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Tony F.

Im Kino mit IN THE NURSERY

Ein Interview zu "The Passion Of Joan Of Arc"


Im Kino mit IN THE NURSERY
Kategorie: Spezial
Wörter: 2473
Erstellt: 08.02.2009
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Der Grund für dieses Interview mit IN THE NURSERY ist eigentlich die Veröffentlichung der Filmmusik zu „La Passion De Jeanne D'Arc“. Einige Monate nachdem die Brüder KLIVE und NIGEL HUMBERSTONE ihre Musik im Rahmen von Filmvorführungen erstmals live vorgestellt haben, erschien im Herbst letzten Jahres das dazugehörige Album, welches eine weitere Arbeit in der Kategorie Optical Music Series im Schaffen der Band darstellt. Nicht zum ersten Mal hat man sich schließlich daran gemacht, einen Stummfilm neu zu vertonen. Bei „La Passion De Jeanne D'Arc“ - im Interview wird aus Vereinfachungsgründen alleine der englische Titel der Albumveröffentlichung "The Passion Of Joan Of Arc" benutzt - handelt es sich um einen französischen Stummfilm von CARL THEODOR DREYER aus dem Jahre 1928, der lange Zeit nur als verstümmelte Fassung vorlag . Er behandelt das Verfahren gegen Jeanne d’Arc bis zu dem Punkt, an dem sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt wird und stützt sich dabei auf historische Originalprotokolle. Der Film selbst entfaltet eine kammerspielartige Wirkung. Er arbeitet mit oft sehr langen Einstellungen und einer teilweise extremen Fokussierung der Gesichter der Schauspieler. Der daraus resultierende langsam fließende Rhythmus des Films bestimmt somit auch die Musik, die zumeist zurückhaltend und flächig wirkt. Sie ist deshalb auch nicht von der Dynamik gekennzeichnet, die sonstige Arbeiten von IN THE NURSERY ausmacht. Lediglich Stücke wie „Abjure“ oder „Dove Of Fire“ stechen aus dieser ruhigen, eigentlich schon als Ambient zu bezeichnenden Musik mit ihrer Dynamik und auch Wucht hervor, sodass diese Stücke tatsächlich auch für sich stehen könnten. Aufgrund dieses musikalischen Ausdrucks kann man sich natürlich wie immer bei Filmmusik fragen, ob der Genuss allein des Albums ohne den visuellen Aspekt eine packende Angelegenheit ist. Für alle, die eine Aufführung von IN THE NURSERY gesehen haben, kann man das sicher eher positiv beantworten, da die gesehenen Bilder wie ein innerer Film mitlaufen. Dagegen wird die isolierte Rezeption des Materials wohl kaum Jubelstürme auslösen. Der Film hätte von seiner Art her allerdings auch kaum eine dynamischere Umsetzung vertragen. Zudem sollte die Musik einen Film auch nicht unbedingt dominieren. Nichtsdestotrotz habe ich die Brüder HUMBERSTONE zu ihrer neuen Arbeit und zu sonstigen Geschehnissen rund um IN THE NURSERY befragt. 


IN THE NURSERY haben auf den letzten drei Wave-Gotik-Treffen in Leipzig gespielt, und ihr habt zudem – mit wenigen anderen Bands – eine führende Position in Bezug auf die Gesamtanzahl der WGT-Auftritte. Ist das ein spezielles Festival für euch und was macht es so interessant?

KLIVE: Wir haben kurz nach der deutschen Einheit damit begonnen, Konzerte in Leipzig zu spielen. Die Stadt schien zu diesem Zeitpunkt ein anderer Ort zu sein – immer noch schön aber eine ziemlich herbe Schönheit. Eine Stadt im Kampf, um ihre alte Pracht wiederherzustellen. Wir hatten das Glück, über die Jahre so oft eingeladen zu werden, um beim Treffen zu spielen. Ich denke, wir hatten so viele Auftritte, weil wir zwischen Live-Band-Shows, Stummfilmvorführungen und dem „Monumentum II“, der großartigen Eröffnungszeremonie von 2007, hin und her gewechselt haben. Ich mag dieses Festival – und egal ob wir im nächsten Jahr dort spielen oder nicht – ich werde ohnehin dort sein.

Du hast das “Monumentum II” am Völkerschlachtdenkmal angesprochen. War der Auftritt eine interessante Erfahrung für euch und wie gestaltete sich die Musikauswahl?

