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Tony F.

Der Traum vom Paradies: OSTARA-Interview


Der Traum vom Paradies: OSTARA-Interview
Kategorie: Spezial
Wörter: 2028
Erstellt: 15.02.2014
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Nach Jahren der Stille kehrte RICHARD LEVIATHAN mit dem neuen, eher klassischen OSTARA-Album "Paradise Down South" Ende 2013 eindrucksvoll zurück. Zeit für NONPOP die Vergangenheit noch einmal Revue passieren zu lassen und auszuleuchten, welche Inspirationen letztlich zum neuen Album geführt haben. (As a special service for all our foreign readers, we published this interview in English, too.)


RICHARD LEVIATHAN




„The Only Solace“ war bezogen auf die Produktion ein recht minimalistisches Album. Und es klang aus meiner Sicht auch auf seine Art schon recht bissig. Was war der Grund für die Abkehr vom Sound von „Immaculate Destruction“ und wie beurteilst du „The Only Solace“ nach einigen Jahren?

„Immaculate Destruction“ war in der Rückschau ein Tiefpunkt für OSTARA, da ich die Kontrolle über die Richtung verloren habe, in die die Musik gehen sollte: Das ist etwas, was manchmal in einer Band passiert, wobei OSTARA eigentlich nie eine „Band“ sein sollte. „The Only Solace“ war schon fast ein weiteres „Rock“-Album bevor ich der Idee den Stecker gezogen habe und alles auf die skelettartigen Wurzeln reduziert habe, also auf die Songs, wie sie mit einer Gitarre geschrieben wurden und nichts weiter. Ich realisierte, dass es besser wäre, die Sache alleine anzugehen, anstatt in einem Sumpf aus klanglicher Selbstauflösung zu versinken. Ich höre mir selten alte Alben an, aber ich hörte „The Only Solace“ erst neulich und war damit sehr zufrieden. Es bestätigte mir, dass weniger manchmal mehr ist und dass eine Stimme und eine Gitarre kraftvoller klingen können als ein Vier-Mann-Ensemble wenn nur die Stimmung und der Ton richtig sind.

Bei den letzten beiden Alben hast du größtenteils alleine gearbeitet. Was ist der Unterschied bzw. gibt es überhaupt einen Unterschied für dich, ob du alleine arbeitest oder mit deinen früheren Bandkollegen TIMOTHY JENN oder STU MASON?

Mit TIMOTHY gab es immer eine starke Verbundenheit, was den lyrischen und musikalischen Geist von OSTARA anging. Er und ich verstanden uns gegenseitig, so dass es ein einvernehmliches Gefühl in Bezug auf den Sinn und Zweck bis zu dem Zeitpunkt gab, als er grundsätzlich den Willen verlor, weiterzumachen und 2002 musikalischen Selbstmord beging. Was STUART betrifft, hatte ich versucht, einen Ersatz zu finden. Jemanden, der einen ähnlichen Zweck als Gitarrist erfüllen könnte. Ich hatte aber dummerweise entschieden, mir eine rockorientierte Richtung zu Eigen zu machen, was aus einem erkannten Bedürfnis nach etwas anderem geboren wurde. Es gibt für mich kein Bedauern, dies getan zu haben, da ich denke, dass mir das eine Chance gegeben hat, etwas Neues auszuprobieren. Manchmal ist es besser, vom wahren Pfad abzuweichen und zu erkennen, wo der richtige Weg liegt, als zu vorsichtig zu sein, sodass man in einer Sackgasse endet. Der wahre Pfad ist für mich jetzt ein einzelgängerischer und diese Last wirkt ziemlich befreiend.

Mittlerweile sind die Abstände zwischen zwei Alben um einiges länger als in den Anfangsjahren von OSTARA. Gibt es da einen Prioritätenwechsel in deinem Leben oder fällt es dir heute schwerer, ein Album zu konzipieren?

Musik hatte bei mir immer Priorität, außer wenn ich mich absichtlich davon zurückgezogen habe. Der Grund für die lange Pause lag teilweise in meiner Entscheidung, solo weiterzumachen, was deutlich mehr Investitionen bezüglich Zeit und Energie bedeutete. Ich hatte zudem einen Überschuss an Material, das bearbeitet und verfeinert werden musste, sodass die Jahre für die Arbeit gebraucht wurden. Es war nicht schwer, die Songs zu konzipieren, aber es war ein mühevoller Prozess, sie vollständig klingen zu lassen. Was als eine simple Folkplatte begann, wurde zu einem deutlich komplizierteren Projekt, in dem jeder Song – auch die einfacheren – eine Menge Aufmerksamkeit, Leidenschaft und Anstrengung erforderte.

Mit „Paradise Down South“ orientiert sich der Sound von OSTARA an vergangene Zeiten von „Secret Homeland“ und „Kingdom Gone“. Würdest du mit der Einschätzung übereinstimmen und war es eher so geplant, wieder mehr Keyboards und Drums einzusetzen oder war das eine natürlich Entwicklung?

