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Michael We.

Im Gespräch: AT SEA COMPILATIONS

Musik entdecken ohne Algorithmus


Im Gespräch: AT SEA COMPILATIONS
Kategorie: Spezial
Wörter: 2167
Erstellt: 27.10.2017
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"Das Internet kann ein geradezu unüberschaubar großes Meer sein." So fängt die Selbstbeschreibung von AT SEA COMPILATIONS an. Stimmt, und umso wertiger ist es bei der Suche nach neuer und guter Musik, wenn es ein paar Leuchttürme gibt, die unabhängig arbeiten. Musik frei von kommerziellen Interessen und Algorithmen suchen, kompilieren und präsentieren. Die genannte Musik-Plattform ist für mich ein solches Leuchtturm-Projekt. Seit Jahren werden dort liebevoll gestaltete und aufwändig recherchierte Themen-Compilations angeboten, bis dato zum Nulltarif - dazu gleich mehr. AT SEA COMPILATIONS ist das zeitraubende Hobby von AXEL MEßINGER aus Chemnitz. Mit ihm habe ich über das Konzept der Seite und die Arbeit, die dahinter steckt, gesprochen.

Hallo Axel! Ihr bietet ganz unterschiedliche musikalische Formate an, etwa Synthwave, Folk, Dream Pop oder Black Metal. Steckt ein Oberbegriff dahinter, der alles thematisch zusammen hält? So etwas wie 'Romantik' vielleicht?

Nein, das würde viel zu weit führen. Die unterschiedlichen Genres kommen schlicht aus der Tatsache, dass ich selbst jede Form von Musik höre. Da kratze ich stilistisch nur an der Spitze dessen, was bei mir so den ganzen Tag läuft. Ich höre ja tatsächlich alles: Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Weltmusik, Blues, Soul, verschiedenste Singer / Songwriter, Folk der 60er und 70er - bis hin zu Hard Rock, Darkwave, verschiedene Strömungen der Popmusik und so weiter.

Mir wäre das auf Dauer schlicht zu langweilig, wenn ich mit AT SEA COMPILATIONS immer wieder die gleichen Genres abbilden würde. Dann würde auch die kreative Seite sehr schnell an Grenzen stoßen. Wahrscheinlich wäre es kommerziell gesehen besser, einen klaren Markenkern herauszuarbeiten, aber künstlerisch wäre das nichts. Daher gleicht das Projekt eben einer großen Wundertüte: Man weiß nie so genau, was als nächstes kommt.



Auch für einzelne, thematisch sortierte Projekte wie die neue "Snowflakes V"-Compilation (VÖ am 28. Oktober 2017) tragt Ihr ganz unterschiedliche Strömungen zusammen, dieses Mal unter dem Oberbegriff 'Folk'. Projekte aus der ganzen Welt, neoklassisch, elektronisch oder ganz spartanisch mit Gitarre. Wie legst Du die Zielsetzung für so eine Compilation fest?

Das ist immer unterschiedlich. Wobei ich dich berichtigen muss: Die "Snowflakes"-Reihe war schon von Anfang an als Romantik-Zusammenstellung gedacht. In den ersten beiden Ausgaben ist mir das nur nicht gelungen, meine Vision entsprechend herauszuarbeiten. Das kam dann erst mit der dritten Ausgabe, als ich mehr Erfahrungen darin gesammelt habe, wie man eine gute Musikzusammenstellung strukturiert und wie man sich in der Recherche fokussiert.

Wichtig ist in erster Linie, dass sich solch eine Zusammenstellung rund anhört, aber auch abwechslungsreich bleibt. Das kann unter anderem damit erreicht werden, indem man nach Gemeinsamkeiten in den verschiedenen Songs sucht und diese in einen gemeinsamen Kontext zueinander bringt. Das ist ganz allgemein die einzige Zielsetzung von mir: Eine Zusammenstellung muss sich rund und spannend anhören.

