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Tony F.

18. Wave Gotik Treffen 2009

Teil II


18. Wave Gotik Treffen 2009
Kategorie: Spezial
Wörter: 2826
Erstellt: 14.06.2009
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Prolog
Der riesige Vorteil eines Leipzigbesuches liegt inzwischen darin, sich am Ende des Pfingstwochenendes von allen übriggebliebenen Illusionen über alternative Szenen und Subkulturen restlos befreit und dementsprechend erleichtert zu fühlen. Das 18. Wave-Gotik-Treffen war einmal mehr der furztrockene, vorgetäuschte ästhetische Orgasmus einer gealterten Generation von Angepassten und deren massengefertigtem One-Size-Fits-All-Nachwuchs, eine Schaubühne für spaßhabende Spießer, die über nichts zufriedener und glücklicher waren, als über die Möglichkeit, sich während des Auftritts ihrer Lieblingsband an der Frittenbude gegenüber der Bühne mit Fettreserven versorgen zu können, eine kilometerlange schwarze und neonfarbene Durststrecke für prätentiöse Gehirne, die sich einbilden, einen Fetisch für ausgefallene Uniformen (Dieses Jahr waren wohl Mundschutz und leuchtende Kunstrastas das Nonplusultra, wir warten sehnlichst auf die Fusion von WGT und Love Parade.) entwickelt zu haben. Diese jedes Jahr zu Tausenden auflaufende Szene ist heute so unfassbar langweilig und langweilend wie jedes andere gleichgeschaltete Rock- und Poppublikum, gerade weil sie sich nur noch von einem abgestandenen Rest Selbstironie und billigem, familiären Kleingartenhumor ernährt.
Dass dieses Festival dabei eine gesamteuropäische, ja sogar transatlantische Angelegenheit ist, verwundert dabei umso mehr, oder eröffnet zumindest den Verdacht, dass erst durch das Zentrum Leipzig diese typisch preußische Borniertheit auf die gesamte Szene abfärbte. Wer trotzdem hingefahren ist, um das alles noch einmal von Neuem zu inhalieren, wird schnell erkannt haben, dass jedoch die Schelte genauso schal schmeckt wie die Gescholtenen und schon allein deswegen konzentrieren wir uns im Folgenden ganz auf das Wesentliche, nämlich auf die Konzerte ...

