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Roy L.

Walpurgisnacht in Halle

30.04. / Tanzbar "Palette"


Walpurgisnacht in Halle
Kategorie: Spezial
Wörter: 1236
Erstellt: 03.05.2006
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Quellenthal :: Sonne Hagal :: Fire+Ice

Vergangenen Sonntag, an einem letztendlich doch recht angenehm lauen Abend, wurde in Halle a. d. Saale der (Un-)Geist des viel zu langen Winters ausgetrieben. Umher loderten und bliesen die Walpurgisnachtfeuer ihre dichten Nebelschwaden ins Land und in der Innenstadt lockte der NolteX - Tonträgerverlag mit einem vielversprechenden Programm eine ganze Horde düsterer Musikconnaisseurs in die Tanzbar „Palette“.
Gerade zu einer Zeit, da sich in einigen Köpfen das vermeintliche Absterben der langjährig beschworenen Neofolk Gemeinschaft manifestiert, erlebt die hiesige Szene einen Konzertfrühling, wie schon lang nicht mehr. Umso erfreulicher wenn dabei sogar Urgesteine und legendäre Bands wie CURRENT 93, IN GOWAN RING oder eben FIRE+ICE die Reise nach Deutschland antreten. Dass es vor allem immer wieder diese älteren Gruppen sind, die heutzutage bewegen und Sogkraft ausüben können, war an diesem Sonntag Abend überdeutlichst spürbar. Aus vielen Ecken der Republik und erstaunlicherweise auch aus Italien strömten die Besucher in die Hallenser Altstadt. Der überschaubare Konzertsaal der „Palette“ war schnell gut gefüllt und sollte im Verlauf des Abends nicht immerzu erträgliche Temperaturen entwickeln. Vor dem ersten Auftritt raunte man im Publikum, um wen es sich wohl bei dem ominösen Überraschungsgast handeln würde. Mit gewohnter aber keineswegs gravierender Verzögerung wurde das Geheimnis gelüftet und ein bisher gänzlich unbekanntes Duo namens QUELLENTHAL nahm die Bühne in Anspruch.
Eine Großzahl der Besucher hatte sicher nicht mit einer solch jungen und in Szenedingen gänzlich unbefleckten Gruppe gerechnet, was sich mal wieder in ein wirklich untragbares und völlig stupides Hintergrundpalaver entlud, wie es ja auf deutschen Konzerten inzwischen leider allzu üblich geworden ist. Die beiden talentierten Musiker - Stefanie Pankauke an der Gitarre und Marek Mahn als ausdrucksstarker Sänger, der hin und wider auch zum Blasinstrument griff - ließen sich davon jedoch nicht beirren und boten wunderschön schlichte und ehrliche Liedermachermusik, sehr natürlich, sehr erfrischend, direkt aus dem Herzen und zweifelsohne völlig aus der Mode, im allerpositivsten Sinne dieser Formel. QUELLENTHAL waren an diesem Abend eine ruhige, wohlige Insel inmitten des obligatorischen Uniform-Posierens. Viele ihrer Lieder sind durchzogen vom Geist der dt. Romantik, ein Hauch von herber Melancholie entfloss dem verhaltenen Gitarrenspiel, das zum Ende hin mit jedem Stück besser in Schwung kam und dennoch den meisten Neofolkern im Saal eine ganze Spur zu schöngeistig und zu zögerlich war. Schade eigentlich, die Beiden hätten mit ihrem dargebotenen Liedgut durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient, ihre Musik hält ein angenehm alternatives Programm zum Standard DI6-Gitarrengeschraddel bereit, das im Grunde tatsächlich sehr viel näher an den „Quellen“ ist, als eine ganze Reihe „neo-folkloristischer“ Grüppchen. Demnächst wird bei NolteX übrigens ein erster Tonträger von QUELLENTHAL erscheinen und wer die ORPLIDsche Lyrik kennt und von der „Eichendorff Liedersammlung“ gehört hat, wird wissen, dass dieses interessante Projekt auf diesem Wege ganz sicher eine adäquate musikalische Heimat gefunden hat.
