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Patrick M.

DBMG/RAF: s.t.

Die Baader Meinhof Gruppe/Red Army Faction


DBMG/RAF: s.t.
Genre: Post Industrial
Verlag: Vanity...
Vertrieb: Vanity...


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„Ist das die Musik zum neuen Film?“, „Die RAF liegt einigen in Deutschland noch in guter Erinnerung... Ich geh' mal zur Chefin und frage, was sie davon hält.“, „Also, begeistert ist sie nicht gerade davon.“ So ungefähr war die Reaktion, als ich beim Zollamt vor den Augen eines übrigens sehr freundlichen Beamten die schwarzen CD-Cover der selbstbetitelten „Die Baader-Meinhof-Gruppe/Red Army Faction" aus der Versandtasche schnitt: RAF-Typo mit einer Heckler & Koch auf rotem Stern; wie sich das gehört. Klappt man nun das Papp-Cover auf, fällt der Blick sofort auf Andreas Baader auf der linken Innenseite und auf Ulrike Meinhof auf der rechten. Nachdem mit der Bundesprüfstelle in Berlin endlich geklärt war, dass wohl von keiner Jugendgefährdung auszugehen sei, durfte ich das Corpus Delicti doch mit nach Hause nehmen und wurde im Zollamt mit folgenden Worten verabschiedet: „Ich würde Ihnen gerne viel Spaß damit wünschen, aber... Wir haben mal reingehört... Das ist ja schrecklich!“ Nun ja, manche Menschen mussten sich in den 50er Jahren auch den Rock'n'Roll zurechthören.

Bei allen neuen Aufarbeitungen einer anderen deutschen Vergangenheit, neu entfachten Debatten in Talkrunden im Fernsehen und, mag es Zufall sein oder nicht, zum Kinostart des „Baader-Meinhof-Komplexes“, liegt nun eine Scheibe vor, in der sich musikalisch etwas doch sehr Konsequentes und Abwechslungsreiches verbirgt. Ihrem Selbstverständnis nach, sieht sich DBMG/RAF nicht als eine festgestellte Band mit festen Mitgliedern. Vielmehr wird DBMG/RAF als eine Möglichkeit für Musiker und Multi-Media-Künstler gesehen, die Verwendung von Gewalt mit selbstgewählten künstlerischen Mitteln zu erkunden. Inspiriert fühlt sich DBMG von den Aktionen der Roten Armee Fraktion, die in den 1970er Jahren bis zu ihrer offiziellen Auflösung 1998 den Sturz der Westdeutschen Regierung anstrebte.

Kooperationen gibt es mit Künstlern auf der ganzen Welt. Ansässig ist DBMG/RAF aber in Owen Sound, Ontario, Kanada. Außerhalb seines Projekts TEL QUEL steht JOSHUA RICHARDSON hinter DBMG/RAF. Mit seinen „Kollaborateuren“ PATRICK DORFMAN (Gitarre, Garcy Bird), SCOTT FARMER (Keyboard, Stimme, Gitarre), ADAM REESE (Gitarre), SAM DEVOS (Keyboard) und EDWIN VANVINCKENROYE (Violine) tauchte DBMG/RAF unter anderem auch bei verschiedenen Konzerten neben ALEXANDER HACKE, TONY CONRAD und der NIHILISTIC SPASM BAND auf.

Sofern der Name DBMG/RAF und das zugehörige Logo reine Provokation sein sollen, so funktionierte das zumindest beim Zollamt. Hier soll aber nicht diskutiert werden, wann man wie provozieren darf. Hinter der doch auf den ersten Blick plump anmutenden Provokation verbirgt sich jedoch ein sehr inspiriertes musikalisches Konzept. Verständliche Texte sind hier nicht wichtig, dafür der behutsame und gekonnte Umgang mit Sounds. Sonderlich neu ist diese Musik nicht. Sicherlich schwer inspiriert von LUSTMORD, den EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN und NINE INCH NAILS, enthält DBMG/RAF eine ganze Menge dessen, was man sich als Freund von Industrial, Ambient und Noise immer noch wünscht und leider bei sehr vielen anderen Projekten immer noch vermisst. Ein gut gemachter Standard ist jederzeit einer Überproduktion von Effekthascherei vorzuziehen. So kann es auch sein, dass mit dieser CD vielleicht einige Fragen beantwortet werden. Wie geht man mit Lärm behutsam um? Was ist denn sparsamer aber effektvoller Umgang mit Ambientteppichen? Müssen denn wirklich bis zum Abwinken knacksende Sprachsamples auftauchen? Darf man beim Industrial, Ambient, Noise etc. auch mal Gitarren wie Gitarren oder ein Schlagzeug wie ein Schlagzeug klingen lassen?

