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Michael We.

APOPTOSE: Schattenmädchen

Eine Reise durch japanische Keller


APOPTOSE: Schattenmädchen
Genre: Dark Ambient
Verlag: TESCO
Vertrieb: TESCO
Erscheinungsdatum:
Mai 2007
Medium: CD
Preis: ~14,00 €
Kaufen bei: Tesco


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Das deutsche Ein-Personen-Projekt APOPTOSE ist in der heutigen Zeit etwas Besonderes. Damit meine ich zunächst noch nicht die Musik, sondern die wohltuend zurückhaltende Art und Weise, mit der das Produkt an den Mann gebracht wird. In Interviews mit APOPTOSE bleibt es stets beim Vornamen, 'weil doch die Musik im Vordergrund steht', sagt RÜDIGER, der Tüftler im Hintergrund. Vor 'Schattenmädchen' hat APOPTOSE in den vergangenen Jahren nur zwei Alben veröffentlicht, 'Nordland'  (2000) und 'Blutopfer' (2002), beide ohne die inzwischen üblichen, teuren Extras wie 'special editions', Vinylausgaben in verschiedenen Farben oder sonstigen Schnickschnack. Die Energie von APOPTOSE scheint dafür umso mehr in der Produktion der Musik selbst zu stecken. Beiden Alben ist anzuhören, dass sie erst dann gepresst wurden, als RÜDIGER mit jedem einzelnen Ton zufrieden war, so rund und durchdacht wirken sie. Von seinem Debüt 'Nordland' musste er deshalb auch nur zwei Demos verschicken, um (mit TESCO) gleich ein Label zu finden, das ihm bis heute freie Hand bei der Arbeit lässt. Entsprechend begeistert wurden beide CDs in allen gängigen europäischen Magazinen besprochen. Neben der Mitarbeit an einigen Samplern, auf denen manche 'Schattenmädchen'-Stücke schon in anderen Versionen Verwendung fanden (wie etwa 'Zwei Sonnen' auf 'Solaris Collaboration', POLYMORPH RECORDS, oder 'Ba-137m' auf 'Statement 1961', IRONFLAME) hat sich RÜDIGER vor allem damit beschäftigt, wie er seine Musik live auf eine Bühne bringen kann, was ihm wegen der vielen Trommeln (auf 'Blutopfer') lange unmöglich schien. Auf dem vergangenen 'Wave Gothic Treffen' hat er schließlich nach sieben Jahren sein erstes Konzert gegeben und zusammen mit dem Fanfarenzug Leipzig Stücke aus seinen ersten beiden Alben präsentiert.

