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Michael We.

SAL SOLARIS und BARDOSENETICCUBE

Zweimal Dark Ambient mit 'russischer Seele'


SAL SOLARIS und BARDOSENETICCUBE
Genre: Dark Ambient
Wörter: 1288
Erscheinungsdatum:
2007
Medium: CD
Preis: ~13,00 €
Kaufen bei: TESCO


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Russische Veröffentlichungen haben es bei mir immer ein wenig einfacher. Ich behaupte, dass keine Musik so gut der Nationalität ihrer Musiker zugeordnet werden kann wie die russische, denn es schimmert immer etwas von der - oft zitierten - 'russischen Seele' durch: die Weite des Landes, der Stolz einer ehemaligen Weltmacht und die Melancholie dunkler Winter. Der russische Philosoph NIKOLAJ ALEKSANDROVIC BERDJAEV (1874 bis 1948) hat sich, vielleicht genervt von den vielen plumpen westlichen Versuchen, an eine Definition gewagt, die er 'Geographie der russischen Seele' nannte: 'Die russische Seele wird von den unermesslichen russischen Feldern und den unermesslichen russischen Schneemengen niedergedrückt, sie versinkt in dieser Unermesslichkeit und verliert sich darin. […] Die staatliche Inbesitznahme der unermesslichen russischen Räume war von einer schrecklichen Zentralisation begleitet, von der Unterordnung des gesamten Lebens unter das Interesse des Staates und von der Unterdrückung der freien individuellen und gesellschaftlichen Kräfte. […] Der russische Mensch, ein Mensch der Erde, fühlt sich hilflos. […] Noch in der eigenen Seele spürt er die Unermesslichkeit, mit der er nur schwer zurecht kommt. Der russische Mensch ist weit, weit wie das russische Land, weit wie die russischen Felder. Das slawische Chaos wütet in ihm. […] Er ist im Raum zerflossen.'
Durch die Demokratisierung Osteuropas verschwindet die zitierte 'Hilflosigkeit' langsam und macht einer jahrzehntelang unterdrückten Kreativität Platz. Aus Osteuropa und vor allem aus Russland sind in den vergangenen Jahren, gerade im Industrial- und Dark Ambient-Bereich, auffallend viele Veröffentlichungen auf den Markt gekommen. Mehrere russische Industrial-Labels haben sich etabliert, zum Beispiel DER ANGRIFF aus St. Petersburg, dessen Mitarbeiter im Jahr 2000 das angeblich erste russische Industrial-Festival 'Heilige Feuer' organisiert haben. Auf INDIESTATE DISTRIBUTION veröffentlichen REUTOFF, und auf EWERS TONKUNST ist etwa die Zusammenarbeit von REUTOFF und ANTLERS MULM ('Kreuzung Eins') erschienen. Neben REUTOFF (seit 1998) haben sich Projekte wie STALNOY PAKT oder LUNAR ABYSS QUARTET vor allem durch Veröffentlichungen auf Samplern ('Holy Mother Russia') einen Namen gemacht. Gerade vor wenigen Wochen ist von POST SCRIPTVM eine außergewöhnliche Industrial-CD ('Raspad') auf den Markt gekommen. NONPOP stellt zwei neue Dark Ambient-CDs aus Russland vor, die - bei der Vielzahl an Veröffentlichungen - über dem Durchschnitt liegen.

