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Michael We.
FIGUERAS | TOOP | BURWELL: Cholagogues
Staunen über die eigene Faszination
Kategorie: Rezension
Erstellt: 10.03.2009
Wörter: 948
Artikelbewertung:
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Dieser Artikel wurde mit Musikbeispielen in der NONPOP-Hörschau Nr. 20 vertont!
Ruummmmmmms!! Wenn beim Musizieren im Hintergrund ein Auto vorbeirauscht und einer der Künstler gegen das Mikrofon stolpert, landet die Aufnahme normalerweise im Mülleimer. Auf "Cholagogues" – ein medizinisches Wort für galletreibende Medikamente, das erste von vielen Geheimnissen – machen genau diese 'Unzulänglichkeiten' einen großen Teil des Charmes aus.
Drei Musiker, die davor und danach in dieser Konstellation nie wieder zusammen aufgetreten sind, haben sich vor mehr als 30 Jahren in London getroffen und 41 Minuten lang improvisiert. Dabei waren: NESTOR FIGUERAS, der unbekannteste der Spontanband, unter anderem zuständig für 'body percussion' und 'movement'. Er verschwand nach dieser Aufnahme aus den Registern der Musikwelt und war bis heute an keinem Album mehr beteiligt. Anders der 2007 verstorbene Brite PAUL BURWELL, eine wichtige Figur der britischen Musikimprovisation, welche sich ab Mitte der 1960er-Jahre vor allem in englischen Clubs entwickelte. Sein BOW GAMELAN TRIO sorgte mit einer Mischung aus Krach, Skulptur und Licht bis in die 1990er-Jahre für Furore; neben dem studierten Schlagzeuger BURWELL gehörten der Bildhauer RICHARD WILSON und die Performance-Künstlerin ANNE BEAN dazu. Auf "Cholagogues" war BURWELL vor allem für die Percussion zuständig, also für Klanghölzer, Trommeln oder Becken. Er bearbeitete aber ebenso eine einsaitige Geige und ein für Flugzeuge konstruiertes Gummiband. DAVID TOOP, der seine musikalische Karriere in den 1960er-Jahren als Blues-Gitarrist begann, ist der vielseitigste der drei und bis heute aktiv. Mit BURWELL verband ihn bis zu dessen Tod eine langjährige Zusammenarbeit, unter anderem als RAIN IN THE FACE, spezialisiert auf experimentelle Livemusik. Häufig suchten sich beide noch einen Sänger, so etwa SIMON FINN für das Acidfolk-Album "Pass The Distance" im Jahr 1970. TOOPs erstes Soloalbum "New And Rediscovered Musical Instruments" erschien 1975 auf dem OBSCURE-Label von BRIAN ENO, später gründete er mit QUARTZ eine eigene Basis für seine musikalischen Arbeiten. Neben vielen Alben hat TOOP auch drei Bücher veröffentlicht, darunter das gelobte "The Rap Attack" über die Ursprünge des Hip Hop. Im Jahr 2000 fungierte er als Kurator der bis dato größten britischen Klangkunst-Ausstellung "Sonic Boom". Der gebürtige Londoner bediente auf "Cholagogues" nahezu alle Varianten an Blas- und Pfeifinstrumenten.
Diese Musiker also kamen am Freitag, den 01. April 1977, mit Tüten voller Instrumente und dem Vorsatz zusammen, zwei LP-Seiten zu bespielen. Alle drei waren Gründungsmitglieder des "London Musicians Collective" (LMC), eines Vereins, der bis heute zeitgenössische, experimentelle und improvisierte Musik fördert. (PAUL BURWELL besaß angeblich den Mitgliedsausweis Nummer 1.) Als Veranstaltungsort hatten sie sich den 'Aktionsraum', den "Action Space" in der Londoner Northington Street ausgesucht, eine Art offene Künstlerwerkstatt, die in den 1970ern sehr beliebt bei Improvisationskünstlern war; am selben Tag fanden dort noch weitere Spontanaufnahmen statt. DAVID TOOP zeichnete die Performance, die vor einigen wenigen Zuschauern stattfand, mit einem tragbaren Sony-Kassettenrekorder (TC164) auf, damals natürlich noch ohne Dolby oder anderen Schnickschnack. Das Ergebnis erschien als LP auf dem zum LMC gehörenden Label BEAD RECORDS und war schnell vergriffen. Nun kommt "Cholagogues" digital überarbeitet und mit dem Original-Artwork – "Ein Werwolf im Blutrausch" von LUCAS CRANACH DEM ÄLTEREN, was ebensowenig zur Musik zu passen scheint wie der Titel des Albums – als CD auf SCHOOLMAP heraus. Das Label sitzt in Mailand und wird von dem italienischen Elektrotüftler GIUSEPPE IELASI betrieben. Er will die Musik demnächst auch als Download veröffentlichen.
