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Roy L.

PERRY LEOPOLD: Experiment in Metaphysics

Folkmusik 1964-1984 | Teil VIII


PERRY LEOPOLD: Experiment in Metaphysics
Kategorie: Spezial
Wörter: 1249
Erstellt: 24.02.2008
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PERRY LEOPOLD - "Experiment In Metaphysics"
(1970, USA, Privatpressung)

Nachdem in Amerika die schier endlose Welle der Protest-Folk Brüder und Schwestern (PETE SEEGER, BOB DYLAN, JONI MITCHELL...) endlich etwas abgeebbt war, entstand Ende der Sechziger ein seltsames, nie wirklich öffentlich existierendes Subgenre namens 'Loner-Folk', das, nicht anders als die populäre Anti-Establishment Bewegung, mit Akustikgitarre und der 'eigenen Meinung' bewaffnet,  eine eindringliche 'message' beim Hörer deponierte. Loner-Folker wandern dabei jedoch auf ungleich düstereren und staubigeren Straßen, sie sind im Grunde typische KEROUAC- oder BURROUGHS-Charaktere, Außenseiter, Aussteiger, zynische LSD-Eremiten und doch tief gläubig. Ihr mystisches Einzelgängertum grenzt sie auch von damaligen christlichen 'Born Again'-Musikkommunen wie 11.59, TREES COMMUNITY, WINDOW oder SILMARIL ab. Loner-Folk bedeutet Songwriting am Abgrund der Tiefsinnigkeiten, sparsam instrumentiert, unter spartanischen Bedingungen aufgenommen und in kleinen Auflagen privat gepresst, mit dem Bewusstsein, das nicht mehr als ein paar hundert Leute hören werden, was man singt.
Ein interessanter Vertreter wäre hier z.B. CRAIG SMITH, der in den Sechzigern ein paar Hits für die MONKEES schrieb und dann in einer drittklassigen Garage-Rock Band namens THE PENNY ARKADE spielte. Mit dem Geld, das er sich als Songwriter verdient hatte, zog er später um die Welt und sammelte 'metaphysische' Drogenerfahrungen. Unterwegs in Peru und Südostasien entsteht sein merkwürdiges soft-psychedelisches Folk-Pop Projekt MAITREYA KALI. Die beiden LPs „Inca“ und „Apache“ produzierte Smith in Eigenregie, sie enthalten neben einigen fragilen Akustikfolksongs auch Fieldrecordings und amüsante Gesprächsschnipsel, die vermutlich in wer weiß wie abgelegenen südamerikanischen Hochgebirgssiedlungen aufgenommen wurden.
Ein weiterer 'unsung hero' des Loner-Folks ist DAVE BIXBY. Von ihm geistert mittlerweile eine obskure Platte mit dem gleichsam mysteriösen Titel „Ode To Quetzalcoatl“ durchs Weltnetz, die irgendwann Ende der Sechziger gepresst wurde und, wie die Legende besagt, durch den Verkauf von Haarkämmen in Parkhäusern finanziert wurde. BIXBY soll zudem zu dieser Zeit in die kurzlebige pseudo-faschistische Sekte 'The Movement' involviert gewesen sein. Dies berichtet zumindest der damals mit ihm befreundete AL PERRIN in seinem Aufklärungsbuch „Many False Prophets Shall Rise“. Trotz dieser kuriosen Verwicklungen ist seine LP ein bis auf die Knochen minimalistisches und isolationistisches Erleuchtungswerk, in dem BIXBY erzählt, wie er in sündigen Teufelskreisen versumpft und dann von God himself befreit wird.

Der dritte im Bunde wäre nun der aus Philadelphia stammende PERRY LEOPOLD. Vom amerikanischen Protestfolk der Sechziger geprägt, beginnt er schon in seiner frühen Jugend zeitgemäß gesellschaftskritische und nachdenklich philosophische Songs zu schreiben. Ein paar Jahre später schlägt er sich als Unterschicht-Bohème-Poet durch, lebt auf der Straße oder nistet sich bei Freunden und Bekannten ein. LEOPOLD ist nicht nur vollkommen Underground, sondern er schreibt die genialsten Lieder, die kaum gehört an Straßenecken oder in banalen Coffeeshops verhallen. Eines Tages im Juni des Jahres 1970 nimmt er im Keller einer Schuhwerkstatt  ganz allein mit sich und seiner Akustikgitarre ein wahnsinnig zukunftsweisendes Album auf, das nach der Pressung in einer Auflage von lächerlichen dreihundert Stück in einer Seitenstraße in Philadelphia innerhalb eines Nachmittags an Interessierte, vielleicht sogar nur an ganz unbestimmte Passanten verteilt wurde. Die Platte war schlicht aufgemacht, privat und ohne Mitarbeit eines Labels gepresst, auf dem Cover war nur der Titel verzeichnet. Sie hieß „Experiment In Metaphysics“.

