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Thomas L.

Per Aspera Ad Astra

Karl Wilhelm Diefenbach in Hadamar


Per Aspera Ad Astra
Kategorie: Spezial
Wörter: 1424
Erstellt: 09.05.2011
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Am Südrand des Westerwaldes liegt die beschauliche Fürstenstadt Hadamar, die, ein wenig vergessen, im Schatten von Limburg liegt und nur von jenen aufgesucht wird, deren Weg gezielt dorthin führt. Mit knapp 13.000 Einwohnern geht es ruhig und beschaulich im Ort zu, meist grau und trüb, nebelverhangen im Wechselspiel von Fachwerk und Wald, wirkt die Zeit mitunter wie stehen geblieben. In manchen Gassen mag es heute nicht anders aussehen als im Jahr 1851, in jenem Jahr, in dem der wohl berühmteste und auch – zumindest aus dem Blickwinkel jener Zeit – berüchtigtste Sohn der Stadt geboren wurde: Karl Wilhelm Diefenbach

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Den meisten Menschen ist Diefenbach allenfalls als Lehrmeister des Malers Fidus geläufig. Fidus, der Getreue, unterstützte seinen Lehrer nicht zuletzt bei dem gigantischen Werk „Per Aspera Ad Astra“, um das es später noch gehen wird; und zwar tat er dies in einem Maße, dass dieses Werk mitunter Fidus selbst fälschlicherweise zugerechnet wurde. Dies hängt zum einen damit zusammen, dass Fidus weitaus mehr Anerkennung und Ruhm fand als sein Lehrer, und zum anderen Fidus tatsächlich viele Bilder oder Bilddetails auf Anweisung Diefenbachs malte, wenn dieser mal wieder durch die Folgen einer Typhus-Erkrankung seinen rechten Arm nicht einsetzen konnte.

Stößt man jenseits von Fidus auf den Namen Diefenbach, dann begegnet er einem zumeist als Aussteiger und Lebensreformer, der durch seinen Lebenswandel sowohl die Hippiezeit als auch die Bewegung der radikalen Ökologie vorweggenommen hat. Für Diefenbach wurde der nicht gerade als Kompliment gemeinte Begriff des „Kohlrabi-Apostels“ geprägt; pflegte dieser sich doch streng vegetarisch zu ernähren und sah das christliche Gebot „Du sollst nicht töten“ auch für das gesamte Tierreich als gültig an. Diese Deutung ist symptomatisch für das, was ihn durchweg von der egalitären Hippie-Bewegung unterschied: Diefenbach glaubte durchaus an die Hierarchie und natürlich stand er an der Spitze; seine Rolle innerhalb der von ihm ins Leben gerufenen Kommune ist die eines Propheten und Meisters, dessen Wort Gesetz ist. Diefenbachs Werk war voller Prophetie und künstlerische Manifestation einer alternativ-religiösen Gesetzgebung. Man stritt nicht um Inhalt und Botschaft, denn durch seine Hand wirkte das Göttliche selbst; wer daran zweifelte, der hatte einen schweren Stand in der Gefolgschaft des Meisters und musste mit dem Ausschluss rechnen. Dabei ist jedoch Diefenbach kein grausamer Patriarch gewesen; er war vielmehr kompromisslos in seinem Ideal, der strenge, aber dennoch gutmütige und wohlwollende Vater der Gemeinschaft.
Diefenbachs Leben war ein permanenter Bruch mit den bürgerlichen Normen jener Zeit; sein Dasein eine kompromisslose Existenz, die kein Zurück mehr in die Normalität kannte. Diefenbach war ein Idealist, dem der Umgang mit allen geschäftlichen Belangen fremd war, so dass es nicht verwunderlich ist, dass er trotz immensen künstlerischen Erfolgs immer am Rande der Armut lebte und mitunter von Gönnern abhängig war. Der gewaltige Umsatz seiner frühen Erfolge landete in den Taschen betrügerischer Künstleragenturen, die den in materiellen Dingen naiven Weltverbesserer gnadenlos auslaugten. Der Lebensweg führt in ein Haus an einem Steinbruch vor München, in die Himmelhof-Kommune, durch das Karwendelgebirge nach Ägypten und endet letzendlich auf Capri, wo er, in einer Höhle lebend, im Jahr 1913 den Tod fand. Capri hat dem fast vergessenen Meister Diefenbach ein Museum gewidmet. Ein zweites, und beinahe unbekanntes, finden wir in seiner Geburtsstadt Hadamar.

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Will man Diefenbachs Schaffen in Augenschein nehmen, so muss man seinen Besuch in Hadamar gut planen. Lediglich von 14 - 16 Uhr hat das Stadtmuseum geöffnet. So sehr man sich darüber freuen muss, dass ein Ausnahmekünstler wie Diefenbach die Gunst einer Dauerausstellung in einem offiziellen Rahmen erfährt, so sehr trübt die Umsetzung darüber, wenn der Besucher feststellt, dass das theoretisch dort erhältliche Buch über Diefenbach  schon seit Monaten nicht mehr erhältlich ist, die einzige Museumsmitarbeiterin vor Ort nahezu nichts über Diefenbach weiß. Wer hier Orientierung sucht, der ist verloren, das Wissen muss man mitbringen. Umso mehr sei dazu aufgerufen, dieses Museum zu besuchen und zu zeigen, dass Diefenbach nicht vergessen ist. Nach längeren Diskussionen überreicht die Museumsangestellte uns schließlich die Adresse des Stadtarchivars, der vielleicht mehr Fragen beantworten könne, aber bedauerlicherweise am Tag des Museumsbesuches nicht mehr telefonisch zu erreichen war.