Die Bezeichnung 'Dark Ambient' passt zwar (wie auf vieles andere auch) auf die Musik von APOPTOSE, aber schon beim Vergleich der beiden 'Schattenmädchen'-Vorgänger lässt sich feststellen, dass weitere Stilmerkmale schwer festzulegen sind, so unterschiedlich sind die Konzepte der Alben. 'Nordland' bannt die Atmosphäre des kühlen und weiten Nordens, umrahmt von Wänden aus Eis und Schnee, deren Majestätik Ausdruck in beinahe wagnerianischen Klängen findet. Es überwiegen Ruhe und ein Gefühl von Freiheit: 'Dieses unerklärliche Gewicht, das oft auf der Brust lastet, ist in Skandinnavien plötzlich verschwunden', erklärt RÜDIGER, der die skandinavischen Länder häufig besucht. Das Artwork ergänzt die Atmosphäre mit Bildern von Feldern, Steinen und einigen naturbezogenen Runen. 'Blutopfer' wendet sich zwei Jahre später Richtung Süden und verarbeitet die fast zweitägige Trommelprozession in dem kleinen spanischen Ort Calanda, mit der dort zu Ostern ein religiöses Ritual begangen wird. Viele Ausschnitte dieser rituellen Trommeln hat RÜDIGER mit seinem DAT-Rekorder aufgenommen und in 'Blutopfer' eingearbeitet, so dass die Ausstrahlung des zweiten Albums rhythmischer, hypnotischer und 'südländischer' ist.
'Schattenmädchen' geht nun wieder einen ganz anderen Weg, ohne an Qualität zu verlieren. Das Album führt uns in beziehungsweise unter japanische Großstädte, es ist industrieller und technischer als alles Vorangegangene. APOPTOSE (das Wort beschreibt in der Medizin übrigens den programmierten Zelltod) schaut in Höhlen, Gänge und Keller unter Japans Betonmolochen, gleitet in Datenkabel, welche die Millionen Gedanken der Metropolen unterirdisch transportieren. Alle Songs, auch die schon auf Compilations verwendeten, hat RÜDIGER im vergangenen Herbst zusammen mit dem Japaner KENJI SIRATORI noch einmal überarbeitet. SIRATORI bezeichnet sich selbst als Cyberpunk-Künstler. Er hat mehrere Romane geschrieben, darunter den in Deutschland veröffentlichten 'Blood Electric'. Musikalisch produziert er vor allem experimentelle elektronische Sounds, die er im Netz veröffentlicht. Vielleicht ist er einigen auch als zweiter Mann bei MODCOM bekannt, dem Sideprojekt von RONAN HARRIS (VNV NATION). SIRATORI hat - zusätzlich zu seiner 'Supervisor'-Tätigkeit - für APOPTOSE einen kurzen, im Booklet abgedruckten Text geschrieben ('Cyber Apoptose'), der an verschiedenen Stellen von 'Schattenmädchen' auch vorgetragen wird, ebenso wie weitere Passagen von englischen und deutschen Stimmen und Texten dominiert werden - ein Novum, denn die Musik von APOPTOSE kam bisher ohne Vocals aus.
Das angekündigte Untergrund-Feeling stellt sich mit den ersten Klängen von 'Schattenmädchen' ein, wie auch die Erkenntnis, dass dieses Werk das bisher düsterste von APOPTOSE ist, allerdings ebenso intensiv und hypnotisch wie die Vorgänger: U-Bahn-ähnliche Geräusche, Hall und Echos, von den glatten Steinwänden langer Gänge erzeugt, dazu bedrohliche, neoklassische Streicherpassagen. Wie ein Unterseeboot über den Meeresgrund schwebt, gleiten wir durch ein Tunnelsystem ohne Licht, und als Orientierung dient nur das Stampfen und Klopfen aus den Maschinenräumen hinter den Wänden. Wie ein Priester, der seine Visionen mit den unter der Erde versammelten Resten der Menschheit teilt, setzt dann eine erste Stimme ein, die auf englisch - und sehr eindringlich, wie alle Stimmen auf 'Schattenmädchen' - die Cyberpunk-Geschichte von SIRATORI erzählt. Der Autor übersetzt später persönlich, ebenfalls mit beschwörender Stimme, ins Japanische, und auch das titelgebende Mädchen kommt wispernd zu Wort. Die ersten Trommeln, die an dieser Stelle zu hören sind, sind synthetisch, werden aber später, am Ende des längsten und besten Tracks (3, der Titeltrack 'Schattenmädchen') durch echte Trommeln ersetzt. Ungefähr ab Mitte der CD werden die kargen Melodien immer mehr verzerrt, und spätestens während der hörbuchartig vertonten Geschichte von 'Karla', von APOPTOSE selbst verfasst, wird der bis dato wohlige Grusel durch eine Portion Horror ersetzt. Das schon auf dem 'Solaris'-Sampler zu den besten Tracks gehörende Synthesizerstück 'Zwei Sonnen' entspannt die verkrampften Muskeln aber kurz vor Schluss wieder.
APOPTOSE hat sich mit 'Schattenmädchen' überraschend deutlich in Richtung Industrial bewegt, weg vom 'natürlichen' Ansatz. Daran müssen sich Fans der beiden Vorgängerplatten vielleicht erst ein wenig gewöhnen. So düster, wie es hier und auch in der Info des Labels vielleicht klingt, ist die Musik aber nicht. Ich vermute, dass RÜDIGER nicht ganz ohne die 'nordische' Ruhe und Harmonie auskommt, und das ist gut so. Die bedrohlichen (Sprech-)Parts werden immer wieder unterbrochen von langsamen, spacigen, sich wiederholenden Melodien aus beruhigenden Tönen (erinnert zwischendurch an die Russen von SAL SOLARIS). Die Trommelrhythmen sind dezent, aber noch vorhanden, und einmal mehr erweist sich RÜDIGER als Meister der intensiven Atmosphären, der offenbar alles zwischen Natur und Industrie perfekt umzusetzen weiß und mit seiner Reise durch dunkle Cyber-Großstädte ein genredefinierendes Dark Ambient-Album geschaffen hat, genau an der Schnittstelle zwischen Ambient und Industrial. Wie selbstverständlich fügt sich das Artwork ein, das thematisch passend etwas schriller als gewohnt daherkommt und mit japanischen Schriftzeichen aufwartet. Geht APOPTOSE den Weg von 'Schattenmädchen' weiter, müsste das nächste Album eigentlich ein rein industrielles werden. Ich bin gespannt, und für gleichbleibend hohe Qualität warte ich auch gerne wieder ein paar Jahre.


 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» APOPTOSE-Site

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Zusammenfassung
Das dritte Album von APOPTOSE bewegt sich deutlich in Richtung Industrial. Die Reise durch japanische Cyber-Großstädte ist düsterer, aber ebenso hypnotisch wie die Vorgänger. Eine intensive Dark Ambient-Genredefinition.

Inhalt
Tracklist

1. Asche (8:19)
2. Violet Silence (8:23)
3. Schattenmädchen (11:33)
4. Ba-137m (8:45)
5. Karla (8:37)
6. 2wei Sonnen (10:19)
7. ...und null Sekunden (6:18)
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