Freitag
Nach einer heiteren Irrfahrt durch Leipzig auf der Suche nach freundlichen Menschen, die uns ein Stück Stoff ums Handgelenk binden würden, erreichten wir den Monumentalbau der Kuppelhalle rechtzeitig genug, um die neuen Alpin-Folk Helden von JÄNNERWEIN und Schlaftablette KIM LARSEN (OTWATM) gerade verpasst zu haben. Egal auch. Innen war's stickig und aufdringlich überfüllt von Leuten, die nur mal kurz reinschauen wollten und doch irgendwo steckenblieben. Ein Ellenbogenspaziergang durch die kreisrunde Galerie fühlte sich an wie eine Karussellfahrt im Schneckentempo, im Hintergrund dudelten schon ROME, die ihre bereits ausverkaufte Debüt-EP bei TRISOL vorstellten, und ich nutzte das mich wenig angehende Konzert dazu, in der Menschenmenge ein paar bekannte Gesichter auszumachen und zu begrüßen. Der in jeder Hinsicht lustlos und gezwungen wirkende Auftritt zog sich dabei dermaßen in die Länge, dass ich jedem Anwesenden im Saal einzeln hätte Hallo sagen können (was die meisten sicher verwundert hätte), weshalb es am Ende sinnvoller erschien, sich für die letzten Minuten dem Belanglosen zu ergeben und etwas genervt auf FIRE + ICE zu warten. Von einer „Band“, die seit neun Jahren nichts mehr veröffentlicht hat und nur noch spärlich am Szenediskurs teilnimmt, erwartet man auf der Bühne im Grunde nur noch ein bisschen heimliche Nostalgie und ein kurzes, seufzendes Aufflackern der „greater times“. Als IAN READ dann zu uns Sterblichen heraustrat, erlebte (hoffentlich) ein jeder Einzelne, dass da doch mehr war und dass es trotz allem ewiggültiges, ewigschönes Wahrhaftiges in dieser Welt gibt und die Hoffnung zuletzt stirbt. FIRE + ICE-Konzerte, das ist mir nun bewusst geworden, haben immer etwas Ek-statisches und Erleuchtendes, gerade auch weil die Lieder so wehmütig durch Verlorengegangenes und Besiegtes hindurchführen und zu älteren Quellen weisen. Der Barde READ, dessen schöner, freimütiger Gesang lieber in kleinen holzverkleideten Folkclubs ertönen sollte, wirkte dabei wie ein Herabgestiegener, eine zeitlose, mythische Figur, starr und steinern auf der Bühne stehend, wie ein Fels in der Brandung und dennoch innerlich tief bewegt von den Liedern, die er an diesem Abend vortrug. Auch zwischen den Songs verharrte er still und in sich lauschend, fast so, als wünsche er sich überhaupt keinen Applaus und als würde das laute Klatschen der Hände ihn nur beleidigen. Wenn er sich dann doch einmal zu einem schelmischen Lächeln hinreißen ließ, glaubte man in diesem provinziell kauzigen aber auch stolzen Trachtenanzug den späten Heidegger, den „Zauberer von Meßkirch“ auferstehen zu sehen. Nicht häufig strahlt auf der Bühne, zumal bei Szenekonzerten, von einer einzelnen Person eine so unglaublich starke Präsenz auf das Publikum ab und wie viel seltener noch verbindet sie sich mit einer so liebenswerten Bescheidenheit und vornehmen Größe. Die drei Musiker im Hintergrund zauberten dazu mit Gitarren, Cello und Schlagwerk eine stets angemessene Untermalung hervor, mal schöngeistig-grazil, mal schmissig-neofolkig. Ob der Klang perfekt war oder durchwachsen? Nichts hätte mir gleichgültiger sein können, ich war völlig hingerissen von READs ehrlicher, aufrichtiger Art. Den traditionellen Liedern hauchte er noch einmal frisches Leben ein und die bittere Elegie „Gilded By The Sun“ trieb für einen kurzen Moment sogar ihrem Sänger Tränen in die Augen, beim Gedanken an das alte, untergegangene goldene Albion.

 

Zweimal hatte die Band dem Applaudieren und Rufen seiner Zuhörer nachgegeben und brachte unter anderem das alte FAIRPORT CONVENTION-Cover „Crazy Man Michael“, danach ermahnte uns ein sichtlich erschöpfter IAN READ, geradeso wie ein gütiger Großvater seine nimmermüden Enkel rügt, uns mit dem Dargebotenen endlich zufrieden zu geben. Was für ein Abgang, wenn einem so FIRE+ICE in Erinnerung bleiben sollte, wird alles andere zum Thema Neofolk sekundär.
Hernach, aber auch schon vor dem Auftritt von FIRE+ICE herrschte in der Kuppelhalle ein deutlich angenehmeres Klima, vor allem weil viel Volk (manche von ihnen wohl vergeblich) zu DIE FORM abgewandert war. Mit DJ Pockrandt ging es dann durch die Nacht und auf eine nostalgische, semi-sentimentale Eis & Licht-Erinnerungsreise („jeder Song ein Hit“), was selbst uns nach ein paar Stunden zu rührselig wurde, zumal uns in Anbetracht der morgigen Ereignisse ein kleiner Erholungsschlaf bitter nötig schien.

