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Michael We.

PAUL ROLAND im Interview

Asked Tweedledum and Tweedledee...


PAUL ROLAND im Interview
Kategorie: Spezial
Wörter: 1545
Erstellt: 31.01.2008
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Du arbeitest an einem neuen Album – können wir ein paar Fakten haben? Wann wird es erscheinen, wie wird es heißen, wie viele Songs werden drauf sein?

Das neue Album wird "Nevermore" heißen. Alle, die es schon gehört haben, sagen mir, dass es mit Abstand die beste Platte sei, die ich bis jetzt aufgenommen habe. Ich bin ganz besonders stolz auf diese Aufnahmen, denn sie vereinen all die verschiedenen Musikstile, mit denen ich jahrelang herumprobiert habe. Dadurch hat die Musik eine Reife bekommen, die vorher ganz einfach nicht möglich war. "Nevermore" wird im kommenden Mai auf dem deutschen Label SYBORG veröffentlicht. Ich habe es aufgenommen, als ich gerade noch in England gelebt habe, also im September 2006. Den letzten Schliff hat die Platte aber erst vor kurzem bekommen, in Zusammenarbeit mit einem meiner neuen Partner in Deutschland, NICO STECKELBERG von ELANE. Die Sängerin der Band taucht ebenfalls auf, sie hat die 'Verzierungen’ geliefert. (Teile von ELANE haben auch schon auf "Pavane" mitgewirkt, Anmerkung der Red.) Die Arbeit mit NICO hat besonders viel Spaß gemacht, weil ich von ihm einen Instrumentalteil – für den Song "The Last Voyage of the Nautillus" – bekommen habe, ohne eine einzige Note schreiben zu müssen. Ich habe NICO eine Akkordfolge gegeben und ihm genau erklärt, was er machen soll. Dann habe ich ihn mit seinem Computer allein gelassen. Das Ergebnis würde in einen Filmsoundtrack passen, und genau das wollte ich erreichen. Es hat mir gezeigt, dass ich mein Ziel, Filmmusik zu schreiben, zusammen mit einem ausgebildeten Komponisten erreichen kann. So habe ich wieder mal gelernt, dass ich doch eher der 'Kopf' und Motivator bin, aber ganz offensichtlich gelernte Musiker brauche, da ich selbst keiner bin. Wie ein Filmemacher, voller Ideen und Enthusiasmus, aber ohne Ahnung von Technik. "Nevermore" wird wahrscheinlich das letzte Album gewesen sein, das ich mit meiner britischen Band aufgenommen habe. Ich bin dabei, deutsche Musiker zu finden, mit denen ich aufnehmen und live spielen kann.

Begegnen uns wieder die typischen 'Verrückten', die – unter irgendeinem Zwang stehend – herumschleichen und Böses tun?

Absolut. Das Album beginnt mit "Edgar Allen Poe", einem meiner verschnörkelten Psychpop-Ohrwürmer. Er klingt wie die ganz alten Songs und hat Zeilen wie I’m just a husk of my former self  / My bruised heart bottled on the shelf oder My empty clothes sit in this chair / While my spirit takes the evening air. Sehr ironisch, und das Lied drückt auf gewisse Art und Weise mein intensives Gefühl für das Melodramatische aus. In solchen Songs kann ich mich über meine eigenen melodramatischen Veranlagungen lustig machen, das hat therapeutische Wirkung! Dann gibt es da noch eine wehmütige, edwardianische Geschichte namens "The Last Voyage of the Nautillus", die an "Wyndham Hill" erinnert. Dieser Song ist Teil einer kleinen Serie, die auf "20.000 Meilen unter dem Meer" von JULES VERNE basiert und einen weiteren, desillusionierten Idealisten behandelt, nämlich CAPTAIN NEMO. Der zweite Teil davon besteht aus einem Instrumentaltrack, der Bilder einer Unterwasserreise durch die Tiefsee heraufbeschwört, sehr cineastisch und meinem zunehmenden Interesse an besonders atmosphärischer Musik geschuldet. Und der dritte Teil ("The Wreck of the Nautillus") beendet die Geschichte mit einem eher traditionellen Song über den erlittenen Schiffbruch und das Schicksal der untergehenden Crew. Andere Stücke haben sich aus meinem immer stärker werdenden Interesse für Folkmusik entwickelt: "Abramelin" handelt von einem Zauberlehrling, "Eight Little Whores" dreht sich um die Opfer von JACK THE RIPPER im Stile einer viktorianischen Volksballade, und "Leatherface" ist ein ironischer Countryrocksong über den Serienkiller aus "Texas Chainsaw Massacre". Also da ist doch wieder für jeden was dabei!? Fast vergessen hätte ich noch ein schrulliges, comicartiges Loblied auf POE ("Tell Tale Heart"), das mich an das "Addams Family"-Theme erinnert, und ein Hardrock-Stück im Stile der 70er-Jahre ("The Great Deceiver"), das ordentlich auf alles draufhaut, was mit Religion zu tun hat. Das Album endet mit einem traditionellen Folklied ("Sam Hall") über eine Hinrichtung in Tyburn – ein weiteres beliebtes ROLAND-Motiv.

