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Endsal

ANEMONE TUBE: The Three Worlds (II)

"Forget Heaven" - Rupaloka oder Das Beste kommt zum Schluss


ANEMONE TUBE: The Three Worlds (II)
Genre: Post Industrial
Verlag: The...
Vertrieb: The...
Erscheinungsdatum:
23. Oktober 2017
Medium: CD
Preis: ~13,00 €
Kaufen bei: TESCO Germany


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Betrachtet man Teil II der vorliegenden ANEMONE TUBE-Werk-Retrospektive, so gestaltet es sich schon ein wenig schwieriger, die in der Besprechung zu Teil I vorgeschlagene Analogsetzung mit dem buddhistischen Drei-Welten-Modell aufrechtzuerhalten, denn sprangen dem ambitionierten Hermeneutiker die Entsprechungen zwischen "Allegory Of Vanity" und dem  Kāmaloka-Konzept noch geradezu entgegen, so ist schon etwas mehr interpretatorischer Muskelschmalz erforderlich, will man "Forget Heaven" und Rūpaloka, die Sphäre der reinen Form, zueinander in Bezug setzen. Und doch: insbesondere das träumerisch-astrale Covermotiv fügt sich, vor allem, wenn man es in Verbindung mit dem prosaischen Titel betrachtet, durchaus ins Bild, denn auch, wenn Rūpaloka als eine weitgehend vom "Durst" und dem daraus resultierenden Leiden bereinigte, halbgöttlichen und quasi-transzendenten Wesen vorbehaltene Existenzebene verstanden werden kann, liegt sie doch immer noch im Herrschaftsbereich des samsarischen Rades, unterliegt also dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten und vermag insofern stets wieder in defizitärere Zustände umzuschlagen. So gesehen trifft der losungsartige Titel "Forget Heaven" angesichts der sinister-romantischen, sternendurchwebten Szenerie, in die die nur noch schemenhaft angedeutete – und nichtsdestoweniger standesgemäß vermummte (man beachte: keine Augen ...!) – Gestalt auf dem Frontcover gestellt ist, durchaus ins rezensentenseitig angepeilte Schwarze. In diesem Sinne bestärkend wirken auch die einführenden Worte des ersten von vier, auf der Innenseite des schnieken CD-Schubers angeführten, buddhistischen Bonmots: "The vessel (world) and its content (beings) are impermanent. In particular, the life of beings is like a bubble in water." In einer von individuierten Wesen bevölkerten Welt, deren substanzielles Wesen Flüchtigkeit und Vergänglichkeit ist, bedingt jedes Festhalten, egal auf welch noch so subtiler Existenzebene, zwangsläufig kurz-, mittel- oder langfristig wieder neues Leiden: in dieser Hinsicht unterscheiden sich Himmel und Hölle nicht voneinander – die Differenz ist lediglich eine graduelle bzw. perspektivische, und insofern erweist sich die Devise "Forget Heaven" der zweiten der Drei Welten ebenfalls als ziemlich angemessen.


