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Micha W.

Jean Ray: Malpertuis

Die Klaustrophobie der Ahnen(den)


Jean Ray: Malpertuis
Genre: Literatur
Wörter: 413


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Irgendwo im Frankreich des heraufdämmernden 19. Jahrhunderts: Der mehr als nur spleenige Gelehrte Cassave liegt im Sterben, als er seine Angehörigen, unter ihnen sein zwanzigjähriger Neffe Jean Jacques, um sich versammelt und ihnen verkündet, dass sie alle sein nicht eben geringes Vermögen erben werden - unter der Bedingung, dass sie sich in seinem Herrenhaus Malpertuis zu leben entscheiden. Getrieben von der Aussicht auf ein finanziell sorgloses Leben, stimmen sämtliche Anwesenden zu - und fangen schon bald an, ihren Entschluss zu bereuen: Der Angestellte des sich Malpertuis anschließenden Farbengeschäftes wird singend (!) und mit dem Kopf an die Wand genagelt aufgefunden, während eine seltsame Macht im Haus umhergeht und zum Leidwesen des alten Lampernisse, der schon vor den Neubewohnern in der Dunkelheit dieser verwinkelten Flure lebte, aus unerfindlichen Gründen die Lichter löscht. Und auch wenn die Erben einer nach dem anderen ausziehen oder gar spurlos verschwinden, hält sie dies nicht davon ab, untereinander zu intrigieren. Doch ihre Zahl schrumpft unaufhörlich, ohne dass das Geheimnis um Malpertuis gelüftet werden könnte.

Mit "Malpertuis" schrieb Jean Ray einen Klassiker der fantastischen Literatur Frankreichs, der nicht nur ob der nahezu ungebrochenen Einheit des Ortes eine enorme atmosphärische Dichte aufzubauen vermag, die durch den pseudodokumentarischen Charakter des Romans - er nimmt für sich in Anspruch, eine Manuskriptsammlung verschiedener, mit Malpertuis in Verbindung stehender Menschen zu sein - noch potenziert wird; die bewusst antiquiert wirkende, artifizielle Sprache tut ihr Übriges, um den Effekt zu verstärken. Durch den Eigenanspruch ist es auch zu erklären, dass Vorkommnisse, die in anderen Romanen als willkürlich bemängelt werden würden, hier nicht im geringsten negativ auffallen, genauso wenig wie diverse offene Fragen, mit denen der Leser nach der Lektüre zurückgelassen wird. Die unheilschwangere, geradezu klaustrophobische Atmosphäre ist von solcher Dominanz und Intensität, dass sich ihr letztlich alles andere unterordnet. Abgerundet wird diese rundherum gelungene Veröffentlichung mit einem äußerst informativen Nachwort des Übersetzers.

Einmal mehr beweist der Festa Verlag ein hervorragendes Gespür, wenn es um seine Reihe "Die bizarre Bibliothek" geht, in der er zu Unrecht vergessene Perlen fantastischer Literatur zu publizieren gedenkt. Nach einer Anthologie längst vergriffener Kurzgeschichten Gustav Meyrinks ("Der Mönch Laskaris") und dem Sammelband "Das tote Brügge", der sich den Erzählungen Georges Rodenbachs widmet, besticht der neuste Band der Reihe durch ein nicht minder literarisches Niveau, sodass ohne Übertreibung prognostiziert werden kann, dass in der "bizarren Bibliothek", sollte sie ihre Qualität zu halten wissen, eine gebührende Nachfolgerin der früher bei Suhrkamp erschienenen "Bibliothek des Hauses Usher" gefunden worden ist - Liebhaber anspruchsvoller Fantastik kommen um keine der beiden Reihen herum.


 
Micha W. für nonpop.de



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