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LABOR SONOR 2015

Nachlese, Rückschau


LABOR SONOR 2015
Kategorie: Spezial
Wörter: 1251
Erstellt: 07.09.2015
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Es gibt Festivals, die sich groß gebärden, die sich rar und damit besonders machen wollen – wie z.B. das BERLIN ATONAL, dessen Verantwortliche auf eine Presseanfrage unsererseits nicht einmal eine Ablehnungsmail zu schreiben in der Lage waren. Es gibt aber auch Festivals, die zu den Großen zählen, die keinen übergroßen Namen tragen, dem sie nachlaufen, sich nicht dem Interesse ihrer Hörerschaft durch Stillschweigen entziehen. Dazu gehört das LABOR SONOR. Im Jahr 2000 als Plattform für die Echtzeit-Musikszene ins Leben gerufen, feiert es diesjährig bereits zum 15ten Mal sein Bestehen. Und da es sich um ein Jubiläum handelt, quartierte es sich (eigentlich in der Auguststraße 10 ansässig) im BALLHAUS OST ein, um dort in einem angemessen größeren Rahmen zu feiern.
Drei Tage (vom 28.09. bis einschließlich 30.09.2015) lang traten pro Tag jeweils drei Künstler (-Gruppen) unter dem Motto 'Translating Musik' auf. Das heißt, dass bereits produzierte Musik in die musikalische Sprache der dort Auftretenden übersetzt wurde. Dazu gab es am Samstag- und am Sonntagnachmittag je ein Symposium. Dort wurde das Thema der musikalischen Übersetzung unter Einbeziehung des Publikums diskutiert. Auch wurden Übersetzungspraktiken erläutert und Werkstattberichte abgeliefert, um dem Publikum zu ermöglichen, während der Konzerte am Abend die Herangehensweisen mit der Theorie zu vergleichen. Heraus kam dabei ein beeindruckendes, heterogenes Ganzes, das sich zwischen Neuer Musik, Electro, abseitigem Pop und alldem, was man unter dem Begriff experimenteller Musik vereint, bewegte. Und wie ... Hier nun die Nachlese, Rückschau des Samstags.

Zunächst gab es eine Einführung. Ziel dieser war es (wie in alten Kinos früher üblich, um zu verstehen), das Publikum auf das, was da gleich passieren wird, vorzubereiten ...

Als erstes kamen dann THE PITCH auf die ebenerdige Bühne – ein in Berlin ansässiges 2009 gegründetes Quartett, das sich musikalisch einer Form des Abstrakt Melodischen widmet. Zum Teil klingen die Aufführungen, als wär da ein Sound innerhalb eines Stückes eingefroren. Man könnte auch Drone dazu sagen. Doch das wär zu kurz gegriffen ... Sie selbst nennen das, was sie tun „pitch set constellations“ oder auch „liquid music“. Gemeint ist Musik in Superzeitlupe. Vielleicht könnte man das mit BOHREN & DER CLUB OF GORE vergleichen. Doch das griffe wieder zu kurz. Denn ist ihr harmonisches Verständnis sicher nur oberflächlich mit dem Nachtschatten-Jazz-Pop der Genannten zu vergleichen ...
Das Stück, das nun THE PITCH übersetzten, stammt von OLIVIER MESSIAEN und heißt „Louange à l'Éternité de Jésus“ – der 5. Satz des 8-sätzigen kammermusikalischen Werks „Quatuor pour la fin du temps“ (Quartett für das Ende der Zeit). Im Original etwa 10 Minuten, machten THE PITCH ein gefühlt einstündiges Stück daraus, das dem Original nicht nur in nichts nachsteht, sondern (nicht nur der längeren Spieldauer wegen) darüber hinausging. Die Musik ist stark hypnotisch, sie steht, ist anhaltend, flächig, sie schwebt. Und man selbst rutscht darauf aus. Sie gleitet, da sie irgendwie abschüssig ist, langsam immer weiter, und zwar bis hinter das eigentliche Stück, dahin, wo es sicher nicht unbedingt angesiedelt war. Was natürlich nicht heißen soll, dass die Übersetzung besser wär, nein, sie (nehmen wir den Titel des Originals wörtlich) sprengt ganz einfach die Zeit der Gegenwart, der eigenen Anwesenheit – da auf dem Stuhl im Saal des Ballhaues im Prenzlauer Berg. Die Zeit scheint sich beim Hören zu verflüchtigen, sie scheint da nicht mehr Zeit gewesen zu sein. Vor allem der Einsatz eines Vibrafons und einer Orgel, die sich im Gleichklang mit dem Vibrafon wie ein Harmonium anhörte, verwandelte das Stück. Das heißt, im Original, das Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier vorsieht, kommen das Vibrafon und die Orgel nicht vor. Die Wahl dieser Instrumente jedoch kam nicht von ungefähr – bedenkt man, dass THE PITCH eine Version des Stückes von MESSIAEN wählten, in dem ein ONDES MARTENOT gespielt wird (ein frühes, 1928 erstmals vorgestelltes, elektronisches Instrument, das ähnlich wie ein Theremin klingt, dessen Klang dem der beiden Instrumente sehr ähnelt) nicht willkürlich ... Mich erinnerte das Ganze dann an ein Buch von PAUL NIZON – sein erstes. Es heißt „Die gleitenden Plätze“.