KLIVE: Ungefähr 2004 haben wir die Idee für das “Monumentum II” zum ersten Mal diskutiert. Als erstes führten wir Gespräche mit PETER MATZKE und besuchten das Gelände und die Krypta. Zu dieser Zeit war es lediglich eine wunderbare Idee. Aber wir ließen uns von der Umgebung inspirieren – machten sogar Notizen zu Hallverzögerungen, um das in den Prozess des Schreibens einzubinden. Die Organisatoren wollten schließlich, dass wir ein halbstündiges Werk präsentieren, in das Elemente von klassischen Komponisten eingearbeitet werden sollten, die Verbindungen zu Leipzig hatten – also Arbeiten von BACH, WAGNER, LIZST und MAHLER.

Auf dem WGT 2008 habe ich euch in der Krypta des Völkerschlachtdenkmals gesehen, als MATT HOWDEN dort ein aus meiner Sicht ziemlich beeindruckendes Konzert gespielt hat. Ist es für euch wichtig, auch andere Konzerte auf dem Treffen zu besuchen? Und hat euch das Konzert gefallen?

KLIVE: Es war eine große Freude, MATT in der Krypta spielen zu sehen. Es war eine wunderbare Performance und ich glaube, dass jeder der dabei war fühlte, dass er einem speziellen, einmaligen Erlebnis beiwohnt. Wir versuchen eine Menge Bands auf dem Treffen zu sehen. Manchmal trifft man sich mit Freunden von Bands wie AND ALSO THE TREES, DIARY OF DREAMS oder THE HUMAN LEAGUE – aber um auch eine neue Band zu erwähnen – im letzten Jahr habe ich die DRAGONS gesehen, die es wirklich wert waren, gesehen zu werden.

Als ich euch in der Krypta sah, habe ich mir gedacht, dass es eine gute Idee sein könnte, wenn es einmal zu einer Kollaboration zwischen ITN und MATT HOWDEN kommen würde. Und nun habt ihr in Sheffield am 17. September 2008 tatsächlich zusammen gespielt. Was war das für eine Performance und gibt es irgendwelche gemeinsamen zukünftigen Aktivitäten zusammen mit MATT?

NIGEL: Obwohl wir von der gleichen Stadt aus operieren, haben wir erst kürzlich damit begonnen, mit MATT zusammenzuarbeiten, obschon der Punkt der Kollaboration schon immer oben auf der Agenda stand. Unsere spezielle Performance in der Millennium Galerie in Sheffield beruhte auf einer Einladung, ein kurzes Konzert in Bezug auf die Arbeit und die Karriere von VIVIEN WESTWOOD zu spielen, das dann während der Ausstellung stattfand. Wir suchten das Stück „Material & Form“ vom „Era“-Album aus und arrangierten dann zunächst eine rohe Punk-Version, die schließlich in eine erweiterte und verbesserte Version des Originals übergeblendet wurde. Dem Ganzen folgten dann als drittes noch einige improvisierte Momente. Wir luden LIZ HANKS, die schon auf vielen ITN-Veröffentlichungen Cello gespielt hat, und MATT HOWDEN ein, um uns bei dem zweiten und dritten Teil zu unterstützen. Mit nur zwei kurzen Proben und einer zwölfminütigen Performance war es ein interessantes und einzigartiges Projekt.

Vor einiger Zeit wurde ein neuer Teil eurer Optical Music Series namens “The Passion Of Joan Of Arc” veröffentlicht. Auf dem WGT 2008 wurde der Stummfilm mitsamt eurer Live-Musik in der Kuppelhalle aufgeführt. Warum habt ihr gerade diesen Film für ein neues Filmmusikprojekt ausgesucht?

NIGEL: “The Passion Of Joan Of Arc” war einer dieser Filme, über die wir sehr viel gehört und gelesen haben, aber den wir nie gesehen hatten. Und als wir ihn dann in Vorarbeit auf unseren siebten Optical Music Score gesehen haben, war es offensichtlich, dass wir eine neue ITN-Filmmusik schreiben sollten. Ich glaube nicht, dass wir zu der Zeit den ganzen Film gesehen haben, aber wir begannen sofort damit, neue Musik zu schreiben, die von den wenigen Bildern, die wir gesehen hatten inspiriert wurde – Bilder, die nur schwer zu vergessen sind.

Denkt ihr, dass einige Aspekte des Films immer noch von aktuellem Interesse sind?

NIGEL: Selbst heute nach 80 Jahren in einer sich schnell ändernden Welt ist “The Passion Of Joan Of Arc” ein ungeheuer kraftvoller und spiritueller Film. Ich sage spirituell statt religiös, weil Religion so trennend und destruktiv sein kann. Persönlich sehe ich viele Aspekte des Films, die für heutige Zuschauer immer noch relevant sind – Verfolgung, der Glaube an sich selbst und Stereotypisierung, um ein paar zu nennen.

Wie arbeitet ihr an einem neuen Filmmusikprojekt? Arbeitet ihr, während ihr den Film seht, oder bereitet ihr Teile vor, die ihr später zusammenfügt?

