über EMI vertriebenen Platten wurden trotzdem nie wieder neu aufgelegt. Heute sind TULLY nahezu vergessen.
Was EXTRADITION und TULLY miteinander verbindet, ist erstens der Versuch, sich selbst und dem Hörer ein neues, spirituell gefärbtes Erleben von Musik zu ermöglichen und damit die vorherrschenden Kompositionsstrukturen zu hinterfragen, wenn nicht gar zu durchbrechen. Und das hat zweitens damit zu tun, dass Mitglieder beider Bands philosophisch teilweise bis zur Obsession hin auf den Pfaden des indischen Gurus und Sufi-Mystikers MEHER BABA wandern. Der „mitfühlende Vater“, der sich 1954 zum „Avatar“, zur leiblichen Inkarnation Gottes erklärte, war gerade erst verstorben, als sich EXTRADITION und TULLY formierten. In Australien erlebte der holistische, neo-spirituelle MEHER BABA Kult durch die Gründung des „Avatar's Abode“ Zentrums in der Nähe von Brisbane (der Heimatstadt von SHAYNA KARLIN!) seit Ende der Fünfziger einen vergleichsweise großen Aufschwung, der zehn Jahre später natürlich von der „Love & Peace“-Bewegung dankbar aufgesogen wurde. Eigentlich war es TULLY-Mitglied RICHARD LOCKWOOD, der den Meher Baba-Einfluss als Erster in die Runde einbrachte, als er 1969 den Dichter und jahrelangen Baba-Gefährten FRANCIS BRABAZON kennenlernte, der an der Einrichtung des „Avatar's Abode“ entscheidend mitwirkte und in LOCKWOOD einen durch seine Musik spirituell empfänglichen Künstler sah. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Konzeptalbum „Hush“, das im Sommer 1971 veröffentlicht wird. EXTRADITION bestehen nun aus COLIN CAMPBELL und SHAYNA KARLIN, dem bereits erwähnten ROBERT LLOYD, der für die Aufnahmen zu „Hush“ eine ganze Palette exotischer Perkussionsinstrumente bemüht, und gerade den beiden TULLY-Mitgliedern, RICHARD LOCKWOOD und KEN FIRTH, die sich als bekennende Meher Baba-Anhänger outen. Das Album ist nahezu vollkommen von der Philosophie Meher Babas und der Apotheose universeller Liebe und Barmherzigkeit durchwirkt und im Grunde sind EXTRADITION damit auch die ersten, die dem indischen „Avatar“ ein musikalisches Denkmal setzen, knapp zwanzig Jahre vor BOBBY McFERRINs unsäglichem „Don't Worry, Be Happy“ und einen kleinen Tick eher als PETE TOWNSHENDs (THE WHO) „Baba O'Riley“.

Das Album jedoch nur unter diesem Aspekt zu beleuchten, würde der grandiosen musikalischen Leistung allerdings nicht gerecht werden. EXTRADITION malen ihre ruhige, zerbrechliche Schönheit in einen folkigen Rahmen englischer Prägung und treten dann immer wieder hymnisch über die Ufer. Zwischen den sanften Hippiegitarren und Shaynas atemberaubenden Sopran wehen Winde und plätschern kleine Wasserfälle, ein magischer Hauch lässt das Glockenspiel erzittern, Steine knirschen unter den Schritten barfüßiger Eremiten und das Klopfen von Stöcken und Hölzern verklingt in endloser Weite. Wahnsinn eigentlich, wenn man sich vorstellt, dass eine solche Atmosphäre in den betont kommerziellen EMI-Studios gedeihen konnte. In ihren songhaften Folkmomenten („A Water Song“, „A Love Song“, „I Feel The Sun“) ist den Australiern eine Nähe zu FAIRPORT CONVENTION oder vielleicht eher den irischen TIR NA NOG gewiss. Doch fehlt in der Musik von EXTRADITION  der für den britischen Folkrock so eingängige Rhythmus von Schlagzeug und Bass, zudem sind ihre Lieder gleichsam ernsthafter, von überweltlicher Anmut und gänzlich frei von Ironie.
„Hush“ lebt aber ebenso vom klassischen Zugriff seiner Schöpfer. Viele der Stücke sind komplex und anspruchsvoll arrangiert, verwenden Orgel- und Klavierpassagen, wie vor allem die lange, sinfonisch komponierte Meher Baba-Hymne „Dear One“ von Richard Lockwood. EXTRADITION bleiben aber selbst in diesen Momenten des Überschwanges stets sanft und zurückhaltend, ihr Pathos ist das Auftürmen des Wohlklangs mit reinem Herzen. Und im selben Moment wissen sie zu schweigen. Manche der Lieder versinken oft für mehrere Augenblicke in stille Täler und schweben dann allein im Rauschen eines Waldes oder der Plattenrillen. Das andächtige „Original Whim“ geht hier sogar so weit, sich nur langsam und zögerlich mit scheinbar völlig improvisierten minimalen Perkussionseinlagen und Naturgeräuschen fortzubewegen, etwa 25 Jahre bevor IN GOWAN RING beginnen, ihre moosübersäten Soundscapes zu zaubern.
Mit ihrem Hang zu exotischen, orientalischen Ausflügen – die, und das ist interessant, ganz bewusst und an signifikanten Stellen zum Einsatz kommen – und ihrem rein akustischen Klanggerüst lassen sich EXTRADITION vielleicht am ehesten als eine „heilignüchterne“ Variante der frühen INCREDIBLE STRING BAND definieren. Ist man soweit erst einmal gekommen, überrascht immer noch das düsternächtliche „A Moonsong“, das von einem hochfrequenten Grundton und  einem dunklen männlichen Chor getragen wird und unerwartete Kehrtwenden nimmt, in denen der weiblich-lunare Hauch in Shaynas Gesang auf unwirklichen Spiegelflächen dahinzieht, bis sich das Lied in ein tiefes, vorzeitliches Ritual verwandelt. Noch mehr aus der Zeit gerissen: „Ice“. Ein theatralisches Klagelied, oder eine finstere Mahnung: „There is whiteness all around / looking up  I see no sky / looking out I see no distance / looking down I see no ground / only cliffs of ice are moving / frostly breath the only sound“ – Requiem einer lieblosen, festgefrorenen Welt, und dann, beängstigender: „I hear the ice / I hear the glaciers returning“, gesungen mit sonorer, abendländischer Grandezza von dem heute vollkommen vergessenen GRAHAM LOWNDES. Und tatsächlich, diese vier bedrohlich kalten Minuten ragen wie ein majestätischer Eisberg aus dem kontemplativen „ocean of love“ des Albums hervor. Allein schon aus diesem Grund müssen EXTRADITION der Nachwelt erhalten bleiben.

