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Rückschau auf das NNOI-Festival 2017

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Rückschau auf das NNOI-Festival 2017
Kategorie: Spezial
Wörter: 1070
Erstellt: 08.09.2017
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Auch dieses Jahr fand das Zusammentreffen der „Weltbauchrednerloge“ auf der Wiese neben der Zernikower Mühle statt. Eine feine, naturbelassene Gegend mit nebenliegendem Sumpf, inklusive Stechmücken und regionalem Getier. Auch dieses Jahr fand das NNOI-Festival vom 28.07. bis zum 29.07. statt. Auch wurden einige Veranstaltungen, wie schon letztes Jahr, in die Alte Brennerei nach Zernikow ausgelagert. Bedauerlich war, dass ich nicht wie letztes Jahr alle drei Tage, sondern lediglich am Samstag anwesend sein konnte. Doch auch der Samstag war ereignisreich. 

Den Anfang machte ASTOR (nein, nicht die Kosmetik-Firma, obwohl es da sicher Schnittmengen gibt) alias MARK HARWOOD, der auf  PENULTIMATEPRESS vor kurzem sein drittes Album hat veröffentlichen lassen. Sein Auftritt war verspielt. Niemand wusste so recht, wann genau er beginnen und den Soundcheck beenden würde. ASTOR klapperte da mit Bechern auf seinem auf der Bühne stehenden Pult, sprang von der Bühne und lief einem kleinen Mädchen bis an den Waldsaum nach. Oder er rief einem vielleicht vierjährigen Jungen, der ein blaues Cap trug, nach, dass er ihn beobachtet hätte und feststellen musste, dass er den ganzen Tag nur trinkt. Der Junge verstand sein englisch wohl nicht. Er lief mit seinem Saft gelassen weiter. ASTOR hielt derweil zwei Mikrophone in Händen, in die er abwechselnd sprach. Es wurden Frauenstimmen-Fragmente dazu eingemischt. Ein lustiger, leicht auf- beziehungsweise überdrehter Mann, dessen Musik, das heißt Performance, mehr Hörspiel als konzertantes Auftreten war. Er spielte Flötentöne, zog sich eine Jacke an und aus, pitchte Vokale und spielte hier und da stotternde Sounds.

Der Nächste schien CHRISTOPH DE BABALON zu sein. Vielleicht war es auch ein Zwischenspiel. Denn nur ab und an stand ein graukapuzter junger Mann an den Pulten auf der Bühne. Der Sound brach wieder ab. Dennoch gab es Applaus. Einer der Tonleute erklomm dann die Bühne, regelte dort etwas nach und der junge Mann im Kaputzenpulli, der nun wohl doch DE BABALON war, bewegte sich endgültig hinter die Technik. Dort blieb er auch stehen. Flächige Sounds welkten die Wiese, auf der das dieses Jahr zahlreicher erschienene Publikum innehielt, sich dann aber wieder unterhielt und weiter unterhalten ließ. Das Sonnenlicht verschwand. Dann sprang auch schon der Beamer an. Erst noch etwas ungenau konnten da sich bewegende Menschen erkannt werden. Dazu tobten Kinder auf der Wiese herum. Andere liefen noch immer mit Sonnenbrille durch die Gegend. Telefonempfang gab es keinen. Nur sphärisches Brummen und Rauschen. Oder Sequenzen, die gut und gern auch hätten Filmmusik sein können und mit basslastigen Rhythmen unterlegt wurden. Ein bisschen Jungle, ein bisschen Drum&Bass - neueingekleidet. Es gab sogar Leute, die Nacktschnecken auf Holzbänken fotografierten. Dahinter Farbflächen, in mehr oder weniger konventionellen Tönen ...

Es folgten, wie schon letztes Jahr, Filme. Kurze, die wie das Leben absurd schienen, weil sie eben Teile daraus zeigten. Jedoch geschnitten und somit in einen anderen Kontext gestellt. Da wurden zum Beispel Menschen gezeigt, Menschen vor Bildschirmen im Flugzeug. Oder ein summendes Gesicht (das von R. SCHALINSKI) im Halbdunkel einer Restlichtkamera. Die dazugehörige Stimme sagte dann, dass wir einen Text über das Fehlen von Wörtern hören werden. Und schließlich ein Film, der den Ödipus zum Thema hat, der sich nach einigen Minuten fast wie ein Film von CRONENBERG ausnahm.