Den Einstieg gibt uns die Nummer „Musth“. „I am an elephant – make tracks / Scent of urine on my breath / Large as a city, I cradle galaxies“. Egal, ob unter Musth die testosteronbedingte Verhaltensveränderung bei Elefantenbullen zu verstehen ist oder das anormale Verhalten von Betrunkenen: Fehlverhalten zeigt sich hier sehr eingängig, sauber programmiert und kraftvoll.
„Shoah“ erklärt sich beim Hören von Anflügen von Gitarrenriffs, Trommeln und Geschrei, wechselnd mit weiblichem Hintergrundgesang.
Ein neues James Bond-Thema? Nein. „IED“ entpuppt sich sehr schnell als eine solide und tief-dunkle Rocknummer, die sich in Kracheskapaden aufbaut und dann ausläuft – Improvised Explosive Device.
Und nun sind wir in „Gaza“. Fast schon hört man den Muezzin, der beinahe den Adhan vom Minarett schreit. Orientalischer Ambient-Sound zeigt uns vielleicht hier den Weg nach Palästina?
Unter einer Blasen-Scheiden-Fistel versteht man eine künstliche Verbindung zwischen dem Geburtskanal und anderen inneren Organen. „Fistula“ führt uns durch diesen Kanal.
„Kalashnikow“. Klar. Es muss nicht immer Heckler & Koch sein. Jedenfalls neben „Paroxysm“ und „Screbrenica“ sicherlich auch in Clubs tauglich, die sich außerhalb von Industrial oder Noise bewegen.
Der „Drive“ von „LSD-25“ erinnert sehr an Death in Vegas und an die 70er. Macht ordentlich was her und ist ebenso wie die anderen Stücke sehr sauber arrangiert.

Auf jeden Song explizit eingehen und die Verbindungen untereinander ausmachen, möchte ich an dieser Stelle nicht. Man erahnt vielleicht schon durch mehrmaliges Hören den einen oder anderen Zusammenhang der 13 Stationen der Scheibe; die inhaltliche Tiefe ergibt sich vielleicht aus etwas Google. Hinter DBMG/RAF besteht keine euphemistische Behandlung der RAF, die ehemalige Mitglieder posthum zu Cowboys macht. DBMG/RAF hat wenigstens ein bisschen das geschafft, was anderen Projekten verwehrt blieb. Letztendlich haben wir es hier mit einem musikalischen Projekt zu tun, das eine gesunde Mischung zeigt aus Zugang, Vorhersehbarkeit und überraschend guten Arrangements, von der sich die eine oder andere Lärm-Kombo eine ordentliche Scheibe abschneiden kann. Jenseits von übertriebener Effekthascherei, überschwänglichen Sphären, Chören, die nicht mit aller Gewalt aus einem Soundeditor herausgepresst werden und mit einer Überdosis Hall- und Echoeffekt noch mehr unerträgliche Tiefe herbeizwingen wollen, bewegt sich die DBMG/RAF – von Jugendgefährdung keine Spur. Auch hier will man etwas die Hörgewohnheiten ändern. Und das auf diversen Wegen: sogar im iTunes-Store. Wenn sich doch jemand für ca. 10 Dollars eine CD beschaffen will: Keine Angst, es ist bereits alles mit der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften geklärt.


 
Patrick M. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Band official
» Myspace

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