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Konzertrückblick Cold Meat-Festival...


Kategorie: Spezial
Wörter: 889
Erstellt: 22.02.2005
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Autor: Richard

Die Veranstalter von Les Nuits Noires luden zum „Se3D Cold Meat Festival" nach Antwerpen und bei einem solchen Programm kam man der Einladung natürlich gerne nach. Neben den CMI-Gruppen PROIEKT HAT, THE PROTAGONIST, COPH NIA, RAISON D’ÊTRE, DEUTSCH NEPAL und BRIGHTER DEATH NOW standen noch die Australier von SHINJUKU THIEF auf dem Programm.


Als der Zugang zur Konzerthalle geöffnet wurde entpuppte sich diese als ein Theatersaal mit plauschigen Sitzstühlen. Diese erwiesen sich bei den ambient-lastigeren Gruppen des Abends als Glücksfall, waren aber bei den mitreißenderen Vertretern (PROIEKT HAT, DEUTSCH NEPAL und BDN) ein echtes Ärgernis. Da man noch nicht einmal sein Bier mit reinnehmen durfte gibt es hier schon einmal zwei Minuspunkte auf der Rock`n`Roll-Skala!

Einmal Platz genommen konnte man einen jungen Herrn zusammen mit einem Bühnentechniker beim Aufbau und Soundcheck beobachten. Auch als Letztgenannter die Bühne verließ blieben die Lichter an und power-elektronische Klänge krochen anfangs noch viel zu leise aus den Boxen. Viele hatten immer noch gar nicht mitbekommen, daß das PROIEKT HAT-Konzert bereits im vollen Gange war. Jacob hatte mit einem kaputten Mischpult zu kämpfen und wirkte mit jeder Minute aggressiver. Nach einer halben Stunde verließ er wortlos und stracks zu einer krachigen Soundschleife, die noch ein paar Minuten anhielt, die Bühne. Mir gefiel sein analoger Tape-Low-Fi-Krach trotz allem ganz ausgezeichnet.

Dieser Krachorgie folgten ruhigere Klänge, ein Konzept, daß den ganzen Abend, wenn auch unfreiwillig (kurzfristige Line up-Wechsel), beibehalten wurde. THE PROTAGONIST, Magnus Sundström, erschien mit einem Mitmusiker auf der Bühne und starteten mit Imitation zu einem, auf einer riesigen Leinwand projizierten, tschechischen Gruselfilm ihre bombastischen Neoklassik-Klänge. Erstaunlich, wie punktgenau die Stimmungen von Titeln wie Mutability, Hesperia oder Kämpfende Pferde zu diesen fremden Bildern passten. Nach diesem Auftritt blieb einem nur ein wohliger Gänsehaut-Schauer – und die Frage, wie lange wir denn bitte schön noch auf ein neues Album des Herrn Sundström warten sollen?

Nach der Umbaupause watete recht unspektakulär Lina Baby Doll mit einem Helfer (alleine konnte er die unglaublichen Biermengen nicht tragen) auf die Bühne. Zu den Klängen von The hierophants of light verließ er noch einmal kurz die Bühne, um mit seinem Markenzeichen, einen Barhocker, zurückzukommen. Ich persönlich habe noch nie ein schlechtes DEUTSCH NEPAL-Konzert erlebt und auch an diesen Abend wurde niemand vom Frank Sinatra des tribal-lastigen Industrials enttäuscht. Zu Titeln wie A silent siege und Problems schaukelte der überraschend nüchterne Lina sich und die Stimmung des Publikums unhaltbar in die Höhe. Goldener Abschluß war Tintomara/Thiudinassus, bei dem er sich gesanglich total verausgabte und wirklich alles gab. Für mich zusammen mit THE PROTAGONIST der beste Künstler des Abends.

Danach hatte es Peter Andersson schwer die Stimmung zu halten. Zu den Bildern eines alten Schiffriedhofes waberten RAISON D’ÊTREs sakrale Hymnen, rostdurchsetzt, durch den Raum. Abwechselnd doktorte er an seinem DAT-Rekorder, malträtierte einen rostigen Metallkanister oder betrachtete, nichtstuend, von seinem Sitz aus seine Videoprojektionen. Für mich bleibt RAISON D’ÊTRE in erster Linie Musik für den heimischen Herd, aber es darf hier nicht unerwähnt bleiben, daß dieses Konzert auch für viele zum absoluten Höhepunkt des Abends zählte.

Auf BRIGHTER DEATH NOW hatte ich mich besonders gefreut. Roger, Lina (DEUTSCH NEPAL) und Jakob (PROIEKT HAT) standen zu dritt auf der Bühne. Obwohl alle drei noch recht unangetrunken waren, ließ sich Lina von seinem Plattenboss als erstes die Hosen ausziehen, bevor er sich den E-Bass umschnallte. Schwedischer Humor oder dumpfe Pflichterfüllung kontinentaleuropäischer Klischees über das Verhalten angetrunkener Skandinavier? Ich fand’s eher albern. Die erste Viertelstunde ihres Konzertes schienen die Herren auch vergessen zu haben, warum sie eigentlich in Antwerpen waren und „jammten" recht lust-, saft- und kraftlos vor sich hin. Ziemlich genau in der Mitte ihres halbstündigen Programms kriegte das schwedische Dreigestirn aber gerade noch die Kurve, drehte die Lautstärke auf und entschädigten ihre Mätzchen mit einer weiteren Viertelstunde „uneasy listening music".

An SHINJUKU THIEF schieden sich im Anschluß die Geister und auch mich ließ mich der Australier zunächst etwas ratlos zurück. Das Beeindruckenste des Konzertes war sicherlich die absolut professionelle Videoshow in Hollywood-„Qualität", die die sehr Soundtrack-inspirierte Musik untermalte. Die Stimmungen der Musik wechselten sich sehr schnell ab und man merkte an, daß Darrin Verhagen es genoß, das Dolby Surround-Spektrum voll auszunutzen. Passend zu diesem Popcornkino-Charakter schwebten geheimnisvoll-mystische fernöstliche Schriftzeichen über den Bildschirm, wenn die Musik geheimnisvoll-mystisch sein sollte, nur um im nächsten Moment computergenerierte, mit dicken Wummen ausgestatte und schwer gepanzerte Muskelmänner zu zeigen, die zu „actiongeladener" Musik durch dunkle Korridore spazierten. Das alles wirkte sehr flach und nur auf den oberflächlichen Effekt ausgerichtet. Als einziger Künstler des Abends vertraute er einzig und alleine auf seinen Laptop, was dann auch mit einem kurzzeitigen Absturz quittiert wurde.

An COPH NIA lag es, den Abend gebührend zu beenden. Nach einem sehr satanischen Intro betrat das Trio um Aldenon Satorial die Bühne und eröffneten mit Holy war den augenzwinkernd-unheilvollen Reigen. Danach wurde es spürbar ruhiger und Aldenon offenbarte echte Entertainer-Qualitäten. Auf Platte konnten mich COPH NIA bis dato nie so recht überzeugen, auf der Bühne vereinnahmte mich der fast swingend-bluesige Ambient jedoch völlig, trotz kleinerer Schönheitsfehler (wie den zwar nie schiefen, aber doch recht schwachen Gesang der Dame). Für mich die Überraschung des Abends, nur die ROLLING STONES-Huldigung Sympathy for the devil (vom kommenden Coveralbum?) hätte man sich sparen können. COPH NIA werden auf dem kommenden Flammenzauber nochmals zu erleben sein.

Insgesamt ein gelungener Abend.

 
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