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Roy L.

ALAN SORRENTI: Aria

Folkmusik 1964-1984 | Teil X


ALAN SORRENTI: Aria
Kategorie: Spezial
Wörter: 1726
Erstellt: 09.03.2008
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ALAN SORRENTI - Aria
(1972, Italien, Harvest)



Seit fast dreißig Jahren dudeln HOFFMANN & HOFFMANN all-täglich mit ihrer unverkennbaren Hit-Single „Alles was ich brauche bist Du“ durchs deutsche Radio und erheitern so mit beängstigender Kontinuität frühstückende Familien oder kaffeetrinkende Junggesellen. Die (ältere) italienische Version „Tu sei l'unica donna per me“ hört man dagegen weitaus seltener, aber auch sie hat es in das limitierte und exklusive Repertoire unserer Radiosender geschafft.
Was mag das nun alles mit NONPOP und dem sonst so „alternativen“ Jahr der Seele gemein haben? Der Leser ahnt es sicher bereits. Es war ALAN SORRENTI, der 1979 mit dem oben erwähnten Song, vor allem in Deutschland, den internationalen Durchbruch schaffte – als Schlagersänger und früher Vertreter der später so erfolgreichen Italo-Disco Welle. Noch wenige Jahre zuvor zählte er zu den experimentellsten und visionärsten Musikern des Italiens der frühen Siebziger und veröffentlichte über HARVEST drei gefeierte Prog-Folk Alben, die teilweise schwer zugänglich sind, aber künstlerisch als große Geniestreiche gelten.

SORRENTI stammt aus der süditalienischen Metropole Napoli, wächst in den Sechzigern aber bei seiner Mutter in Wales auf. Dass ihm seine ursprüngliche Heimat auch später nicht unwichtig geworden ist, zeigt sein drittes für HARVEST entstandenes, unbetiteltes Album, bei dem stärker als bei den Vorgängern traditionell-folkloristische Einflüsse in den Vordergrund treten und auf dem auch das Volkslied „Dicintencelleo Vuje“ zu finden ist, das Sorrenti in neapolitanischem Dialekt singt. Ende der Sechziger kehrt Alan mit seiner ebenso musikalisch talentierten Schwester Jenny (damals noch Jane) nach Italien zurück. Mit anderen Musikern aus Napoli, darunter auch TONI ESPOSITO, der an allen drei Prog-Platten von Alan beteiligt ist, gründet Jenny die Band SAINT JUST, die zwei sehr experimentelle und komplexe Folk-Rock Alben mit Einflüssen aus der Klassik, Jennys fast exotisch wirkendem Sopran und einer Prise Bay Area Psych-Rock aufnehmen. Auch Alan ist auf dem ersten der beiden heute sehr raren und gesuchten Alben als Gastsänger zu hören.    
In der Öffentlichkeit taucht der junge Songwriter zum ersten Mal bei der zweiten Auflage des großen „Festival d'Avanguardia e nuove tendenze“ 1972 in Rom auf und verwirrt das Publikum dort mit seinem expressiven, lautmalerischen Gesang. Zu diesem Zeitpunkt war sein erstes Werk „Aria“ bereits fertig eingespielt und wartete nur noch darauf veröffentlicht zu werden.      

