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Michael We.

PAUL ROLAND: Nevermore

Der Popstar aus dem 19ten Jahrhundert


PAUL ROLAND: Nevermore
Genre: Pop/Folk-Rock
Verlag: Syborgmusic
Erscheinungsdatum:
15. Mai 2008
Medium: CD
Preis: ~14,00 €
Kaufen bei: Syborg-Shop


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Für kaum einen Musiker gibt es so viele Umschreibungen wie für den Briten PAUL ROLAND: 'Godfather of Goth' nennt ihn zum Beispiel der Londoner Musikjournalist IAN SHIRLEY in seiner BAUHAUS-Biographie. ROBYN HITCHCOCK, Musikerkollege und Freund, spricht von der 'weiblichen KATE BUSH'. Für die wenigen englischen Magazine, die sich für ROLANDs Arbeit interessierten – er feierte stets größere Erfolge in Italien oder Deutschland als zuhause – war er immer der 'Psych-Pop-Guru'. Und vor wenigen Wochen hat er sich selbst im roland">NONPOP-Interview den Titel 'EDGAR ALLEN POE des Rock' ausgesucht. So viele sorgfältig gewählte Synonyme sind in der Regel ein Indiz für den großen Einfluss, den ein Künstler hat, und nicht anders ist es bei PAUL ROLAND. 1980 grub JOHN PEEL zwei Singles von ROLAND aus, der damals mit seiner Band unter dem Namen MIDNIGHT RAGS firmierte. 25 Jahre später wurde er im Neofolk-Kompendium "Looking For Europe" als einer der Vorläufer und Wegbereiter des Genres gewürdigt. Dazwischen begleitete er im Geiste viele schwarzromantische Bands der 1980er und 1990er Jahre. Seine Platten verkauften sich dennoch lange Zeit so mäßig, dass er wegen der Missachtung seiner Musik fast das Handtuch geworfen hätte und sich die letzten Jahre – sehr erfolgreich – mit Bücherschreiben vertrieb.
Ich bin dankbar um den Funken, der die Leidenschaft für Musik bei PAUL ROLAND wieder entzündet und – nach sieben Jahren Abstinenz – zum Akustik-Album "Pavane" geführt hat, seinem 'Comeback' im Jahr 2004. Nach einigen anschließenden Konzerten festigte sich sein Entschluss, wieder Songs aufnehmen zu wollen. So bleibt uns ein großer edwardianischer Geschichtenerzähler, ein Popstar des 19ten Jahrhunderts, ein Reanimator der barocken Oper erhalten, der sich seinen Stil und seine skurrilen Figuren so authentisch erarbeitet hat, als würde er selbst Abend für Abend in einen Umhang schlüpfen und sich auf nebligen Straßen das Material für seine wirren Gruselgeschichten besorgen. (Dabei wohnt er erstens gar nicht mehr in der Nähe nebliger britischer Straßen, sondern seit kurzem im Südwesten von Deutschland, und bringt zweitens am Abend in der Regel seine beiden Söhne ins Bett.)

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(Aus dem Booklet von "Nevermore". Zum Vergrößern rechts klicken und "Grafik anzeigen")

Zwei Umstände prägten das neue Album "Nevermore", das Mitte Mai auf SYBORG erscheinen wird, entscheidend. PAUL ROLAND hat die Songs noch in England, mit seiner langjährigen Band eingespielt, trug sich währenddessen aber schon mit dem Gedanken an einen Umzug nach Deutschland. (Die Gründe dafür sind im erwähnten Interview nachzulesen.) Die nach dem Raben Nevermore aus dem POE-Gedicht "The Raven" betitelte CD ist deshalb auch ein Abschied von England, mit einer Trennung auf Dauer vor Augen. Zwei – für ROLAND absolut untypische – traditionelle britische Folklieder zeugen davon; eine letzte Huldigung der alten Heimat. Daneben tritt seine Liebe zu Soundtracks auf diesem so deutlich wie noch auf keinem Album zutage. Besonders die aus drei Titeln bestehende JULES VERNE-Miniserie ist ein Hörfilm, der Kapitän Nemo aus "20.000 Meilen unter dem Meer" lebendig werden lässt. Weil es alle Stile vereint, mit denen der 'Psych-Pop-Guru' bislang experimentiert hat, und weil es in die Vergangenheit und die Zukunft schaut (den letzten Schliff hat das Album erst in Deutschland bekommen), ist "Nevermore" wie ein Best Of-Album, nur eben mit neuen Songs.

