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Roy L.

CAN AM DES PUIG: The Book Of Am

Folkmusik 1964-1984 | Teil XII


CAN AM DES PUIG: The Book Of Am
Kategorie: Spezial
Wörter: 1735
Erstellt: 23.03.2008
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CAN AM DES PUIG - The Book Of Am
(1978, Mallorca, Privatpressung)



Für jeden Plattensammler scheint es so eine Art heiligen Gral zu geben, von dem man lange nicht zu glauben wagt, dass er wirklich existiere. Es muss sich dabei nicht einmal konkret um eine Platte handeln, sondern eher um ein Set von Idealbedingungen – musikalische, geographische, historische. Stoff, aus dem Legenden gewoben werden. Der feuchte Traum vieler Psychedelic-Folker: ein Album entdecken, das vor dreißig Jahren abseits des großen Musikbusiness in einem entlegenen Bergdorf entstanden ist, dazu ein spirituell motiviertes Werk, das einem strengen Konzept folgt und bei dem die Musik nur eine Komponente im Gesamtzusammenhang darstellt.

CAN AM DES PUIG waren nicht wirklich eine Band. Es gab nie auch nur einen einzigen Auftritt in der Öffentlichkeit, keinen Produzenten oder Manager, kein Label, kein Nachfolgealbum, keine weiteren Pläne. CAN AM DES PUIG war ein kleine Gruppe von Leuten, die sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort getroffen hatten und für wenige Monate in einem bescheidenen Landhaus inmitten des nordmallorquinischen Künstlerdorfes Deià an der Vertonung eines ganz besonderen Buches arbeiteten.
Gemeint ist das „Book of Am“ – eine Sammlung von Kupferstichen und Radierungen, die der Baske JUAN ARKOTXA und seine britische Frau LESLIE MACKENZIE Mitte der Siebziger in Ibiza angefertigt hatten, nachdem sie von einer erfahrungsreichen zweijährigen Reise nach Indien zurückgekehrt waren. Die über hundert Seiten des „Book of Am“ zeichnen in Bildtafeln mit christlicher und islamischer Ornamentik und in sakralen Texten und Gesängen, die jeweils der keltischen, germanischen, griechischen, ägyptischen, persischen und altindischen Tradition entnommen sind oder von Dichtern wie BLAKE oder TAGORE stammen, den Zyklus des Tages von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nach und reflektieren dabei, ähnlich den „Stufen des Seins“ bei Guénon, die spirituellen Befindlichkeiten und Initiationsstufen des Menschen, insbesondere des Künstlers, des Barden, im Weltganzen. Ein Schatz von unermesslichem Wert, der das Mytheninventar verschiedenster Kulturen miteinander verknüpft und in eine ganz eigene Symbolsprache überträgt. Die Texte darin sind zwar allesamt in Englisch verfasst, doch finden sich mancherorts auch Stellen aus dem Vedischen, Griechischen und Gälischen.
Inspiriert wurden ARKOTXA und seine Frau hierfür, als sie in Tibet eine ganze Reihe von Aussteigern, Alternativen, Künstlern und Buddhisten aus Mexiko und Island trafen, mit denen sie einen regen „new age“-philosophischen Austausch pflegten. Hinter der Arbeit steckt dabei jedoch mehr als bloße Hippie-Mystik und nur zur Hälfte ist das Buch unterwegs auf dem bewusstseinserweiternden „Overland“-Trip durch Asien entstanden. Ein großer Teil bedurfte auch des mühseligen Rechercheaufwands in abendländischen Bibliotheken, so dass das „Book of Am“ ebenso einen recht wissenschaftlichen Hintergrund besitzt.
Anders als ihr erstes Buch „Garland of Visions of the Absolute“, ist das „Book of Am“ seinerzeit nicht in Druck gegangen, angeblich weil es noch an der Technik fehlte, um die aufwändigen Stiche detailgetreu reproduzieren zu können. Die Idee, einzelne Texte aus dem Buch stattdessen zu vertonen, kam erst später, als sich das Ehepaar mit seinen Kindern für einen kurzen Zwischenaufenthalt auf Mallorca niederließ.