Woher stammen all die Figuren auf Deinen Alben – aus Deinen Alpträumen?

Ich habe nie Alpträume. Eigentlich sind meine Träume ziemlich spannend. Ich erkunde oft neue, unbekannte Städte, obwohl mir der tiefere Sinn solcher Träume bisher verborgen geblieben ist. Vielleicht bin ich einfach immer auf der Suche nach irgendwas. Meine Charaktere stammen manchmal aus Büchern, auch aus Sachliteratur, aus den Horrorcomics, die ich als Kind gelesen habe, oder irgendwo aus den Tiefen meines Unterbewusstseins. Figuren zu erfinden ist nicht so schwer. Viel schwerer ist es, in einem entsprechend kreativen Geisteszustand zu sein, um mit diesen Figuren auch etwas anfangen zu können. Das ist der Trick.

Einige Parallelen Deiner Lyrics zu berühmten Horror- oder Science Fiction-Autoren liegen auf der Hand; die vier, die rund um Deine Texte immer wieder genannt werden, sind H.G. WELLS, EDGAR ALLEN POE (dessen Gedicht "Der Rabe" ja immerhin titelgebend für Dein neues Album war), H.P. LOVECRAFT und M.R. JAMES. Welcher davon hat Dich tatsächlich bzw. am meisten beeinflusst?

WELLS hat mich schon früh beeinflusst. Ich habe "The Invisible Man" ("Der Unsichtbare") gelesen, als ich noch ein Kind war. Meine erste Kurzgeschichte, die ich im Alter von neun Jahren geschrieben habe, war von seinen Arbeiten inspiriert. Später, als ich schon Songs schrieb, habe ich seine edwardianische, vorstädtische Welt wieder besucht und dabei gelernt, mein eigenes Universum zu basteln. Aus dieser Zeit stammen meine Songs "The Great Edwardian Air-raid" and "Wyndham Hill". Ich mochte POE und LOVECRAFT bis vor kurzem eigentlich überhaupt nicht. POE fand ich immer zu morbid für meinen Geschmack, und LOVECRAFT betrügt. Er beschreibt nie seine Monster. Außerdem ist er sehr langatmig, benutzt drei Wörter, wenn auch eines genügen würde. WELLS hat mich dagegen fasziniert, weil sein Horror ganz unauffällig ist und mitten in einer typisch englischen Umgebung auftritt. Das ist skurril und abstrus, wohingegen POE und LOVECRAFT einfach nur humorlos sind. M.R. JAMES habe ich erst spät entdeckt, und er pflegt ebenfalls den unauffälligen Horror. Er schafft eine Atmosphäre – die macht Dich fertig. Es ist eine Herausforderung für alle Menschen mit einer regen Fantasie, M.R. JAMES zu lesen, bevor man ins Bett geht!

Du sagst, dass Du POE nicht so sehr schätzt wie andere Schriftsteller. Warum hast Du Dein neues Album trotzdem nach einem Gedicht von POE benannt und ihm darüber hinaus auf der Platte sogar einen Song gewidmet?

Ich dachte, dass der Titel "Nevermore" das phantastische Motiv dieses Albums ganz gut in einem magischen Wort zusammenfasst. Tatsächlich konnte ich POE früher nicht leiden, aber inzwischen schätze ich seine Fähigkeiten, mit Wörtern umzugehen und damit diese besondere Stimmung zu schaffen, diesen grüblerischen, schleichenden Wahnsinn. Das Stück "Valdemar" auf "Re-Animator" ist ebenfalls von POE inspiriert ("Die wahren Begebenheiten im Fall M. Valdemar"), und vielleicht folgt noch mehr durch POE inspirierte, verrückte Musik von Mr. ROLAND in der Zukunft.

