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Endsal

IONOPHORE: Whetter

Ein schillerndes Juwel zwischen allen kategoriellen Stühlen


IONOPHORE: Whetter
Genre: Ethereal Post-Industrial-Ambient
Verlag: Malignant...
Vertrieb: Malignant...
Erscheinungsdatum:
13. September 2018
Medium: CD & Download
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Von den drei Musikern JAN HENDRICH, RYAN HONAKER und LEILA ABDUL-RAUF, die das, aus der San Francisco Bay Area stammende und partiell auch von London aus operierende, Projekt IONOPHORE bilden, dürfte zumindest ABDUL-RAUF durch ihre Solo-Alben mittlerweile einem breiteren Publikum bekannt sein. Insbesondere das letzte, im Frühjahr bei MALIGNANT als CD und CLOISTER als Vinyl-LP erschienene, Opus "Diminution" hat mit seiner eigenwilligen Melange aus irgendwie luftig-sphärischem Drone-Ambient mit intensiven Ethereal-Einsprengseln wohl weite Teile des entsprechend dispositionierten Publikums  endgültig vom außergewöhnlichen Talent der US-amerikanischen Multiinstrumentalistin mit der engelsgleichen Stimme überzeugt und dementsprechend anerkennend mit der Zunge schnalzen lassen. Seit 2014 ist sie mit ihren beiden Mitstreitern im Trio aktiv und produziert unter dem Namen IONOPHORE einen genreübergreifenden, weitgehend uniquen Sound, dem man mit der, zugegebenermaßen einigermaßen verschwurbelten, Charakterisierung als Post-Dark-Ambient mit Ethereal- und Downtempotendenzen nebst glitchigem Aroma wohl noch am nächsten kommt. Mit "Whetter" legen IONOPHORE nun ihr drittes Album vor – wie der Vorgänger "Sinter Pools", der 2016 an nonpop/index.php?type=review&area=1&p=articles&id=3007&high=alte">dieser Stelle bereits recht enthusiastisch besprochen wurde, ist es bei MALIGNANT erschienen, was die umfassende Vielseitigkeit des umtriebigen, genuin der Industrial-/Noise-Szene verpflichteten US-Labels aus Baltimore, Maryland, einmal mehr unterstreicht

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IONOPHORE

Der Begriff Ionophor stammt übrigens aus der Biochemie und bezeichnet dort Moleküle, die die Permeabilität, d.h. die Durchlässigkeit, von Membranen für Ionen erhöhen bzw. – simpel gesprochen – Ionen, also elektrisch geladene Moleküle, durch diese Membranen transportieren. Und ein passenderer Name wäre für ein Projekt wohl schlechterdings kaum denkbar, das sich dermaßen souverän zwischen den Genregrenzen hin- und herbewegt und dabei die unterschiedlichsten Stilelemente ihrem gewohnten Kontext entlehnt, um sie neu zu kombinieren. Auch auf "Whetter" begegnen wir wieder jenem frappierend an die frühe ELIZABETH FRASER erinnernden Gesang, der für LEILA ABDUL-RAUF so charakteristisch ist und der dem Sound von IONOPHORE diese ganz gewisse, traumartige Stimmung verleiht; wir werden mit bisweilen schon fast jazzy anmutenden Bläser-Parts konfrontiert, angereichert durch pluckernde Beats oder dronige Klangteppiche, es finden sich noisige Einschübe und experimentelle Versatzstücke ebenso wie warm und organisch tönende Sequenzen in Kombination mit atmosphärischen Field-Recordings, kurzum: Auch auf "Whetter" zelebrieren IONOPHORE wieder musikalisch-stilistische – um den überstrapazierten, an dieser Stelle aber absolut angemessenen, Begriff zu bemühen: Vielfalt im positivsten denkbaren Sinne, die übrigens auch den Autor des Promotextes spürbar um Worte ringen lässt: "Gauzy, ethereal ambience augmented by late night textural smear, rhythmic pulsations, and abstract, affected glitch, drifting in and around and through each other in hazy patterns, warm and enveloping, pulsing and reverberating, an indistinct blur... almost tangible, but ineffable." Bei aller begrifflichen Unschärfe hinsichtlich ihrer stilistischen Kategorisierung verlieren sich IONOPHORE indes zu keinem Augenblick in Beliebigkeit oder driften gar in prätentiöse Bemühtheit ab. Nein, ungeachtet der beschriebenen, postmodernistischen Spiel-, Variations- und Kombinationsfreude verfolgt man ein klar umrissenes und nachvollziehbares Konzept, das konstitutiv für den ganz eigenen, authentischen Sound der Band ist.