Sonnabend
Ich fasse mich kurz, denn die lieben Kollegen haben an diesem Tag vermutlich aufmerksamer als ich gelauscht und beobachtet. Nachmittags ein bisschen Geld für rare und niemals zu finden geglaubte Platten ausgegeben und über die Zukunft des WGTs philosophiert (siehe Prolog). Die AGRA-Halle, den ultimativ und abgründig hässlichsten Veranstaltungsort des „Treffens“, bezogen wir recht früh, um den Auftritt von VOMITO NEGRO nicht zu versäumen und mich beschlich bei dem Gedanken, dass CURRENT 93 heute Nacht hier in diesen gottlos nüchternen Räumen auftreten werden, etwas Abscheu und Ekel.
Das 1983 gegründete Projekt VOMITO NEGRO zählt definitiv zu den Urgesteinen und legendärsten Acts der belgischen EBM-Szene, die damals noch wesentlich mehr mit richtigem Industrial als mit glamour-disoctauglichem Synthie-Pop zu tun hatte. Ihr Sound an diesem Abend in Leipzig kam anfangs überraschend „old-school“ rüber und verpasste manch älterem Fan sicher einen wohligen Spät-Achtziger-Flashback. Sänger GIN DEVO boxte seine Songs dabei sympathisch quer durch die Halle, sympathisch vor allem deswegen, weil er sich auf der Bühne eher als Arbeiter denn als Poser gab. Auch ich als Spätgeborener durfte dabei ein wenig in Jugenderinnerungen graben und genoss für ein paar Minuten die staubtrockene, gnadenlos aber auch mit einer gewissen Coolness vorpreschende Motorik der belgischen Maschinen. Mit den ersten neuen Songs flachte das Set etwas ab und zum Ende hin war ein eigenartiger Abdrift in tribale Trance-Rhythmen zu verspüren, die nur noch durch die übertrieben hochgefahrene Lautstärke durch den Saal wummern konnten und ansonsten meine Gelenke ziemlich kalt ließen. Ein sehr unglückliches und viel Ratlosigkeit hinterlassendes Finale für eine so hoffnungsvoll und selbstbewusst auftaktende Performance. Nun war mir tatsächlich ein wenig die Stimmung verdorben,  YELWORC waren außerdem grauenvoll.

Autofahrt zum Anker – Straßen, Häuser, Nieselregen. Dort angekommen hatten OSTARA gerade ihr Akustik-Set begonnen. Nahezu alles was ich davon gesehen und gehört hatte, erinnerte mich irgendwie an den sehr schönen letzten „Lichtreigen“ im Frühjahr 2005, was ich mir so auslegte, dass sich in diesen vier Jahren bei OSTARA trotz der gescheiterten Goth-Rock Eskapade wohl nichts zum Schlechten gewendet hatte, aber RICHARD LEVY in all dieser Zeit auch nicht sonderlich weitergekommen zu sein schien. Fast hätte ich mir gewünscht, dass mich diese Überlegung ein wenig betroffen machen würde, aber die Geschehnisse auf der Bühne waren mir aus keinem bestimmten Anlass eher gleichgültig. Ich strich etwas unruhig durch die Zuschauerreihen, plauderte mit italienischen Bekannten und wartete gespannt auf den Auftritt von 6COMM.
Wie ein stummer Kriegsveteran marschierte PATRICK LEAGAS nun in Vollmontur und wahnsinnig stierenden Blickes auf die Bühne. Ob er das wohl bis zum Ende so durchstehen würde, schoss mir durch den Kopf, da war mir die Bedeutung dieses Sets noch nicht in all seiner Konsequenz bewusst. LEAGAS hatte keine Gastmusiker beauftragt, der überwiegende Teil der Musik kam vom Band, aber der Herr trommelte dennoch unermüdlich, manchmal bließ er auch – Mundharmonika und Melodica (nur die alten DIJ-Fanfaren haben gefehlt) oder beschwor magisch zuckende Magnetfelder. Vor allem aber war da diese überragende, wuchtige Stimme, die gestern wie heute die „interne Konkurrenz“ PEARCE und WAKEFORD überdeutlich auf die Ränge verwies. Wie sich der Ärmste nun so in den Neubearbeitungen seiner alten Hits von „Sonfelte“ bis „Calling“, von „Foretold“ bis „A Nothing Life“ auf der Bühne abarbeitete, schien mir das Ganze zu einer aberwitzigen Psychoshow zu mutieren. Aber genau das war der Kniff: LEAGAS musste dort oben allein bestehen, alles andere wäre nicht 6COMM gewesen. Er musste es einfach ganz allein durchziehen, wie ein verlorengegangener Soldat, ein Einzelkämpfer, ein Abtrünniger, der letzte Agent der „dignity and solitude“-Ära, dessen einziges Pathos nur noch im ewigen Nachhall des „... to fight in isolation“ bestand. Und mit diesen Gedanken im Hinterkopf ging nun plötzlich alles auf: Ein mächtiger, fesselnder, taumelnd machender Auftritt entfaltete sich, dessen Höhepunkt für mich in der andächtigen Beschwörung von „Torture Garden“ bestand. Danach kamen ein paar neuere Nummern aus der „Headless“-Phase, die sicher gut und interessant waren, aber so doch nur wie ein seltsames Anhängsel wirkten.