Betritt man das spärlich beleuchtete Stadtmuseum, schreitet man zunächst an den Werken des Silhouettenkünstlers Ernst Moritz Engert vorbei. Zugegebenerweise wenig achtsam an zahllosen gläsernen Vitrinen vorbeischreitend, eröffnet sich ein noch schlechter beleuchtetes Treppenhaus, in dem ein Wegweiser schließlich zum „Diefenbach-Saal“ den Weg hinauf weist. Das Treppenhaus auf halbem Wege zeigt dann schon die ersten Diefenbach-Bilder.

Das Dachgeschoss des Stadtmuseums offenbart sich schließlich als absolute Schatzkammer; unterhalb der Schrägen und der rustikalen Balken steht das wohl berühmteste Werk Diefenbachs, „Per Aspera Ad Astra“.

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„Per Aspera Ad Astra“ ist mit normalen Maßstäben kaum fassbar; der Fries misst insgesamt 68 Meter und steht somit Rücken an Rücken in den beengten Dachgeschossräumen. Das erste Motiv zeigt die Silhouette Diefenbachs, ein Kind in seinen Armen; die künstlerische Projektion seiner realen lebensreformerischen Kommune macht sich auf  rauhen Bahnen auf zu den Sternen. Die opulente Darstellung des Erlösungsweges wird zum Glaubensbekenntnis Diefenbachs; die Schöpfung in ihrer Gesamtheit zieht hin zum sinnstiftenden Mysterium der Sphinx; Tier und Mensch sind sich ebenbürtig auf der fröhlichen Prozession. Ein paradiesischer Urzustand, in dem der Löwe weder Bedrohung noch Jagdopfer wird. Er wird zur Trägerin der Harfenspielerin und schreitet mit stolzem Haupt voran; keine Kette die ihn lenkt, kein Wagen den er zieht. Fasziniert schreitet man die 68 Meter ab und verliert sich in den spielerischen Details des Zuges; man erblickt das Ideal der Lebensreform, eine spirituelle Prozession oder die kindliche Naivität des Paradieses – die Symbolik Diefenbachs funktioniert universell und jeder kann sich im Zug der Suchenden und Findenden wiederfinden. Ein Zitat aus Diefenbachs Begleittext zu PER ASPERA AD ASTRA beschreibt das Glaubensbekenntnis der Diefenbach-Gemeinschaft:

„Wir haben gefunden den Tempel HUMANITAS,
innige Liebe von allen zu allen,
freudiges Leben in freier Natur,
köstliche Früchte zur täglichen Nahrung;
Übung in Künsten jeglicher Art,
Pflege der Wissenschaft aller Gebiete.
(...)
Sie fühlten sich selig im Paradiese,
- in wunschloser Wonne –
vereinigt mit GOTT.“

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Am anderen Ende des Raumes führt ein zweites Treppenhaus in abgesperrte Bereiche des Museums; die hohen Wände in diesem Bereich dienen weiteren Diefenbach Bildern als Heimstätte. Hier offenbart sich die klassische von Böcklin inspirierte Seite Diefenbachs. Das Bild „Karyatide“ erweckt unweigerlich Erinnerungen an die Photographie Diefenbachs auf dem Totenbett; eine starre Maske in erhabener Stellung. Mehr nach Totenmaske als nach Skulptur sieht dieses faszinierende Gemälde aus, dem bedauerlicherweise deutliche Verfallserscheinungen anzusehen sind. Diesen gegenüber stehen großformatige Portraits, zu denen die Zeit deutlich milder war. In Anbetracht dieser Kunst ist man gleichermaßen dankbar für den Erhalt und schockiert über den Zustand; eine Instandsetzung wäre Routine für jeden Museumsbetrieb, doch die Fördermittel scheinen in Richtung Hadamar nur bedingt zu fließen.

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In diesen Tagen wird Diefenbach gleich mehrfach geehrt; auf der musikalischen Seite ist es die Koblenzer Formation HEKATE, die auf ihrem im Juni erscheinenden Album "Die Welt der dunklen Gärten" das Hauptwerk Diefenbachs sowohl optisch als auch musikalisch verarbeitet. Und zum anderen läuft in Wien derzeit die Ausstellung "Der Prophet/Die Welt des Karl Wilhelm Diefenbach" in der Hermesvilla, die zuvor schon in der Villa Stuck in München gezeigt wurde. Ein absolut lohnenswerter Ausflug, der noch bis zum Oktober 2011 möglich ist. Unabhängig davon sollte man jedoch unbedingt in das Herz der Diefenbachschen Kunst vorstoßen und seinen Geburtsort Hadamar und sein gigantisches Hauptwerk PER ASPERA AD ASTRA in Augenschein nehmen. Das Große und Besondere lauert oft unmittelbar nah und dennoch verborgen – in diesem Fall ist es ein unscheinbarer Dachboden in der hessischen Provinz, in dem sich ein zentraler Tempel der Lebensreform und Kunst verbirgt.

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Literatur :

Claudia Wagner – Karl Wilhelm Diefenbach/Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen ! (Edition Minerva, 2011)

Hermann Müller – Meister Diefenbachs Alpenwanderung (Umbruch Verlag, 2009)

Ulrich Holbein – Drum-Tao Wind ins Winterland!/Diefenbach/Nagel/Gräser (Der Grüne Zweig)

Stefan König – Alpenwanderer (Tyrolia, 2009)


 
Thomas L. für nonpop.de



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