Danach kletterten MOLEGLOVE auf die Bühne - das mehr oder weniger neue Projekt von SCHALINSKI, ECKLOFF und BECKER. BECKER am Sound, SCHALINSKI erwürgte sich minutenlang mit einem Mikrokabel und trug dabei Sonnenbrille, wobei ECKLOFF rückwärts die Bühne entlangrobbte. Im Hintergrund ein schwarz-weiß-Negativfilm, der eigenartig durchscheinende Menschen zeigte, die zum Beispiel aufräumten, tanzten oder Äste aus dem Bild herauszogen. Der Sound eierte und leierte, zischte, summte, glockte und klingelte. SCHALINKSKI band sich derweil Reisig oder biegsame Äste von Sträuchern um seinen Hals. ECKLOFF lag am rechten Bühnenrand. Und robbte erneut von rechts nach links. Zum Klappern und Klingeln Gezwitscher und synthetisches Leiern. Tauchte ECKLOFF am rechten Bühnenrand wieder auf. ließ er die Füße mit schweren Schuhen auf die Bühne fallen. Dann kroch er abermals los. Der Sound glockte immer weiter, wurde auch schon mal sägend, auch alarmierend. Klang aus und hob wieder an. Und verlief sich in eine Art elektrisches Schnarchen, Röcheln, Reiben, Blubbern, welches das anfängliche Glocken ablöste. Nun kroch ECKLOFF mehr oder weniger bewaldet über die Bühne. Die Äste, die er hochhielt warfen Schatten auf das bewegte Bild im Hintergrund. Und schon kroch das Reisigwesen erneut von rechts nach links. Rauschen, Wummern, und spitze Geräusche, die hier und da abgehackt oder auch schon mal wie eine zu laut gedrehte, mit zu vielen Effekten bestückte E-Gitarre klangen. Das Ganze gespielt in einer Rhythmik, die eher erfühl- als zählbar den Sound durchzog. A-rhythmische Bass-Drums. Währenddessen rollte sich die Leinwand scheinbar auf. Das Negativ wurde positiv, doch noch immer durchscheinend gedoppelt. Es konnte kaum unterschieden werden, ob es sich um verfremdete E-Gitarren-Soli oder um Passagen aus einem Solo für Schalmeien handelte. Dazu tieftöniges Styropor-Quietschen. Der Sound fiel ab. Auf der Leinwand lief nun (scheinbar) alles rückwärts. Bis dann nur noch ein hölzerner Bau- oder Wohnwagen mit Fernstern zu erkennen war. Der Sound, er blubberte und gluckste noch. Dann stand bald nur noch ein leiser Ton, der eine Weile jaulte und bellte, bis er schließlich abbrach. Es folgte Applaus und das Raunen der am kleinen Lagerfeuer stehenden Leute ... Brilliant! – vielleicht weil mich der Sound an eine meiner Lieblingsplatten von COLUMN ONE, nämlich an die „Unrealizer“ erinnert hat.

Danach kamen noch AIR CUSSION FINISH – eine Person an der Elektronik und eine weitere, barfuß, an einer Gitarre. Dazu dann Loops und eingeblendete Ansätze von Gesang, der jedoch – weil immer wieder abgebrochen, gepitcht und so weiter – keiner war, allerdings, obwohl ohne Wörter, dann doch einer wurde, worauf einer der beiden Personen, die seitlich vor der Bühne saßen, damit begann, von Ängsten zu erzählen und dass sie selbst keine hätte. Der Sound dazu klang nach verdrehtem Trip-Hop ohne die markanten, genretypischen Rhythmusanteile. Vielmehr war da einiges Knacken, mit Hallräumen und Echos versetzt. Stellenweise war das Ganze etwas opern- oder operettenhaft. Dazu eine moderat gespielte Gitarre - knarrend gezupft, oder sacht gespielte Akkorde. Eine ruhige, zischelnd angenehme Atmosphäre nach ein Uhr in der Früh - Sternenhimmel inklusive.

Wie schon letztes Jahr bleibt zu bemerken, dass hier ein Festival auf mehr Zuschauer wartet. Und dass es unter dem Müllberg des Zu-vielen und Zu-viel-Gespielten noch das Unerhörte gibt, das Experiment und Experimentieren an und mit Klängen, Tönen, Geräuschen.


 
awk für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» NNOI-Seite
» NNOI auf Facebook
» NNOI auf Soundcloud

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