Deià ist heute dafür bekannt, schon in den Dreißiger Jahren eine recht famose Künstlerkolonie beherbergt zu haben, in der auch Picasso und Mirò für kurze Zeit zugegen waren. In dem kleinen Fischerdorf angekommen, treffen Juan und Leslie zunächst den englischen Dichter und Altphilologen ROBERT GRAVES, der seinerseits selbst auf dem Gebiet der keltischen Tradition forschte und enge Kontakte zu dem Wicca-Begründer und früheren OTO-Anhänger GERALD GARDNER unterhielt. GRAVES war sofort begeistert von den Arbeiten des jungen Paares und bat sie darum, für einige Zeit in Deià zu bleiben. Über das amerikanische Musikerpaar STEPHANIE SHEPHERD und PATRICK MEADOWS, lernen die beiden hier nun den bekannten australischen Prog-Rocker DAEVID ALLEN (SOFT MACHINE) und seine Frau GILLI SMYTH (GONG) kennen, die Anfang der Siebziger nach Mallorca geflüchtet waren, als Allens Visum auslief, und wohnen später für einige Zeit in dem Haus, in dem sieben Jahre zuvor das erste GONG-Album „Magick Brother“ entstanden ist. ALLEN, der von dem noch unveröffentlichten „Book of Am“ ebenso fasziniert war wie Graves, brachte Juan und Leslie auf die Idee, die Texte und Bildmotive des Buchs musikalisch umzusetzen und schenkte ihnen dafür einen alten Zweispur-Taperecorder. Juan und Leslie sind dabei nie wirklich ausgebildete Musiker gewesen, obwohl sie auf ihrer Reise oft für sich musiziert hatten. Mit einer „Folkszene“ oder überhaupt irgendwelchen Bands waren sie außerdem kaum vertraut. Doch da das Buch ohnehin schon thematisch und stilistisch einem überaus musikalisch-devotionalen Duktus folgt, fiel es dem Künstlerpaar letztendlich nicht allzu schwer, für kurze Zeit auf die Musik umzusteigen. 
Nun begann in dem alten Landhaus eine Zeit reger Improvisationen, bei denen einige Musiker aus der Umgebung (Allen und Smyth seltsamerweise ausgenommen) mit eingespannt wurden. Gegen Ende 1977 tauchten auch die beiden GONG-Sessionmusiker JERRY HART und TONY BULLOCKS in Deià auf, und mit ihnen die junge katalanische Sängerin CARMETA MANSILLA, die sie unterwegs in Barcelona aufgegabelt hatten. Sie alle wohnten gleich nebenan und Tür an Tür mit Juan und Leslie, die nun noch motivierter damit begannen, aus den Buchtexten Songs zu komponieren. Jerry stieg vollkommen in das Projekt mit ein und half bei den Kompositionen, während Carmeta den Gesangspart übernahm. Kurze Zeit später verschlug es noch den französischen Keyboarder JEAN-PAUL VIVINI (ebenfalls aus dem GONG-Umfeld) nach Deià, der die zuvor rein akustischen Aufnahmen von CAN AM DES PUIG (Der Name kam im Übrigen erst später hinzu.) mit seinem Synthesizer vervollständigte.
Anfang 1978 hatte somit eine bunt zusammengewürfelte, internationale Gruppe von Künstlern, die wie Jean-Paul und Jerry gerade erst am Anfang ihrer Karriere standen oder wie Juan und Carmeta nie zuvor in einer Band gespielt hatten, kommunenartig zusammengefunden, um, ohne an irgendeine Erwartungshaltung von Außen gebunden zu sein, unter recht primitiven Umständen eines der später gesuchtesten Psych-Folk Alben aufzunehmen. Knapp über neunzig Minuten Material entstand dabei, was in etwa den ersten beiden Vierteln des Buchs („Dawn“ und „Morning“) entspricht. Eine Vertonung des übrigen Buchteils kam leider nicht mehr zustande. Daevid Allen hatte unterdessen die Aufnahmen an JEAN KARAKOS (Mitbegründer des BYG-Labels) weitergeleitet, der gerade sein neues Label CELLULOID RECORDS gegründet hatte und versprach, sich um die Veröffentlichung des Materials zu kümmern. Veröffentlicht wurde zunächst  nur der erste Teil („Dawn“), unter dem Namen „Book of Am“. Jedoch taucht die Platte in keiner einzigen CELLULOID-Diskographie auf und wurde nur in kleiner Auflage und vermutlich privat gepresst. Das erklärt zumindest, warum das Album für die nächsten zwanzig Jahre fast völlig verschwunden war. Erst 1995 erscheint ein Bootleg in schlechter Qualität und zehn Jahre später widmet sich das spanische Label WAH-WAH RECORDS der lang verdienten Wiederveröffentlichung, die in einer limitierten und luxuriösen Ausgabe nun auch den zweiten Part („Morning“) enthält und zum ersten Mal in gedruckter Fassung und edlem Großformat auch das „Book of Am“ selbst.