Nach den üblichen Orientierungsübungen, einem kurzen Nachtspaziergang und ein bisschen NOVÝ SVET auf einem Treppengeländer ging es zurück in die AGRA-Halle. Wahnwitziges ging mir dabei durch den Kopf: Binnen so kurzer Zeit IAN READ, PATRICK LEAGAS und nun auch noch DAVID TIBET zu sehen, das ist für einen (immer noch) bekennenden Neofolker schon eine Art Kuriosum. Dass alle drei zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten auftraten, steht symbolisch für die Zerrissenheit der einst so harmonischen WORLD SERPENT-“Familie“.
Trotz Nachtkaffee müde und fertig und bereit vom Herrn erlöst zu werden, schleppten wir unsere Körper in die Konzerthalle. Dort hatte sich schon ein ganzes Bündel vor der Bühne versammelt, andere saßen verstreut auf dem Boden, wie in einem apokalyptisch beleuchteten Auffang-Camp, auf die Ankunft des Messias wartend. Dann lief ein Schlager aus den 60ern, der nach einiger Zeit in einem Noisegewitter erstickte und DAVID MICHAEL, BABY DEE, JOHN CONTRERAS und ALEX NIELSON versammelten sich mit einer Armada von Gitarristen (unter ihnen auch die Folkies JAMES BLACKSHAW und KEITH WOOD) auf der Bühne. Was nun folgte, war eine episch-rockige, leicht-doomig angehauchte Darbietung des aktuellen Aleph-Materials, das, wie mir schien, trotz der muskulösen Instrumentierung eine ganze Spur seichter als auf dem Album vermittelt wurde. Kraftlos und zermürbt von den vorherigen Konzerten, und nicht nur räumlich weit entfernt vom Geschehen auf der Bühne, wippte ich irgendwo in den hinteren Reihen mit und hoffte auf ein paar psychedelische Entgleisungen, die realiter aber sehr sauber und berechnet wirkten. Erst in der nimmerendenden Koda von „Not Because The Fox Barks“ ergab sich TIBET so kompromisslos und besessen, wie ich es von ihm erwartet hatte, dem Wahnsinn und der Ekstase. Kreuzigungsphantasien schwappten dann unsichtbar durch die Halle und vermählten sich mit dem unzählig wiederholten, durch Mark und Bein strömenden „anyway murderer“. Ein sehr starker, endgültiger Moment ... von hier an zerfasern meine Erinnerungen. CURRENT 93 und das Wave-Gotik-Treffen waren für mich übrigens von Anfang an völlig unvereinbar gewesen, und so ist auch mein Andenken an diese Nacht das eines sehr unwirklichen, vielleicht gar nicht stattgefunden habenden Konzertes.

