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Christian S.

J.Ilyenko: Vecher nakanune Ivana Kupala

Der Abend vor dem Fest Ivan Kupala, Ukraine, 1968


J.Ilyenko: Vecher nakanune Ivana Kupala
Genre: Surreal
Wörter: 1199
Medium: Sonstiges
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Eine Gestalt taucht am Horizont der ostukrainischen Felslandschaft auf. Mit der einen Hand balanciert sie eine Miniaturhütte und einen darauf sitzenden Storch, in der anderen Hand hält sie eine Sonnenblume. Es ist ein schnurrbärtiger Mann in Kosakentracht, der müde von der Wanderung sein ausgefallenes Gepäck abstellt und gemütlich eine Pfeife raucht. Plötzlich befindet er sich am Fuße eines grasbewachsenen Hügels, Storch und Sonnenblume immer noch neben sich. Das Laub dreier Bäume wuchert um das Strohdach einer Hütte und dahinter, auf der Hügelspitze, rennen Kinder auf blitzförmigen Wegen umher.
Bereits diese dreißigsekündige Einleitung bietet einen Vorgeschmack auf die fremdartige Ästhetik, die im Verlauf des Filmes in all ihren bunten Facetten zur Geltung kommen wird. Dass der Ukrainer JURIJ ILYENKO ein Talent für innovative Kameraperspektiven und Bildkompositionen hat, bewies er bereits fünf Jahre zuvor als Kameramann für SERGEJ PARADJANOVs „Schatten unserer vergessenen Ahnen“. Nicht nur optisch ähnelt „Vetcher nakanune Iwan Kupala“ dem bedeutenden Vorgänger. Auch hier spielen Tod, Naturmystik, Magie und russisch-orthodoxe Motive eine wichtige Rolle.


Kern der Handlung ist die Begegnung, die der junge Bauer Pjotr am Vorabend des Johannistages mit dem bösen Geist Basavrjuk hat. Die Nacht auf den 8. Juli steht heute zwar im Zusammenhang mit Johannes dem Täufer (altrussisch: Ivan Kupala), doch die ursprüngliche Motivation des Festes ist heidnischen Ursprungs. Gemeinsame Sprünge über das Feuer und das Schwimmenlassen von Blumenkränzen sind Fruchtbarkeitsriten für eine gute Ernte. Auch Fabelwesen, die in jener Nacht ihr Unwesen treiben,  sollen durch Feuer und Tanz gebannt werden. Der dämonische Basavrjuk liebt jedoch das Feiern und mischt sich unter die Menschen. Dabei erkennt er, dass sich Pjotr in einer verzweifelten Lage befindet. Dem jungen Mann wird wegen seiner Armut die Liebe zur hübschen Pidorka von ihrem Vater verboten. Der Pakt mit dem Teufel bleibt für Pjotr der einzige Weg, Reichtum zu erlangen und so seine Liebste zu gewinnen. Nachts wird er von leuchtenden Farnblüten durch den Wald geleitet und trifft, wie vereinbart, auf Basavrjuk und eine Hexe. Die bösen Geister führen den jungen Mann hinters Licht und machen ihn zum Mörder von Pidorkas kleinem Bruder. Der plötzliche Reichtum und die sofortige Hochzeit verblassen unter dem Schleier der Amnesie, der seit besagter Nacht über Pjotr schwebt. Pidorkas Bruder, so sagt man, sei von Zigeunern geraubt worden und das Geld habe der Bräutigam im Wald ausgegraben. Langsam mündet die Ungewissheit über das Geschehene in einen Zustand geistiger Verwirrung, den auch die Zärtlichkeiten seiner Frau nicht lösen können. Die Verzweiflung führt Pidorka auf eine religiöse Reise, die zwar den Tod, aber auch Erlösung für das Paar verspricht. 