Musikalisch wirken CAN AM DES PUIG nur auf den ersten Blick wie eine späte Variante des seichten und schlichten Hippie-Folks der Sechziger. Auf einem Großteil der Lieder sind nur Akustikgitarre und Flöte zu hören und alles bewegt sich in einer träumerischen Sphäre des Unschuldigen und Reinen. Doch dann ist es vor allem ein Gefühl von tiefsinniger und anmutiger antiker Heiterkeit, das sich beim Hören einstellt und gleichsam gelangt man dahin, zu glauben, diese Musik hätte etwas Ur-Altes an sich, mehrere tausend Jahre vielleicht, die sich in verschwommenen Bildern vor Augen und Ohren auftürmen. In dieser Hinsicht erscheint das Album tatsächlich sehr autark und Vergleiche zu anderen Folkbands, die man anfangs noch sehr leicht zur Hand hatte, verpuffen plötzlich vor der mythischen Tiefe, die aus dem „Book of Am“ spricht.
Und hier wird auch deutlich, dass es für CAN AM DES PUIG auf musikalische „Progressivität“ kaum ankam. Musik wurde hier ganz einfach wieder als Medium für ein religiöses Erleben verstanden, das sich speziell auf dieser Platte der magischen Dimension des Sonnenaufgangs widmet und seinen Höhepunkt in dem siebenminütigen „Homage To Ra“ findet. Auch die restlichen Stücke machen einen, wenn schon nicht rituellen, aber doch immerhin sehr zeremoniellen, ernsten Eindruck, besonders das atmosphärische „Fire“, das mit tiefen dunklen Synthieflächen und mehreren Schichten von Gesängen arbeitet. Der häufige Gebrauch von Tambura und Sitar gemahnt freilich an den langen Indienaufenthalt von Juan und Leslie und insgesamt lebt „Book of Am“ von seinem distinktiv morgenländischen Charakter, der in gewisser Weise schon thematisch vorprogrammiert zu sein scheint. Trotzdem taucht hier und da auch ein eher westliches Lied wie „Hear The Voice Of The Bard“ auf und deutet an, dass die Vertonung des Buchs, wäre sie vollständig fertiggestellt worden, einer sehr umfassenden Reise durch die musikalischen Traditionen der Welt geglichen hätte.
Auffällig und ungewöhnlich ist zum Schluss noch der Gesang. Juan singt ein von einem ganz niedlichen südeuropäischen Akzent gefärbtes Englisch und Carmetas Gesang ist, wie der vieler Folksängerinnen, kaum pop-kompatibel. Es wirkt im Gegenteil eher wie ein Rezitieren von sakralen Texten und manchmal liegen selbst Parallelen zum indischen Dhrupad recht nahe.

Vielleicht lassen sich die zwölf Lieder dieser Platte am besten als Momentaufnahme beschreiben. Sie zeigen das Bild einer kleinen, kurzlebigen Szene von alternativen Künstlern im Norden Mallorcas, die sich, abgesehen vom Einfluss DAEVID ALLENs, völlig unabhängig von den musikalischen Tendenzen der Zeit entwickelte. Eine solche beinahe religiöse Tiefe und Authentizität, gepaart mit einem vertragbaren Maß an naivem Dilettantismus, wie sie hier vorliegt,  wäre von besser integrierten Berufsmusikern sicherlich nicht denkbar gewesen. Denn darum ging es vor allem: eine Neubetonung und Rückbindung an den Inhalt, die hier mit dem „Book of Am“ im Hintergrund schon fast Gesamtwerkscharakter annahm, natürlich auch im Sinne der großen hermetischen Arbeit („The Great Work“). Im Grunde haben CAN AM DES PUIG in den wenigen Monaten ihres Zusammenseins eine Art von reinstem und puristischstem Spiritual-Magick-Folk exerziert und damit eine Tradition begründet, die zwanzig, dreißig Jahre später von Projekten wie STONE BREATH oder THE JOY OF NATURE immer noch fortgesetzt wird.

Printed are the leaves
And the colours interwoven.
Music wraps them in its melody
And gathers the beat of the mind.
The sound flows on to transmute mortality.

From here thou might start the wheel.


Titel:
A
Introduction
The Song Of Am
The Song Of The Void
Come Unto Me
The Song-Ship Journeys West
Fire
The Cauldron Of Regeneration

B
O Keeptress
Homage To Ra
As The Wind Blows
Hear The Voice Of The Bard
I Am That Living Soul

45min


Erstauflage:
keine Kat.-Nr. | 1978

Re-Release:

2005: Wah Wah Records | LPS021 / WCD007 | 2LP / 2CD + Buch


 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» CAN AM DES PUIG @ PlanetGong.co.uk
» Wah Wah Records

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