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Michael We.

KAMMERFLIMMER KOLLEKTIEF: Désarroi

"Ekelnatur - ich will Beton pur"


KAMMERFLIMMER KOLLEKTIEF: Désarroi
Genre: Experimental
Verlag: Staubgold
Erscheinungsdatum:
20. Februar 2015
Medium: CD / LP
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Das experimentelle Trio aus dem deutschen Südwesten haben wir in den vergangenen Jahren regelmäßig begleitet. Drei tolle Alben, die sich durchaus voneinander unterschieden, brachten KAMMERFLIMMER KOLLEKTIEF in dieser Zeit auf den Markt: "Jinx" (2007, Besprechung), Dark Jazz (oder so) mit HEIKE AUMÜLLER als Human Beatbox. "Wildling" (2010, Besprechung), traurig, verträumt und introvertiert. Und zuletzt "Teufelskamin" (2011, Besprechung) mit winterlichem Landhaus-Ambient. Im kommenden Februar folgt nun "Désarroi", das zehnte Album der Bandgeschichte, nicht nur aufgrund des Jubiläums interessant. Als wildestes und radikalstes Werk wird es vom KAMMERFLIMMER-Stammlabel STAUBGOLD bezeichnet, und das absolut zu recht. So habe ich das KOLLEKTIEF noch nie gehört. Im Vergleich insbesondere zu den drei Vorgängeralben äußerst extrovertiert, besonders experimentierfreudig, mit starkem Klargesang, einer Dub-Passage und dem überraschenden S.Y.P.H.-Cover "Zurück zum Beton", ganz anders als die punkige Ursprungsversion von 1978.



Schon in "Désarroi #1: Mayhem!" (01) fügen sich die Einzelteile ganz verschroben zusammen. Schlagzeugbesen, Harmonium – melancholisch, aber sehr frei –, sogar ein doomiger Bass mischt sich ein. Es knattert, quietscht und tönt, aber bei allem Wirrwarr flüstert eine Melodie mit viel Seele: "Hör' mich noch mal!" In "Désarroi #2: grundstürzend" (02) twangt eine Road Movie-Gitarre, und zwischen Geräusche von knirschendem Holz mischt sich ... ein Beat, ein Beat, tuckernd und einhüllend. Hier brummt es, dort zwitschert ein Geigenloop, und immer wieder das abgehackte, sich windende Harmonium von HEIKE AUMÜLLER, unterbrochen vom oben versprochenen Dub-Rhythmus – ein munteres Schrammeln quer durch die Musikgeschichte. Ob es wohl doof ist, ein spezielles Geräusch besonders gut zu finden? Ich jedenfalls mag das holzige Knarzen (der Geige?), so nah, so zum Anfassen, dass es fast aus den Lautsprechern fällt. "Free Form Freak-Out" (03) dimmt das Licht; unruhiger Ambient mit gezupftem Bassgegniedel und Harmoniumdrones, dabei auch allerlei analoge Störgeräusche. Wie der Titel andeutet, ist dieser Track besonders frei in der Form, dicht an einer spontanen Jamsession. Aaaah, Gesang, den hatte ich schon ein bisschen vermisst. Nicht die von früher bekannten, typischen lautmalerischen Silben tauchen in "Evol Jam (Edit)" (04) auf, es ist ein richtiger Text und – zunächst – eine wunderbare Liebesballade, nicht ohne KAMMERFLIMMER-Überraschungen, zum Beispiel den wie Schnee knirschenden, einschneidenden Metalsound, der in einen dissonanten Mittelteil mündet.
Sehr wohlig wirkt "Désarroi #3: burned" (05). Helles Harmonium, schöne Melodie. Einige Zutaten lassen dem Song etwas Verschwörerisches anhaften, vor allem das geheimnisvolle Flüstern, aber auch Gitarrentwangs, der tuckernde Rhythmus, Zwitschern und Zirpen. "Désarroi #4: unlösbar" (06) bewegt sich wieder unruhiger und schratiger, ohne Vocals, aber mit verschobenen Rhythmen und Dissonanzen. Mein knarzender Holz-Sound kehrt in "Désarroi #5: saumselig" (07) zurück; Gitarrenambient mit ein wenig psychedelischem Geschwurbel. Und zum Schluss folgt noch eine dicke Überraschung: So wie in "Zurück zum Beton (Version)" (08) habe ich HEIKE AUMÜLLER noch nie gehört. Aus dem Original macht sie eine Art lyrischen Sprechgesang, was bei zurückhaltender Instrumentierung – vor allem Bass und dezente, aber großartige Percussion – für winterliche, heimelige Atmosphäre sorgt, ganz im Gegensatz zum Text ("Ekelnatur - ich will Beton pur"). Und zum Ende hin: mein Lieblings-Knarzen!

"Désarroi" heißt übersetzt unter anderem so viel wie Hilflosigkeit oder Verwirrung. Gefühle, die ich höchstens ganz am Anfang empfinde. Weil das Album tatsächlich eine neue KAMMERFLIMMER-Stufe zündet, frei und extrovertiert ist und hier einige Dinge zusammenkommen, die auf Anhieb nicht unbedingt passen – aber eben nur auf Anhieb. Wenn Avantgarde bedeutet, sich ständig neu zu erfinden, fortschrittlich und manchmal auch radikal zu sein, dann gehören KAMMERFLIMMER KOLLEKTIEF dazu. Und bleiben dabei nach wie vor wunderschön und attraktiv. Knarz.

KOLLEKTIEF mit Hund...


 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» KK @ Wiki

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Zusammenfassung
Das Album zündet eine neue KAMMERFLIMMER-Stufe, ist besonders frei und extrovertiert. Und HEIKE AUMÜLLER singt ganze Lieder! Wenn Avantgarde bedeutet, fortschrittlich und manchmal auch radikal zu sein, dann gehört das KOLLEKTIEF dazu. Und bleibt dabei nach wie vor wunderschön und attraktiv.

Inhalt
01. Désarroi #1: Mayhem! (4:09)
02. Désarroi #2: grundstürzend (5:52)
03. Free Form Freak-Out (6:01)
04. Evol Jam (Edit) (5:34)
05. Désarroi #3: burned (7:12)
06. Désarroi #4: unlösbar (4:23)
07. Désarroi #5: saumselig (2:31)
08. Zurück zum Beton (Version) (4:42)

~ 40 min.
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