Nach einer Umbaupause folgte GRISCHA LICHTENBERGER. Visuell unterstützt, übersetzte er den Tubisten und Komponisten ROBIN HAYWARD, der sich um die Erweiterung der Spieltechniken seines Instrumentes verdient gemacht hat. HAYWARD nämlich entwickelte die erste vollständig mikrotonale Tuba. Er erfand das „Hayward Tuning Vine“, das Geräuschventil, mit dem es nunmehr möglich ist, den mikrotonalen, in der Tuba enthaltenen harmonischen Raum darzustellen.
LICHTENBERGERs Musik allerdings ist elektronisch. Sie ist abstrakt, findet dann aber genauso im Abseits gängiger Strukturen statt. Das, was er da kniend vor vier Marshall-Verstärkern präsentierte, ging zunächst noch vom Originalsound HAYWARDs aus, entfernte sich allerdings mit der Zeit immer weiter davon. Man bekam also gewissermaßen eine Live-Assoziationskette geboten. Dabei bezog sich LICHTENBERGER auf das Außerhalb der „mathematischen Durchdachtheit“ der HAYWARDschen Musik. Er ging von ihrer Emotionalität aus. Die trüge, so LICHTENBERGER, etwas Sakrales in sich. Und dieses Sakrale suche nach metaphysischer Faktizität. Seine Übersetzung nahm also vom Ungesagten aus Anlauf, um zum Eigentlichen der HAYWARDschen Musik vorzustoßen. Sie wurde Fragment, zum Beatbruchstück, Teilchen, dessen Bewegung man nur noch innerhalb kleinster zeitlicher Räume nachvollziehen konnte. Ein zum Teil ohrenbetäubendes Spektakel. Abgrundtief brummend. Gleichzeitig zugespitzt tönend.

FELIX KUBIN war dann der Dritte im Bunde. Er übersetzte das SPLITTERORCHESTER – ein 2010 gegründetes, in Berlin ansässiges, 24köpfiges Ensemble ohne Dirigenten, d.h. ohne Leitung. Die übernimmt das gesamte Orchester. So sind die Arbeitsprozesse, das Erarbeiten eines Stückes auch langfristig angesetzt, d.h. weitgehend frei von einer Einflussnahme durch eine Person, die lenkt, oder, um es zugespitzter zu sagen, führt. Diese sozusagen führerlose Methode bietet dann die Möglichkeit, sich mit sämtlichen Improvisations- und Kompositionstechniken auseinanderzusetzen, sie in die Tat umzusetzen. Eine im Wortsinne unorthodoxe Herangehensweise.
KUBIN hatte für die vier Stücke, die er übersetzte, auch nicht geprobt – was ja quasi auch auf der Hand lag. Er improvisierte und stellte drei Übersetzungsmethoden vor. Zunächst nutzte er eine Art – wie soll man sagen? – Übersetzungsbügeleisen. Damit strich er über so etwas wie auf Papier gedruckte Wellenformen. Diese wiederum wurden dann mittels Technik, die, wie er zugab, für ihn selbst unüblich, in Musik verwandelt. Ein für mich schon fast alchemisch anmutender Prozess.
Die zweite Methode war eine Art Ausdruckstanz. Den führte KUBIN mit seiner eigenen Art der Eleganz, neben eben diesem Apparat zur Übersetzung, Laptop und Analogsynthesizer, auf der Bühnenfreifläche, aus. Dazu wurde ein SPLITTERORCHESTER-Stück auseinanderdividiert. Das ging so weit, bis es in 24 Spuren zerfallen war.
Die dritte Methode machte dann eine immer auch beim Orchester mitschwingende Sehnsucht hörbar – Rhythmik. Da das Orchester diese im Prinzip nie zum Gegenstand hat, war dies wohl eine besondere Herausforderung für KUBIN, den Mann, der allseits bekannt für seine seltsam schrägen Rhythmiken ist.

Ein insgesamt erhellender, spannender und einprägsamer Abend ... Ich kann allen auch nur annähernd interessierten Hörern empfehlen, das nächste Mal dabei zu sein – entweder bei einem der monatlich stattfindenden Konzerte in der Auguststraße 10, oder, falls eine Finanzierung auch im nächsten Jahr stehen sollte, beim LABOR SONOR Festival 2016.

Hier noch kurz das Programm für September bis Dezember 2015:
28 SEPTEMBER 2015  Stefan Pente [10 LITTLE INDIANS] | Alessandro Bosetti MASK MIRROR | Antonia Baehr NEW WORK
19 OCTOBER 2015  in cooperation with Berliner Künstlerprogramm des DAAD || MAZEN KERBAJ NIGHT Kerbaj curates the night | Mazen Kerbaj TRUMPET SOLO | Toshimaru Nakamura NO-INPUT MIXING BOARD | and others
9 NOVEMBER 2015  William Wheeler GREEN LOONIES ON RED LEATHER-DILDOS | ercklentz neumann weber present their film PIONIERINNEN DER KLANGFORSCHUNG as live installation | Frederikke Hoffmeier PUCE MARY
14 DECEMBER 2015  TONALIENS Amelia Cuni / Werner Durand / Robin Hayward / Hilary Jeffery | Emma Bennett & Steffi Weismann FLUPSI | Nicholas Bussmann NEW NEWS BLUES

 
awk für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Labor Sonor-Seite
» Seite von The Pitch
» Seite von Grischa Lichtenberger
» Seite von Felix Kubin

Themenbezogene Newsmeldungen:
» LABOR SONOR 28. – 30.08.15

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