Ich stimme zu. Es schwang da eine gewisse Nostalgie bezüglich dieser zwei Alben mit. Ich las einige der frühen Rezensionen zu „Secret Homeland“ mit ihren gespaltenen Meinungen zur Stilistik bezüglich der extensiven Nutzung von realen Drums und „upbeat“-Melodien noch einmal. Es war damals eine neue aber heikle Grundlage und mit „Kingdom Gone“ erreichten wir dann etwas, das sogar reiner, stärker und konsistenter war. Ich denke, dass das bessere Tage waren, die unglücklicherweise aufgrund von TIMOTHY’s plötzlichem Ausstieg nicht andauerten. Ich musste die ganze Sache wieder zurückführen, was fast sieben Jahre dauerte, um das hinzubekommen. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich nun alles alleine mache, was vielleicht das Geheimnis ist, wie ich überhaupt dahin gekommen bin.

Das Bild eines „paradise down south“ hat sehr oft etwas mit einem Strand, einer Südseeinsel oder einfach gesagt einem Garten Eden zu tun. Suchst du einen „Garten Eden“ oder hoffst du auf etwas in der Art – inklusive eines Gottes oder auch nicht? Oder bleibt da im Angesicht des realen menschlichen Tuns nur der Zynismus, da die Schlange mit der verbotenen Frucht überall lauert?

„Paradise Down South“ hat mehrdeutige Konnotationen – der Titel bezieht sich auf meinen Wohnsitz Australien – ein Paradies „down under“, das aber gleichzeitig teilweise eine Wüste ist, wo die Distanzen groß und die Räume immens sind. Innerlich repräsentiert der Titel allerdings einen Abstieg in die Einsamkeit und die ausgedörrten Orte des Herzens, eine höllische Schmiede, die auch eine dunkle Quelle der Freiheit ist. Die Schlange ist ein Symbol der Sünde, der Versuchung aber auch der Weisheit, der sinistren und gefährlichen Ursprünge des Verlangens, Eva ebenso wie Lilith, die sinnliche Sirene, in der das Geheimnis der Welt und all seiner Freuden, Wahrheiten und Schrecken verborgen ist. Die verbotene ist immer die schmackhafteste Frucht, aber sie ist auch etwas, was sich sehr schnell in Asche, Staub und Verzweiflung verwandeln kann. Der Garten ist beides, ein Heiligtum und ein Gefängnis, in dem Winter und Frühling Seite an Seite verweilen – das Kreative und das Zerstörerische werden verflochten. Momentan lebe ich in einem Haus, das von einem Garten umgeben ist, der auf der einen Seite von einer Kirchenmauer und auf der anderen von einer Steinmauer eingefriedet ist. Das Gefängnis ist so real, wie es eine Metapher ist!

Einer der auffallendsten Texte ist „Debt On Credit“. Er lässt einen an die Finanzkrise der USA, von Europa oder von Japan denken und an Geld als Religion oder Unterwanderer von Moral. In dem Zusammenhang denke ich auch an LLOYD BLANKFEIN, den Vorstandschef von Goldman Sachs, der erklärte, er tue „Gottes Werk“, sodass man sich schon fragen kann, ob man insgesamt eigentlich noch auf dem richtigen Weg ist.

Ich habe tatsächlich an Goldman gedacht, als ich den Song geschrieben habe, weswegen in der Stelle „sailing on a golden ray“ das Gold als Symbol für Reichtum, Reinheit und Pracht steht, das aber gleichzeitig die korrumpierendste und verfluchteste Form der Macht darstellt, sowohl im materiellen als auch im spirituellen Sinn. Die Sache bezüglich 2007 war, dass das „Gold“ nicht nur Papier war wie 1929 – es war virtuell, eine abstrakt existierende Phantomliquidität, eine Art Anti-Materie, die diktiert hat, dass das komplette Finanzsystem als ein Tauschgeschäft von Schulden, die wiederum als Kredit genutzt wurden, gearbeitet hat. Der passend betitelte „Ponzi King“ (König des Pyramidenspiels oder Schneeballsystems. Anm. d. Red.) BERNIE MADOFF, der Investoren um mehr als 50 Milliarden Dollar betrogen hat, war nur ein kleiner Fisch im Vergleich zu der gemeinsamen Erpressung durch Goldman, Citibank, Bank of America, Meryl Lynch, Chase, Deutsche Bank, Lehman’s etc., deren spekulatives Spiel auf billigem Kredit Las Vegas wie ein Amateur-Pokerspiel aussehen lässt. Bis heute gab es nur eine geringe oder keine Strafverfolgung derjenigen, die dafür verantwortlich sind. Der sogenannte „freie Markt“, als der das manipulierte Finanzsystem aufgesetzt wurde ist intakt – Goldman-Verantwortliche beraten die Regierungen seit den 90er Jahren und sie machen weiter damit, das komplizierte finanzielle Geflecht, das sie erfunden haben, weiter zu betreiben, um die Schulden an die erste Stelle zu setzen. Die meisten Menschen in der westlichen Welt leben heute auf Kredit; eine geliehene Zukunft, bei der die augenblickliche Zufriedenheit auf einer Illusion des permanenten Reichtums beruht. Der zweite Teil des Songs beschäftigt sich mit dem Streben nach radikalen Alternativen zum Kapitalismus wie Occupy und Zeitgeist, Bewegungen, in die ich mich eine Zeit lang tatsächlich einfühlen konnte. Die Geschichte lehrt uns allerdings, dass Revolutionen am Ende genauso eine Illusion sein können wie die Täuschung, die sie eigentlich ersetzen wollen. Gleichgültigkeit und Abneigung sind es, die über den Idealismus siegen in einer fragmentierten Internet-Welt mit wenig Einigkeit hinsichtlich des Ziels oder des Auftrags.

