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Michael We.

CURRENT 93: Baalstorm, Sing Omega

Versunken in sich selbst ....


CURRENT 93: Baalstorm, Sing Omega
Genre: Neofolk
Verlag: Coptic Cat
Erscheinungsdatum:
Juli 2010
Medium: CD
Preis: ~16,00 €
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Viele Musikzeitschriften öffnen zum Erscheinen wichtiger, langerwarteter Alben ihr Format und lassen in einer Besprechung mehrere Redakteure zu Wort kommen. Wenn die Meinungen unterschiedlich sind, wird daraus gerne ein 'Pro und Contra'. Ich übernehme für die neue CURRENT 93 mal – in einer ersten Momentaufnahme – den Minus-Part und bin gespannt, ob sich Plus-Rezipienten melden.
Über DAVID TIBETs zunehmende Egozentrik haben wir bei NONPOP schon an der einen oder anderen Stelle diskutiert, zum Beispiel nach Erscheinen des CURRENT-Newsletters mit der Botschaft, TIBET habe sich schweren Herzens von seiner Frau getrennt. Ähnliche Rundschreiben bzw. bereitwillige Auskünfte in Interviews gab es zu weiteren privaten Themen wie dem Tod zweier Katzen oder seiner gleichzeitigen Freundschaft mit vier Frauen. Gegen solche News ist überhaupt nichts einzuwenden, prägt doch ein gewisser Narzissmus jede Musikrichtung – und gerade den Neofolk! – sowohl auf Musiker- als auch auf Hörerseite. Anstrengend wird es, wenn diese stark fokussierte Sichtweise zur ausschließlichen Quelle mutiert, aus der sich die Musik nährt.

"Baalstorm, Sing Omega" ist der dritte und letzte Teil einer im Nachhinein von DAVID TIBET zur solchen bestimmten Trilogie, bestehend aus "Black Ships Ate The Sky" (2006, NONPOP-Besprechung) und "Aleph At The Hallucinatory Mountain" (2009, NONPOP-Besprechungen 1 (hier) und 2 (hier)). Grob gesagt geht es um eine Art Schöpfungsgeschichte, die kurioserweise mit dem ersten (und besten) Werk "Black Ships ..." endet, mit den schwarzen Schiffen, die am Himmel auftauchen und den Erlöser ankündigen. "Aleph ..." ist – meiner Interpretation nach – der Beginn, womit "Baalstorm ..." in der Mitte läge.
Es gibt nun Anzeichen dafür, dass sich DAVID TIBET längst als Protagonist dieser – seiner eigenen? – Schöpfungsgeschichte sieht. Mit Texten kann ich diese These zunächst nicht belegen. Alle Lyrics sind zwar abgedruckt, aber nur auf einer Metaebene zu erfassen, verschlüsselt und kaum logisch zu verstehen. Selbstverständlich dreht sich auch dieses Album um TIBETs theologische Interessen, vor allem seine nahezu besessenes Nachspüren der koptischen Lehre. (Der Albumtitel soll zum Beispiel der koptischen Predigt eines ägyptischen Abtes aus den ersten Jahrhunderten nach Christus entstammen.) Die Fotos im Booklet sorgen allerdings schon für eine überdurchschnittliche TIBET-Präsenz (inklusive Kinderbildern), und die Musik schließlich dreht sich beinahe nur um den Briten. Die Zahl der Gäste wurde reduziert, oder besser gesagt: deren Hörbarkeit, denn ihre Instrumente dienen während der ersten vier Stücke ausschließlich als Empore für DAVID TIBET und verleihen den Liedern keine eigene Note. Die rockige Attitüde ist übrigens zusammen mit der E-Gitarre gänzlich verschwunden, es ist insgesamt ein leiseres, ruhiges Werk geworden.



Kinderbild von TIBET im Booklet zu "Omega ..."

Im Opener "I Dreamt I Was Aeon" (1) tragen Klavier (BABY DEE) und Cello (JOHN CONTRERAS) die nachdenkliche, klagende Rezitation. Auch der Text von "With Flowers In The Garden Of Fires" (2) ist lyrisch im Vortrag, die Musik mit Laute (ELIOT BATES) und Ethno-Perkussion (ALEX NEILSON) kommt orientalisch daher. Eine Stufe manischer, intensiver ist TIBET in "December 1971" (3). Beinahe im Predigtton verarbeitet er seinen Besuch in Stonehenge im Dezember 1971 (ach was – ein weiteres Foto legt Zeugnis davon ab), unterstützt von JAMES BLACKSHAW (Akustikgitarre) und Cello. "Baalstorm! Baalstorm!" (4) – mit flirrenden Synthie-Sounds von ANDREW LILES und einem diesmal sehr dramatischen Klavier – steigert sich erneut, das Rezitieren sehr eindringlich, verdichtet sich zum Gefühl, dass gleich ein großer Knall folgt. Ende TIBET-Show Teil eins.
An dieser Stelle können CURRENT-Fans einwerfen: War TIBET nicht immer so, autobiografisch und predigend? Stimmt, aber es gelang ihm häufig, dies mit etwas musikalisch Besonderem zu verbinden, so dass sich sein Kosmos nicht nur über vorherige Lektüre erschloss. Nehmen wir nur die beiden Teile der Trilogie: "Black Ships ..." mit wunderbaren Songs und Gastsängern wie MARC ALMOND, "Aleph ..." als immerhin überraschende 'Rockoper' in der Diskografie.