Jetzt mit der "Snowflakes V" war der Sachverhalt etwas anders. Da schlug zu Beginn der Recherche mein Herz einerseits für experimentelle Projekte wie CROOKED MOUTH und CINDER WELL, aber auch für die Singer / Songwriter, etwa TALITHA RISE und SUGAR RANSOM. Sowas kann man natürlich nicht direkt nacheinander bringen. Also habe ich mir überlegt den ersten Part rein auf melodische Songs auszurichten und den zweiten Part dann auf dunklere und experimentellere Stücke zu konzentrieren. Und dadurch hatte ich nochmal die Möglichkeit, innerhalb der beiden Parts verschiedenste Strömungen abzubilden. Trotzdem bin ich im Nachgang sehr überrascht, wie gut beide Parts musikalisch miteinander harmonieren.
 
Und wie läuft die Recherche? Gibt es erst eine Idee, und dann machst Du Dich auf die Suche nach den Bands, oder kennst Du eher Bands und Musiker, die sich unter einer Idee sammeln lassen?

Das ist immer eine Mischung. Meistens läuft es so ab, dass ich eine handvoll Bands kenne, die dann auch die musikalische Ausgangslage bilden. Und dann schaue ich, was noch so alles dazu passen könnte. Am Anfang gibt es zwar eine grobe Grundidee, diese kann sich aber mit der Zeit immer wieder ändern. Diese Flexibilität ist sehr wichtig, denn nichts ist für mich schlimmer als starre Strukturen und Schubladen. Die Recherche selbst geht über soziale Netzwerke bis hin zu Portalen wie BANDCAMP. Zudem melden sich auch immer wieder Bands für eine Zusammenarbeit. Dennoch ist die Recherche der zeitaufwendigste Punkt. Man muss Bands finden, die nicht nur zur Zusammenstellung passen, sondern die auch Lust haben, mitzumachen. Tatsächlich liegt die Antwortrate der Musiker bei rund 50 Prozent. Was ziemlich frustrierend sein kann. Denn häufig bekommt man vielleicht erst ein, zwei Monate später eine positive Rückmeldung. Man weiß also nicht, ob derjenige Interesse hat oder nicht. Das macht die ganze Prozedur recht langwierig.


 

Wie versteht sich also AT SEA COMPILATIONS? Seid Ihr eine Plattform zur Förderung junger, eher unbekannter Musiker? Oder steht die inhaltliche Ausrichtung im Vordergrund?

In erster Linie steht die inhaltliche und künstlerische Ausrichtung im Vordergrund. Tatsächlich bemühe ich mich, in jeder Zusammenstellung auch bekanntere Musiker dabei zu haben, wenn es musikalisch passt. So wird auf der kommenden "La Danse Macabre 3" die belgische Kultband THE BREATH OF LIFE dabei sein. Und auch die französische Musikerin HÉLÈNE DE THOURY ist mit ihrem Projekt HANTE wieder mit an Bord.

Die "Twist The Past 2"-Compilation vor knapp drei Jahren wurde etwa von DEBBIE COHENS Soloprojekt eröffnet. Sie war damals in den 2000ern Gitarristin und Songwriterin in der international sehr erfolgreichen Post-Punk-Band THE ORGAN, einigen vielleicht auch noch aus der US-Serie "The L Word" bekannt. Durch den Erfolg zerbrach die Band dann 2006. In jedem Fall: Zur Zeit der Recherche von "Twist The Past 2" fiel mir das "Grab The Gun"-Album von THE ORGAN mal wieder in die Hände, eines der besten Wave-Alben der 2000er. Und ich habe mal recherchiert, was die ehemaligen Mitglieder zu dem Zeitpunkt so gemacht haben. Und da hatte ich entdeckt, dass auch zu jener Zeit DEBBIE COHEN gerade wieder Lust auf Musik hatte und ich habe sie eingeladen. Sowas finde ich halt auch immer sehr cool, wenn Musiker mitmachen, die man seit Jahren musikalisch kennt.

Aber an sich versuche ich immer eine Mischung aus bekannteren und unbekannteren Musikern hinzubekommen, und die einzelnen Zusammenstellungen über ein künstlerisches Motiv zu definieren.