Kommen wir zur Detailbetrachtung, die im Fall von "Whetter" aus den dargelegten Gründen durchaus sinnvoll ist: Der Einstiegstrack "Whet" generiert mit seinem gebrochenen Groove und den dunklen, leicht an frühe SCORN-Stücke erinnernden Loops eine ebenso traumhafte wie sinister-beunruhigende Atmosphäre, an die das folgende "Trophallaxis" qua fieser Störgeräusche nahtlos anschließt; diese werden durch den zügig einsetzenden, ABDUL-RAUFschen Elfen-Choralgesang zwar relativiert, funktional aber durch disparate Beatsequenzen und allerlei schnarrende Soundpatterns fortgesetzt. Erst "Blade" verschafft dem Hörer in Form von verhallenden Trompetenpassagen, entspanntem Beat und sirenenhaft melancholischen Vocals dann eine verlässliche auditive Comfort Zone ohne deshalb gefällig zu klingen und markiert so klar den ersten Höhepunkt des Albums. Mit dem Instrumentalstück "Fracture" wird's dann wieder schräg, wenn auch durchaus mit Groovyness: die dominanten Bläsersequenzen nehmen hier einen beinahe jazzigen Kurs, während der Beat bestrickend und dennoch irrlichternd vor sich hinpluckert, bis das Ganze schließlich einigermaßen unvermittelt verhallt. "Expectation" ist sowohl in instrumentaler wie in gesanglicher Hinsicht ein massiver COCTEAU-TWINS-Reminder, freilich ohne die süßliche Sphärenhaftigkeit des Originals zu erreichen oder auch nur anzustreben – dennoch ein Stück, das zum Träumen und Abdriften einlädt. Das folgende "Vulture Club" exemplifiziert wieder die experimentelle Seite von IONOPHORE, verzichtet demgemäß auf vokale Abfederungsmaßnahmen und entfaltet eine weirde, dennoch fesselnde Wirkung. Auch "Hidden" ist von eher unbehaglicher Beschaffenheit, fungiert mit seinen knapp zweieinhalb Minuten Laufzeit jedoch eher als Ouvertüre für das anschließende "In Hyding", das, ebenso ruhig wie reduziert, wohl zu den gelungensten Tracks des Albums zählt und mit seiner rauschhaften Melancholie geradezu suchterzeugend wirkt. Einzig das finale "Cacophany" lässt es ein wenig an thematischer Kohärenz missen und wirkt insgesamt ein klein wenig unentschlossen – dies mag jedoch Ansichtssache sein und ist angesichts der überragenden Qualität des Albums im Ganzen definitiv zu vernachlässigen: Ehre, wem Ehre gebührt – kleinliche Erbsenzählerei ist hier fehl am Platze.





"Whetter" ist, wie schon der Vorgänger "Sinter Pools", ein kleines Juwel, und das auch und gerade wegen der prinzipiellen Widerborstigkeit, die das Album jedem Kategorisierungsversuch entgegensetzt. Eine Schublade dafür zu finden ist schwierig, doch spricht ja insbesondere diese Schwierigkeit mit Nachdruck für die prinzipielle Originalität des Werkes. Wer also Interesse und Leidenschaft für Musik mitbringt, die sich mit Überzeugung jenseits ausgetretener Pfade tummelt, ist bei IONOPHORE bestens aufgehoben – und in dieser Hinsicht bildet auch "Whetter" keine Ausnahme, sondern dekliniert ganz im Gegenteil noch einmal mit Verve den Ausnahmestatus der Band durch, wie er sich ja auf "Sinter Pools" bereits deutlich abzeichnete. – Das Album hat eine Gesamtlaufzeit von knapp 40 Minuten, erscheint als CD im 4-Panel-DigiPak, ist überdies als Download via Bandcamp erhältlich und muss so oder so ganz klar zu denjenigen Anschaffungen gezählt werden, die ihr Geld wert sind. Und das ist heutzutage keineswegs eine Selbstverständlichkeit.


 
Endsal für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» IONOPHORE @ facebook
» IONOPHORE @ bandcamp
» IONOPHORE @ SoundCloud
» IONOPHORE @ discogs
» LEILA ABDUL-RAUF @ facebook
» LEILA ABDUL-RAUF @ bandcamp
» MALIGNANT RECORDS- Homepage
» MALIGNANT RECORDS @ bandcamp

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» IONOPHORE: Sinter Pools


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Zusammenfassung
Fulminanter Nachfolger des Quasi-Debüts "Sinter Pools", der IONOPHOREs Nimbus als schillernde Größe irgendwo zwischen Dark Ambient, Post Industrial, Ethereal, Glitch & Neoklassik zementiert: "Whetter" ist ein schillerndes Juwel, das umso mehr begeistert, als es sich jeder Kategorie entzieht.

Inhalt
01: Whet (3:28)
02: Trophallaxis (5:21)
03: Blade (5:30)
04: Fracture (4:49)
05: Expectation (4:23)
06: Vulture Club (3:46)
07: Hidden (2:24)
08: In Hyding (4:25)
09: Cacophany (5:22)

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