http://www.nonpop.de/nonpop/index.php?type=review&area=1&p=articles&id=433&high=teller
NONPOP - Artikel > Rezensionen > ARANOS, BACKWORLD, SCIVIAS



Archivar

ARANOS, BACKWORLD, SCIVIAS


Kategorie: Rezension
Wörter: 1669
Erstellt: 28.11.2004


Schrift vergrößern Schrift verkleinern

Autor: Dominik Tischleder

Drei Musikrezensionen:
ARANOS : Tangomango : CD : http://www.brainwashed.com/aranos/

ARANOS (bürgerlich PETR VASTL) ist ein böhmischer Wahl- Ire, der einigen sicherlich aus dem Umfeld von NURSE WITH WOUND und CURRENT 93 bekannt ist. Es lohnt sich jedoch kurz noch etwas genauer auf seine künstlerische Vita einzugehen, weil all dies Elemente sind, die in ARANOS Musik von heute einfließen. Er begann irgendwann in den späten 60ern in der damaligen kommunistischen Tschechoslovakei als Progressive- Rock Musiker, spielte aber auch in Underground Punk Bands und engagierte sich vor allem in dissidenten Theaterprojekten. Irgendwann in den Siebzigern floh er nach Westeuropa und landete schließlich in England. Dort übte er verschiedene Berufe aus, verdiente aber auch als Folkmusiker sein Geld. Ein enger Freund dieser Zeit ist CLIVE PALMER, bekannt als Mitglied der legendären Psych- Folk Band INCREDIBLE STRING BAND, aber auch durch sein Solo- Projekt C.O.B. (Fans von CURRENT 93 und IN GOWAN RING sei zumindest der ISB Klassiker "The Hangman' s Beautiful Daughter" dringend ans Herz gelegt). Später zog es ARANOS nach Irland, wo er schließlich vor einigen Jahren, den dort lebenden STEVEN STAPLETON (NURSE WITH WOUND) kennenlernte. Ausgelöst durch Stapleton wurde nun auch ARANOS´ Musik, die eigentlich ihre Wurzeln in böhmischer Folklore und Zigeuner- Musik hat, immer experimenteller und ähnlich geistreich abstrus und dadaistisch beeinflusst, wie es zuweilen beim unüberschaubaren Ouvre NURSE WITH WOUNDS der Fall ist. Dennoch ist ARANOS' Musik leichter zugänglich als NWW, darüber hinaus hat sie sich, ohne wirklich Folk Musik zu sein, die Ursprünglichkeit des Folk bewahrt. Seit 1999 sind einige NURSE WITH WOUND/ARANOS Co-Produktionen erschienen, sowie einige Solo- Veröffentlichungen auf seinem eigenen Label PIEROS, aber auch z.B. auf KLANGGALERIE und BETA LACTAM RING REC. Darüberhinaus ist er und seine Ex- Frau MAJA ELLIOTT, die sich inzwischen als CURRENT 93 Pianistin etablierte, gemeinsam auf C93 "Soft Black Stars" zu hören.
2004 nun ganz frisch das aktuelle Album "TangoMango" (kein Tribut an das gleichnamige CAN Album) und ARANOS hat auch hier seinen höchst originellen Stil beibehalten. Mangels besserer Möglichkeiten könnte man diesen als eine spielfreudige Mixtur aus absurden Klangcollagen (phantastische Surround- Effekte), einer TOM WAITS Atmosphäre und eben böhmischer Folklore beschreiben. Absurde Songtitel wie "All The Lost Turbans Will Be On That Speaker" sprechen für sich und überhaupt, zu entdecken und amüsieren gibt es einiges, so zum "Broken Eights" welches mit Marschmusik Einsprengseln und George W. Bush Jr. Samples als eine gelungene "Military- Pop" Parodie durchgehen könnte (nur weiß ARANOS sicher nichts von der Existenz solcher Begriffe). Eine großartige CD, welche man guten Gewissens auch Nicht-Fans von experimenteller Musik empfehlen kann. Wer NURSE WITH WOUND, osteuropäische Folklore, seltsame Geigen und Bratschenklänge, TOM WAITS, den Schalk von WALDTEUFEL und NOVY SVET (eine Zusammenarbeit ist im Entstehen) mag, wird begeistert sein. JON WHITNEY, Musikjournalist und Gründer von BRAINWASHED darf sich hier ebenfalls ausnahmsweise mal als Musiker verewigen.
Die CD kommt in einer Lila- Stofftasche mit Jute- Einleger. Sehr originell und passend zur "Jute statt Plastik" Atmosphäre seiner Musik.
---

