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Andreas X.

Eindrücke vom Wave-Gotik-Treffen 2016

Konzertberichte der 25. Ausgabe vom 13. bis 16. Mai


Eindrücke vom Wave-Gotik-Treffen 2016
Kategorie: Spezial
Wörter: 3414
Erstellt: 14.06.2016
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Dass ein Festival über Jahrzehnte besteht, hat in der schnelllebigen Musikwelt eigentlich Seltenheitswert. Natürlich gibt es einige, traditionelle Festivals. Aber gerade in den letzten Jahren musste so manches Festival, zumeist aus finanziellen Gründen die Segel streichen. Dies gilt auch besonders in der schwarzen Szene, die derzeit mit Festivalpleiten wie 2015 beim Eurorock in Belgien, dem Ende des Blackfield-Festivals und Absagen wie beim Dark Munich Festival 2016 oder anderen kleineren Festivals leben muss. Andererseits müssen sich gerade die Veranstalter in der schwarzen Szene fragen lassen, ob man für das seit einiger Zeit wieder etwas stärker in den Underground driftende Publikum wirklich interessante Line-ups zu bieten hat. Programme die fast Band-gleich alle zwei Jahre wechseln, wobei der immer konturloser werdende Szene-Mainstream alles dominiert, und Bands, die mittlerweile dauernd an jeder Milchkanne spielen, sodass sich ein gewisser Überdruss einstellt, bestimmen hier das Bild. Immer anders war aufgrund des vielbeschworenen Treffen-Gedankens und der dezentralen Art des Festivals seit jeher das Wave-Gotik-Treffen, wobei gerade die dezentrale Organisation mit einer großen Zahl von Spielstätten eine deutlich flexiblere Programmgestaltung ermöglicht. Kommende Trends können ausgeforscht werden bzw. auf den Wandel der Szene kann in unterschiedlicher Gewichtung reagiert werden. Wichtig ist das WGT aber vor allem auch deshalb, weil hier ein unendlich breites Spektrum von Stilen präsentiert wird, wobei der musikinteressierte Hörer die Gelegenheit hat, auch viele unbekanntere Bands in einer vernünftigen Spieldauer sehen zu können. Der Erfolg scheint dem WGT dabei Recht zu geben, werden zum 25. Jubiläum doch gerade deutlich gestiegene Besucherzahlen auf jetzt 23.000 vermeldet. Diejenigen, die vor Ort waren, werden dies aufgrund so mancher Einlassstopps in diesem Jahr bestätigen. Für NONPOP war das WGT vor allem deshalb seit jeher interessant, weil hier Musikstile wie Neofolk, Industrial und Dark Ambient immer im Programm waren, die auf anderen Festivals zum größten Teil komplett fehlen, da diese Stile schlicht (und zum Glück) nicht kommerziell genug sind. Selbstredend war es aber auch in diesem Jahr aufgrund von Parallelblockungen nicht möglich, alle Bands zu sehen, die von Interesse waren.

Freitag

Am Freitag musste man sich tatsächlich sputen, da das Programm im Volkspalast recht früh gleich mit TRIARII in der Kuppelhalle begann. Trotz dieses Eröffnungsslots fand das Konzert aber dennoch vor recht vollem Haus statt. Obwohl TRIARII ja schon recht lange existiert, erlebte man 2016 tatsächlich erst die WGT-Premiere des Projekts von CHRISTIAN ERDMANN. Da es seit der letzten Veröffentlichung 2011 etwas ruhiger um TRIARII geworden ist, konnte man also gespannt sein, wie sich die Band derzeit präsentiert. Das Programm und die Video-Show entsprachen dabei weitestgehend den Konzerten der letzten Jahre. Neu ist allerdings, dass CHRISTIAN ERDMANN live nun mit NICOLAS VAN MEIRHAEGHE (u.a. EMPUSAE) zusammenarbeitet, der für die Percussion zuständig zeichnete und damit live bei einem weiteren Projekt neben ORDO ROSARIUS EQUILIBRIO und SOPHIA mitwirkt. Durch das präzise und gute Spiel war NICOLAS VAN MEIRHAEGHE aber auch hier eine echte Bereicherung. Insofern konnte man das gelungene Konzert, das wie üblich in der Präsentation einen guten Schuss Pathos beinhaltete, genießen.

