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Michael We.

Quintessenz: FELIX KUBIN

Fünf Fragen an... den Kassetten-Mann?


Quintessenz: FELIX KUBIN
Kategorie: Spezial
Wörter: 842
Erstellt: 21.09.2014
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FELIX KUBIN (c) Simone Scardovelli

Lieblingsformat? In unserem Interview vor einigen Jahren hat Felix Kubin darauf noch sehr sachlich und eher technisch geantwortet: "Ich habe keine Vorbehalte bestimmten Formaten gegenüber. Vinyl, Tonband, Kassette, mp3, CD sind zunächst einmal ganz neutrale Aufzeichnungsmedien für mich." Eine Vorliebe für das sinnliche Vinyl ließ er im Verlauf dennoch durchblicken. Dass er Kassetten ebenfalls mag, auch weil sie eine besondere Rolle in seiner Biografie spielen, war und ist kein Geheimnis. Allein die Zahl der Tape-Veröffentlichungen blieb übersichtlich. Nun holt der Hamburger einiges nach, und mit "Chromdioxidgedächtnis" (Besprechung) und "Wir triumphieren. Bergedorfs Kinderbandenszene 1982-1985" (Besprechung) sind gleich zwei KUBIN-Kassetten erschienen. Deshalb tut ein spezielles Interview-Update rund um die Kassette not.

Hallo Felix! Wie sieht Dein eigenes Chromdioxidgedächtnis aus, also welche prägenden Erfahrungen verbindest Du mit Audiokassetten?

Für mich waren Kassetten früher eine Möglichkeit, Musik in einen eigenen Kontext zu setzen. Das ist für mich der größte Unterschied zu heute, wo nur Einzeltracks existieren. Die Laufzeit einer Kassette und die Tatsache, dass man nur schwer ein bestimmtes Stück anwählen konnte (außer durch endloses Hin- und Zurückspulen) brachte es mit sich, sie immer als Ganzes wahrzunehmen. Darum hat sich auch die Idee des Mixtapes bis heute gehalten. Genauso gut könnte man sagen: die Idee des größeren Kontextes. So gesehen waren eben auch Radiosendungen größere Kontexte und darum mit der Kassette vergleichbar.
Hinzu kam, dass Kassetten günstig waren und gut als Aufnahmemedium für eigene Musik geeignet. Das kann ich vor allem aus heutiger Sicht sagen: Die Aufnahmen mit den Chromdioxidkassetten der 80er Jahre klingen einfach toll durch ihre seidigen Höhen, knochigen Bässe und schöne Bandsättigung.

Welche Kassetten – mal abgesehen von Deinen eigenen Aufnahmen – stehen noch bei Dir im Schrank? Auch ganz klassische Chartmitschnitte aus Deiner Jugendzeit, mit MODERN TALKING und SANDRA drauf?

Nein, so etwas habe ich nie bewusst mitgeschnitten. Es kam mal vor, dass mein Bruder ein DAF-Stück mit REINHARD MEY überspielte oder dass sich bei einem ganzen Sendungsmitschnitt ein paar beknackte Stücke mit aufs Tape verirrten, die man nachträglich so stehen ließ, aber in der Regel hab ich bestimmte Stücke aus Radiosendungen aufgenommen. Natürlich immer mit den angeschnittenen Moderatorenansagen, die man ja auch auf meiner "Chromdioxidgedächtnis"-Veröffentlichung hören kann. Und ich habe natürlich ganze Platten überspielt. Ein sehr einschneidendes Erlebnis war, als mir ein Punk seine ganze New Wave- und Industrial-Sammlung zum Überspielen auslieh. Damit habe ich vier 90-Minuten-Tapes vollgespielt. Das war für mich wie ein Studium, eine unglaubliche Bereicherung, und ich war damals gerade mal 13 Jahre alt. Ich saß da stundenlang und hab mir alles angehört, auch die ganz düsteren Sachen von THROBBING GRISTLE.
Nicht gerade leichte Kost für einen 13-Jährigen. Toll war auch, dass ich dabei völlig unbeobachtet war. Damals gab's ja noch keine Helikoptereltern. Die haben kaum darauf geachtet, was ich so mache.

Warum glaubst Du, dass die Kassette im Moment so eine Renaissance feiert? Es gibt massig Kassettenlabels, und viele Künstler bringen neben CDs und LPs auch wieder Kassetten raus...


Das ist eine Mischung aus Nostalgie und Pragmatismus. Die Auflagen normaler Vinylveröffentlichungen sind so weit runtergegangen, dass sie schon fast multiple Charakter erreicht haben, also wie kleine Kunstauflagen funktionieren. Dadurch müssten sie eigentlich sehr teuer gemacht werden, denn die Produktionskosten steigen proportional zu den immer kleineren Auflagen. Aber das wollen weder die Kunden noch die Vertriebe und Mailorder bezahlen. Ich muss sagen, dass hier völlige Weltfremdheit vorherrscht. Es wird so getan, als würden Platten immer noch in 1000er Auflage produziert. Absolut idiotisch. In dieser Krise des Vinyls bietet es sich einfach an, auf die viel günstigere Kassette zurückzugreifen.

Wärst Du nicht der richtige Mann für ein nationales Kassettengedächtnis, also dem Sichten, Verwalten und Verwahren wichtiger Kassetten-Ereignisse, Geräusche und Abspielgeräte? Deine "Historischen Aufnahmen" haben ja eine ähnliche, museale Anlage....

Das wäre ein schöner ruhiger Altersjob für mich, auf Staatskosten. Ich würde mir auch alles gründlich anhören. Vielleicht bewerbe ich mich mit 65 dafür. Ich werde Kassettenbeamter.

Warum bringst Du auf Deinem eigenen Label GAGARIN eigentlich keine Tapes raus? Die Kassette in der "Chromdioxid"-Box ist, wenn ich das richtig sehe, die erste überhaupt?


Das hab ich vor! Meine "Chromdioxidgedächtnis"-Box enthält ja bereits ein Tape. Und es gibt zwei weitere Tapeveröffentlichungen: die beiden DEMO DANDIES-Releases, die ich zusammen mit FELIX RAEITHEL rausgebracht habe. Hier verfolgen wir die spezielle Idee, vor Ort in einer Bar oder einem Club ausschließlich Demos aus dem Publikum abzuspielen. Früher gab es dafür ja so eine Rubrik im Radio: "Musik vom Hörer" oder so ähnlich. Da das jetzt keiner mehr macht, weil sich alle in die Hose scheißen, müssen wir das eben machen. Wir haben das einmal in Hamburg und einmal in Berlin ausprobiert, es hat immer super funktioniert, und wir haben danach von den besten Stücken jeweils ein Tape rausgebracht. Erstaunliche freie, originelle Sachen sind dabei. So wie früher, das Tape ist halt immer noch ein Garant für künstlerische Anarchie.

FELIX, vielen Dank für Dein persönliches Kassetten-Gedächtnis!

 
Michael We. für nonpop.de


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