„Aria“ wird seltsamerweise häufig als italienisches Gegenstück zu TIM BUCKLEYs zwei Jahre eher erschienenem Magnus Opus „Lorca“ in Betracht gezogen. Parallelen lassen sich dabei eigentlich nur in der Intensität des Gesangs festmachen – bei beiden wird die Stimme zum Rohstoff, zum reinen Ausdrucksmaterial, das nichts mehr bezeichnet, sondern sich in seiner bloßen Immanenz entlädt. Musikalisch wirkt BUCKLEY dagegen ungleich pointierter, auch besessener, ja nahezu pathologisch. „Lorca“ ist auch zu keiner Zeit überladen oder nur-ästhetisch, außerdem bedient es sich eher aus einem Reservoir an Jazz-Einflüssen, wohingegen „Aria“ deutlich vom psychedelischen Folk seiner Ära geprägt ist.
Dass Folk in der „progressiven Musik“ eine entscheidende Rolle spielen kann, ist gerade für Italien nichts Ungewöhnliches. Schon CLAUDIO ROCCHI (zuvor bei STORMY SIX) und DELIRIUM haben noch in den Jahren vor „Aria“ heute kanonische Prog-Folk Alben („Volo Magico No.1“ und „Dolce Acqua“) veröffentlicht, bei denen der folkloristische Anteil maßgeblich überwiegt. Sorrenti übernimmt mit seinem Debüt daher sicher keine Vorreiterrolle, aber er ist derjenige, der die Entwicklung auf die Spitze treibt. Klassische Prog-Elemente kommen bei „Aria“ im Grunde nur auf der strukturellen Ebene vor: weit ausgedehnte Stücke, die das populäre Strophe-Kehrreim Modell transzendieren und aus mehreren Segmenten bestehen, die wiederum anspruchsvoll variierende Themen beinhalten. In dieses akademische Schema pflanzt Sorrenti nun kleine Inseln simpler, erdiger Klänge, die sich schnell verzweigen und über die ganze Platte verteilen und dabei den sich ständig ankündigenden Bombast blockieren.
In dem LP-seitenlangen Titelstück ist die nur schlicht gezupfte Akustikgitarre des virtuosen Sängers stets präsent, auch wenn sie von ESPOSITOs atmosphärischem Perkussionsarsenal und der Bass-Klavier-Bläser Jazzkapelle im Hintergrund oft stark bedrängt wird. In den zwanzig abwechslungsreichen Minuten windet sich Sorrenti von emphatischen Himmelsfahrten zum bedrohlichen Sturz aus den Wolken, hält ein paar Augenblicke inne und wirft sich dann wieder in das neblige Meer beweglicher Luftschichten, immer getrieben von einer mystischen Suche, die bis zur kosmischen Auflösung führt („aria, sono io il tuo corpo, sono io l'universo“) und sich in eine dunkle Erotik der Sphären verwandelt. Gerade die ruhigen Momente sind dabei interessant, die Flamenco- und Lagerfeuer-Zwischenspiele, bei denen sich Sorrentis Gesang ausnahmsweise mal ganz „normal“ anhört, bevor seine Stimme, elektronisch verfremdet, aber oft auch ganz natürlich selbst wieder Wind, manchmal auch Sturm oder gar Gewitter wird und dann fürchterliche Kämpfe mit JEAN-LUC PONTYs satyrischem Geigenspiel austrägt. PONTY, der zuvor schon mit FRANK ZAPPA („Hot Rats“, 1969) zusammenarbeitete und später zu einem der bekanntesten Jazz-Violinisten avancierte, ist sicher auch der prominenteste Gastmusiker auf „Aria“. Auf dem Plattencover  der französischen Pressung erscheint sein Name sogar auf der Vorderseite, auf der Rückseite ist anstelle von SORRENTI, eine Photographie von PONTY im Tonstudio zu sehen. Das hat zwar vordergründig mit dem französischen Absatzmarkt zu tun, für den SORRENTI noch kein Begriff war, reflektiert aber auch, wie sehr das Album zur Hälfte (also: die A-Seite betreffend) von der Dynamik aus Sorrentis unheimlich instrumentalem Gesang und Pontys unermüdlichem Stakkato dominiert wird.
Die drei vergleichsweise kurzen Stücke der B-Seite, von denen zwei auch als Single („Vorrei Incontrarti/Un Fiume Tranquillo“) erschienen sind, müssen ohne die prominente Geige auskommen und zeigen sich auch insgesamt weniger „progressiv“, dafür umso song-orientierter. „Vorrei Incontrarti“ ist ein trauriges aber friedvolles Liebeslied mit bedächtig gezupften Saiten, düsterem Piano und einem Akkordeon, das Landschaften von überirdischen Heidehängen malt, die sich unter einem erdrückenden Sternenhimmel ausbreiten. Sicher der schönste, besinnlichste und eingängigste Moment dieser Platte. „La Mia Mente“ bietet Sorrenti dann noch einmal Anlass zu extrovertierten Ausbrüchen – seine schwirrende Stimme ist Abgrund des kontrollierten Wahnsinns und wechselt ständig von zärtlichen Tönen zu einem verrückten, fast boshaften Jammern, eine Art inszenierte Schizophrenie, die erst in „Un Fiume Tranquillo“ aufgehoben wird. Beruhigendes Vogelzwitschern leitet den letzten Akt des Dramas ein. „Un Fiume Tranquillo“ ist wie ein Frühling der Seele, der nur kurz hervorbricht und sich sofort verdüstert, um später erneut in ein größeres Bild der Harmonie einzukehren. Wenn der letzte Vogelsang verklungen ist, kehrt Sorrentis Stimme noch einmal zurück, aber nur schemenhaft, gespenstisch, wie aus dem Jenseits herüberdringend. Ein verstörendes, unverständliches Ende, das einen dazu bewegt, die Platte sofort noch einmal von vorn zu hören.     

