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09-05-2013, 14:23 | Michael We.

NONPOP-Blick aufs WGT


Here we go again: Das 22. Wave-Gotik-Treffen naht.

Das Leipziger Pfingstwochenende (oder für viele Schwarzkittel, Pflichtwochenende) ist seit 22 Jahren ein stilles Metronom der internationalen Darkwave-Szene und den ihr angegliederten Spielarten jenseitsbezogener Musikkultur. Dabei hat es mitunter schon etwas rührseliges, wie sich die einstige, nicht mehr ganz so jugendliche Jugendkultur der 12-Monats-Taktung des Wave-Gotik-Treffens unterwirft, Hotelzimmer reserviert, den Urlaub plant, Haustier-Sitter bucht und die Garderobe für den jährlichen Agra-Hallen-Catwalk zusammenstellt, um den staubigen Gehrock noch einmal auszuführen. Das traditionelle Absinth-Frühstück und der Met im heidnischen Dorf sind dabei so unvermeidbar, wie die nachfolgende Foto-Strecke auf SPIEGEL ONLINE. Der stoische Anti-Zeitgeist, der das Treffen seit jeher umweht, muss einem schon einen gewissen Respekt abnötigen. Selbst die Netzseite der Veranstaltung ist trotzige Zeugin einer Welt weit vor dem Web 2.0 - sie wurde seit 1998 nicht mehr überarbeitet. Aber dieser inhärente Hang zur Nostalgie ist es auch, der die Herzen der Szenegänger meist schon zu einer Zeit im bröckeligen Asphalt der ostdeutschen Messestadt versenkt hat, als das Puder noch keine altersbedingten Falten abdecken musste. Bezieht man seine Eindrücke aus den plakativen Reportagen des Privatfernsehens, das seine Präsenz vor Ort in den letzten Jahren zunehmend verstärkt hat, drängt sich einem das Bild eines bürgerlichen "Adventure-Wochenendes" auf, bei dem das musikalische Programm des Festivals bestenfalls den Rahmen für die Selbstinszenierung und -vergewisserung seiner Besucher stellt.

Keine Frage, das Festival bietet eine nicht unbeträchtliche Angriffsfläche für die Häme hipperer Kultur-Rezipienten. Nicht selten kommt gar der Vorwurf, dass sich hinter den Romantizismen der Grufties und ihrer oft betonten unpolitischen Haltung eine gefährliche Tendenz zu Realitätsflucht und Verklärung verbirgt, die reaktionären und anti-aufklärerischen Weltbildern fruchtbaren Boden bereitet.
Kritik dieser Art mag zwar von gut gemeinter Sorge um die Grundpfeiler abendländischer Demokratie zeugen, zum einen wird sie aber meistens von einer Seite hervorgebracht, denen diese Werte an anderer Stelle herzlich egal sind (oder es wissen, ihre Toleranz-Karte strategisch zu spielen), zum anderen ist derart weltliche Kritik den Grufties wiederum egal. Im Jenseits braucht es nun mal keine Politik. Und die Häme? Jemand, der seine Schulzeit in Kutschermänteln und mit Sidecut-Frisur verbracht hat, lange bevor SKRILLEX und RIHANNA eine hatten, bringt da unweigerlich genügende Leidensfähigkeit mit oder hat sich seine Kritikresistenz hart verdient.

Der Kenner weiss natürlich: Die, die da die Steine werfen haben kein Herz. Und Ahnung sowieso nicht. Denn das Wave-Gotik-Treffen ist weit mehr als nur ein "Guilty Pleasure" für Menschen, die im Laufe ihrer Adoleszenz gelernt haben von ihrer Menschenwürde Gebrauch zu machen.
Das Künstler-Booking ist zwangsläufig immer ein Schrotschuss, um möglichst viele relevante Genres gebührend abzudecken; dass hier die Perlen manchmal unter einer Wagenladung Dudelsack-Rock und Elektro-Schotter (Elektro mit "K", wie "Kirmes") freigelegt werden müssen, liegt somit in der Natur der Sache, ist aber bei über 200 gebuchten Gruppen kein wirklicher Wermutstropfen.

Neben dem Aufspielen der vom Black Metal zu feinsinniger Elektronik konvertierten Altmeister ULVER oder der Ladung des 80er Jahre One-Hit-Wonders DESIRELESS (deren Hit "Voyage, Voyage" kürzlich von der Österreicherin SOAP&SKIN kongenial reanimiert wurde), zeichnet sich das diesjährige Booking durch eine willkommene Verjüngungskur aus. So sind neben spannenden Protagonisten des jüngsten Postpunk-Revivals, wie ESBEN & THE WITCH oder THE BLUE ANGEL LOUNGE auch Indie-Pop-Künstler, wie PATRICK WOLF oder KARIN PARK vertreten.

Mit dem Festival-Bändchen ist, wie jedes Jahr die kostenfreie Nutzung der Vehikel der Leipziger Verkehrsbetriebe möglich, um an die über 30 Spielstätten zu gelangen. Auch zu mehreren Museen erhält der Inhaber freien Eintritt. Eingebettet sind die Musikveranstaltungen in ein umfangreiches Rahmenprogramm an Lesungen, Performances und Parties.

Nähere Informationen zum Line-Up, den Veranstaltungen und Tickets gibt es unter www.wave-gotik-treffen.de

Ein ausführlicher Festival-Bericht auf NONPOP wird folgen...

Philip A.

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