Das aktuelle Werk liefert gleich mit "Edgar Allen Poe", dem Einstieg, einen typischen ROLAND-Klassiker. E-Gitarre und Schlagzeug machen ihn zu einem der rockigen, treibenden Stücke, zu denen PAUL ROLAND mit seiner unnachahmlichen, hellen und gleichzeitig rauchig-düsteren Stimme von einem Verrückten erzählt, der sich für besagten Schriftsteller hält. Die latente Hysterie, die sich in solchen Geschichten ausbreitet, gehört zu dem typisch britischen Flair, das ROLAND verbreitet, diese ganz spezielle Mischung aus Horror, Nebel, Verträumtheit und Humor (schwarz). Die folgende Trilogie "Last Voyage Of The Nautilus" lässt ahnen, wie der PAUL ROLAND der Zukunft klingt: Hier findet der angekündigte Soundtrack statt, die Geschichte hat mehr Zeit, sich zu entfalten, die Tauchfahrt der Nautilus wird durch Instrumentalpassagen und einige Ambient-Geräusche eindringlich illustriert. Die traurige Reise beginnt der meisterliche Erzähler mit einer Akustikgitarre, untermalt von Streichern, die der Fahrt von Beginn an eine kammermusikalische Intensität verleihen. Den Mittelteil bildet ein reines Instrumentalstück, das ROLAND nach seinen Vorgaben von NICO STECKELBERG, Kopf der Band ELANE, komponieren hat lassen. Es ist eine Mischung aus Märchen, Ambient und Klassik geworden, die an die teilweise genialen Kompositionen von MIKE BATT erinnert, immer hinreißend knapp unter der Grenze zum Kitsch. Zum Schluss versinkt die Nautilus natürlich, wieder härter und rockiger im Sound. Mit viel schwarzem Humor folgt eine 'Ode' an 'eine debile Brut', wie ROLAND sich ausdrückt. Zu banjolastigem Countryrock besingt er "Leatherface", den grunzenden, mit Menschenhaut verzierten Typen aus "Texas Chainsaw Massacre". "The Great Deceiver" handelt von einem durchgedrehten, religiösen Fanatiker, der sich für die rechte Hand Gottes hält und klingt mit Orgel und elektrischer Gitarre wie ein Stück Hardrock aus den 1970ern. "Eight Little Whores", eine Art Abzählreim, der die Opfer von JACK THE RIPPER thematisiert, läutet den ruhigeren Teil von "Nevermore" ein, der besonders die Fans der ROLAND-Akustikalben erfreuen wird. Mal mit einem alten Barpiano zur Gitarre, mal mit einem Cembalo wird die Stimme von ROLAND noch um einige Nuancen eindringlicher, man hört das irre Flackern in seinen Augen, wenn er von einem unglücklichen Zauberlehrling oder einem verhinderten Mörder (in der zweiten POE-Hommage des Albums, dem comicartigen "Tell-Tale Heart", das ROLAND selbst mit dem Soundtrack zu ADDAMS FAMILY vergleicht) erzählt. Den Abschluss bilden die erwähnten zwei Traditionals, selbstverständlich mit der passenden Thematik: "Sam Hall" (unter anderem schon vertont von der Folkrock-Legende STEELEYE SPAN) berichtet fröhlich von der Hinrichtung eines Taschendiebs, und "Foggy Dew" (THE DUBLINERS, THE CHIEFTAINS) von den Toten des Ersten Weltkriegs.

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(Aus dem Booklet von "Nevermore". Zum Vergrößern rechts klicken und "Grafik anzeigen")

PAUL ROLAND breitet auf "Nevermore" seine ganze Palette aus, musikalisch und erzählerisch. Er schlüpft als unwiderstehlicher, britischer 'Storyteller' in verschiedene Rollen, die er mal in akustischen Songs, mal in Mini-(Ba)Rockopern auslebt. Aus mehreren Gründen verdient dieses Album einen Platz im CD-Schrank: Es ist eines seiner abwechslungsreichsten und – 28 Jahre nach der ersten Platte – reifsten Alben, weil die Erfahrung sich in besonderer Intensität manifestiert. Es wird vermutlich das letzte 'typische' PAUL ROLAND-Album sein, weil sich seine Interessen in Zukunft zum Beispiel verstärkt auf Filmmusik konzentrieren werden; momentan komponiert er mit Freunden eine Horror-Rockoper. Und es ist aufgrund des Best Of-Charakters ebenso Einsteigern und Neugierigen wie Fans zu empfehlen. Hätte EDGAR ALLEN POE eine Plattensammlung gepflegt, er hätte sich auch dieses Album von PAUL ROLAND gekauft.

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» deutsche Homepage
» ROLAND als Autor (engl.)
» ROLAND @ myspace

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Zusammenfassung
Die zwölf neuen Songs wirken wie ein 'Best Of'-Album. Alle Stile aus allen Perioden sind vertreten, filmische Kompositionen stehen für die Zukunft. ROLAND überzeugt wieder einmal als Geschichtenerzähler und liefert vor allem mit der drei Stücke umfassenden Hommage an JULES VERNE einen Höhepunkt ab.

Inhalt
01) Edgar Allen Poe
02) Last Voyage Of The Nautilus
2a) Captain Nemo
2b) Last Voyage Of The Nautilus
2c) Wreck Of The Nautilus
03) Leatherface
04) Great Deceiver
05) Eight Little Whores
06) Ghost Dance
07) Abramelin
08) Tell-Tale Heart
09) Sam Hall
10) Foggy Dew
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