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Claudia K.

NEBELUNG: Vigil

Sprich mit den bleichen Bildern ohne Schaudern


NEBELUNG: Vigil
Genre: Folk
Verlag: Eislicht
Vertrieb: Eislicht
Erscheinungsdatum:
1/08
Medium: CD
Preis: ~12,00 €
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Zugegeben, der Januar ist nicht unbedingt der traditionelle Nebelmonat. Allerdings: Das Jahr ist jung, und die Zeit bis zum November wäre noch reichlich lang geworden; seien wir also froh, dass die Nebelungen STEFAN OTTO und THOMAS LIST uns bis dahin nicht auf die Folter spannen wollen und in den ersten Wochen des Jahres nach „Mistelteinn“ und „Reigen“ mit „Vigil“ ihren ersten Longplayer auf EIS & LICHT herausbringen.
Was hat sich getan bei NEBELUNG? Seit „Mistelteinn“ ist, ausgefüllt von der 7inch „Reigen“ und einigen Konzerten, zuletzt Silvester in Leipzig, eine gute Weile vergangen. Zeit genug für das Ausarbeiten des Alten, Weiterentwicklung und neue Inspiration. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die NEBELUNGschen Wälder, sie rauschen noch immer. In neun Stücken evozieren NEBELUNG – begleitetet von Gastkünstlern an Kontrabass, Akkordeon und Violine – Naturstimmungen, malen Bilder von nebelverhangenen Feldern, dunstigen Hügeln und Waldeinsamkeit. Es weht ein Duft von Abend, schwerer dunkler Erde, Unterholz und Moos. Musik für Wanderungen durch Dämmerung und Regenschwere, durch Zwielicht, Talgrund und Waldesruhe.

Während es auf der „Vigil“ mehrheitlich um das Erzeugen von Stimmungsgemälden mit Worten und Musik geht, erläutert das Eingangsstück „Die Roder“, basierend auf einem Gedicht von GERTRUD KOLMAR, den programmatischen Kern, um den NEBELUNGs Naturmystik kreist: Das Heilige der Natur, das Einbrechen der modernen Welt in die ursprüngliche Sphäre des Waldes, die Entfremdung des Menschen von seinen naturverbundenen Wurzeln. „Die Roder“ begnügt sich dabei nicht damit, sich in passiver Melancholie zu ergehen, sondern sagt den Eindringlingen den Kampf an:

Drüben roden sie die Wälder
Mit den Rodern will ich fechten
Diesen Gott in meiner Linken
Dieses Erz in meiner Rechten.


Als Bollwerk gegen diese Entfremdung in einer Zeit sich wandelnder Lebenswelten verstehen sich NEBELUNG, die sich die Rückbesinnung auf die archaischen Wurzeln des Menschen in Wald und Heide, das Zurückfinden zur Essenz des Daseins im Angesicht der Natur, zum Ziel setzen. Naturmystisches Erleben gegen den Geist der unruhigen Zeit. Einkehr und Stille in einer lauten Welt. Lange Wanderungen in Einsamkeit und melancholischer Kontemplation anstelle von alltäglicher Hast und oberflächlicher Schnelllebigkeit. Das Schwert im Wort und Gott zur Seite (…und um nebenbei ganz kurz pessimistisch zu werden: wie erfolgreich der Kampf gegen Waldrodung ist, wissen wir seit „Als die Tiere den Wald verließen“). Doch Ehre der Absicht, und wer die beiden Musiker kennt, der weiß, dass es sich dabei nicht um leere Worte, sondern um tatsächlich Empfundenes und Gelebtes handelt – was nicht der letzte Grund für die große Authentizität der Musik sein dürfte.

Neben der Reise durch Wald und Heide ist „Vigil“ auch eine Zeitreise: Anders als beim Debüt "Mistelteinn", dessen Stücke in einem relativ kurzen Zeitraum teilweise aus gemeinsamer Improvisation heraus eingespielt wurden, dokumentieren sich hier längere Entwicklungs- und Veränderungsprozesse:  So liegen zum Teil mehrere Jahre zwischen der Entstehung der „Vigil“-Stücke. „Nokturn“, das älteste, existiert in einer ähnlichen Version bereits seit sechs Jahren. „Hoffnung“ sollte schon auf der „Mistelteinn“ scheinen, wegen noch mangelnder Ausgereiftheit wurde es jedoch zunächst aufgeschoben. Und das dynamisch tosende „Sturm“ ist dem Konzertbesucher schon seit längerem vertraut. Auch die Prozedur der Songentstehung selbst hat sich verändert: Während das Songwriting vorher eine gemeinsame Sache der Musiker war, ist nun, aufgrund örtlicher Veränderungen, STEFAN OTTO allein dafür verantwortlich.