In der Kantine standen anschließend THE PROTAGONIST auf der Bühne. Das Projekt hat eigentlich eine recht kurze und lückenhafte Karriere hinter sich, kann aber als typische COLD MEAT INDUSTRY-Band einen gewissen Bekanntheitsgrad nachweisen. Nach nur zwei Alben und einer EP kehrte vor fast zehn Jahren jedenfalls endgültig Ruhe ein, nur unterbrochen durch die Wiederveröffentlichungen der Alben 2012. Die Live-Show in der Kantine knüpfte dann auch direkt an die Konzerte um 2007 an – allerdings leider soweit, dass Setliste und Hintergrundvideos 1:1 von damals stammten. MAGNUS SUNDSTRÖM, übernahm wie früher die Perkussion und sprach oder sang  ab und zu ins Mikrofon. Dazu gesellten sich eine weibliche Unterstützung an den Keyboards sowie eine männliche Unterstützung an der Violine, deren Klang im Mix leider zu oft unterging. Zu einer Videoprojektion einer archaisch anmutenden christlichen Prozessionsszene wurde das mächtige, mit bedrohlichen Pianoklängen eingeleitete und live durch den druckvollen Trommeleinsatz verstärkte "Der Wahnsinn" von der "Interim" angestimmt. Ähnlich druckvoll wie auch atmosphärisch dicht ging es weiter, wobei jedes Stück von jeweils abgeschlossenen, aus Filmen entnommenen Videoprojektionen begleitet wurde, die sich verstärkt um den Themenkomplex Verführung und Religiösität drehten aber auch mal die zum "A Rebours"-Titel passenden "Kämpfende(n) Pferde" darstellten. Der Auftritt wirkte insgesamt etwas durchwachsen, was zum großen Teil an den nicht immer sitzenden Trommel- und Violineneinlagen lag.

In der Kuppelhalle standen danach erstmals seit 2012 wieder DERNIÈRE VOLONTÉ auf der Bühne. In den letzten Jahren hatte man irgendwie das Gefühl, dass der große Hype um die Band deutlich abgekühlt ist, was sicher auch an den – aus meiner Sicht – nicht mehr ganz so überzeugenden Alben liegen könnte. GEOFFROY D., der auch einen gewissen Bewegungsdrang verspürte, hatte in jedem Fall, was den Gesang betraf, einen recht guten Tag erwischt, was noch durch das druckvolle und präzise Trommeln seines Mitstreiters verstärkt wurde. Schade war allerdings, dass es mittlerweile kaum noch ältere Stücke in die Setliste schaffen, sodass „Mon Mercenaire“ oder „Au Travers Des Lauriers“ vom Publikum überaus freudig aufgenommen wurden. Im Gegenzug blieben viele neue Stücke doch etwas blass und haben einen Hang zur Beliebigkeit, womit sich der Eindruck verstärkt, dass GEOFFROY D. mittlerweile ein größeres Interesse an POSITION PARALLEL zu haben scheint oder hierfür mehr Elan aufbringt. Solider Auftritt – aber musikalisch einfach nicht mehr der Druck von früher.

VRIL JÄGER ist das neue Projekt von KIM LARSEN (OF THE WAND AND THE MOON) und THOMAS BOJDEN (DIE WEISSE ROSE). Vor Video-Projektionen von Eislandschaften und selbst in weiße Wintercombis samt schwarze Gesichtsmasken gehüllt, brachte das Trio in der Kantine sein gerade veröffentlichtes Album auf die Bühne. Zu hören bekam man schwebende Ambientflächen, Trommelklänge und Perkussion, die aber zumeist nur als Effekte, also nicht rhythmisch eingesetzt wurden und eine Vocalperformance mit teils runtergepitchten Stimmen. Auf Platte oder in einem anderen Rahmen funktioniert so ein Konzept vielleicht noch halbwegs, hier aber eher nicht. Für Dark Ambient soundtechnisch zu langweilig, für Neofolk oder Industrial zu wenig melodisch bzw. eine fehlende kantige, offensive Gesamtgestaltung. Dazu so gut wie keine Bewegung oder Show auf der Bühne. Da dies wohl mehrere Personen im Publikum so sahen, leerte sich die Kantine im Laufe des Konzerts dann auch deutlich.