Der andere Text ist der von „Darkness Over Eden“, bei dem die erste Zeile „I must confess to you I secretly love America“ einen ironischen Unterton zu haben scheint. Oder meinst du ein „anderes“, ein verlorenes Amerika? Aus meiner Sicht handelt der Text davon, dass wenn wir eine ideale Welt sehen – und wir lieben es, ideale Welten zu sehen – dass es trotzdem sehr wahrscheinlich ist, dass die Ruinen hinter dem Vorhang schon lauern.

Ich habe tatsächlich eine ambivalente Zuneigung zu Amerika; nicht als politisches oder moralisches Ideal sondern als Ort, wo Moral und Idealismus mit ihren Gegenstücken konfrontiert werden; der düstere Schatten des leuchtenden Optimismus, der den amerikanischen Geist immer geprägt hat. Amerika ist wahrhaftig ein Ort der Träume, der einen kraftvollen Reiz ausübt – sogar für die, die bekennen, es zu hassen. Die Idee, in ein Auto zu steigen und über den Kontinent zu fahren ist so alt wie „On The Road“ (Ein Buch des amerikanischen Autors JACK KEROUAC, wird auch als Manifest der Beatniks bezeichnet. Anm. d. Red.), aber das ist einfach das, was Amerika zu dem gemacht hat, was es ist. Bisher hat dieser Sinn für Abenteuer das rücksichtslose Streben nach Reichtum und Macht hervorgebracht, aus dem Gier und Gewalt in massiver Größenordnung entstanden sind. Die Idee, dass es jeder für sich schaffen kann, egal woher man kommt, ist ja ein universelles Thema, aber sie ist besonders ausgeprägt in dem Land, das tatsächlich auf dieses Prinzip schwört und es lebt. Ich bin ziemlich extensiv durch Amerika gereist – von der angenehmen Fadheit des „Orange County“ zu dem pittoresken Wrack Detroit und zu den armen aber stoisch unverwüstlichen Dörfern der Hopi-Indianer. Ich sehe ein Experiment in Freiheit in Amerika, das naive Blindheit und ungeheuerliche Offenheit geschaffen hat – extreme Selbstsucht und erstaunlichen Einfallsreichtum. Es ist Amerika, in dem Europa eine verkehrte Reflektion von sich selbst sieht. Wie RAMMSTEIN schon sagten: „We all live in Amerika.“  

„Paradise Down South“ ist ja eher ein klassisches Apocalyptic-Folk-Album. In den letzten Jahren gibt es aus meiner Sicht einen Mangel an guten, wirklich interessanten Bands in dem Genre. Glaubst du, dass die Idee mittlerweile aus der Mode gekommen ist?

Ich denke, das Genre hat auf verschiedene Arten aufgehört ein Genre zu sein und ist kollabiert bzw. in andere Richtungen explodiert, wobei Elemente des Ursprungs beibehalten wurden. Ich mag die Arbeit der Überlebenden wie OF THE WAND AND THE MOON und ROME, weil sie ihren Sound in eine anspruchsvollere Richtung entwickelt haben, der mit der Zeit ausgereifter geworden ist. Das Beste ist immer dünn gesät. Ich bin aber auch immer noch in echte Folk-Acts wie CHANGES und IN GOWAN RING verliebt.

Zu guter letzt: Der eine oder andere wartet sicher auf Live-Konzerte …

Ich plane zunächst eine Folge-E.P., wahrscheinlich auf Vinyl, bevor ich mich zurück auf die Bühne wage. Das ist eine persönliche Entscheidung, die sich momentan richtig anfühlt, vor allem, weil einiges an Boden gut zu machen ist, seit OSTARA ein Einzelgänger-Act geworden ist. Aber die Zeit wird kommen und ich freue mich definitiv darauf.

 
Tony F. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» OSTARA-Homepage

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