„Aria“ erschien gerade zur Hochzeit des italienischen Prog-Rocks, der inzwischen von einer breiten Basis der Öffentlichkeit konsumiert wurde. Alles musste nun möglichst progressiv und avantgardistisch sein, sogar Liedermacher wie FABRIZIO DE ANDRE' nahmen nun prog-infizierte, hochkomplexe Konzeptalben („Non Al Denaro, Non all'Amore Né Al Cielo“, 1971) auf. In einer solchen Umgebung gedeihend und durch die nicht zu knappe Promotionsarbeit von HARVEST, verkaufte sich Sorrentis Debüt entsprechend gut. Mit einem derartigen Erfolg im Rücken, ging der Italiener im Jahr darauf nach London, um dort, unter Mitwirkung der britischen Prog-Größen FRANCIS MONKMAN (CURVED AIR) und DAVE JACKSON (VDGG) an seinem zweiten Album zu arbeiten. Unter dem Einfluss der venezianischen Prog-Rocker THE BLUES RIGHT OFF, die Sorrenti 1972 in Mestre trifft, beginnt er unterdessen auch elektrisch verstärkte Gitarren in seine Musik einzubeziehen. So wirkt die zweite LP „Come Un Vecchio Incensiere all'Alba Di Un Villaggio Deserto“ trotz des geringeren strukturellen Überbaus weitaus rockiger und stringenter.                                
Der Absturz in die Populärmusik folgt dann plötzlich und überraschend für das bekanntlich sehr anspruchsvolle Prog-Publikum. Auf dem Plattencover seines 76er Albums „Sienteme, It's Time To Land“ ist Sorrenti als sonniger Südländer in weißem Hemd und Jeans vor einem unerträglich grellen Rimini-Hintergrund zu sehen. Der virtuose Falsettgesang ist zu einem schnulzigen Englisch verkommen und saxophonlastige Dancerhythmen haben Gitarre und Streicher ersetzt. Der größte internationale Erfolg stellt sich mit der darauf folgenden LP „Filgli Delle Stelle“ (1977) ein, das die letzten folkloristischen Elemente aus Sorrentis Musik verbannt und nur noch aus simpel gestricktem modernem Pop besteht. Drei Jahre später nimmt der einstmalige Avantgardist am Grand Prix d'Eurovision teil und belegt mit dem Titel „Non so che darei“ den sechsten Platz. In den Achtzigern folgen ein paar letzte Hits im Schlagerformat und Sorrentis Konversion zum Buddhismus.
In dem Song „Bandiera Bianca“ (erschienen auf „La Voce del Padrone“, 1981) bezieht sein früherer „Kollege“ und STOCKHAUSEN-Jünger FRANCO BATTIATO Stellung zu dieser sonderbaren Wandlung, indem er eine Textstelle aus „Figli delle stelle“ zitiert und mit einem zynischen Nachsatz versieht: „siamo figli delle stelle e pronipoti di sua maestà il denaro“ („wir sind die Söhne der Sterne und die Urenkel seiner Majestät des Geldes“).

Schon in seiner frühen Phase galt SORRENTI neben BATTIATO immer als einziger echter Solokünstler im Spektrum der italienischen Prog-Bands der Siebziger. Das hört sich allerdings nicht nur fürchterlich pauschal an, sondern man unterschlägt damit auch unter sicherlich vielen anderen Einzelakteuren vor allem den genialen Songwriter JURI CAMISASCA, der bis heute nie wirklich gewürdigt wurde und mit „La Finestra Dentro“ (1974) ein beklemmendes wie verrücktes Meisterwerk aufgenommen hat, das „Aria“ an Intensität und Tiefgang zweifelsohne um Längen schlägt, dafür aber nicht den geringsten Einfluss auf die spätere Musiklandschaft hatte. „La Finestra Dentro“ ist düster, böse und zynisch, ein fast rein akustischer Kraftakt, der ohne viel Effekte oder große Orchestrierung auskommt und umso mehr auf schräge Streicher, minimalistische Gitarrenkompositionen, einen nahezu brutalen wie verqueren Gesang und martialische Perkussionseinlagen setzt. Camisascas kryptische Texte drehen sich um kafkaeske Tierverwandlungen, bürokratische Kopflabyrinthe und eine Art negative Metaphysik. Obwohl auch FRANCO BATTIATO an den Aufnahmen mitwirkte, blieb die Platte relativ unbekannt, und ist heute im Gegensatz zu SORRENTIs „Aria“, das gleich mehrmals wiederveröffentlicht wurde, nur schwer zu finden.

Was „Aria“ letzten Endes dennoch für uns relevant macht, das ist einerseits der mystische, surreale und ätherische Zauber, der diese Platte umspielt und andererseits die Tatsache, dass sie musikalisch vor allem im Folk ihre Wurzeln hat und davon ausgehend zeigt, wie immens wichtig folkloristische Tendenzen für die progressive Musik der Siebziger, insbesondere in Italien, werden können. Und nicht zuletzt ist „Aria“ ein weitaus angemessenerer und hörenwerterer Grund, sich an den Sänger und Musiker ALAN SORRENTI zu erinnern, als das mithin täglich grüßende Säuseln der Hoffmann-Brüder.


Titel:
A
Aria

B
Vorrei Incontrarti
La Mia Mente
Un Fiume Tranquillo

40min


Erstauflage:
Harvest 3C064-17836 | 1972 (Neupressung in anderem Cover 1973 und 82)

Re-Releases:

1994: Mellow Records | MMP 191 | CD
2000: Vinyl Magic | VM 071 | CD
2006: Water | water180 | CD (maßgeblich)
 

 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Alan Sorrenti bei ItalianProg.com

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