In der Kuppelhalle stand nun das 35jährige Jubiläum von IN THE NURSERY vor vollen Rängen an, wobei die Kuppelhalle ohnehin ein perfektes Ambiente für diesen Auftritt bot. Der teilweise etwas schwierige Raumklang wurde dabei von der Technik glücklicherweise gut im Zaum gehalten. Aufgrund des Jubiläums trat die Band aber vor allem auch mit dem Anspruch an, die gesamte Bandbreite ihres musikalischen Schaffens abzubilden. So gab es neben neueren Stücken vom letzten Band-Album „Blind Sound“ einen Querschnitt aus den letzten Jahren. Ungewöhnlich ausführlich fiel dabei mit einem eigenen Block der Blick auf die Anfangsjahre der Band aus, der die Post-Punk-Wurzeln der Zwillingsbrüder aus Sheffield offenlegte, die auch zuletzt auf „Blind Sound“ wieder verstärkt zum Tragen kamen. Ansonsten wurde ein Best-of-Set geboten, das für regelmäßige Konzertgänger eher wenige Überraschungen bereithielt. Da aufgrund von technischen Pannen gegen Ende des Sets, zwei Stücke abgebrochen werden mussten, war die Band wohl gezwungen, auf Zugaben zu verzichten. Das Publikum hätte angesichts dessen Reaktion wohl sehr gerne noch mehr gesehen.

Samstag

Am Samstagnachmittag luden IN THE NURSERY gleich zum nächsten Teil ihrer Jubiläumsfeier in das Schauspielhaus ein. Diesmal ging es allerdings um die Soundtrackaktivitäten des Brüderpaars. Live aufgeführt wurde der jüngst veröffentlichte Soundtrack zu „The Fall Of The House Of Usher“. Das Duo hatte man für die Performance etwas prominenter seitlich auf der Bühne mit Blick zur Leinwand positioniert, sodass aus den ersten Sitzreihen der sich bewegende Blasebalk der Shruti Box oder das Spielen der Sansula, zu sehen war. Gerade an dieser Performance ließ sich festmachen, dass die Band diesmal einen ungeheuer dichten und eindringlichen aber auch abwechslungsreichen Score geschrieben hat, wobei der Film in seiner Art allerdings auch sehr dankbar für so eine Art von Musik ist. Alleine schon, weil man vermutlich kaum die Gelegenheit haben wird, überhaupt eine Live-Performance von IN THE NURSERY zu dem Film sehen zu können, ein eindrucksvolles Erlebnis.

ROSA RUBEA ist das neue Projekt von DANIELA BEDESKI (Ex-CAMERATA MEDIOLANENSE) mit dem sie bisher zwei Alben – zuletzt „Chrysalide“ – veröffentlicht hat. Der Stil der Musik ist eine Mischung aus Neoklassik, Chanson und Pop, die das Sextett auf die Bühne des Schauspielhauses brachte, das für die künstlerisch-opulente Anlage der Musik überaus geeignet erschien. Musikalisch professionell umgesetzt, war der Auftritt natürlich stark auf die extrovertierte Sängerin zugeschnitten, die es verstand, ihre Gesangsmöglichkeiten möglichst breit einzusetzen.