Mit „Vigil“, was soviel heißt wie „Wachen“, fühlt STEFAN sich, trotz des akustisch-folkigen Charakters des Albums, was die Stimmung betrifft, dem Black Metal verwandter als dem Neofolk. Nun aber nichts falsch verstehen: „Vigil“ ist kein Black Metal-Album, auch wenn der Gedanke an die späteren EMPYRIUM stellenweise naheliegt. Manche Liedanfänge NEBELUNGs könnten (fast) Einleitungen zu alternativen Versionen von EMPYRIUMs „Melancholie“, „Where at night the wood grouse plays“ oder „A gentle grieving farewell kiss“ sein. Und sogar „Die Schwäne im Schilf“ könnten nach einer ruhigen Intropassage gewitterartig losbrechen. Aber um auch hier Missverständnissen vorzubeugen: „Vigil“ ist keine EMPYRIUM-Kopie, NEBELUNG bleibt ganz unverkennbar und eigen NEBELUNG. Auf „Vigil“ übernimmt „Sturm“ den Part des Gewitters, das die Selbstversunkenheit zerreißt und urplötzlich Wind, Donner und Hagel toben und den stillen Weiherspiegel zerbrechen lässt. So könnte man sich das Album tatsächlich als einen abendlichen oder frühmorgendlichen Spaziergang durch verschiedene Landschaften und Wetter denken – graue Nebel, tiefhängender Dunst, kalter Regen, Sturm und schließlich Nebel. Ein fröhliches, unbeschwertes Wandern ist dies, trotz vereinzelter Lichtflecken, nicht: Gedanken an Einsamkeit, Vergänglichkeit und Verlust machen das Herz des Wanderers schwer; ein Melancholiker, der dort einsam und in sich versunken unterwegs ist, Verlassenheit und Verlorenheit als wiederkehrende Themen. Neben den Versen von GERTRUD KOLMAR finden sich noch zwei weitere Lyrikvertonungen auf „Vigil“: „Ausklang“ nach GEORG TRAKL und „Wanderer“ nach STEFAN GEORGE. Die Grundstimmung  der übrigen Texte kann man sich anhand dessen ungefähr vorstellen.

Neben Veränderungen in Songwriting und Aufnahme gibt es eine weitere Neuerung: Mit CHRISTIAN KOLF, der auch für das großartige Artwork verantwortlich zeichnet, ist bei den Stücken „Hoffnung“ und „Nebelung“ eine neue Stimme mit dabei. KOLF ist neben seinem Gastauftritt bei NEBELUNG musikalisch mit WOBURN HOUSE, ISLAND, GRUNEWALD und VALBORG gleich vierfach aktiv und zudem mit STEFAN OTTO auch noch an einem Doom-Projekt zugange.  Der Gesang von STEFAN ist indes wie gewohnt charakteristisch und hat insgesamt an Sicherheit gewonnen – auch, wenn die Stimme bei den arg hohen Tönen dann doch manchmal ein wenig kippelt. Das ist allerdings kein gravierendes Manko, zumal man vielen Sängern aus dem Folk- und Neofolk-Bereich eine etwas eigene Stimme nachsagen kann - die ja nicht selten irgendwie den ganz gewissen Charme (mit) ausmacht. Texte und Gitarrenspiel sind ausgereifter geworden, und gesonderte Erwähnung verdient auf jeden Fall die Aufmachung des Tonträgers: Ein schönes Digipack aus dickem, rauem Karton, eine pechschwarze CD und ein ausführliches Booklet mit stimmungsvollen Naturphotographien in Sepia, welche Geist und Seele des Albums vielleicht besser illustrieren als viele Worte.

Und am Ende… am Ende gewinnt die Natur eben doch, nicht mit dem Schwert und ohne Vorkämpfer, sondern mit ihrer uralten Beharrlichkeit:

Zu den Wurzeln mag ich fallen
Aus dem Kampfe mit den Rodern.
In der gleichen Erde werden
Einstmals ihre Knochen modern.


Ein Gedanke, der vielleicht hinwegtröstet über momentane Vergeblichkeit – jeder Art.
 

 
Claudia K. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Nebelung
» Nebelung Myspace
» Eislicht
» Eislicht Myspace

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Zusammenfassung
01 Die Roder
02 Hoffnung
03 Ausklang
04 Heimkehr
05 Sturm
06 Einsamkeit
07 Nokturn
08 Wanderer
09 Nebelung

Inhalt
Die Wälder rauschen wieder: Nach "Mistelteinn" und "Reigen" bringen NEBELUNG mit "Vigil" ihren ersten Longplayer heraus und entführen in Waldeinsamkeit und melancholische Kontemplation.
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