KLIVE: Nachdem wir den Film ohne Musik gesehen haben und einige Abschnitte für uns festgelegt haben, beginnen wir damit, eine Reihe von musikalischen Skizzen zu schreiben, die die Stimmung und Atmosphäre widerspiegelten, die wir rüberbringen wollten. Wir neigen dazu eine Menge Ideen zu verwirklichen. Mehr als wir eigentlich benötigen. Die Stücke werden dann während bestimmter Szenen gespielt. Wenn sie als passend erscheinen, dann arbeiten wir an dem Teil weiter – Feinarbeiten und das Hinzufügen von zusätzlichen Instrumenten. Wir brauchen ziemlich lange, um die richtigen Klänge für den Film auszuwählen. Wenn wir Musik für die Optical Music Scores schreiben, wird es schnell offensichtlich, welche Instrumente am besten passen, welches Timbre die Stimmung der Geschichte am besten trifft, und das beschert uns schließlich eine Palette von Klängen, mit denen wir dann arbeiten. Dieser Prozess kann Wochen dauern, aber es ist es wert zu experimentieren, weil das Endresultat das Schreiben zu einer einfacheren und erfreulicheren Angelegenheit macht.

Die Einstellungen im Film sind sehr lang und fokussieren die Gesichter ziemlich stark. Die Schnitte sind ebenfalls etwas ungewöhnlich für Zuschauer, die normalerweise moderne Filme gucken. War es für euch schwierig, mit solch einem Material zu arbeiten?

KLIVE: Wir sahen den Film zu Beginn wie gesagt ohne jeden Ton und von da an arbeiteten wir den Stil der Musik aus, der am besten passte. Wir spürten, dass alles zu Dramatische die Bilder in den Hintergrund drängen würde und den Zuschauer von der Geschichte und der Essenz des Films trennen würde. Der Film enthält einige extreme Nahaufnahmen der Gesichter der Schauspieler, die eine angstvolle Intimität erzeugen, und er bricht mit erwarteten Filmregeln was die Kontinuität angeht. Das verschaffte der Musik Freiheiten, um eine Stimmung zu erzeugen – aber wir mussten vorsichtig sein, damit nicht auf einmal wir die Geschwindigkeit und den Rhythmus des Films bestimmen.

Ihr habt nicht viel Perkussion verwendet. Habt ihr gespürt, dass solche Klänge nicht zu dem Film passen würden?

NIGEL: Im Kern hast du dir deine Frage schon selbst beantwortet. Es gibt einige, recht subtile Rhythmussektionen – aber grundsätzlich verwenden wir Perkussion nur, wenn wir spüren, dass das der Film verlangt.

In Leipzig habt ihr zwei Aufführungen an einem Tag begleitet. Am Nachmittag – die ich auch besucht habe – und in der Nacht. Ich kann mir denken, dass das recht anstrengend war. Gab es für euch Unterschiede in den beiden Aufführungen?

NIGEL: Ich würde nicht sagen, dass das anstrengend war. Die Zeit zwischen den beiden Auftritten erlaubte es uns, in die Stadt zu gehen und andere Veranstaltungen zu besuchen, was sehr nett war. Wir haben immer gesagt, dass wir unsere Filmmusiken nicht improvisieren. Alles ist sorgfältig geplant, sodass beide Vorführungen relativ gleich gewesen sein dürften – ausgenommen kleinere Spielfehler oder technische Störungen. Die zwei Aufführungen variierten definitiv in der Atmosphäre, was das unterschiedliche Publikum betraf – und dessen Alkoholgenuss. Die Show am Nachmittag war aus unserer Sicht die bessere, weil das Publikum absolut von dem Film vereinnahmt schien.

Aus meiner Sicht gibt es in dem Film zwei großartige Szenen in Kombination mit der Musik. Die erste ist die Szene in der Folterkammer – das Endstück von „Abjure“ auf der CD – und die zweite ist das Finale („Dove of Fire“). Würdet ihr mir zustimmen?

NIGEL: Das sind sehr starke Teile ebenso wie “Taunting Guards”, das für mich in einer subtilen Art die Qual reflektiert, die Joan erdulden muss.

Meiner Meinung nach kreieren gerade die finalen Szenen eine sehr emotionale Atmosphäre. In den ersten Augenblicken nach dem Ende des Films konnte man eine kurze Stille im Publikum wahrnehmen. In den ersten Momenten war ich auch nicht fähig, sofort zu applaudieren. Ich hatte zudem das Gefühl, dass euch der Film ebenfalls emotional berührt hat.