Ein Highlight, was den Veranstaltungsort betrifft, bleibt das Stadtbad. Hier standen nun die in unseren Breiten bisher kaum zu sehenden POSITION PARALLEL auf dem Programm und traten den Beweis an, dass dies nicht einfach nur ein Nebenprojekt von GEOFFROY D. ist, sondern einiges an Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Mit elektrisierendem, melodischem Minimal-Elektro, der in keiner Weise verstaubt klingt, gelang es dem Duo jedenfalls die Besucher des gut gefüllten Stadtbads ordentlich in Bewegung zu versetzen. Auch GEOFFROY D. wirkte in seiner etwas exaltierten Art gelöster und agiler als beim DERNIÈRE VOLONTÉ-Auftritt vom Vortag.

Mit ihrer neuen Live-Veröffentlichung „Im Schatten der Ringe“ im Gepäck, machten sich anschließend DIE KRUPPS daran, die proppevolle Agra einzunehmen. Mit ihrer „Metal-Machine-Music“ und einem Best-of-Programm, das eine gewisse Gewichtung auf die letzten beiden Alben legte, dürften sie in jedem Fall die meisten Anwesenden überzeugt haben, was sich auch in entsprechenden Bekundungen des Publikums zeigte. Neben der seit der letzten Tour stärkeren Gitarrenmacht aus nunmehr zwei Gitarristen, durften Trademarks wie die kantige Elektronik und natürlich das Stahlophon nicht fehlen. Nach einem fulminanten Set wurden selbstredend noch Zugaben eingefordert, die mit „Machineries Of Joy/ Wahre Arbeit, Wahrer Lohn“ und „Bloodsuckers“ gerne gewährt wurden. Trotz des leider zu überrissenen Sounds, ein wuchtiger Auftritt.

Sonntag

Am Sonntag stand im Alten Landratsamt  der traditionelle Neofolk-Abend an. Den Anfang machten die Spanier von HAR BELEX, dem Projekt von MANIX S. und dem auch beim Elektro-Projekt CULTURE KULTÜR tätigen Sänger SALVA MAINE. Die beiden hatten sich allerdings mit einem Cellisten und SATHORYS ELENORTH (u.a. DER BLAUE REITER) an den Keyboards und Trommeln verstärkt und boten somit ein entsprechend breites Soundbild. Bisher liegt neben der Split-LP mit FRAGILE – einem weiteren Projekt von SATHORY ELENORTH - das Debut-Album „Chandelle“ vor und neu zum WGT die E.P. „Camino De Brea“. Geboten wird musikalisch traditioneller Neofolk, der Sinn für wehmütige Melodien mitbringt und vor allem mit einem passenden und guten Gesang punkten kann. Dem alten Neofolk-/Industrial-Connaisseur werden aber vielleicht etwas die Ecken und Herausforderungen bzw. die Weirdness des Apocalyptic-Folk fehlen. Der Auftritt von HAR BELEX bot aber auf jeden Fall ein musikalisch rundes und überzeugendes Bild, sodass man die Band gerne auch mal andernorts wiedersehen würde.

BACKWORLD sind sicher nicht mehr ganz im Fokus der verbliebenen Neofolk-Gemeinde. Das letzte, nicht hundertprozentig überzeugende Album „Come The Bells“ stammt von 2011, das Jahr, in dem auch der letzte WGT-Auftritt bzw. überhaupt mir bekannte Auftritt in Deutschland stattfand. Dennoch gehörten BACKWORLD Mitte bis Ende der 90er Jahre zur absoluten Spitze im World Serpent Kosmos, was auch die Zusammenarbeiten mit u.a. DAVID TIBET, IAN READ oder TONY WAKEFORD bezeugen. Hatte JOE BUDENHOLZER 2011 noch zwei Keyboarder dabei, so wartete er in diesem Jahr mit einem Streicherquartett auf, was den Genuss noch einmal deutlich steigerte. Und auch an der Setliste gab es überhaupt nichts zu meckern, startete er doch mit „Holy Fire“ vom gleichnamigen 1996er Debut-Album eine Reise durch seine Werke bis hin zu „Come The Bells“ vom ebenfalls gleichnamigen Album, die gerne noch länger hätte sein können, da einige Highlights wie „Come With Joy“ oder „The Tide“ tatsächlich sogar noch fehlten. Ab und an auch nur sich selbst mit der Akustikgitarre begleitend, führte der hochsympathisch wirkende Budenholzer jedenfalls gewohnt entspannt durch das Programm. Noch mehr World Serpent Flair wehte schließlich durch den Saal als ROSE MC DOWALL zu „The Devil’s Plaything“ auf die Bühne kam, um zusammen mit BUDENHOLZER dieses Stück zu intonieren. Mit „Leaving The Isles Of The Blest“ endete schließlich das reguläre Set, dem nach dem entsprechend starken Zuspruch des Publikums noch eine kleine Zugabe folgte. Wen die recht frühe Spielzeit eventuell gewundert hat: BACKWORLD traten später am Abend noch in der Peterskirche auf, um das Werk und neue Album „The Hound Of Heaven - A Paraliturgical Opera In One Act“ zu performen, leider parallel zu den weiteren Auftritten im Alten Landratsamt.

