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Endsal

ALLERSEELEN: Frühgeschichte 3: Autdaruta

Von Grönlandsagen, Liedern der Raben & archaischen Ritualen


ALLERSEELEN: Frühgeschichte 3: Autdaruta
Genre: Ritual
Verlag: Aorta
Vertrieb: Indiestate
Erscheinungsdatum:
23. Dezember 2016
Medium: CD
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Es war einmal vor langer, langer Zeit, genauer gesagt Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts – einer Zeit also, zu der von so etwas wie Internet noch kaum ein Normalsterblicher zu träumen wagte –, als sich im Gefolge der aus England über die ganze Welt hinwegschwappenden Okkultismus-Renaissance im musikalischen Gewand von Epigonen wie den frühen CURRENT 93, COIL oder PSYCHIC TV insbesondere im südlicher gelegenen Teil Europas – und an prominentester Stelle wohl in Österreich respektive Wien und Italien – eine ganz eigene musikalische Subkultur, damals kurzerhand als Ritual bezeichnet, konstituierte. Als Epizentrum fungierte mit weitem Vorsprung das bereits Anfang der 80er gegründete Kultlabel NEKROPHILE REKORDS des Wiener Aktionskünstlers, Musikers, Okkultisten, Autors und Herausgebers MICHAEL DEWITT aka ZOS DE WITT (heute ZOÉ DE WITT), dessen künstlerisch-philosophische Einflüsse bis auf HERMANN NITSCHs "Orgien-Mysterien-Theater" zurückreichen, bei dessen Aufführungen er mehrfach aktiv mitwirkte und wo sich seine Wege, so kolportiert es zumindest das 2005 erschienene Neofolk-Kompendium "Looking for Europe", erstmals mit denen GERHARD HALLSTATTs – dessen damaliger nom de guerre noch, schwerst kabbalistisch, KADMON lautete – aka ALLERSEELEN gekreuzt haben sollen. Dass dieser, wie im fraglichen Werk des weiteren zu lesen ist, dortselbst die Pauke geschlagen und in der Folge auch an DE WITTS percussionbasiertem und, wie die fama weiß, tutti completo auf menschlichen Knochen eingespieltem Ritual-Klassiker "The Secret Eye Of L.A.Y.L.A.H." mitgewirkt haben soll, den dieser 1984 unter dem Moniker ZERO KAMA veröffentlicht hat, gehört allerdings, wie man mittlerweile weiß, ins Reich der Legenden. Nichtsdestoweniger bezeichnet "The Secret Eye Of L.A.Y.L.A.H." zusammen mit dem Album "Thoum Aesh Neith" des ultraobskuren italienischen Projektes LAShTAL wohl konkurrenzlos die Heilige Zweifaltigkeit des Genres für einst & jetzt & immerdar. Nimmt man dann noch DE WITTS deutlich kälter, elektronischer, industrieller und pathologischer tönende, "andere" Inkarnation KORPSES KATATONIK mit in den Blick, deren 1983er Debüt unter der Katalognummer "NRC 01" den Beginn der segensreichen, sich bis ins Jahr 1990 hin erstreckenden Arbeit von NEKROPHILE REKORDS einläutet, so hat man im wesentlichen die musikalischen und ästhetischen Grundingredienzen beisammen, die konstitutiv für jene morbide-surreale Musik und Gesamtatmosphäre waren, die der Rezensent meint, wenn er vom Ritual-Sound dieser Jahre spricht. KADMON bzw. GERHARD HALLSTATT nun – und um den geht es hier ja recht eigentlich  – hat selber zwar niemals etwas bei NEKROPHILE veröffentlicht, sein Frühwerk indes – und um das geht es hier ja noch eigentlicher – fügt sich hervorragend in eben jene musikalische Gemengelage ein, die im Dunstkreis der fraglichen okkultistischen Aktivistenschmiede brütete, will heißen: auch wenn ALLERSEELENs erste, nun im Rahmen der Reihe "Frühgeschichte" neu zugänglich gemachte Emissionen "Schwartzer Rab", "Requiem" und vorliegende "Autdaruta" samt und sonders bei den AORTA-Vorgängern ARANY KOR und SAKRISTEI erschienen sind, so hätten sie ohne jeden Zweifel auch bei NEKROPHILE eine hervorragende Figur abgegeben.