BACKWORLD : All That Remains : EP(Vinyl) http://www.eislicht.de

Zu Beginn des neuen Jahrtausends vollzog sich bei BACKWORLD, die bis zum 2000
Album "Of Silver Sleep" stilistisch und thematisch zweifellos an CURRENT 93,
DEATH IN JUNE und SOL INVICTUS angelehnt waren, ein bedeutender Wandel. Bemerkbar machte sich dies vor allem durch die geglättete, kommerziell-poppige Produktion, die Hinzunahme eines Folk- untypischen konventionellen Rock- Schlagzeugs, sowie einer deutlich amerikanischeren Form des Songwritings. Zusätzlich beschritt man thematisch neue Wege. Kaum verschleiertes Antichristentum wich zu Gunsten einer deutlich positiveren Akzentuierung dieses Glaubens (was so ein DAVID TIBET Kuss nicht alles in Gang setzen kann)
Ergebnis war eine Art Singer/Songwriter Folk-Pop, welches mich, zumindest auf besagtem "Of Silver Sleep" Album, etwas ratlos zurück ließ. Nicht weil dieses Album so schlecht war, sondern mehr weil der Verlust des alten Stils mit so ergreifenden Folkhits wie "Leaves Of Autumn", "Devil's Plaything" oder "The Isles Of The Blest" ungleich schwerer wog. Umso schöner, dass es dem verantwortlichen Musiker, Gitarrist und Sänger JOSEPH BUDENHOLZER mit der Mini- CD "Seeds Of Love" 2003 (hier ein Tibet Gastauftritt) gelang die atmosphärische Wärme früherer Veröffentlichungen neu zu entfachen, ohne wieder ein Schritt rückwärts zu musizieren.
Glücklicherweise gelingt genau dies auch auf BACKWORLDS Premiere beim deutschen EIS UND LICHT Label. Im Einzelnen handelt es sich um ein einseitig bespieltes Vinyl mit vier etwa gleichlangen Folk-Pop Kompositionen und dem instrumentalen Ausklang, ironischerweise mit "Famous Last Words" betitelt, von denen min. drei auch in Zukunft exklusiv hier veröffentlicht bleiben, obgleich sie schon von den Aufnahmen des bis dato unveröffentlichten nächsten Vollzeit- Album stammen. Insgesamt erinnert das Ganze tatsächlich an große Namen, die anderorts schon bei Besprechungen des Werks gefallen sind. Namentlich vor allem LEE HAZLEWOOD, Budenholzers Gesang ist nur deutlich weniger "sleazy", (und das ist ja bei Hazlewood eigentlich das Entscheidende). Nein, bei Budenholzer hat man nicht das Gefühl Musik eines immergeilen Schwerenöters zu lauschen. Ganz im Gegenteil, der Folk-Pop wirkt melancholisch- aber nicht besoffen, sondern eher wie ein leichter Sommerregen und manchmal geradezu jungfräulich. Man kommt gar nicht umhin, zumindest mal kurz an die viel strapazierten SIMON & GARFUNKEL zu denken. Eigentlich seltsam, dass ausgerechnet Budenholzer (der rein optisch auch zu TOCOTRONIC passen würde und dem man, wenn er bloß etwas jünger wäre, auch ein herzzerreißendes "Ich will Teil einer Jugendbewegung sein" abnehmen würde) früher vor allem Filmmusik für den "Cinema Of Transgression" Regisseur RICHARD KERN komponierte und auch als LYDIA LUNCH Songschreiber (u.a. auf dem "Matrikamantra" Album) arbeitete. Das aber nur nebenbei.
Auffallend auf dieser Veröffentlichung ist, dass BACKWORLD keine Budenholzer One- Man Show sind, besondere Erwähnung verdient hier die stets präsente Highland- Folk Geige, aber auch die anderen Mitmusiker (teilweise Musiker bei ANTONY & THE JOHNSONS) dürften einen für unsere Szene ungewöhnlich hohen Erfahrungsreichtum haben.
Kommen wir zur marginalen Kritik: Wie immer bei BACKWORLD sind nicht alle Lieder gleichermaßen gelungen, das 3. Stück "Be A Friend" empfinde ich als eher langweilig und entfaltet eigentlich nur per Kopfhörer seine Wirkung. "All that Remains" bietet einen schönen, gelungenen Vorgeschmack auf das nächste Vollzeit Album, welches allerdings Freunden des gepflegten Dilletantentums oder all jenen, die an unserer Musik vor allem die bedeutungsschwangeren außermusikalischen Bezüge oder das "Apokalyptische" mögen, zu geradeaus- poppig sein könnte. BACKWORLD ist nunmehr ein Projekt, welches vor allem auch von Fans solcher Pop- Folker wie KINGS OF CONVENIENCE oder RUFUS WAINWRIGHT entdeckt werden müsste!
Bleibt zu erwähnen, dass sich Budenholzer inzwischen in Glasgow, Schottland, niedergelassen hat, ein Land in das es nun auch David Tibet verschlagen hat. Zusammen mit dem sowieso dort ansässigen Buchautor David Keenan, der bei einem höchst interessanten Projekt names TAURPIS TULA mitmusiziert und das Budenholzer Photo auf der Hülle dieses Tonträgers schoß, dürfte eigentlich der Boden für zukünftige, wunderbare Kollaborationen bereitet sein!
------