Ebenfalls nicht groß vorstellen muss man wohl ROSE MC DOWALL, die anschließend in gewohnt freakigem Outfit mit übergroßem Hut und rotem Umhang mit einer großen Band, der u.a. LLOYD JAMES (NAEVUS) am Schlagzeug und die aktuelle Violinistin/Flötistin von SOL INVICTUS angehörten, auftrat. Von ROSE MC DOWALL ist seit vielen Jahren allerdings bis auf die jüngste Wiederveröffentlichung des 2004er Albums „Cut With The Cake Knife“ nichts neues mehr zu hören gewesen, so dass sich das Set aus altbekannten Stücken zusammensetzte. Persönlich nicht ganz so überzeugend fielen dabei die etwas 60ies-behafteten Stücke mit Schlagzeug aus, wobei man LLOYD JAMES bei diesen Stücken zusätzlich anhörte, dass er kein gelernter Schlagzeuger ist. Hervorragend umgesetzt erschienen dagegen Stücke wie „Soldier“, natürlich das umjubelte DEATH IN JUNE Stück „To Drown A Rose“ oder „Sleep Now Forever“ und „Let There be Thorns“ von SORROW. Der Abschluss blieb schließlich dem sich hypnotisch steigernden und mit den infernalischen Schreien „If I had a gun you'd all be dead“ endenden, höchst eindrucksvollen „Voices“ – ebenfalls von SORROW – vorbehalten.

Die Blockung an diesem Abend bescherte SUNSET WINGS aus meiner Sicht einen etwas unglücklichen Slot zwischen BACKWORLD, ROSE MC DOWALL und später OF THE WAND AND THE MOON, dem sie kaum gerecht werden konnten. Die russische Band SUNSET WINGS aus dem Dunstkreis von ROMOWE RIKOITO – bei denen ALEXEY POPOV, der Kopf von SUNSET WINGS ebenfalls spielt – veröffentlicht seit 2009 ganz ordentliche Neofolk-Alben, die osteuropäische Wehmut und Sehnsucht atmen und ganz gut mit den bereits genannten ROMOWE RIKOITO oder auch NEUTRAL verglichen werden können. Das Quartett spielte an diesem Abend ein überzeugendes aber eben recht ruhiges Set basierend auf Akustikgitarre, Cello, Flöten und mit weiblichem und männlichem Gesang, dem letztendlich nicht ganz der Zuspruch zu Teil wurde, den es vielleicht verdient hätte.

Den Abschluss des Abends bestritten schließlich OF THE WAND AND THE MOON, die ihre gewohnt kraftvolle Show aufboten. Der Fokus lag dabei immer noch auf dem letzten Album „The Lone Descent“, das mittlerweile auch schon einige Jahre auf dem Buckel hat. Tatsächlich wurde aber zum Ende des Sets hin auch ein neues Lied gespielt, das man als nahtlose Weiterführung des Sounds des letzten Albums bezeichnen kann. Da die Band mit „The Lone Descent“ nunmehr seit 2011 unterwegs ist, hätte ich mir gerade für einen Festivalauftritt allerdings auch mal wieder eine etwas stärkere und auch überraschendere Hinwendung zu älterem Material gewünscht, sodass es leider bei den üblichen Verdächtigen wie u.a. „I Crave For You“, „Lost In Emptiness“ oder „My Devotion Will Never Fade“ blieb. Ein gewohnt starkes Konzert, das für Besucher, die die Band in den letzten Jahren häufig gesehen haben, allerdings etwas zu routiniert erschien.