Diese lange Einleitung war insofern notwendig, als sie zum einen den Hintergrund für eine quasi zeitgeschichtliche und genrehistorische Positionierung des vorliegenden Albums bereitstellt und zum anderen hilfreich ist, wenn es um die Beschreibung der Soundeigenheiten und spezifischen Atmosphäre geht, die für die Vertreter der "Wiener Schule" dieser Ära so typisch sind. "Autdaruta" ist nach "Schwartzer Rab" und "Requiem" Nummer drei in der Reihe "Frühgeschichte" – die Original-Cassetten datieren alle von 1989 und sind thematisch, technisch und musikalisch sehr eng miteinander verknüpft. Es begegnen dem aufmerksamen Hörer Soundpassagen, die auch im späteren Werk HALLSTATTs immer wieder mal Verwendung fanden, sei es das verhallende Rabengekrächze, das auf allen drei Alben in wechselnder Intensität zum Tragen kommt, sei es das, wie von einem Sturm vorangetriebene, in Fernen verhallende Schlagwerk, das insbesondere auf "Autdaruta" den stilistischen Wechsel hin zu rhythmusorientierterer Musik bereits ahnbar macht, den ALLERSEELEN im Laufe der Jahre dann vollzogen. Der Rezensent ist übrigens bereits seit ihrem Ersterscheinen erklärter Bewunderer jener besagten Ur-Trias des oberöstereicherischen Multitalents (HALLSTATT betätigt sich ja auch schriftstellerisch und fotographisch), deren er seinerzeit über den legendären CTHULHU-Mailorder (wobei der Begriff "Mailorder" damals noch buchstäblich und maximal analog zu verstehen war) habhaft wurde und zog & zieht sie – auch dies soll nicht verschwiegen werden – im großen & ganzen den späteren Veröffentlichungen vor. Dies, ganz abgesehen von der besagten, absolut uniquen Gesamtatmosphäre, die sie atmen, nicht zuletzt auch deshalb, weil auf allen drei Alben noch komplett auf Vocals verzichtet wird – und die HALLSTATTschen, Vocals, wie sie einem typischerweise auf einem ALLERSEELEN-Album begegnen, sind zum einen nun mal sehr speziell, zum anderen läutete das Heraufdämmern der Vokal-Ära Mitte der 1990er-Jahre ganz generell einen Kurswechsel hin zu mehr Eingängigkeit bei ALLERSEELEN ein, dem der Rezensent bisweilen durchaus kritisch gegenüberstand. Doch mag das jeder anders empfinden. Wie auch immer: Auf "Autdaruta" wird ebensowenig gesungen oder rezitiert wie auf den beiden vorangegangenen Frühgeschichtswerken, es dominiert eine kalte, karge und bisweilen durchaus eintönige Grundstimmung, die jedoch gerade aus dieser ausgeprägten Kargheit ihren ganz eigenen, einzigartigen Reiz zieht. Das gesamte Album ist geprägt von einem amorph-tribalistischen G'schmäckle – der thematische Hintergrund, auf den gleich noch näher eingegangen werden soll, legt's freilich nahe –, deren nächste musikalische Verwandte man wohl mit gutem Grund unter frühen Werken von ZOVIET-FRANCE wie "Mohnohmishe" oder "Eostre" vermuten könnte. Es wabert etwas geisterhaft Archaisches, Vorgeschichtliches, ja: Außergeschichtliches durch diese, von schrägen Fiedelloops, dünnem Windgepfeife, zerrissenem Vogelgeschrei und zeremoniellem Getrommel geprägten und mit einfachstem technischem Equipment generierten Soundlandschaften, die ähnlich fremdartig daherkommen wie die Bilder aus E. Elias Merhiges Film "Begotten" – eine bleiern abgedunkelte, psychedelische Vision, die trotz oder gerade wegen ihrer fundamentalen Fremdheit und radikalen, asketischen Reduziertheit eine durchaus kontemplative, hypnotische Wirkung zu entfalten vermag.