SCIVIAS : stong pa nyid : EP (Vinyl) : http://www.eislicht.de

Seit den seligen Zeiten des österreichischen NEKROPHILE Labels (ZERO KAMA), der frühen AIN SOPH, CURRENT 93, COIL, HYBRYDS oder SIGILLUM S Tonträgern ist die Musik, die rechtmässig, d.h. authentisch unter der Bezeichnung "Ritual" läuft, praktisch tot. Ab und zu werden zwar mal Tonträger der Szene damit beworben, dass auf ihnen angeblich "rituelle" Musik zu hören ist, doch ist das meist ein müder Abklatsch (AESTHETIC MEAT FRONT, PSYCHONAUT) oder noch schlimmer, ein schlechter Witz (THE SOIL BLEADS BLACK, ORGANISATION TOTH). Wer hätte gedacht, daß ausgerechnet EIS UND LICHT nun einen Tonträger veröffentlicht, der hier durchaus gelungen den alten Ritual- Faden aufgreift. Schon weniger überraschend ist, dass die Formation, denen das gelungen ist, die Ungarn von SCIVIAS sind. Sicher, SCIVIAS waren im weitesten Sinne als Folk- Projekt bekannt und etabliert und somit könnte im ersten Augenblick der Stilwechsel zwischen "... and you will fear death not" und dem hier besprochenen "stong pa nyid" größer nicht sein, doch der Kenner wird wissen: Auch die "folkigen" SCIVIAS strahlten mit ihrer traditionsgebundenen, einer praktischen Metaphysik verpflichteten Musik seit jeher eine archaische Kraft aus, die man auch schon früher durchaus als "rituell" bezeichnen konnte (es gibt Projekte, die immer rituell sein werden, ganz gleich welche Instrumente sie benutzen und wie der Stil oberflächlich betrachtet einzuordnen ist, dazu gehören AIN SOPH, ACTUS, CAMERATA MEDIOLANENSE und eben SCIVIAS).
Geboten werden zwei lange, gut 15minütige Ritualstücke, mit "stong pa nyid" I und II betitelt. Der erste Teil ist eher im atmosphärisch ruhigerem Bereich angesiedelt und erinnert anfänglich gar an diverse Krautrock Experimente im LSD Delirium, bevor durch rituelles Trommeln und durch ungarisch- gesprochene Textpassagen sich etwaige Hippie- Assoziationen verflüchtigen und einer düsteren, sakralen Atmosphäre weichen. Vergleiche sind schwer zu ziehen, weil SCIVIAS tatsächlich auch für den rituellen Bereich sehr eigenständig sind, doch als erste klangliche Referenz sollte man die Musik ihres großen Landsmannes LASZLO HORTOBAGYI (TRANSREPLICA MECCANO, GAYAN UTTEJAK SOCIETY) anführen, dicht