Nun, der Titel ist gut gewählt. Von Anfang bis Ende dringt LEOPOLDs übermenschliches Gitarrenspiel mehrstimmig wie aus kosmischen Räumen empor, als würde er mit tausend Händen in die Saiten greifen und mit jedem Akkord die Stränge des Universums neu ordnen. An den Wänden eines unendlichen Tunnels brechen die Klänge ineinander und formieren sich zu bewusstseinserweiternden Interferenzen. In den sieben überdurchschnittlich langen Stücken des Albums dokumentiert LEOPOLD ein rückhaltlos schmerzvolles Ringen mit dem Glauben, ein Kollidieren von Metaphysik und irdischer Einsamkeit. Die Texte kreisen um eine Hermeneutik des Weltganzen („The Absurd Paranoid“), oder sind zynische Tagebücher der Obdachlosigkeit („Cold In Philadelphia“), immer von einer trockenen Beatnik-Poesie durchzogen und von spirituellen Untertönen begleitet. Der junge Straßenmusiker stilisiert sich dabei ein wenig als intellektueller Prophet; alles an dieser Platte wirkt so furchtbar ernst und nachdenklich, dazu aber auch souverän und wie aus vollkommener Überzeugung heraus entstanden, dass einem beim Hören das Blut in den Adern gefrieren möchte und man sich vorstellen kann, wie dieser Mensch in den unfreundlichsten Winternächten starren Blicks, ja fast wie wahnsinnig, durch verlassene Betonwüsten marschiert.  
Was LEOPOLD hier jedoch von anderen Songwritermelancholikern abhebt, ist sein radikal experimentierfeudiger Umgang mit der Akustikgitarre, der in manchen Passagen weit in psychedelische Areale hineinlangt. So steckt auch in den Kompositionen auf „Experiment In Metaphysics“ nur wenig COHEN und DYLAN, dafür aber eine übergroße Portion Americana-Nihilsmus des genialen JOHN FAHEY. Und obschon er nicht an das epische Tonhöhenspektrum eines TIM BUCKLEY heranreicht, so spürt man in LEOPOLDs dunkelblauem Timbre doch viel von dem überlegenen Fatalismus des viel zu früh verstorbenen Meistersängers. Gerade in den wundersamen Ruhe-nach-dem-Sturm Momenten von „The U.S.S. Commercial“ weist uns seine beruhigende Stimme den Weg durch die Labyrinthe des Sternenhimmels. Und dann stürzt er sich wieder in eine wilde Auseinandersetzung mit seinem Instrument, die ohne Happy End ausgeht.
Vor allem auf der B-Seite der Platte traktiert LEOPOLD die Saiten mit gnadenloser Härte. Auf den Plattenlabels erhält sie daher treffenderweise den Titel „Acid-Folk“, die mehr songorientierte A-Seite wird hingegen als „Kommercial“ bezeichnet. Wenn man den Geschichtsbüchern Glauben schenkt, taucht das Wort Acid-Folk hier übrigens zum ersten Mal überhaupt auf. Fast wollte man meinen, LEOPOLD hätte den Begriff entscheidend geprägt, was vielleicht auch der Fall gewesen wäre, hätte es mehr als nur 300 Kopien gegeben und hätte ihn 1970 nur irgendjemand außerhalb Philadelphias gekannt. Erst dreißig Jahre später wird er in Sammler- und Kennerkreisen als heimlicher Erfinder dieser Genrebezeichnung gefeiert.

Später meinte PERRY LEOPOLD einmal, dass „Experiment In Metaphysics“ im Grunde eine ganz spontane Angelegenheit gewesen sei und in nur fünf Stunden und unter exzessiver Anwendung diverser illegaler Substanzen eingespielt wurde. Eigentlich war er nie sehr glücklich mit diesen Aufnahmen. Drei Jahre danach versuchte es der geniale Songwriter noch einmal, diesmal aber in einem richtigen Tonstudio und mit einer großen Liste von Gastmusikern. Herausgekommen sind dabei grandios orchestrierte Psych-Folk Songs mit religiösen Texten und geringerer droniger Schwere. Es hätte LEOPOLDs großer Durchbruch werden können, doch die Veröffentlichung zögerte sich hinaus und kurze Zeit später wurde das Studio verkauft und die Masterbänder, die Leopold nicht selbst gehörten, gingen verloren. Als Ende der Neunziger „Experiment In Metaphysics“ zum ersten Mal auf CD veröffentlicht wurde, machte man auch die Studioaufnahmen wieder ausfindig. Sie sind heute unter dem Namen „Christian Lucifer“ bekannt.
Dieses zweite Album ist zweifelsohne musikalisch vielschichtiger und interessanter arrangiert, doch es fehlt ihm völlig die isolationistische Kälte, die bedrückende Dunkelkammeratmosphäre, die einem auf „Experiment In Metaphysics“ in jedem einzelnen Augenblick bis ins Mark trifft.

Noch bis Anfang der Achtziger gab PERRY LEOPOLD Konzerte und tourte mit anderen Bands. Dann hing er die Gitarre an den Nagel und gründete mit PAN (The Performing Artists Network Of North America) eine nicht unbedeutende und bis heute aktive alternative Organisation zur Unterstützung unabhängiger Musiker. PAN war darüber hinaus eines der ersten musikrelevanten Unternehmen überhaupt, die im Internet vertreten waren.
Heute taucht der Name PERRY LEOPOLD immer häufiger in Plattenkritiken auf, wenn es um düstere einsame Songwriterhelden geht. Und vielleicht wird irgendwann einmal der beinahe vergessene PERRY LEOPOLD noch gerechterweise zum Gottvater des Loner-Folks erkoren werden.

Titel:
A
The Absurd Paranoid
Cold In Philadelphia
And Then, The Snow Came
The 35th Of May

B
Experiment In Metaphysics
When You're Gone (Everythiung Goes)
The U.S.S. Commercial

40min


Erstauflage:
1970 | WS1

offizielles Re-Release:
1998: Gear Fab Records | GF-122 | CD (+ 3 Bonustracks)   

 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Perry Leopold's "Christian Lucifer"

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