Das führt direkt zum Herzstück des neuen Albums, den drei Tracks 5 bis 7, die "Baalstorm..." retten und dem Rest etwas von ihrem Glanz abgeben. Hier funktioniert nämlich die Verknüpfung zwischen TIBETs Geist und – in diesem Fall – großartigen Melodien. "Passenger Aleph In Name" (5) beginnt mit einem schlichten Glockenspiel, beinahe wie ein Kinderlied. Cello und Akustikgitarre stoßen dazu, und endlich wirkt die Stimme mehr singend und weniger predigend. Die intensive Schönheit von NATURE AND ORGANISATION oder "Thunder Perfect Mind" steigt auf, und die Reduziertheit wird plötzlich zum Stilmittel, dient der Konzentration auf das Wesentliche, Reine, nicht der Selbstdarstellung. Auch bei "Tanks Of Flies" (6) fügen sich die Teile wie bei einem Puzzle zusammen, ganz von selbst. Schlagartig passen Klavier und Gitarre zum lauten Nachdenken von TIBET, er kommt als Singer/Songwriter daher, der tatsächlich eine Geschichte zu erzählen, oder im Stile von 'weird folk' besser: zu hauchen hat. "The Nudes Lift Shields For War" (7) ist der Höhepunkt des Albums. Erneut Glockenspiel, eine unendlich traurige, zarte Melodie, selbst die Gitarre weint. Leise fährt TIBET in seinem eigenen Roadmovie die Straße hinunter, und wir schauen ihm durch den Staub hinterher. Für solche Songs ist die Bezeichnung 'Apocalyptic Folk' erdacht worden!

Verzücktes Getrommel läutet dann den zweiten Teil der TIBET-Show ein. In "Night! Death! Storm! Omega!" doppelt er sich selbst, ein zusammengesetztes Stimmengewirr. Zum langen Schluss ("I Dance Narcoleptic", 9) kommt Traumstimmung auf, wohl vor allem durch die mysteriöse Sounduntermalung von ANDREW LILES. BABY DEE sitzt an der Jahrmarkt-Orgel, das in fast allen Stücken eingesetzte Kindergeschrei verstärkt sich, die Trommel dazu ähnelt einem Helikopter. TIBET wirkt vor diesem revueartigen Hintergrund wie ein Marktschreier, der seine Ideen unter die Leute wirft. Bezeichnend auch der 'hidden track': Nach minutenlanger Pause tritt mit BILL FAY zum ersten und einzigen Mal ein Gastsänger in Erscheinung. TIBET verehrt den Songschreiber aus England, dessen aktuelles Album er deshalb auf COPTIC CAT veröffentlichte. FAY geht allerdings in einem starken Rauschen (vermutlich dem 'Sturm') unter und endet mit seinem immerhin unveröffentlichten Song schon nach einer Minute abrupt.

"Baalstorm, Sing Omega" hinterlässt bei mir ein äußerst zwiespältiges Gefühl. Während des ersten Drittels befürchtete ich, dass TIBET bald enden wird wie DOUGLAS P.: immerwährende Schleifen um sich selbst drehend. Drei der neuen Stücke klingen dagegen wie aus den – meiner Meinung nach – besten CURRENT-Zeiten Anfang der 1990er-Jahre. Vielleicht spiegelt dieser Eindruck die Zerrissenheit des 50jährigen wieder, mit der er gerade offensiv hausieren geht. Dazu würde auch passen, dass das Album zum Teil in Italien, zum Teil in England entstanden ist. Der – auch hörbare – Familienverbund der vergangenen Jahre mit vielen, gleichberechtigten Partnern hat mir jedenfalls mehr gegeben, war innovativer. (Und hat uns darüber hinaus dauerhaft Musiker wie BABY DEE und ANTONY beschert.) TIBETs koptisch-private Variante der Schöpfungsgeschichte allein, zumindest ihr Mittelteil, reicht dagegen nicht für ein ganzes Album aus.

 
Michael We. für nonpop.de


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Zusammenfassung
Ein zweigeteiltes Album: Einerseits dreht TIBET Endlosschleifen um sich selbst (2/3), andererseits erinnert er an beste C93-Zeiten (1/3). Der Familienverbund der vergangenen Jahre mit (hörbaren) Partnern war spannender. Für ein ganzes Album reicht diese koptisch-private Schöpfungsgeschichte nicht.

Inhalt
1 I Dreamt I Was Aeon (6:52)
2 With Flowers In The Garden Of Fires (4:09)
3 December 1971 (4:35)
4 Baalstorm! Baalstorm! (6:27)
5 Passenger Aleph In Name (4:40)
6 Tanks Of Flies (3:19)
7 The Nudes Lift Shields For War (5:31)
8 Night! Death! Storm! Omega! (3:50)
9 I Dance Narcoleptic (10:37)

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