Die vielen, vielen Instrumente, die teilweise schon erwähnt wurden – vom Gummiband über Pfeifen jeder Art bis hin zu Querflöte, Tamburin und dem Patschen auf den nackten Bauch – wirken über lange Strecken wie schüchterne Tiere, die sich auf die Lichtung eines Dschungels wagen. Einige bleiben länger, andere verschwinden sofort wieder und kommen später zurück, manche beginnen einen vorsichtigen Dialog. Dieser 'tierische', organische Eindruck wird durch mehrere Komponenten gestärkt: Tatsächlich produzieren FIGUERAS, TOOP und BURWELL einige Sounds, die nach Tierstimmen klingen, zum Beispiel ist die klassische Entenpfeife dabei. Das für damalige technische Verhältnisse fantastische Aufnahmegerät sorgt für einen globalen, räumlichen Klang, und dazu schafft die hörbare Spontaneität aus instrumentaler Aktion und Reaktion mit diversen Hintergrundgeräuschen eine unglaublich dichte Liveatmosphäre. Treffen mehrere Klänge zusammen, bekommt "Cholagogues" einen stark weltmusikalischen Einschlag. Percussion und Streicher erinnern an Begleitmusik aus indischen oder chinesischen Theatern, die Schellen an Perchten-Umzüge im Alpenraum. In der zweiten Hälfte des Albums hat die Querflöte (oder ein Instrument, das so klingt) sehr viel Raum, die Improvisation wird dadurch jazziger und wegen der perlenden, schnellen Töne auch aufregender. Nach mehrmaligem Hören bleibt das Staunen über die eigene Faszination, denn rational – sofern das bei Musik überhaupt geht – ist nicht zu erklären, was diesen langen Track so bemerkenswert macht. Dass er ohne kompositorische Elemente auskommt und somit nicht wiederholbar ist, liegt in der Natur der Improvisation. Dass er viele verschiedene Richtungen der experimentellen Musik bis hin zur völligen Freiheit von Improvisation innerhalb der Neuen Musik mischt, liegt an der Sozialisation der beteiligten Musiker. Was den sich langsam fortbewegenden, musikalischen Wanderzoo auf "Cholagogues" aber von vielen anderen Experimenten unterscheidet, ist die natürliche Magie, die sich gleich einstellt. Als würden FIGUERAS, TOOP und BURWELL in meinem Vorgarten, in sich versunken, um ein wenig Regen – noch drei rituelle Trommelschläge – oder eine gute Ernte – klingelingeling – bitten. Sehr geheimnisvoll und zurecht von SCHOOLMAP als 'verlorenes Juwel' gefeiert.
PS 1: Das Album erscheint in Deutschland erst Anfang April, ist über den Shop des Labels aber schon zu bestellen. PS 2: Weiterführende Texte und Literaturtipps zum Thema Improvisationsmusik finden sich zum Beispiel auf den Seiten dieses deutschen Vereins. PS 3: Über DAVID TOOP erscheint dieser Tage ein filmisches Porträt auf DVD ("I Never Promised You A Rose Garden")
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Verweise zum Artikel:
» Artikel über BURWELL
» SCHOOLMAP @ myspace
» TOOP @ myspace
» IELASI @ myspace
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Zusammenfassung
30 Jahre alt, sehr geheimnisvoll und vom Label zurecht als 'verlorenes Juwel' gefeiert. Drei Musiker improvisieren mit Tüten voller Instrumente. Wie schüchterne Tiere in einem Dschungel präsentieren sich die Sounds, und ab und zu läuft mal einer der Beteiligten gegen das Mikrofon. Wunderbar!
Inhalt
* School5
* 1 Track
* 41:15
* lim. 500
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David Toop
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