GERHARD HALLSTATT / ALLERSEELEN

Thematisch bewegen wir uns innerhalb des nordischen Mythenreichs, dies ein Umstand, den die Originalveröffentlichung bereits qua Titelgebung signalisierte – die CD-Wiederveröffentlichung verzichtet, aus welchen Gründen auch immer, darauf und beschränkt sich auf schlichtes Durchnummerieren, doch sind die Originaltitel, zum mindesten aus Gründen historischer Redlichkeit, in der nebenstehenden Tracklist in Klammern mit angefügt. Der Albentitel "Autdaruta" spricht wohl am wenigsten für sich und rekurriert auf die Reiseaufzeichnungen des grönländisch-dänischen Polarforschers Knud Rasmussen, die 1908 unter dem Titel "The People Of The Polar North" publiziert wurden. Dieser schildert hier unter anderem seine Bekanntschaft mit einem ost-grönländischen Innuit-Schamanen, der für Jahre sein Volk verlassen und infolgedessen den christianisierenden "Zweitnamen" Christian Poulsen angenommen hatte, dessen eigentlicher, "magischer" Name aber Autdaruta lautete. Es scheint naheliegend, dass es insbesondere die Zerrissenheit zwischen archaischem Ur-Sein und Moderne, die sich in Poulsen/Autdaruta verkörpert, sowie seine Suche nach authentischer Identität innerhalb dieses Spannungsfeldes sind, die ihn zum titelgebenden Charakter eines ALLERSEELEN-Albums prädestinieren. Ob und inwieweit Autdaruta möglicherweise auch noch als Bezeichnung für einen speziellen schamanisch-magischen Pfad fungiert, wurde dem Rezensenten leider nicht endgültig transparent, entsprechendes ist jedoch anzunehmen. Die übrigen (Original-)Titel entspringen weniger abseitigen Quellen und müssen insofern nicht eigens kommentiert werden – der topographische und mythologische Hintergrund, auf den verwiesen wird, ist jedenfalls klar im hohen Norden verortet. Auch was die zeitliche Dimension betrifft, haut "Autdaruta" in dieselbe Kerbe wie seine beiden Vorgänger und entfaltet ein Aroma, das spontan das frühe Mittelalter irgendwo zwischen Wikinger-Raubzügen und der ersten großen Pestepidemie vor dem geistigen Auge erstehen lässt. Um noch einmal einen Vergleich aus der Welt des Kinos zu bemühen, so mag man sich die in und durch "Autdaruta" beschworene Atmosphäre als einen gewagten Crossover aus Ingmar Bergmans Klassiker "Das siebente Siegel", dem bereits erwähnten, kryptomythischen Epos "Begotten" und Nicolas W. Refns psychedelischer Wikingersaga "Walhalla Rising" vorstellen, doch sind solche Vergleiche freilich stets subjektiv. Ganz objektiv und nüchtern bleibt indes zu konstatieren, dass "Autdaruta" mit den vergleichsweise primitiven technischen Mitteln, die damals zur Verfügung standen, ein Maximum an atmosphärischer Intensität mit ausgesucht apokalyptischem Subtext realisiert.


Was das akustische Material betrifft, so ist die Neuerscheinung selbstredend hübsch ordentlich geremastert, jedoch in keiner Weise künstlich "aufgepeppt" oder gar  – oh, Frevel aller Frevel! – in ein "zeitgemäßeres" Gewand gegossen, mitnichten: Auf die Ohren bekommt der geneigte Hörer denselben archaisch-zeitenthobenen Sound wie vor 28 Jahren, lediglich die Klangqualität fällt im Vergleich zu x-mal durchgenudelten Tonbändern oder miserablen mp3-Kopien freilich deutlich zufriedenstellender aus. Für das Artwork des angenehm schlicht gestalteten 4-Panel-Digipaks zeichnet GERHARD HALLSTATT weitgehend höchstselbst verantwortlich – einzig nennenswerter Kritikpunkt ist hier jene hieroglyphische Mückenfußansammlung, die – durchaus in bester Absicht, nämlich zum Behufe der Information – auf der Innenseite wimmelt, sich jedoch durch alles mögliche, aber gewiss nicht nicht durch Lesefreundlichkeit auszeichnet. Dass eine solche Nebensächlichkeit im Rahmen einer Besprechung allerdings als kritik- und, vor allem: artikulationswürdig erachtet wird, sollte für sich genommen schon hinreichend deutlich illustrieren, dass man mit und bei "Frühgeschichte III: Autdaruta" schlechterdings alles richtig gemacht hat. Denn das hat man definitiv. Dieses zeitlose Album ist es nämlich keineswegs nur aus genrehistorischen Gründen mehr als wert, dem Vergessen entrissen und wieder einem größeren Hörerkreis zugänglich gemacht zu werden: dem interessierten Publikum wird hier ein lange verborgenes Juwel kredenzt, das verdienterweise zu den Klassikern des Genres zählt; wie gesagt: "Autdaruta" hätte auch als NEKROPHILE-Release eine hervorragende Figur abgegeben. – Womit sich der magische Kreis dann schließt.

 
Endsal für nonpop.de


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Zusammenfassung
Dritte Reissue der "Frühgeschichte"-Reihe: Absolut essenzieller, nahezu zeitloser, archaisch tönender Ritual-Klassiker, der mit einfachen Mitteln maximale atmosphärische Intensität generiert. Asketische Reduziertheit und rauhe Schwermut verleihen dem Album seinen einzigartigen Zauber.

Inhalt
01: Autdaruta I [Fenris] (6:05)
02: Autdaruta II [Korava] (4:59)
03: Autdaruta III [Autdaruta] (6:14)
04: Autdaruta IV [Wolfram] (5:31)
05: Autdaruta V [Schwartzer Rab] (6:08)
06: Autdaruta VI [Hugin] (5:52)
07: Autdaruta VII [Munin] (6:49)
08: Autdaruta VIII [Freki] (6:05)
09: Autdaruta IX [Geri] (6:24)
10: Autdaruta X [Nuctemeron] (3:40)

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