Montag

Der Volkspalast entwickelt sich am Montag für Fans von kantiger Elektronik und Industrial mittlerweile zu einem wahren Mekka. Los ging es in der Kuppelhalle mit ANCIENT METHODS, die momentan aufgrund ihrer Mischung aus dreckigem Techno, Industrial und Ambient einige Freunde gewinnen können. Das Duo legte ein bis auf einige mit starken Effekten belegte Vocals fast ausschließlich instrumental gehaltenes, hypnotisches Set hin, das dazu geeignet war, das Publikum langsam definitiv in Laune zu grooven.

In der Kantine stand anschließend das ein-Mann-Ambient-Projekt TREHA SEKTORI auf der Bühne. Der Franzose, der unter dem Namen DEHN SORA firmiert, brachte seine voluminöse Version von Dark-Ambient überzeugend auf die Bühne, was vor allem auch daran lag, dass er u.a. mit Stimme und Gitarre interessante Live-Elemente einbaute, während eine ansprechende Video-Show im Hintergrund lief.

TANZ OHNE MUSIK sind trotz des etwas zu lebensbejahenden Namens ein Vertreter des Angst-Pop wie er normalerweise beim Braunschweiger Label Galakthorrö veröffentlicht wird. Nach zahlreichen selbstveröffentlichten Tapes und einer CD auf dem Berliner Sleepless Records Label von ERIC VAN WONTERGHEM (u.a. ABSOLUTE BODY CONTROL, SONAR, MONOLITH) stand die rumänische Band nun auch beim WGT auf dem Programm. DAN SERBANESCU, der alleine für Musik und Gesang verantwortlich ist, wird dabei regelmäßig von einer Video-Künstlerin namens COLOR NURSE begleitet, sodass aus den Auftritten ein audio-visuelles Erlebnis wird. Zu aus meiner Sicht für diese Art von Musik an diesem Abend etwas zu grell, schwarz-weiß gehaltenen Visuals lieferten TANZ OHNE MUSIK ein ansprechendes analog-brummendes, pulsierendes Set, mit vielen guten Soundideen ab. Offenbar immer noch ein Geheimtipp.

Waren wir gerade schon bei Galakthorrö, so folgte der eigentliche Knaller des Abends für Fans des Labels anschließend in der Kantine; hatte es das WGT doch tatsächlich geschafft, zum ersten Mal überhaupt ein Projekt des Labels für einen Auftritt auf die Bühne zu bekommen. TE/DIS, das ein-Mann-Projekt mit bisher einer E.P. und einem Album im Rücken, lieferte dann auch in einem guten, druckvollen Sound das ab, was zu erwarten war: Angst-Pop mit post-punkiger Stimme vor dem Hintergrund einer subtilen Videoshow und mit Live-Versionen, die sich im Arrangement hier und da von den Studio-Versionen unterschieden. Dabei verschanzte man sich auch nicht allein hinter den Maschinen, sondern nutzte die Bühne gerne einmal aus. Nach den Reaktionen des Publikums zu urteilen, wäre der eine oder andere sicherlich auch daran interessiert, andere Projekte des Labels – und ohne Frage natürlich die Flaggschiffe HAUS ARAFNA und NOVEMBER NÖVELET – einmal live zu erleben.