"Forget Heaven" war allerdings auch der Titel einer der allerersten Veröffentlichungen des STEFAN HANSER alias ANEMONE TUBE, damals noch im idyllischen Tettnang ansässig, und wurde 1997 vom norddeutschen Cassettenlabel BAWLER PRODUCTIONS als C-50-Tape unter's Volk gebracht – womit wir die subtil-esoterischen Betrachtungen hinter uns lassen und uns den nackten Fakten zuwenden wollen. Dieses, sechs Titel umfassende Tape erfährt nun auf der vorliegenden CD in nahezu voller Länge seine Wiederauferstehung, was für jeden Kenner und Liebhaber der musikalischen Emissionen des Herrn HANSER in jedem Fall zuerst einmal von nicht unbeträchtlichem historischem Interesse sein dürfte. Ob das dargebotene Material nach über zwanzig Jahren Garzeit freilich immer noch von ebenso großer künstlerisch-musikalischer Strahlkraft und Faszination ist bzw. sein kann, wie das damals wohl der Fall gewesen sein mochte, steht freilich auf einem anderen Blatt geschrieben. Und um es in dieser Hinsicht kurz zu machen und die Antwort nicht auf die lange Bank zu schieben: Geht so. Eventuell wäre hier etwas weniger tatsächlich mehr gewesen, z.B. in Form von Auszügen oder zwei bis drei ausgewählten, ausdrucksstarken Titeln. Nach der, freilich ganz und gar subjektiven, Ansicht des Autors dieser Zeilen jedenfalls haben die Stücke doch ein wenig Patina angesetzt: dies gilt insbesondere für die atypisch krachigen Titel 3 bis 5, wobei die verhalten rhythmische, insgesamt stark dark-ambient-lastige Einführungssequenz des, mit guten 22 Minuten Dauer nahezu ein Drittel der gesamten CD-Spielzeit beanspruchenden Tracks "Escape" durchaus zu faszinieren weiß; diese Faszination flacht mit dem Umschlag in dezidiert brachiale Gefilde etwa ab Minute sieben dann leider empfindlich ab: zurück bleibt eine zwar solide und beachtlich harsche Noise-Nummer, die heutzutage allerdings kaum noch einen Rezipienten in überdurchschnittliche Erregungszustände versetzen dürfte – dafür hat man dergleichen in der Zwischenzeit schlicht & ergreifend zu oft gehört, was nach über zwanzig Jahren freilich wenig erstaunlich ist. Die ersten beiden Tracks, "Ti Fang – Desertification" und "Dark Accomplishment" wissen zwar etwas mehr zu überzeugen, beziehen das ihnen zukommende Interesse letztlich aber auch überwiegend aus dem nicht zu knappen Kontrast, in dem sie zum aktuellen Sound von ANEMONE TUBE stehen. Der das damalige Tape abschließende, titelgebende Track "Forget Heaven" kommt mit seinen knapp zwei Minuten Laufzeit wiederum schwerlich über die Anmutung eines Lückenfüllers hinaus. Wie gesagt: Zwei oder drei repräsentative Titel wären hier wohl die bessere Wahl gewesen.

(c) ANEMONE TUBE

Mit Track Numero 7, "Vanished", wird’s dann allerdings wieder deutlich interessanter: der bewegt sich an der Grenzlinie zwischen Noise und harschem Old-School-Dark-Ambient nach dem Strickmuster des frühen L.O.K.I.-Sounds, wie er exemplarisch auf der "Documents I"-Compilation zu goutieren war. Hier wird eine überzeugende atmosphärische Spannung generiert, zudem fügt sich der dominante, an grimme Polarstürme gemahnende Klangteppich perfekt in die thematische Programmatik des Opus: Alles fließt, alles verweht, alles vergeht. Auch das anschließende, ganz ähnlich tönende "Fallen Out" profitiert vom beschriebenen Old-School-Charme, besticht durch seine irgendwie weirde, melancholisch-nostalgische Grundstimmung und diffundiert ebenfalls in die Dark-Ambient-Gefilde der frühen und mittleren 1990er-Jahre. Weit im Hintergrund hören wir eine verwaschen klingende, klagende Stimme und zum ersten Mal sind auch jene, für ANEMONE TUBE so typischen Feedbackschleifen zu vernehmen, die in den folgenden Jahren quasi zu einem unverwechselbaren Stilmerkmal werden sollten – ganz klar einer Höhepunkte des Albums. "Separating Green" war ein Beitrag für die 1999 erschienene Compilation "Ambient Intimacy 3", bewegt sich in einer Grauzone zwischen Dark Ambient und experimentellem Noise und weiß durchaus zu fesseln, der Hörer muss sich jedoch darauf einlassen – was freilich mitnichten ein Kritikpunkt ist. Des Rezensenten ganz persönliche Favoriten sind jedoch die beiden letzten Tracks – das Beste kommt ja bekanntlich eh immer zum Schluss: Das bislang unveröffentlichte, subtil schraddelige, langsam um einen monotonen Gitarrenloop herum sich emporrankende und mit allerlei Naturgeräuschen angereicherte "Long Lost", bei dem die noisigen Elemente weitgehend in den Hintergrund treten, kommt unvergleichlich entspannt daher und mäandert irgendwo zwischen Tagtraum, Hymne und Abgesang. Es ist dem musikalischen Material, das man heutzutage mit ANEMONE TUBE zu verbinden gewohnt ist, wohl noch am vergleichbarsten, was insofern weniger verwundert, als das Stück "erst" 2000 aufgenommen wurde und somit den jüngsten Track auf "Forget Heaven" abgibt. Als fast noch schöner erweist sich schließlich das Finale "Grave With A View", mit Abstand das gitarrenlastigste Stück der CD, setzt es sich doch, soweit herauszuhören, nahezu ausschließlich aus allerlei amorphen Akkorden und diversem Saitengezupfe zusammen, was den Rezensenten übrigens nicht zu knapp an die gitarrengenerierten Tracks von CONTROLLED BLEEDING aus der zweiten Hälfte der 1980er Jahre erinnerte (exemplarisch sei hier auf Diverses von "Songs From The Vault" oder "Music From The Scourging Ground" verwiesen). Doch wie auch immer: Wenn "Forget Heaven" in der ersten Hälfte auch etwas schwächelt, so steigert sich das Album in der zweiten doch zusehends, um am Ende noch einmal zur Höchstform aufzulaufen.