SAL SOLARIS: Der Ruf
(lim 500, DER ANGRIFF)

SAL SOLARIS ist das Projekt von CONSTANTIN MEZER, der aus Rostov (einer der größten russischen Städe im europäischen Teil des Landes) stammt. Unterstützt wird er von IVAN NAPREENKO, der gleichzeitig für das gelungene Artwork zuständig ist: Die bläuliche Pappschachtel mit dem Foto eines Baumes vor einem Berg ist eine der schöneren Varianten, eine CD zu verpacken. MEZER trat beim ersten 'Heilige Feuer-Festival auf und gilt seitdem in Russland als einer der Mitbegründer der Szene. Zwei Jahre später (2002) veröffentlichte er mit 'Outerpretation Of Dreams' die bisher erste und einzige Vollzeit-CD von SAL SOLARIS (HAU RUCK!). Ansonsten existieren zwei seltene Vinyl-EPs und eine damals nur in Russland erhältiche CDR-Maxi. 'Der Ruf' sammelt die Titel, die zwischen 2000 und 2005 auf diversen Samplern ('Heilige Feuer' / 'Holy Mother Russia') oder auf den vergriffenen EPs erschienen sind, dazu gibt es zwei Remixe.
77 Minuten lang passiert auf 'Der Ruf' äußerst wenig, und dennoch beeindruckt die Musik durch ihre Kraft. Den Begriff 'Power Ambient' hat sich das Label dazu ausgedacht, und er passt. SAL SOLARIS machen Dark Ambient in Zeitlupe, sie schießen kosmische Töne in einen unendlichen Raum, die sich dort so lange austoben, bis sie keine Energie mehr haben. Das sind die Sounds eines dunklen, kalten Winters, in dem Bewegungen festfrieren, oder eines eisigen Alls, die aber nicht nur die Kälte, sondern auch die Melancholie eines solchen Szenarios ausstrahlen. Wenn sich, wie in Track 3, der Anflug einer Melodie einschleicht, wird er von sirenenhaften, verzerrten Loops gleich wieder unterbunden. Alles ist ein an- und abschwellendes Brummen. Manche Stücke könnten der Auftakt zu einer modernen Klassik-Komposition sein, etwa wenn in Track 4 eine riesige Orgel bedient wird und ein leichtes, elektronisches Geigenspiel einsetzt. Dafür stehen andererseits in manchen Tracks über weite Strecken nur einzelne Töne, manchmal sogar nur einer, wie in Track 5. Die Spitze des Minimalismus ist 'Fields Of The Dead' (6), das ganz auf klingende Töne verzichtet und nur aus Effekten besteht, mit Hall und Echos, die sich endlos dehnen. Neben den beiden Techno-Remixen zum Schluss, auf die ich sehr gut hätte verzichten können, ist Track 8 die einzige 'flotte' Nummer, mit einem verschliffenen Rhythmus. Das schönste Stück ist für mich 'Deck' (10): Mehr als 10 Minuten lang werden einige warme, tiefe und vibirierende Töne in unterschiedlicher Reihenfolge wiederholt, unterbrochen von einer dezenten (Schiffs-)Sirene und einem Ticken. 'Der Ruf' ist ein Stückchen Unendlichkeit, und es ist erstaunlich, wie so viel aus so wenig entstehen kann. Für eine 'Best Of' ist 'Der Ruf' außerdem überdurchschnittlich gut durchhörbar, was natürlich an der Ähnlichkeit der minimalistischen Stücke, aber (das musste ja kommen) auch an der 'russischen Seele' liegen kann, die alles zusammen hält.

BARDOSENETICCUBE: Naegleria Fowlery
(lim 300, BLADE RECORDS)