Einige Deiner Songs beziehen sich schon im Titel auf real existierende Personen, "Lon Chaney" von 1986 zum Beispiel, ein Stummfilm-Schauspieler und Regisseur von Horrorfilmen (1883 bis 1930). Bist Du ein Fan von alten Horrorklassikern wie "Der Glöckner von Notre-Dame", "Frankenstein" oder "Das Cabinet des Dr. Caligari"? Kannst Du mit neueren Hochglanz-Filmen wie "Bram Stoker's Dracula" etwas anfangen?

Stell Dir vor – ich habe bis  zu diesem Jahr keinen Film von LON CHANEY gesehen! Es war mehr seine tragische Lebensgeschichte, die mich fasziniert hat, zusammen mit der makabren Faszination, die die Handlung einer seiner bekannteren Filme auf mich ausübt, "The Unknown" ("Der Unbekannte"). Ich bin ein richtiger Horrofilm-Freak, aber ich bevorzuge die Schwarzweiß-Klassiker der 1930er Jahre von UNIVERSAL und die 1960er Filme von HAMMER. Mit den modernen Schlachtorgien kann ich nichts anfangen. Obwohl – den neuen "Exorzist" fand ich sehr lustig, und das Remake von "The Texas Chainsaw Massacre" inspirierte mich zu dem Song "Leatherface" auf dem neuen Album:

He ain’t mean, just misunderstood
A red neck runt from an inbred brood
Don’t pay no heed its just kin disease
Poor sweet boy’s trying hard to please
Running down the hall gonna tan yer hide
Thicker than flies on a hog’s backside

Einer Deiner Songs ist nach dem (unvermeidlichen) ALEISTER CROWLEY benannt – eine Pflichtübung als Schreiber von Horror-Songs, oder hast Du Dich mit seinem Werk intensiv auseinandergesetzt? (Über Deine eigenen 'okkulten' Bücher reden wir später noch...)

Ich schrieb dieses Stück über CROWLEY, weil der Mann für mich eine Comicfigur ist. Ein Betrüger, der alle Karikaturisten geradezu herausfordert, Spott über ihn auszuschütten und die Luft aus seinem aufgeplusterten Ego herauszulassen. Wer kann so einen Mann schon ernst nehmen? Ich habe Magie und Mystik selbst studiert und praktiziert und halte CROWLEY für einen großen Witz, vor dem jeder, der wirklich etwas kann, einfach weglaufen muss. Nur diejenigen, die absolut gar keine  Ahnung haben, glauben ihm. Alle anderen sehen ihn als Witzfigur, die dem Okkultismus einen schlechten Ruf verschafft hat.

Deine Lieder spielen alle in der Vergangenheit, im London des – würde ich schätzen – 18. Jahrhunderts. Was fasziniert Dich an diesem Zeitalter so sehr?

Das war eine Zeit mit sehr viel Atmosphäre. Sie versprach Eleganz, Abenteuer und Grenzenlosigkeit, bevor dann später der Erste Weltkrieg alle Illusionen zerschmettert und die Zeit der Unschuld für immer beendet hat.


0) Start
2) Zukunft als Filmmusiker?
3) Bücher und Engel-Workshops
4) Umzug nach Deutschland

 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» PAUL ROLAND musikalisch (dt.)
» PAUL ROLAND literarisch (eng.)
» umfangreicher Wiki-Artikel
» ital. Seite mit vielen Interviews
» Diskografie mit Covern und Hörbeispielen
» Lyrics
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Poe und Crowley
NF (31-01-2008, 13:23)
Über das E. A. Poe Gedicht "Der Rabe" bin ich vor Kurzem erst wahllos nach "Nimmermehr" übers Internet suchend gestoßen. So können sich kleine Kreise schließen. In einem alchimistischen Nachtgespräch hatte ich Ernst Jünger einem Freund mal als Mischung aus Aleister Crowley und Friedrich Nitzsche anempfohlen. Leider finde keinen Zugang mehr. Seis drum. Never throw away a key. Gelungener Artikel, Michael We.

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