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Michael We.

HINTERZIMMER RECORDS

"The aim is to search with an open focus ..."


HINTERZIMMER RECORDS
Kategorie: Spezial
Wörter: 1203
Erstellt: 13.12.2010
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Hallo RETO, hallo ROGER. In wessen Hinterzimmer habt Ihr beschlossen, ein Label zu sein?

RETO: Eigentlich geisterte der Wunsch nach einem eigenen Label schon Anfang 2000 umher. Quasi als Übergang von der Tape-Kultur zum CD-R Label. Gut, es blieb anfangs nur bei der Idee. Mit einem Musiklabel geht man ja auch eine Verantwortung gegenüber Artisten und Zuhörer/innen ein und es braucht neben Kontakten auch ein funktionierendes Vertriebsnetz dazu. Konkret wurde es dann 2006, als ich in ROGER jemanden fand, der eine ebenbürtige Begeisterung für spezielle Arten von Musik an den Tag legte und mit dem Begriff 'Musikbusiness' nicht automatisch etwas Kommerzielles assoziiert – sondern etwas Komplexes. Im selben Jahr erschienen die ersten beiden HINTERZIMMER-Veröffentlichungen unserer eigenen Projekte: HERPES Ö DELUXE ("Kielholen") und RM74 ("Fireproof In 8 Parts") in einer Auflage von je 300 Stück.

Welche Bedeutung hat das janusköpfige Pferd auf dem Labellogo?

RETO: Es gibt, ganz ähnlich wie in spannender Musik, verschiedene Deutungsebenen. Einerseits steht es für Rückblick und Ausblick. Andererseits auch für Zwiespältigkeit. Das schwarze Pferd wiederum kann als eigenwillige Kraft und als ungezähmter Überbringer verstanden werden. Und grafisch entdeckt man im Logo aus einer gewissen Entfernung ein großes H wie HINTERZIMMER.
 
Wie alt seid Ihr, und was gebt Ihr in Bewerbungsunterlagen unter der Rubrik 'Beruf' an?

ROGER: Wir sind beide Mitte/Ende 30, RETO arbeitet als Regisseur und Sendetechniker beim Fernsehen, ich veranstalte Konzerte und kümmere mich um die Administration eines Kulturzentrums für zeitgenössischen Tanz und Musik.
 
So wie es auch im discogs-Eintrag steht, sucht HINTERZIMMER mit offenen Ohren nach "a wide range of musical creations". Man könnte Euer Programm vielleicht als 'experimentell' bezeichnen. Könnt Ihr Euer Portfolio noch ein wenig konkreter beschreiben? Wofür steht HINTERZIMMER RECORDS, nach welchen Künstlern sucht Ihr?

ROGER: Im Grunde geht es uns darum, sich möglichst wenigen Arten von Musik zu verschließen, das halten wir auch als Hörer so. Eigentlich muss es doch darum gehen, sich aus jedem Genre das Beste herauszupicken; am meisten freue ich mich, wenn ich großartige Musik aus einer Sparte entdecke, in der ich mich normalerweise nicht bewege. Selbstverständlich veröffentlichen wir auf HINTERZIMMER experimentelle Musik, denn dafür schlägt unser Herz, aber auf keinen Fall wollen wir eine bestimmte Szene beackern. Als man uns nach den ersten paar Releases als Label für experimentelle Elektronik und Elektroakustik wahrzunehmen begann, entwickelten wir eine große Lust, uns explizit von der elektronischen Musik zu entfernen, zumindest vorübergehend, und haben uns mit Alben von KINIT HER, RHYS CHATHAM oder RASHOMON aus der drohenden Sackgasse befreit.
RETO: Es gibt da draußen dermaßen viel Musik, dass heutzutage umso mehr das Zuhören, Selektionieren und Vertrauen gefragt sind. Die Musik auf HINTERZIMMER soll uns selber genauso wie die anderen Zuhörer möglichst tief in ihren Bann ziehen und sämtliche Sinne anregen. Und wenn man 'experimentell' auch als 'unkonventionell' bezeichnen darf, dann passt der Begriff für unser derzeitiges Labelprogramm.

Zuallererst habt Ihr zwei eigene Produkte veröffentlicht: hint01 war ein Album von ROGERs Projekt HERPES Ö DELUXE, hint02 ein Album von RETOs Projekt RM74. Skizziert doch bitte mal Eure eigene musikalische Arbeit und Eure wichtigen Bands / Projekte.