Eine notwendige Abgrenzung zu PARADJANOV wurde durch den engen Bezug zur Welt der slawischen Gruselsagen und der gleichnamigen Erzählung von NIKOLAJ GOGOL vollzogen. In beinahe allen Geschichten GOGOLs, dem russischen E.T.A. HOFFMANN, geht es um den einfachen Bürger, seinen Glauben und die Versuchung durch das Böse. Genau genommen, ist „Vetcher nakanune Iwan Kupala“ eine Collage aus Fragmenten unzähliger slawischer Sagen und GOGOL-Motiven, die alle in engem Bezug zueinander stehen. Basavrjuk reitet beispielsweise auf einem Schwein in das Dorf, so wie der Leibhaftige in GOGOLs Erzählung „Der Jahrmarkt von Sorotschinzy“ und das Motiv der leuchtenden Farnblüten ist einem alten Geisterglauben entnommen. Hintergrundwissen in diesen Bereichen sah ILYENKO scheinbar als Voraussetzung für jeden seiner Filmbetrachter, da er auf die Auflösung einiger Szenen völlig verzichtete.
Neben „Schatten unserer vergessenen Ahnen“ zählt der Film zu den wenigen Vertretern der ukrainischen poetischen Schule der 60er Jahre, die sich im Gegensatz zum damaligen tschechischen Film, westliche Stempel wie „Neue Welle“ oder „Surrealismus“ nicht so einfach aufdrücken ließ. Für eine Kategorisierung war diese kleine Filmbewegung viel zu sehr mit ihrer ukrainischen Kultur und den wegweisenden Filmen ALEXANDR DOVZHENKOs verwurzelt. Zwar hat die Revolte gegen die Realität bei „Das Fest vor dem Abend Ivan Kupala“ und „Schatten unserer vergessenen Ahnen“ eine ebenso wichtige Rolle wie in der ursprünglichen surrealistischen Idee, jedoch steht eine völlig andere Intention dahinter: In ihrem unerträglichen Leid erträumen sich die Figuren einen Ort, der Linderung verspricht. Pidorka und Pjotr entfliehen durch gegenseitige Zuneigung, so wie CHAGALLs Liebespaare, in einen hermetischen Zustand, in dem Zeit und Naturgesetze keine Rolle spielen. So schweben sie, sich an den Händen haltend durch den Raum. In dieser Darstellung der Realitätsflucht bleiben gesellschafts-, politik-, oder religionskritische Aspekte völlig aus, was den Fokus auf die eigentliche Thematik richtet: das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Wie einst bei EICHENDORFFs „Taugenichts“ stehen auch hier die menschlichen Empfindungen in einer magischen wechselseitigen Beziehung zu Wetter und Umwelt: Als Pjotr erfährt, dass seine Liebste verheiratet werden soll, gibt es ein heftiges Gewitter und im Augenblick des plötzlichen Reichtums färben sich die Blätter des Waldes in ein leuchtendes Gold. Auch heutzutage finden sich kulturelle Phänomene, die sich mit der damaligen europäischen Filmwelt vergleichen lassen: Je tiefer man in den europäischen Osten dringt, desto natur- und kulturbezogener werden die Klänge der jungen (Sub?)kulturen. Zudem scheint die Musik von den vermeintlich prägenden westlichen Strömungen unverdorbener zu sein. Das sieht beispielsweise so aus, dass die Musiker von Kulgrinda, tief im litauischen Wald, fernab von Darkwave-Discos, musizierend um Lagerfeuer sitzen und dennoch als Teil der „Neofolkszene“ wahrgenommen werden. Doch auch andere Musikstile wie Black Metal, Ritual und Ambient sind an dieser Stelle zu nennen.



Ideenreichtum und Experimentierfreudigkeit sind in jeder Hinsicht die markantesten Eigenschaften des Films. Pjotrs verhängnisvolle Begegnung wird in grell kolorierten, farbwechselnden Negativaufnahmen erzählt, die weniger gruselig, als viel mehr psychedelisch wirken. Auch Schauspiel, Maske, Kostüme und Kulissen drohen sich in der Wahl des Ausdrucks zu überschlagen. Ganz gleich, ob Trauer, Freude, Wut, Erotik, Angst und Übermut; jedes Element der menschlichen Empfindungswelt wird in seiner absolutesten Form beschworen. Im Vergleich zu den hier gezeigten Feierlichkeiten verblassen KUSTURICAs Hochzeiten beinahe zu Trauergesellschaften. Diese übertriebene Theatralik wirkt zwar für den mitteleuropäischen Betrachter lachhaft, ist jedoch unter genanntem Gesichtspunkt konsequent. Die Halluzinationen des Hauptcharakters werden von bunten, sich ständig veränderten Bildstrudeln begleitet, die ihren Ausdruck in einer wilden Kamerafahrt finden. An einigen Stellen fühlt man sich an die osteuropäische naive Malerei erinnert, vor allem an NIKO PIROSMANI, dem sich später ILYENKOs georgische Kollegen PARADJANOV und GIORGI SHENGELAYA in zwei bedeutenden Filmen widmen sollten. Das Liebesspiel, bei dem sich Pidorka und Pjotr durch den, von Glühwürmchen erhellten Birkenwald jagen, zitiert vermutlich die Märchenbilder des russischen Malers IVAN BILIBIN. Diese Szene endet damit, dass Pjotrs Kopf zwischen den Schenkeln der stöhnenden Liebhaberin verschwindet. Das Aufführungsverbot, das sofort für den Film ausgesprochen wurde, scheint dabei kaum verwunderlich. So geschah es bereits vier Jahre zuvor mit ILYENKOs surrealem Erstling, „Quelle für die Dürstenden“, der als Satire auf die Politik der damaligen Sowjetunion verstanden werden konnte.

Dass ein britischer Ebay-Anbieter "Vecher nakanune Ivana Kupala" auf eigene Faust untertitelte und ihn als Einziger verfügbar machte, zeigt wie wenig Interesse an dem Film besteht. Auch kann man erahnen, wie viele solcher Filme in Schubladen und Filmarchiven schlummern. Doch wer soll sie veröffentlichen, inmitten eines europäischen Kinos, in dem das Mythische keine Bedeutung mehr hat und das nicht einmal davor zurückschreckt, „Krabat“ im Stile Hollywoods zu verfilmen?



 
Christian S. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» "Vecher nakanune Ivana Kupala" in der Internet Movie Database
» Gogols "Johannisnacht" auf der Seite des Gutenberg-Pojekts


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