 

Montag
Den Sonntag hatten wir fernab des Leipziger Trubels zum Ausspannen genutzt, nun stand im Centraltheater unser eigentlicher, italienischer Höhepunkt des Festivals an. Wie sehr hatte ich tagelang in freudiger Erwartung gezittert und gelitten, und auch die begrenzte Platzanzahl im Schauspielhaus zu fürchten gelernt. Am Ende lief trotz des unerwarteten Ansturms jedoch alles glatt und die famose genovesische Truppe von IANVA, die bereits zu Silvester in Leipzig angerückt war, spielte nahezu pünktlich auf. Unter tosendem Jubel und mit der vornehmen Verwegenheit eines Ardito trat Sänger MERCY auf die Bühne des Theaters. IANVA, das muss vornweg gesagt sein, sind im derzeitigen Musikbetrieb eine äußerst rare Ausnahmeerscheinung, eine Gruppe, die ihr Schaffen unter höhere Prinzipien als die der Distinktion und Pose stellt, und mit viel Herz und Verbissenheit das erreicht, woran die meisten Künstler scheitern: eine wahre identitätsstiftende, absolute Musik, die einen angeht, weil sie in jeder Faser echt und lebendig ist. Und wie anders könnte sich da ein Auftritt ausnehmen, als unter vollem Einsatz der großen Leidenschaften, aber auch mit Eleganz und Vorsicht vor falschem Überschwange. Dass sie diese goldene Mitte auch live immer treffen, ist für die sieben Musiker und die beiden Sänger eher eine Sache der inneren Aufrichtigkeit als der Berechnung.
Die vielschichtig orchestrierten Chansons des Ensembles sind sicher nur schwer und mühevoll auf die Bühne zu bringen, doch erstrahlten sie an diesem Abend ohne den Glanz und Charme ihrer Studioaufnahmen einzubüßen, was vor allem durch die überreiche Instrumentierung gewährleistet wurde, die von mehreren Akustikgitarren, über Trompete, Akkordeon, viel Schlagzeug bis hin zu altmodischen Synthieflächen nichts vermissen ließ. In ihrer Synthese aus ländlichem Folk, urbanem Schlager und experimentellem Rock erwecken IANVA das alte Italien in seiner Gänze zu neuem Leben, im Zelebrieren der halluzinatorischen Bilder von „Disobbedisco!“, mehr ein surreales Musical als ein Album, das nun hier im Schauspielhaus zur Hälfte inszeniert wurde, mitsamt all dem verführerischen Versteckenspielen der großen Diva Elettra Stavros, dem tragisch endenden Schicksal des Maggiore Renzi und dem schnell trunken machenden Taumel des Fiume-Abenteuers, der uns beim vulkanischen Trommelfeuer von „Di Nuovi in Armi“ zum ersten Mal unsere Not, an die Theatersitze „gefesselt“ zu sein, lautstark ins Bewusstsein rief.
Die zweite Hälfte des Konzerts war nun der Vorstellung des dieser Tage erscheinenden zweiten Albums „Italia: Ultimo Atto!“ gewidmet, ein komplexes, ernstes und schicksalschweres Werk, das nichts weniger, als die italienische (und damit in einem gewissen Sinne auch europäische) Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts noch einmal neu aufrollt. Zu den gespielten Stücken zählten die ironische Folklore- und Cabaret-Nummer „In Compagnia dei Lupi“, die den Montesi-Skandal behandelt, das Western- und MORRICONE-lastige „Pasionaria“ über den epochalen Winter der bleiernen Jahre, und zum Schluss das feurige, eindringlich fragende „Dov'eri tu quel giorno?“. Den großen theatralischen Gipfel ihrer Darbietung aber erklommen IANVA zuvor mit „Luisa Ferida“, das von der Ermordung der Diva des italienischen 30er und 40er Jahre Kinos durch Partisanen erzählt. Ein