„Ice“ wurde später noch einmal in einer anderen Version von TULLY auf dem 1972er Album “Loving Is Hard“ eingespielt. Zu diesem Zeitpunkt waren COLIN CAMPBELL und SHAYNA KARLIN schon vollwertige Mitglieder dieser damals noch landesweit bekannten Rockgruppe. Noch im Zeitraum der Veröffentlichung von „Hush“, das sich erwartungsgemäß nur durchschnittlich verkaufte, lösten sich EXTRADITION auf, und verschmolzen mit einer neuen TULLY-Formation, nunmehr ohne JOHN BLAKE  und ROBERT TAYLOR, die wahrscheinlich der dogmatischen Meher Baba-Atmosphäre innerhalb der Band entfliehen wollten. Noch im selben Jahr arbeitete man an einem Soundtrack für PAUL WITZIGs Surfer-Film „Sea Of Joy“, der darauf ausgelegt war, die Vibes der australischen Hippie-Generation Anfang der Siebziger in halb-dokumentarischen Bildern einzufangen. Mit den überweltlich schönen Folkklängen von „Hush“, einer Prise leichtem Surf-Rock und Pop und schweren Klavier- und Orgelstücken komponierten TULLY eine Begleitmusik, die nur an der Oberfläche fröhlich und unbeschwert wirkte und darunter tiefe Abgründe erahnen ließ. Insgesamt aber fand die zweite Inkarnation der Band weniger Resonanz und Verständnis bei einem Publikum, das nicht an die sperrigen und wenig pop-kompatiblen Stücke von CAMPBELL gewohnt war, der nun einen Großteil der Musik von TULLY schrieb. Nachdem „Loving Is Hard“ erschienen war, zerbröckelte auch das zweite Lineup und die Band entschwand in das mäßig ruhmreiche Fatum kurzer Artikel und Einträge in australischen Rock-Enzyklopädien. Multi-Instrumentalist LOCKWOOD, der während der Arbeiten zu „Sea Of Joy“ auf den Geschmack gekommen zu sein schien, stieg 1972 bei den Acid- und Surf-Rockern TAMAM SHUD ein und war ebenso am kurzlebigen Nachfolgeprojekt ALBATROSS beteiligt. Irgendwie scheint es, dass, wo immer Lockwood auch in seiner Musikkarriere auftauchte, Bands sich auflösten und getrennte Wege gingen. Die ehemalige Folk-Chanteuse SHAYNA KARLIN (später STEWART) war 1974 nur noch auf der australischen Bearbeitung von „Jesus Christ Superstar“ (wie übrigens auch die anderen ex-TULLY-Mitglieder KEN FIRTH und MICHAEL CARLOS) zu hören und zog sich dann aus dem Musikgeschäft zurück. COLIN CAMPBELL ist heute Maler und lebt wieder im heimatlichen England.

Es sollte über dreißig Jahre dauern, bis „Hush“ und EXTRADITION der Folk-Welt zurückgegeben wurden. Hört man sich die Platte heute an, so ist es gerade eine Aura des Zeitlosen, die mit tiefem Ernst und schöner Heiterkeit emporstrahlt. EXTRADITION war im Grunde nichts anderes als ein kurzes, aufregendes Experiment, das auf dem australischen Kontinent einzigartig blieb und auch weltweit kaum Anknüpfungspunkte kennt. Erfrischend wie das erste Regen der Morgensonne und würzigfremd wie eine Zugreise durch nächtliche Länder, steht das meisterlich und pointiert arrangierte „Hush“ für immer zwischen den Stühlen von Trad- und Psych-Folk und unzähligen anderen Genres und findet Obdach nur im goldenen Hain der singulären und mythischen Platten aller Klangfarben.


Titel:
A
A Water Song
A Love Song
Original Whim
Minuet
A Moonsong

B
Dear One
Woman Song
I Feel The Sun
Ice
Song For Sunrise

48min


Erstauflage:
Sweet Peach Records SP-12003 | 1971

offizielle Re-Releases:
2004: Vicious Sloth Collectables | VSC 016 | CD (+ 6 Bonustracks – Live in Sydney, März 1970)
2007: Guerssen | GUESS 036 | LP 

 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Guerssen (Vinyl Re-Release)
» Vicious Sloth (CD Re-Release)

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