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Michael We.

GHÉDALIA TAZARTÈS: Ante-Mortem

... inclassable ...


GHÉDALIA TAZARTÈS: Ante-Mortem
Genre: Experimental
Verlag: Hinterzimmer...
Erscheinungsdatum:
Oktober 2010
Medium: CD
Preis: ~14,00 €
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Ein schlechter Verkäufer seiner selbst soll er sein, der Sohn türkischer Eltern, der 1947 in Paris geboren wurde und seitdem in der französischen Hauptstadt lebt. In Ankündigungen seiner (seltenen) Konzerte sowie in Besprechungen seiner (wenigen) Alben bezeichnen ihn schreibende Kollegen häufig als 'Genie', und ich stimme gerne zu. NURSE WITH WOUND führen GHÉDALIA TAZARTÈS zwar auf ihrer berühmten Liste der knapp 300 Künstler, die "Dissecting-Table-Of-A-Sewing-Machine-And-An-Umbrella/master/52444">Chance Meeting On A ..." beeinflusst haben sollen, das erste NWW-Album aus dem Jahr 1979. Dennoch hat der Autodidakt seitdem bestenfalls den Status des Geheimtipps im Unter-Untergrund erreicht, nicht einmal für einen Eintrag im internationalen Wiki reicht das.

Möglicherweise kümmert sich TAZARTÈS aber auch kaum um so profane Begleitumstände seines Künstlertums, spielt nur um der seltsamen Musik willen, die er hervorbringt. Läuft mit einem uralten, tragbaren Kassettenrekorder durch die Straßen von Paris (reine Spekulation) und sammelt; sammelt Töne und Geräusche – darunter auch das Gurgeln seiner Tochter am Waschtisch – wie andere Menschen Streichholzschachteln oder Comics. Neun Alben in 31 Jahren und ein paar EPs kann TAZARTÈS vorweisen, "Ante-Mortem" ist das zehnte, ein Jubiläumsalbum sozusagen, veröffentlicht auf dem kleinen Schweizer Label HINTERZIMMER RECORDS (wie üblich im schönen, naturfarbenen Karton), welches NONPOP schon mehrere feine Künstler beschert hat (siehe 'Links').

Die Zwischenüberschrift für den kurzen TAZARTÈS-Artikel im französischen Online-Lexikon (immerhin) lautet treffend "Une musique inclassable". Der 63jährige mischt Musique concrète und Folklore, Industrial und Slam poetry. Muezzin ist er, Rocker und auch Chansonnier, etwa wenn er lasziv und mit starkem Akzent "Fuck you, baby!" flüstert. Selbst Sprachen wirft er durcheinander, seine Texte bestehen aus Englisch, Französisch und unverständlichem Kauderwelsch.
Ich habe nicht alle Stationen des Wahlfranzosen verfolgt, aber "Ante-Mortem", eine Sammlung aus unveröffentlichten Fragmenten der vergangenen Jahre, scheint mir noch einen Tick abgedrehter als der Rest. TAZARTÈS hat seine Titel (wieder einmal) schmucklos durchnummeriert, dabei allerdings gelogen: Obwohl es nur bis Nummer 23 geht, sind insgesamt 25 Stücke auf der CD, die letzten beiden davon thematisch verknüpft: "24" bedient sich lateinischer Textbausteine aus dem "Ave Maria", vorgetragen in entspannter DYLAN-Manier und sieben Minuten lang untermalt von einer luftigen, bluesigen Gitarre. "25" hält sich musikalisch an das Kirchenoriginal, erinnert im Vortrag aber an einen stockbesoffenen GAINSBOURG, über weite Strecken a capella oder mit weicher Flöte.
Als Nomade wird TAZARTÈS gerne beschrieben, und tatsächlich fügt sich das Bild des einsamen, selbstvergessen durch die Wüste schreitenden Weltenwanderers mit der Musik zusammen. Die restlichen Tracks öffnen das Füllhorn, welches auf diesen langen Reisen bestückt wurde. Improvisierende Instrumente mit eingespielten Gesängen, Geräuschen, Gesprächen sind dabei. Ebenso die für TAZARTÈS typischen 'Ethno'-Lieder, wobei das Wort 'Lied' übertreibt; vielmehr sind es Miniaturen – einige unter einer Minute lang – und Momentaufnahmen. Orientalischer Gesang – was für eine Stimme, was für ein Timbre! – mit spanischer Gitarre, wenige Sekunden später ein wütender, zwischen Schreien und Flüstern schwankender TOM WAITS zu industriellen Rhythmen. Manche Songpakete begleiten ein musikalisches Thema über mehrere Stücke hinweg, zum Beispiel schreit der selbstgebastelte Chor aus Dopplungen des eigenen Gesangs in einer bestimmten, melodischen Abfolge durch einige Tracks: TAZARTÈS vervielfältigt sich selbst. Andere Nummern wiederum stehen ganz für sich allein.
Gesondert zu erwähnen sind zwei Lieder in der Mitte und am Ende des Albums: "9" ist ein besonders beschwörendes, magisches Stück. Selbstvergessener Gesang in einer nicht zu identifizierenden Sprache mit orientalischem Einschlag schwebt über den Drones eines dunklen Streichinstrumentes, wieder ist nach einer Minute alles vorbei. Nach einer dissonanten Rockröhre mit HENDRIX-Gitarre gibt TAZARTÈS plötzlich den Countertenor ("21"), wunderschön und voller Traurigkeit; BABY DEE fällt mir dazu ein.