BARDOSENETICCUBE wurde 1998 von IGOR POTSUKAILO und einem befreundeten Musiker in St. Petersburg gegründet. Inzwischen betreibt IGOR sein Projekt mit der Hilfe von einigen Gastmusikern alleine. Wie viele andere russische Künstler beschäftigt er sich thematisch mit dem Zerfall der Sowjetunion bzw. dessen, was davon übrig geblieben ist. Mit Computern, Synthesizern, 'field recordings' (Aufahmen der Umgebung) und der eigenen Stimme schafft er eine Atmosphäre, die wesentlich düsterer ist als bei SAL SOLARIS, mehr Industrial als Ambient. Eingesetzt werden auch Geräte aus der Psychoakustik, so dass BARDOSENETICCUBE mit einer außergewöhnlichen Bandbreite an Frequenzen arbeitet. Selbst beschreibt IGOR seinen Stil als 'surrealistisch'. Auch BARDOSENETICCUBE ist im Westen vor allem durch einige Samplerbeiträge bekannt, etwa für STEINKLANG RECORDS. Das Projekt ist aber kein rein musikalisches, sondern eher ein Multimedia-Konzept, das an Ausstellungen, Videoinstallationen und 'Performances' auf öffentlichen Plätzen beteiligt ist. Solche Auftritte werden immer von Videoclips begleitet, und das meiste von dem, was dann auf der Bühne passiert, ist improvisiert. Vieles davon wird auf CD festgehalten, was die immense Zahl von 29 Veröffentlichungen seit Gründung des Projekts erklärt, wovon sicher nicht alle es verdienten, hier besprochen zu werden. Russische Plattentester bezeichnen die aktuelle CD als 'die beste Veröffentlichung' von BARDOSENETICCUBE. Ich kenne zwar nur eine kleine Auswahl an CDs, stimme aber zu, dass 'Naegleria Fowlery' sich von den Vorgängern deutlich abhebt.
Das titelgebende Geißeltierchen kann den Menschen befallen und eine eitrige Hirnhautentzündung hervorrufen, die zum Tod führt. Die verschiedenen Stufen, die das Gehirn bis zu diesem Exitus durchläuft, hat IGOR offenbar vertont. Track 1 ist ein Anfall von Wahnsinn, von 'Ich höre Stimmen in meinem Kopf'. Es flirrt und zerrt, Samples hallen, ein Rhythmus wiegt wie ein autistischer Körper vor und zurück, und das Chaos wird nur unterbrochen von kurzen, klaren und emotionalen Einsprengseln eines Gesangs. Wer durchhält, wird mit einem 10minütigen, fast technoiden Hit belohnt, der zwar auch mit zerstörerischem Pfeifen und Sirren aufwartet, aber dennoch fast melodiös nach vorne treibt. Der Gesang aus Track 1 gibt sich als 'Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt' von MARLENE DIETRICH zu erkennen. Zwischen diesen Extremen bewegen sich die restlichen Tracks: teilweise an der Grenze zum körperlichen Schmerz, teilweise melodiös, rhythmisch und - auf eine wahnsinnige Art und Weise - schön. In Track 4 zwitschern die Keyboards zu einem russischen Slowmotion-Gesang, Track 5 ist schnell getaktet und hochfrequent, eine Geräuschwelle nach der anderen rollt. Etwas albern wirkt der zweite DIETRICH-Song in Track 6, 'Ich bin die fesche Lola'. Für ein Hirn kurz vor dem Aus ist das nicht verrückt genug. Highlight ist das Ende, Track 8, ein langsames, perlendes und blubberndes Versinken, ein friedlicher, extrem langsamer Clubjazz - und dann nur noch Rauschen. 'Naegleria Fowlery' kann kaum auf einmal durchgehört werden, ist aber aufgrund der vielen Ideen und der ungewöhnlichen Sounds die Anstrengung wert.

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Labels und Bands aus Russland

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Zusammenfassung
Russland hat einen hohen Output an Dark Ambient- und Industrial-Platten. Natürlich sind nicht alle gut, aber den meisten Russen gelingt es, ihrer Musik etwas Besonderes zu verleihen, etwas 'Weites'. SAL SOLARIS und BARDOSENETICCUBE haben dieses 'russische Feature', deshalb sind ihre CDs gelungen.

Inhalt
Tracklist SAL SOLARIS

01 Untitled
02 Ожидание
03 Untitled
04 Untitled
05 Antilife
06 Fields Of The Dead
07 В Опасности
08 Untitled
09 Untitled
10 Deck
11 Старт (Ed Schrei Psy Remix)
12 На Орбите (Ed Schrei Dark Remix)

Tracklist BARDOSENETICCUBE

1 bis 8, alle 'Untitled'
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