Auch Eure Cover-Artworks sind professionell und sehr stimmungsvoll. Machst Du das alles selbst?

Nein, die Bilder selbst kommen entweder aus dem 19. Jahrhundert, die Romantik-Bewegung hat da ganz fantastische Kunst hervorgebracht. Oder von Hörern oder mir bekannten Fotografen und Künstlern. Das Layout wird abwechselnd von MARIA HOFMÜLLER und RALF JESEK übernommen. In Zukunft möchte ich noch etwas mehr mit zeitgenössischen Künstlern zusammenarbeiten. So wurde das Design der "Miami Synthwave Radio" von der bekannten Szene-Künstlerin MIZUCAT entworfen. Das Coverbild von der "Snowflakes V" stammt von der tschechischen Künstlerin KATERINA ŠIŠPEROVÁ. Mal schauen, wer da in der Zukunft noch so alles was beisteuern wird - wobei auch das immer eine Geldfrage ist.
 
Ich bin auf Euch aufmerksam geworden durch das (Zitat) "weltweit erste PAUL ROLAND-Tribut-Album". Also eine Sammlung von neu eingespielten PAUL ROLAND-Klassikern. Wie kam der Kontakt zu PAUL ROLAND zustande?

Ich bin seit den 90ern großer Fan von PAULs Musik. Das erste Mal persönlichen Kontakt hatte ich dann im Jahr 2011, als es das DARK FEATHER MAGAZINE noch gab und ich mit ihm ein sehr ausführliches Interview führte. Die Idee für das Tribut-Album kam mir, als ich Mitte 2016 eines Abends mit dem RALF (JESEK) telefonierte. Da fiel das Thema auf Tribute-Alben, und dass es eigentlich mal eine coole Idee wäre, sowas mal umzusetzen. Dann haben wir überlegt, zu wem es sich künstlerisch lohnen würde, ein Tribute auf die Beine zu stellen. JOY DIVISION, THE CURE, DEPECHE MODE - das kann ja jeder machen und fiel somit raus! Da kam mir dann recht schnell die Idee, ein Tribute zu PAULs Musik zu initiieren. Er ist seit Jahrzehnten aktiv und ein fantastischer Songwriter, der es innerhalb von drei Minuten schafft, tolle Geschichten mit Ohrwürmern zu kombinieren. Bietet sich also perfekt an, um gecovert zu werden! Also habe ich Paul eine Email geschrieben, und er hat sein okay gegeben und dann auch in den sozialen Netzwerken mit aufgerufen, dass sich Musiker bei mir melden sollen.




Gibt es inhaltliche Rückmeldungen zu Eurer Arbeit, also Ideen, Vorschläge oder - wie Du schon angesprochen hast - Bands, die auf Euch zugehen? Oder beschränkt es sich auf übliches "Was man hätte besser machen können"-Genöle?

Ich würde mir ja wünschen, dass mal konstruktive Kritik kommt! Ganz ehrlich, häufig bin ich mir sehr unsicher, ob eine Zusammenstellung so wirkt, wie ich mir das während der Recherche so überlege. Das fühlt sich dann immer wie in einem luftleeren Raum an. Man wird ja irgendwann auch mal betriebsblind, und da wären ein paar kritische Worte gar nicht so schlecht. Von Seiten der Hörer bleiben diese jedoch aus. Daher beschränkt es sich dann eher auf Lob und ab und an mal Ideen seitens der Hörer. Und Reviews in Webzines und dergleichen finden auch kaum statt, da die halt schon mit den ganzen Veröffentlichungen der Major Labels erschlagen werden. Da fehlt dann wohl vielen die Lust, sich mit einem Projekt wie AT SEA COMPILATIONS auseinanderzusetzen. Häufig bekomme ich da auch immer wieder den Satz "Das interessiert unsere Leser nicht" zu hören.