gefolgt von AIN SOPH ("Ars Regia"), sowie der großartigen, aber heute vergessenen belgischen Ritualformation HET ZWEET. Der zweite Teil ist nun deutlich aggressiver und vor allem klaustrophobischer. Rein Instrumental gehalten, anhaltendes rituelles Trommeln und Gitarren Noise in bester RAMLEH Art, dennoch wird auch hier der rituelle Charakter beibehalten. Insgesamt sehr spannende Ritualmusik, irgendwo zwischen genannten Projekten, aber auch Freunde von ACTUS, frühen CURRENT 93, den Projekten des CONSTELLATION Labels (GOODSPEED YOU BLACK EMPEROR! & Co), aber auch THE SWANS sollten mal reinhören. "Ston pa nyid" ist nicht das Nonplusultra echter Ritualmusik, aber seit bestimmt fast 10 Jahren wieder ein guter Anfang!
Bleibt inhaltlich zu klären: "Ston pa nyid" ist ein tibetischer Ausdruck für "Unendliche Leere" (ein Begriff aus der buddhistischen Mystik, der das Fehlen einer Seinssubstanz, Atman, meint, die es am eigenen Leib zu erleben gilt) und so stammen die kurzen, in ungarisch gesprochenen Textpassagen, auch von Milarepa, einem tibetanischem Heiligen aus dem 11. Jahrhundert. Der Tonträger ist Alexander Csoma de Körös, einem ungarischen Buddhist des 19. Jahrhunderts, sowie dem italienischen Esoteriker Julius Evola gewidmet. SANDOR RANDY, der Kopf von SCIVIAS, war bereits vor einigen Jahren an einem interessanten französischen Buch beteiligt, welches u. a. einige Musiker unserer Szene (BLOOD AXIS, CHANGES, ALLERSEELEN) zum Einfluß der Integralen Tradition und Evola befragte. Herausgeber war damals THIERRY JOLIF, von den unvergessenen LONSAI MAIKOV. Dieses Buch ("Evola, Envers et Contre Tous! ") ist anscheinend wieder aufgelegt worden und sei den französisch Lesenden hiermit empfohlen, zu beziehen bei: http://www.dualpha.com

 
Archivar für nonpop.de



Anzeige:
Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln ausschließlich die Meinung des jeweiligen Verfassers bzw. Interviewpartners wieder. Nachdruck (auch auszugsweise) nur mit schriftlicher Genehmigung durch den Betreiber dieser Seite.
Link-Code zu diesem Artikel:
Wöchentliche Artikelübersicht per Mail
Werde NONPOP- Redakteur...
» Diesen Artikel bewerten
» Kommentar zum Artikel verfassen
NONPOP RADIO
Nonpop Radio starten:

Hier Popup
Werbung