bewegendes, kathartisches Epos, das einen bis zum letzten Ton unruhig und mitgerissen in den Sitzen hin- und herrutschen ließ, ein Lied, bei dem jeder auf und vor der Bühne alles in seiner Macht stehende, „Furcht und Mitleid“, bedingungslos gegeben hat. Was hätte da noch kommen sollen? Für mich ist mit diesem Lied musikalisch auf lange Sicht alles gesagt.
Bevor der Vorhang fiel, verneigte sich die Gruppe, der eine Zugabe aus Zeitgründen verwehrt wurde, unter rauschendem Beifall und stehenden Ovationen, die sie sich redlich verdient hatten, diese wagemutigen und poetischen Italiener, diese echten Menschen, „ragazzi dal formidabile cuore“.
Zerknüllt aber glücklich mussten wir den Saal verlassen und überlegten ernsthaft wie nach einem solchen Auftritt, der einem seelisch und körperlich alles abverlangte, nun noch CAMERATA MEDIOLANENSE zu überstehen sei. Lieber Leser, ich bitte nun zu entschuldigen, dass ich mich von hieran völlig der Verantwortung entzogen habe, dass ich mich gehen ließ und bar jeder Kraft und mit aufgezehrten Energiereserven wieder in den Saal begeben habe und ich das folgende Konzert wie von fernher im Wachkoma an mir vorüberziehen ließ. Gewiss, da waren viele göttliche Stimmen und orchestraler Schall und mächtiges Anbrausen der Trommler und sicher war dies alles schön und perfekt bis ins Letzte. Aber das alles schien irgendwo weit weg in eine andere Sphäre zu schweben und mehr als einmal sich ganz herzugeben, war mir an diesem Abend nicht möglich.
Nach den Konzerten eine Plauderstunde mit den Helden, die sich unters Volk gemischt hatten und dann ein Ausflug zur inoffiziellen Patientenfront in der abgelegenen Kantine der Kuppelhalle. Nur mäßig besucht, aber dennoch durch und durch angenehm und sympathisch bot die von den IRONFLAME-Machern gestemmte Veranstaltung mit alten Hits von ESPLENDOR GEOMETRICO und MONTE CAZAZZA einen genüsslichen Ausklang des Festivals.
Ein eigenartiges, denkwürdiges und letztendlich auch sehr lohnenswertes WGT nahm hier sein Ende, ein WGT, das nie so sehr den scharfen Kontrast aufwarf, zwischen  so echten, charismatischen Persönlichkeiten wie IAN READ, PATRICK LEAGAS, den Musikern von IANVA et tutti quanti und den an nichts mehr interessierten Pappfiguren und zombiehaften Sklaven des „consumismo“, die an diesem Wochenende Leipzig „auch“ bevölkerten.

FINE

von Roy L.


 
Tony F. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Offizielle Seiten des WGTs
» NONPOP-Galerie zum 18. WGT
» PETER MURPHY auf dem 18. WGT (NONPOP-Besprechung)
» QUELLENTHAL in Leipzig

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Fall apart
(20-06-2009, 16:42)
"Wahnwitziges ging mir dabei durch den Kopf: Binnen so kurzer Zeit IAN READ, PATRICK LEAGAS und nun auch noch DAVID TIBET zu sehen, das ist für einen (immer noch) bekennenden Neofolker schon eine Art Kuriosum. Dass alle drei zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten auftraten, steht symbolisch für die Zerrissenheit der einst so harmonischen WORLD SERPENT-“Familie“."

Nicht zu vergessen John Murphy, den ich bei Current 93 auch im Publikum gesehen zu haben glaubte. Mir ist erst Tage später eingefallen, dass er ja quasi Current 93-Gründungsmitglied war. Dass er jetzt bei der Weissen Rose gelandet ist potenziert oben angesprochene Zerrissenheit noch einmal um ein Vielfaches.
haha
(16-06-2009, 12:09)
Roy & Martin (Our fav Nonpop Twins!)

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