RETO: Mein Soloprojekt RM74 war für mich schon immer ein breites Experimentierfeld zwischen elektroakustischer und instrumentaler Musik. Das Gute an einem Soloprojekt ist ja, dass es in erster Linie einem selber genügen muss und demnach musikalische Veränderungen jederzeit möglich sind. Fand mein Debütalbum noch in der abstrakten elektronischen/ elektroakustischen Musik statt, so bewege ich mich heute eher im Gebiet von Slowmotion Free Folk, psychedelischer Instrumentalmusik und Drones.
Daneben spiele ich zusammen mit dem Schlagzeuger STEVEN HESS aus Chicago (ON, HAPTIC, LOCRIAN, PAN AMERICAN) im Duo URAL UMBO. Die Musik lässt sich gut umschreiben als atmosphärische 'Geistermusik' mit knarzigen Post Rock-, epischen Filmmusik- und rituellen Black Metal-Einflüssen.
Ein weiteres Duo, zusammen mit MIKE REBER von HERPES Ö DELUXE, nennt sich PENDULUM NISUM. Dieses Projekt verbindet field recordings mit orchestralen, bizzaren Soundkulissen aus Piano, Hörnern, Synthesizer, Cello, Bassgitarre etc. zu einem mystisch-romantischen Ungetüm.
Und 2007 startete ich SUM OF R als ein offenes Projekt im Bereich von experimenteller Drone- und Doom-Musik.
ROGER: HERPES Ö DELUXE gibt es seit 15 Jahren, und darauf sind wir verdammt nochmal stolz.
 
Ihr habt – neben Euch selbst – weitere Schweizer Künstler im Programm, STROTTER INST. oder KIKO C. ESSEIVA zum Beispiel. Wäre es nicht einfacher gewesen, sich ausschließlich auf die Schweiz zu konzentrieren? Wäre doch ein prima Marketing-Konzept ...

ROGER: Abgesehen davon, dass Marketing-Konzepte und Kreativität sich beißen, gibt es in der kleinen Schweiz nicht dermaßen viele interessante Künstler abseits des Mainstreams. Außerdem wäre eine Konzentration auf nationale Künstler wieder eine Beschränkung, die uns in keiner Weise interessiert. Wir streben aber auch nicht krampfhaft Internationalität an, ein Demo aus Japan oder vom Musiker um die Ecke hat den gleichen Stellenwert, es ist wirklich nur der Inhalt, der zählt. 
 
Gibt es denn eine (kleine) 'Schweizer Szene' an experimentellen Künstlern? In Kanada zum Beispiel schießen junge, elektroakustische Komponisten momentan geradezu aus dem Boden. Passiert bei Euch etwas Vergleichbares?

RETO: Von einer umfassenden 'Schweizer Szene' in der experimentellen Musik habe ich selber noch nie etwas gehört. Mir ist es persönlich aber auch ein Anliegen, nicht Teil einer 'Szene' sein zu müssen. Vielmehr schätze ich, in Bezug auf experimentelle Musik, die Individualität. Es gibt jedoch einige Verbunde in der weit verbreiteten Schweizer Impro-Szene (z.B. WIM - Werkstatt für improvisierte Musik) wie auch in der Elektroakustischen Szene (siehe Buch "Musik aus dem Nichts"). Zudem existieren diverse Hochschulen, wo u.a. die Neue Musik gefördert wird.
 
Trauert Ihr vielleicht den 1980er-Jahren ein bisschen hinterher? Zur besten Zeit des 'Swiss Wave' gab es jede Menge interessanter Bands, eine eigene Schweizer Sampler-Reihe etc. GRAUZONE zum Beispiel haben ja in Bern angefangen, Eurer Heimat. Oder wäre Euch das viel zu poppig gewesen?

ROGER: Also wenn schon, dann trauere ich einfach der Tatsache hinterher, dass ich damals zwei, drei Jahr zu jung war, nicht in der Stadt wohnte und daher ein paar essentielle musikalische Live-Momente verpasst habe. Zu poppig, nein, keineswegs, ein paar Schweizer 80er-Popbands wie THE VYLLIES, GRAUZONE, STARTER, YELLO oder THE SCHMUTZ SISTERS klingen auch heute noch toll. Und auch der Schweizer Punk ein paar Jahre zuvor hatte ja einiges zu bieten!
 
Habt Ihr irgendeinen Kontakt zu dem Schweizer RUDOLF EBER (RUNZELSTIRN & GURGELSTOCK), dessen extreme Performances am anderen Ende der Skala stehen und absoluter Anti-Pop sind?

RETO: ROGER und ich kennen die Arbeiten von RUDOLF und seinem Verbund als RUNZELSTIRN & GURGELSTOCK. Mit RUDOLF persönlich hatte ich vor allem in Berlin Kontakt im Rahmen eines einwöchigen Festivals, an dem im Bezug auf RUNZELSTIRN & GURGELSTOCK auch DAVE PHILLIPS (FEAR OF GOD) und JOKE LANZ (SUDDEN INFANT) aufgetreten sind. Grundsätzlich ist es natürlich eh am spannendsten, wenn nicht alle Musiker, die untereinander verbandelt sind, die gleichen oder ähnliche Ziele und Klänge verfolgen. Jedem seinen Furz und jedem seine eigenen fünf Minuten. Vor der Theke beim Bier holen sind wir alle gleich.

=> weiter



(RETO und ROGER)


 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» HINTERZIMMER @ myspace
» HINTERZIMMER @ discogs
» RASHOMON @ NONPOP
» KINIT HER @ NONPOP
» GHÉDALIA TAZARTÈS @ NONPOP


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