Die Seite wird geladen... einen Moment bitte.

SARAH JUNE: In Black Robes

Attic Core mit Groove


SARAH JUNE: In Black Robes
Genre: Acoustic
Verlag: Silber Media


Schrift vergrößern Schrift verkleinern

Über SARAH JUNE wurde in den letzten Jahren einiges geschrieben, gerade im englischsprachigen Raum gab es durchweg lobende Kritiken, und auch hierzulande wird die Musik der in San Francisco lebenden Sängerin aus Detroit mehr und mehr entdeckt. Auf die Einfachheit ihrer Kompositionen für Akustikgitarre und Gesang wird oft hingewiesen, die mehr Tugend als Not ist und somit wenig an der gespenstischen Intensität ihrer Songs ändert. Auch ihre kindlich anmutende Stimme wird oft zur Sprache gebracht, konkreter die Nähe zu ALISON SHAW von den CRANES. Zuguterletzt auch ein gewisses Vintage-Moment, das ihre Lieder wie Nachrichten aus einem verstaubten viktorianischen Puppenhaus erklingen lässt, oder eben aus einem rumpeligen Speicher.

All dies stimmt, und man muss es nicht allzu ausführlich wiederholen. Stand der Dinge ist, dass Sarah nach dem Erfolg ihres Erstlings „This Is My Letter To The World“, der auf einer Spur in ihrem Apartment aufgenommen wurde, von TIMOTHY RENNERs Experimentalfolklabel HAND/EYE zum größeren Indieverlag SILBER MEDIA gewechselt hat, wo gerade ihre zweite CD erschienen ist: „In Black Robes“. Wirkte das Debüt stilistisch soweit homogen, dass sich auch Coversongs von ELVIS PRESLEY und PRINCE nahtlos in das Gesamtkonzept einzufügen wussten, so setzt Sarah hier auf Vielfalt und bringt ein Album mit verhältnismäßigem Sammelcharakter zustande. Hauptanknüpfungspunkte zu früher bilden Lieder wie „From My Window High“, welches mit einer simplen Gitarrenmelodie und halb gehauchten Vocals die körperlose Frau aus älteren Songs wie „Radio Wave“ und „We Lurk Late“ wiederbelebt. Das geisterhafte Mädchen erscheint hier als Stalkerin, die aus der beobachtenden Nahdistanz das Leben ihres Nachbarn verfolgt. Von ihrem Fenster aus erscheint sie gigantisch im Vergleich zur voyeuristisch erfahrenen Wirklichkeit, die sie bis zum Verschwinden mit ihrer Vorstellung ausfüllt wie den Raum mit ihrer Stimme – einer Stimme, die zu grenzwertig ist, um schlicht zärtlich zu klingen, doch gleichzeitig viel zu entrückt und verträumt, um dämonisch und bedrohlich zu wirken. In seiner eskapistischen Grundstimmung hätte der Song gut auf das Debütalbum gepasst, dessen Titel einem Gedicht von EMILY DICKINSON entnommen wurde, der verhuschten Einsiedlerin der amerikanischen Literatur. Alle weiteren Songs des Albums wirken, wenn man so will, „diesseitiger“ und weniger entkörperlicht, was eine beinahe paradoxe Spannung erzeugt, da die Texte allesamt ein morbider Grundtenor eint. In „The Reaper“ evoziert die Sängerin durch Fingerschnippen und den Groove ihrer Melodieführung eine beinahe laszive Atmosphäre, und man mag sich vorstellen, wie Sarah, die immer ein bisschen wie die melancholische Variante eines Riot Girl aussieht, das Lied vom Sensenmann auf der Bühne einer abgelegenen Bar in einem alten Roadmovie zum Besten gibt – fatalistisch, augenzwinkernd und mit einer Brise Vamp, die jegliche der Stimme halber vielleicht naheliegenden MARISSA NADLER-Vergleiche obsolet erscheinen lässt.