Von Bands bekomme ich quasi jeden Tag Mails. Nach fünf Jahren hat sich das Projekt ja auch rumgesprochen. Da ich aber meist immer sehr spezifisch auf der Suche nach bestimmter Musik bin, kann das dauern, bis ich da mal auf eine Band zurückkomme. Das ist dann nicht böse gemeint, aber ich arbeite recht ungern an mehr als zwei Zusammenstellungen gleichzeitig. Daher muss ich dann vielen Bands absagen oder sie auf später vertrösten.

Du hast entschieden, Eure Downloads auf BANDCAMP nicht mehr ganz kostenfrei anzubieten. Sondern für drei Euro (einfache Compilation) oder fünf Euro (Doppel-Album). Warum? Und wird das funktionieren, wo es bisher alles kostenlos gab?

Warum? Weil das Projekt vom zeitlichen Aufwand mal mindestens einem handfesten Nebenjob gleichkommt. Und weil Mastering, Design und dergleichen auch nicht so ganz kostenlos sind. Bisher lief das Projekt spendenfinanziert. Diese sind aber mit der Zeit zurückgegangen, sodass ich auf die letzten Veröffentlichungen finanziell noch draufzahlen musste. Und das ist natürlich eine Form der Selbstausbeutung, welche das Weiterbestehen des Projektes massiv gefährdet hat. Es gab also verschiedene Optionen: Von den Bands Geld nehmen? Nein, das wäre an der völlig falschen Stelle angesetzt. Weit weniger Output im Jahr? Wäre möglich, aber auch sehr schade.

Somit blieb dann nur noch die Konsequenz zu ziehen, die Compilations nicht mehr zu verschenken. Auch wenn es bedeutet, dass die Verbreitung radikal abnehmen wird. Wenn eine Compilation um die zweitausend Mal heruntergeladen wird und über 90 Prozent der Leute es nicht einsehen, zumindest etwas in den virtuellen Hut zu werfen, dann kann das keine Planungsgrundlage für mich sein.

Ob das alles funktionieren wird, bleibt abzuwarten. Da werde ich dann Mitte des nächsten Jahres draufschauen, und dann sehen wir mal weiter. Ich denke jedoch, dass der Preis für gut recherchierte und kuratierte Musikzusammenstellungen mit solchen stimmigen Themensetzungen nicht zu hoch ist. Was ist denn die Alternative, um gute Musik kennenzulernen? Algorithmen bei SPOTIFY?

Welche thematischen Ideen hast Du für die Zukunft?

Derzeit habe ich die Idee für ein Kompendium zur Gothic-Szene der 90er-Jahre. Wo es nicht nur alte Songs von damaligen, heute vielleicht nicht mehr ganz so bekannten Bands in einer Compilation gibt. Sondern wo dann auch ein dazugehöriges PDF mit Interviews und Artikeln über diese Zeit mit dabei wäre. Also wo man mal alte Musiker ausfindig macht und schaut, was sie heute so machen. Oder man setzt sich mit einem Veranstalter aus der damaligen Zeit zusammen und redet darüber, ob es Unterschiede zu heute gibt, wenn man in den 90ern Konzerte oder gar Festivals organisiert hat. Interessant wäre sicherlich auch, sich aus sozialgesellschaftlicher Sicht dem Thema anzunähern. Während allerorten immer wieder die 80er-Jahre hochgejazzt und geradezu romantisiert werden, finde ich aus journalistischer Sicht die 90er-Jahre sehr viel spannender und facettenreicher. Und auch musikalisch um einiges abwechslungsreicher.
 
Eigentlich machst Du ja schon Label-Arbeit. Kannst Du Dir vorstellen, irgendwann auch mal physikalische Tonträger rauszubringen, eine besondere LP oder eine Kassette vielleicht

Die Idee für eine streng limitierte Kassette gibt es sicherlich. Das müsste dann aber auch mit einer echt coolen künstlerischen Idee einhergehen, sonst wäre das nur zum Selbstzweck.

Axel, vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit AT SEA COMPILATIONS!


 
Michael We. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» ASC Homepage
» ASC @ Bandcamp
» ASC @ Facebook

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» AT SEA COMPILATIONS mit Black Metal-Sampler

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