„Mr. Whitehouse“ WILLIAM BENNETT muss man vermutlich kaum jemandem vorstellen. Dass er auch anderes kann außer Krach, bewies er mit seinem seit ein paar Jahren bestehenden Projekt CUT HANDS, das auf elektronische Musik setzt, die wiederum auf afrikanische Rhythmen und haitianische Voodoo-Musik-Einflüsse setzt. Insofern reiht er sich ein bisschen in die Riege der alternden Künstler ein, die tribalistische oder elektronisch-technoide Pfade beschreiten, was aus meiner Sicht zu einer Verengung des künstlerischen Ausdrucks führt. Insofern beschallte BENNETT das Publikum in der Kuppelhalle mit druckvollen und rhythmischen Tracks, was nicht verwunderlich ist, da CUT HANDS eigentlich aus einer Anfrage an BENNETT entstand, als DJ tätig zu werden. Insgesamt betrachtet hatte das Ganze allerdings auch Längen bzw. ist so ein Set vielleicht tatsächlich in einem Club etwas besser aufgehoben.

In der Kantine gab es anschließend das 25-jährige Jubiläum von THOROFON zu feiern und das, wo der Plan ursprünglich darin bestand, nach drei Alben das Projekt zu beenden, was 2005 auch tatsächlich zunächst geschah. 2011 kam man allerdings mit neuem Material und auch live zurück. An diesem Abend agierte man als Trio in komplett weißem Outfit, was quasi der absolute, farbliche Gegensatz zum WGT-Schwarz darstellte. Insgesamt stellte man ein druckvolles und kompaktes Set auf die Bühne, das viele Klassiker, samt „Riot Dictator“ im Mittelteil enthielt. Vor allem die etwas raueren, kantigen Stücke wussten hierbei zu gefallen und schafften es das Publikum vor der Bühne auch teils heftiger in Bewegung zu versetzen. Neben DANIEL HOFMANN – hier kann man meinetwegen auch alle möglichen Aliase einsetzen - griff dabei zudem auch GENEVIÈVE PASQUIER zum Mikrofon, wobei hier zugleich noch eine kurze Performance einer unbekleideten, lediglich mit Body-Painting versehenen Dame eingebaut wurde, während im Hintergrund den gesamten Auftritt über eine offensive, hektische Videoshow lief. Eine gelungene Veranstaltung.

Der Abschluss im Volkspalast war schließlich TEST DEPT. REDUX vorbehalten. GRAHAM CUNNINGTON und PAUL JAMROZY sind ja seit einigen Jahren wieder unter dem TEST DEPT. Banner unterwegs, wobei man zunächst auf rein elektronische Shows setzte. 2016 markiert nun das 35-jährige Jubiläum der britischen Industrial-Legende, sodass eine größere Beschäftigung mit der Band, zumal in Zeiten, wo es in Europa politisch und wirtschaftlich wieder etwas unruhiger zugeht, angezeigt erscheint. Zum Erscheinen des wirklich umfangreichen Buchs „Total State Machine“ wurde deshalb während des WGT in der KUB Galerie eine kleine Ausstellung gezeigt. Zudem gab es auch eine Buchvorstellung mit der Band und es wurde ein Film gezeigt. Für die Show beim WGT präsentierten sich TEST DEPT. glücklicherweise wieder perkussiv-wuchtig wie in frühen Zeiten. Maßgeblichen Anteil daran hatte die britische Schlagzeugerin ZEL KAUTE, die zentral zwischen den beiden Altmeistern positioniert war und eine schier unglaubliche Wucht erzeugte, während Samples und Sounds eingespielt wurden und GRAHAM CUNNINGTON und PAUL JAMROZY abwechselnd Parolen ins Mikrofon oder Megafon schrien oder Polizeisirenen erschallen ließen. Andere, teilweise auf der Bühne agierende Personen gerieten da einfach ins Hintertreffen. Dazu gehörte auch der Fanfarenzug Leipzig, der für einzelne Stücke unterstützte aber aufgrund der dargebotenen Soundwand kaum durchdrang und auch irgendwie etwas „reingeschoben“ wirkte. Selbstverständlich gehörte auch eine politisch gefärbte Videoshow dazu. In dieser Verfassung sicher nicht mehr ganz der provokative und kämpferische Act von früher – da war schon alleine das Apfel-Logo davor - aber definitiv live mit dieser Wucht eine Erfahrung.

 
Andreas X. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» offizielle WGT-Seite
» Bildergalerie MDR
» Bilder auf rollingstone.de

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