Sarahs Kanon musikalischer Einflüsse ist breiter Natur, und als ein mit dem American Songbook vertrautes Kind der Popkultur ist sie ebenso durch die Schule folkfremder Genres wie Jazz und Blues gegangen, und in die Richtung sind auch die Veränderungen zum Vorgänger intendiert, die „In Black Robes“ vielgestaltiger wirken lassen. Es gibt einige Songs, die dieses Vorhaben unverkennbar einlösen – so zum Beispiel „Bluesy Melody“, dessen beinahe DJANGO REINHARDT-artige Gitarrenakkorde ins Bein gehen, oder „Brand Of Bitterness“, ein weiterer Anspieltipp des Albums, bei dem man die Ausarbeitung von einem folkigen Entwurf hin zu einem groovig angejazzten Popsong mit Bass und Schlagzeug auf ihrer Myspaceseite mitverfolgen konnte. Bei anderen Stücken allerdings bin ich nicht sicher, ob mir diese Abzweigung vom vertrauten Weg ohne vorausgehende Ankündigung so deutlich aufgefallen wäre. Die entsprechend charakterisierten Stücke erscheinen mir nämlich immer noch primär wie folkig angehauchte Popsongs, nur in ihrer emotionalen Direktheit etwas reduziert zugunsten einer gewissen Lässigkeit und einer damit einhergehenden Tauglichkeit fürs Tageslicht. Ich möchte fast sagen, dass sie in erster Linie an Rock 'n' Roll hinzugewonnen haben. Ein Beispiel dafür ist „Judgement Day“, das wie „The Reaper“ und „Crossbones In Your Eyes“ näher am Titel des jetzigen Albums ist, denn auch dort lugt allerorts der grause Schnitter in schwarzer Gewandung ums Eck. Die durchaus ernsthaft beschworene und dennoch gleichsam cartooneske apokalyptische Stimmung wirkt umso verstörender durch das Zusammenspiel der auf „Hardrock unplugged“ getrimmten Struktur des Songs mit den heliumgeschwängerten Vocals der Sängerin. Meines Erachtens ist das, um die abgenudelte Metapher zu gebrauchen, durchaus großes „Kino“, und ich würde im Bildbereich bleibend noch hinzufügen, dass dieses Grindhouse- statt Arthouse-Flair einer der Gründe sein mag, dass Sarah June trotz ihres sehr eingängigen Stils von den Propagandisten jüngerer Folkmoden schon mal vernachlässigt wurde und sich ihr eigenes Publikum ohne Hilfe irgendwelcher Hypes aufbauen musste. In ähnlicher Stoßrichtung ist „In Your Chevrolet“ ein kurzer und bündiger Kommentar zu einem Stück Popgeschichte – im eigentlichen Wortsinne zeitlos, wirkt der Song wie der Entwurf zu einem verwegenen Rocksong, der in anderer Instrumentierung perfekt in die Siebziger gepasst hätte.

Ich bin ganz zuversichtlich, dass sich Sarahs Bekanntheitsgrad und ihre Anerkennung bei Hörern und Kritikern weiter vergrößern wird, und dass sie auch in unseren Breiten bald kein Geheimtipp mehr sein wird. „In Black Robes“ hat das Zeug, auch über die subkulturellen Tellerränder hinaus zu gefallen – wer unter eingängigen Folksongs also nicht unbedingt Singer-Songwriter versteht, eine von lässiger Ironie durchzogene Morbidezza zu schätzen weiß und auch ein bisschen Bubblegum verträgt, der sollte in jedem Fall seine Ohren offen halten. Fans der ersten Stunde, die das Debüt mit seinen spukigen Schlafliedern in Ehren halten, rate ich, der etwas groovigeren und poppigeren Seite des Albums in jedem Fall eine zweite Chance zu geben, denn diese Songs sind nicht minder intensiv, auch wenn sie ganz anders funktionieren. P.S.: Gerade lese ich, dass sogar schon ein eigenes Musikgenre für Sarah June erschaffen wurde: Attic Core.


 
für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Sarah June @ Myspace


Anzeige: Abebooks.de - 100 Mio. neue, gebrauchte und antiquarische Bücher
Namentlich gekennzeichnete Beiträge spiegeln ausschließlich die Meinung des jeweiligen Verfassers bzw. Interviewpartners wieder. Nachdruck (auch auszugsweise) nur mit schriftlicher Genehmigung durch den Betreiber dieser Seite.
Link-Code zu diesem Artikel:
Wöchentliche Artikelübersicht per Mail
Werde NONPOP- Redakteur...
» Diesen Artikel bewerten
» Kommentar zum Artikel verfassen
NONPOP RADIO
Nonpop Radio starten:

Hier Popup
Ebay- Angebote zum Thema:
Sarah June
 
june sarah sängerin vorstellung