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Markus B.

THBC (COIL): Form Grows Rampant

„We all get the gods we deserve…” (Jhonn Balance)


THBC (COIL): Form Grows Rampant
Genre: Ritual
Verlag: Threshold House
Medium: CD / DVD
Preis: ~39,00 €
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Hinter THE THRESHOLD HOUSEBOYS CHOIR verbirgt sich PETER „Sleazy“ CHRISTOPHERSON von THROBBING GRISTLE und COIL. Letztere sind nach dem Ableben von JHONN BALANCE inaktiv, während TG seit einigen Jahren wieder versuchen, im Musikzirkus mitzumischen. Dies allerdings – verglichen mit der früheren „industriellen Revolution“ in den 70ern – nur bedingt erfolgreich. Vom HOUSEBOYS CHOIR wissen wohl bisher nur Wenige, gleichzeitig schreckt der relativ hohe Preis für das Doppelalbum aus CD und DVD die Eingeweihten zusätzlich ab. Doch einmal investiert, lohnt sich der Kauf im Nachhinein auf jeden Fall.

Ich werde mich hüten, THBC mit COIL zu vergleichen, möchte sogar behaupten, der (Sprech)gesang von JHONN BALANCE würde hier überhaupt nicht ins Klangbild passen. „I have known for a while that I wanted my new music to be a departure from the past”, schreibt CHRISTOPHERSON in den Liner Notes zum Album. Aus diesem Grunde hat er sämtliche thailändische Stimmen und Gesangsfetzen, wie die Musik selbst auch, am Computer zusammengebastelt, was für einen Perfektionisten wie ihn wohl ein schweißtreibender Prozess gewesen sein muss: „Software is not very good at manipulating existing voices … it still takes considerable skills that I have not had time to perfect as yet …”

Die Struktur und Atmosphäre der Songs lehnt sich an die Spätphase von COIL an. Sucht man eine Schublade für dieses Experiment, könnte man es vielleicht „Exotic-Ritual-Trance“ nennen. Dunkle und düstere Momente haben die fünf Stücke selten, sie wirken – in der richtigen Stimmung – eher meditativ und bewusstseinserweiternd (ernsthaft!). Im Selbstversuch mit Kopfhörern und einem guten Wein vor mir, versetzten die Bilder der DVD mich in eine unserer Zivilisation fremde Welt. Nicht in jeder Situation wird man auf die DVD zurückgreifen, doch einzelne Bilder der Aufnahmen schleichen sich immer wieder ins Bewusstsein, wenn man der Audio-CD (mit identischer Songauswahl) lauscht.

Auf Einladung eines Freundes besuchte CHRISTOPHERSON schon im Jahre 2003 das "GinJae-Festival" von Krabi Town im Süden Thailands. "GinJae" bedeutet soviel wie "vegetarisch", obwohl diese Bezeichnung etwas irreführend ist. Die Beteiligten verzichten während der 10-tägigen Rituale und Feiern (zum Zeitpunkt des neunten Vollmondes eines Jahres) auf Fleisch, Alkohol und Sex. In westlichen Ländern stünde sicherlich die Mehrheit der Menschen schon hier vor einem unlösbaren Problem. Die knabenhaften Teilnehmer ziehen das ohne Mühen durch, tanzen und trommeln sich mit schüttelndem Kopf durch das religiös-rituelle Treiben, um die bösartigen Geister aus der Nachbarschaft zu verbannen und der Stadt zukünftiges Glück zu bescheren. Insbesondere die schwer verdaulichen Bilder, in denen sich die Knaben riesige Spieße durch die Wangen bohren, oder sich im Zustand der Trance mit Rasierklingen die Zungen blutig schneiden, werden in Zeitlupe abgespielt und ergänzen sich mit den Klangcollagen der Musik. Das ist ästhetisch und verstörend zugleich, doch CHRISTOPHERSON, der sich auch als Videoregisseur einen Namen gemacht hat, schafft es mühelos, den Blick des Zuschauers knapp 50 Minuten an den Bildschirm zu fesseln. Empfindliche Gemüter seien vorgewarnt, es geht bisweilen doch recht blutig zu. Die Gesichter der sich in Trance befindlichen Teilnehmer werden mit Eiswasser betäubt und erstaunlicherweise tragen sie, so CHRISTOPHERSON, keine schwerwiegenden Narben und Krankheiten davon. Die Kamera begleitet einen der Jungen (siehe Coverbild) bei allen Feierlichkeiten, vom anfänglichen Tanz ums Feuer, bis zu den genannten Piercingaktionen zum Ende des Festivals.
CHRISTOPHERSON selbst diente wohl als Wirt für eine der beim Ritual freigesetzten Seelen, denn undefinierbare körperliche Beschwerden zwangen ihn im Anschluss zu einem mehrtägigen Krankenhausaufenthalt, wie er in den Liner Notes schildert. Ausdrücklich betont er, dass „Form Grows Rampant“ eine persönliche Interpretation der Ereignisse sei und daher nur bedingt mit dem Zweck und der Bedeutung des "GinJae-Festivals" zu vergleichen ist. Eine tiefgreifende und fremdweltliche Erfahrung, die sicherlich auch seinen Entschluss unterstützte, nach Bangkok umzusiedeln und von dort aus im East Tower, der neuen Heimat des THRESHOLD HOUSE, die Fäden zu spannen und uns mit guter Musik zu versorgen.

THE THRESHOLD HOUSEBOYS CHOIR dient wohl nur als Appetitmacher für Zukünftiges, ein neues Projekt mit Namen MOWGLI HASHSHASHIN ist wohl schon in Planung. 

„Form Grows Rampant“ ist ein solides Konzeptalbum, welches immer wieder den Weg in meinen CD-Player findet. Das visuelle Erlebnis ist eher etwas für besondere Augenblicke, der Film nistet sich im Gedächtnis ein und sollte daher vor dem erstmaligen Genuss der Audio-CD angeschaut werden. Trotz des hohen Preises habe ich den Kauf jedenfalls nicht bereut.

Ein dezenter Hinweis des Künstlers zum Schluss: Die Silberlinge haben zwar keinen DRM-Kopierschutz, sind aber mit einem CHI-Wasserzeichen versehen und sollten daher nicht bei illegalen Tauschbörsen angeboten werden: „Uploading to strangers will adversely affect your karma!“ (Wer will schon von ungebetenen Krankheiten dahingerafft werden? …)


 
Markus B. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Threshold House Webseite
» Sleazys mySpace
» THBC live in Russland 2005
» Phuket Vegetarian Festival (dem GinJae ähnlich)
» Review bei Brainwashed (inkl. Hörproben)

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Zusammenfassung
Ein schwer zu beschreibendes Kunstwerk aus exotisch-rituellen, elektronischen Sounds, wie wir sie von SLEAZY kennen und lieben. Das Bildmaterial stammt vom GinJae-Festival aus Thailand und wurde von PETER CHRISTOPHERSON selbst gefilmt.

Positiv aufgefallen
Umfangreiche Liner Notes von Peter Christopherson

Negativ aufgefallen
Sehr hoher Preis (knapp 40 Euro für 2 Scheiben)

Inhalt
Part 1: A Time Of Happening
Part 2: Intimations Of Spring
Part 3: So Young It Knows No End
Part 4: So Free It Knows No End
Part 5: As Doors Open Into Space

CD + DVD mit jeweils knapp 50 Minuten Spielzeit.
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