Oh ja, ich kann gut verstehen, dass GHÉDALIA TAZARTÈS inspirierend wirkt und sich wichtige Musiker seinen Namen auf Listen notieren. Er mag zwar unklassifizierbar sein, ebenso ist er aber unverkennbar. Er arbeitet mit sich selbst, wie er es in einem der raren Interviews einmal beschrieben hat. Überhaupt scheint er nur für sich zu singen, so wie schon vor 51 Jahren, als alles anfing: Die ersten Versuche unternahm er angeblich abends, allein in seinem Zimmer, um den Tod der Großmutter zu verarbeiten. Seine Stimme ist sein Instrument, er deckt damit die ganze Bandbreite ab zwischen experimenteller und an manchen Steller gar populärer Musik, verschmilzt die Elemente wie ein Alchemist. Trotz der vielen Samples und eingespielten Geräusche wirkt nichts künstlich, alles ist pulsierend. An einigen Stellen scheinen die Aufnahmen seltsam abgebrochen, was wohl der Tatsache geschuldet ist, dass es sich tatsächlich um Fragmente handelt. Auf diesem Album stützt das eher den Eindruck von Lebendigkeit, als dass es stört. Ein packendes, abenteuerliches Dokument voller Atmosphäre und Leidenschaft.

PS: Das für einen Außenseiter wie TAZARTÈS mit dem perfekten Namen ausgestattete Label HINTERZIMMER stellen wir demnächst auf NONPOP ausführlicher vor.

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» TAZARTÈS @ discogs
» HINTERZIMMER 1 @ Nonpop
» HINTERZIMMER 2 @ Nonpop
» NWW-Liste verwaltet von einem Fan mit vielen Infos

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» GHÉDALIA TAZARTÈS: Check Point Charlie


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Zusammenfassung
TAZARTÈS inspiriert seit mehr als 30 Jahren Bands wie NWW und andere. Auch auf dem neuen Album ist er zwar unklassifizierbar, aber ebenso unverkennbar. Seine Stimme ist sein Instrument, und mit ihr verschmilzt der Alchemist viele weitere Elemente. Ein packendes, experimentelles Album.

Inhalt
01 Un
02 Deux
03 Trois
04 Quatre
05 Cinq
06 Six
07 Sept
08 Huit
09 Neuf
10 Dix
11 Onze
12 Douze
13 Treize
14 Quatorze
15 Quinze
16 Seize
17 Dix-Sept
18 Dix-Huit
19 Dix-Neuf
20 Vingt
21 Vingt Et Un
22 Vingt-Deux
23 Vingt-Trois...
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