NIGEL: Wir haben diese verzögerte Reaktion des Publikums bisher bei den meisten Aufführungen wahrgenommen. Das Ende ist derart emotional und bietet Stoff zur Reflexion, dass es schwierig ist, sofort zu applaudieren – was zutiefst verständlich ist.

Wo wurde “The Passion Of Joan Of Arc” noch aufgeführt und wie waren die Reaktionen darauf?

NIGEL: Die Premiere unserer neuen Filmmusik in der Kathedrale in Sheffield als Teil des Sensoria Festivals war eine sehr erinnerungswürdige und bewegende Erfahrung für uns und das Publikum – viele Zuschauer wurden zu Tränen gerührt. Danach haben wir den Film in London (Barbican Cinema), Kosovo (Dokufest), Prag (MOOFFOM) und im The Silent Movie Theatre (Los Angeles) aufgeführt. In Kürze werden wir ihn noch in der St. Martin's Cathedral in Leicester präsentieren. Die Reaktionen waren eigentlich immer enthusiastisch.

Der Soundtrack ist ja auch mittlerweile auf CD erhältlich. Habt ihr darüber nachgedacht, eine DVD mit Film und Soundtrack zu veröffentlichen?

NIGEL: Die Freigaben für eine DVD-Veröffentlichung zu bekommen, ist immer problematisch, weshalb wir mit Organisationen wie der BFI zusammenarbeiten. (British Film Institute – Organisation, die im Wesentlichen für die Archivierung und die Filmförderung gegründet wurde. Anm. d. Verf.) Wir diskutieren gerade mit einigen Firmen, ob nicht unsere Filmmusik bei einer zukünftigen DVD Veröffentlichung von „The Passion Of Joan Of Arc“ Berücksichtigung finden könnte.

Letzten Sommer habe ich eine Performance von einigen Musikern gesehen, die ihr neu geschriebenes Material zum Stummfilm “Metropolis” vorführten. Das Ganze fand als Open-Air-Veranstaltung vor einer alten Kokerei und anderen Industriegebäuden statt. („Nacht der Industriekultur“ in der Kokerei Hansa/ Dortmund. Anm. d. Verf.) Die musikalische Gestaltung war allerdings nicht so gelungen. Aus meiner Sicht fiel sie für das Werk zu minimalistisch und uninspiriert aus. Ich denke, dass auch ihr davon gehört habt, dass vor einiger Zeit die lange als verschollen geglaubten Szenen des Films wiederentdeckt wurden. Wäre es für euch interessant, an solchen Orten aufzutreten und wärt ihr an einer neuen musikalischen Umsetzung des nun kompletten Films interessiert? Oder wäre das zuviel „Mainstream“ für euch?

KLIVE: Nicht wirklich “Mainstream”. Tatsächlich haben wir in der Vergangenheit schon einmal eine Präsentation von “Metropolis” in einer alten Stahlgießerei in Sheffield geplant – ein Ort der heute „Magna“ heißt. Das Ereignis wurde aber niemals in die Tat umgesetzt, aber es wäre immer noch eine interessante Aufführung, die man präsentieren könnte. Vereinigung des Bildmaterials und Aufführung in einer großen Fabrikumgebung zusammen mit einer ITN-Show. Es wäre großartig, die lange verschollenen Extraszenen von „Metropolis“ in einer vereinigten Fassung zu sehen. Ich bin darauf gespannt, die neue Version zu sehen.

Euer letztes Album “Era” wurde ja bereits vor einiger Zeit veröffentlicht. Seid ihr am Ende zufrieden mit dem Album? Meiner Meinung nach ist es ein sehr kraftvolles Album.

NIGEL: Sehr zufrieden – wie wir es mit dem Großteil unserer Veröffentlichungen sind. „Era“ dokumentiert einen Moment in der Zeit, eine Periode, in der wir 25 Jahre als IN THE NURSERY gefeiert haben, aber ebenso eine Bestandsaufnahme unseres Klanges und unseres Anspruchs Musik zu machen.

Lasst uns einen kleinen Blick in die Zukunft werfen. Auf eurer „Era“-Tour habt ihr auch sehr altes Material wie „Stone Souls“ und das brillante „Deus ex machina“ gespielt. Zudem habe ich auch Interviews gelesen, in denen ihr gesagt habt, dass ihr auf eurem nächsten Album etwas zurück zu den Anfängen wollt. Meint ihr damit eure Post-Punk-Einflüsse?

NIGEL: Die Aussicht alte ITN-Stücke noch einmal aufzugreifen und sie wieder live zu spielen, ist sehr verführerisch und etwas, worauf wir für 2009 hinarbeiten. Post-Punk war und ist eine wichtige Referenz und eine Quelle der Inspiration für uns.


 
Tony F. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» ITN-Homepage
» ITN@myspace
» Bericht vom 17. WGT

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