Ansonsten gilt, was bereits in der Besprechung zum ersten Teil der Trilogie, "Allegory Of Vanity", gesagt wurde: Die CD aus den kollaborierenden Häusern THE EPICUREAN (Berlin) und LA ESENCIA (Barcelona) wird im überaus ansprechenden, hochwertig verarbeiteten 6-Panel-Kartonschuber serviert, der mühelos jedes CD-Regal schmückt. Diejenigen unter der geschätzten Leserschaft, die die Musik des mittlerweile in Berlin wirkenden Projektes ohnehin kennen und mögen, können bei "Forget Heaven" ziemlich bedenkenlos zugreifen, Neueinsteigern hingegen sei im Interesse der Verhütung eines möglicherweise irreführenden Ersteindruckes tendenziell abgeraten: Auf "Forget Heaven" finden sich zweifellos Perlen, das Album hat jedoch insbesondere in der ersten Hälfte Längen und fällt somit, auch wenn es insbesondere in seiner Eigenschaft als musikalischer Rückblick von gesteigertem Interesse ist, gegenüber ausgemachten Perlen jüngeren Datums wie "Golden Temple" oder "In The Vortex Of Dionysian Reality" in der Gesamtwertung ein klein wenig ab.


 
Endsal für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» ANEMONE TUBE-Homepage
» ANEMONE TUBE @ facebook
» ANEMONE TUBE @ SoundCloud
» ANEMONE TUBE @ discogs
» THE EPICUREAN-Homepage
» THE EPICUREAN @ bandcamp
» LA ESENCIA @ bigcartel

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Zusammenfassung
Zweiter Teil der Werk-Retrospektiven-Trilogie, der in der ersten Hälfte etwas schwächelt, dann jedoch mehr & mehr Fahrt aufnimmt um gegen Ende zur Höchstform aufzulaufen. Als Horizonterweiterung für Kenner zu empfehlen, als Erstkontakt für Neueinsteiger eher mit Vorsicht zu genießen.

Inhalt
01: Ti Fang - Desertification (7:47)
02: Dark Accomplishment (7:00)
03: Obey The Matrix (4:01)
04: Self-Hospitalization (3:43)
05: Escape (20:22)
06: Forget Heaven (1:54)
07: Vanished (5:12)
08: Fallen Out (5:11)

09: Separating Green (5:37)
10: Long Lost (4:25)
11: Grave With A View (3:02)

CD in 6-Panel-Kartonschuber, limitiert auf 300 Exemplare
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