Als die inzwischen recht etablierte und immens gereifte deutsche Neofolkband SONNE HAGAL an der Reihe war, hatte sich die Tanzbar mit einer ungemütlichen Sauna-Atmosphäre und immer noch kopfschmerzenbereitendem Geplapper gefüllt. Diesen etwas ungünstigen Bedingungen muss hinzugefügt werden, dass der Auftritt nicht zu jeder Zeit hochmotiviert wirkte und die einzelnen Stücke eher „gut & solide“ herübergebracht wurden. Das Potsdamer Quartet samt Bass, Keyboard, Geige und natürlich Akustikgitarre intonierte neben der ERNTE-Coverversion „Sonnenwende“ größtenteils bekannte Lieder vom „Helfahrt“ Album und der sehr guten „Nidar“ Maxi, die sich von den Studioversionen vor allem dank des intensiven Spiels des zu diversen Soli aufgelegten Violinisten unterschieden. Insgesamt herrschte im Publikum zu viel Unruhe, dass der berühmte Funke hätte überspringen können. Bei dem elektronisch hinterlegten Runen-Hit „Futhark“, der mitunter an alte „Nada!“-Zeiten erinnerte, kam jedoch genügend Bewegung in die ansonsten leider nur halbwegs interessierte Hörerschaft. Mit einer düster-gruftigen Sensenmelodie, die allerdings sehr atmosphärisch und musikalisch glänzend umgesetzt wurde, beschlossen SONNE HAGAL auf versöhnliche Weise ihren kurzen, bedauerlicherweise in der Mitte des Abends etwas untergegangenen Auftritt, dem auch keine Zugabe folgen sollte.
Nur eine überraschend kurze Pause brauchte es, bis mit FIRE+ICE für die meisten Besucher der Hauptgrund der vielleicht sogar sehr weiten Anreise das Wort ergriff. Auch hier wurde wieder im Vorfeld gerätselt, wer Ian Read für den heutigen Abend musikalisch begleiten würde. Bevor noch der Meister persönlich die Bühne betrat, waren es Andreas Arndt (BARDITUS, SONNENTAU), Oliver (SONNE HAGAL), Thomas Hansmann (FORSETI) und eine mir namentlich unbekannte Violinistin, die sich an den Instrumenten für den Auftritt vorbereiteten und ein fast schon unfassbar gut abgestimmtes Musikerkollektiv bilden sollten. Bei Ian Read spürte man sofort die markante Präsenz, die innere Ruhe und Größe eines Neofolk-Vorkämpfers, der nicht nur in musikalischer Hinsicht viel erlebt und hinter sich gebracht hat. Dieser Mensch besitzt Wirkung, er ist keiner der abstrakten Künstler, die blindlings in die Realität hineingreifen und doch nichts fassen können. Als langjähriger Publizist der spirituellen Zeitschrift „Rûna“ und Initiierter der Runen-Gilde kann sich Ian Read auf einem Hintergrund bewegen, der eine gewisse Authentizität impliziert. Die Musik ist also nur eines seiner Sprachrohre und geistigen Kanäle, in der er aber, wie mir scheinen mag, sehr befreit aufgehen kann. Dann zeigt er sich als großer Dichter, als Wahrer der Worte und intensiver und scharfsinniger Interpret des eigenen wie traditionellen Liedguts, der jede Zeile mit Kadenz exakt in die Richtung senden kann, in die sie gehen muss und prägnante Textstellen mit einem wissenden Lächeln kommentiert. Natürlich harmonierte das zauberhaft mit den Klängen der vier Vollblutmusiker, die jedem der Stücke mit berauschender und sympathischer Leichtigkeit, mit großer Hingabe und ausufernder Versunkenheit Leben einhauchten, so dass nicht nur das ewig und doch nicht lang genug ausklingende „Birdking“ tief unter die Haut ging. Vom selbigen Album wurden zudem der Hit „Dragons in the Sunset“, „Greyhead“ und das elegischschöne „Where Have They Gone?“ dargeboten. Daneben einige ältere Lieder wie „Lord of Secrets“, „Call up the four Winds“, die deutsche Ballade “Ershebeth“ und „Gilded by the Sun“, nicht minder die Zugaben „Fokstua Hall“ und „The Rising of the Moon“, die für den gesamten Auftritt eine Art Tendenz und Konzept festlegten, das von einer Zwischenansage noch bekräftigt wurde:


„Die heutige Welt bringt schwache Männer hervor, die ihre Feinde hassen. Wir aber respektieren unsere Feinde, denn je größer der Feind, desto größer unser Ruhm und unsere Ehre.“


Diese persönliche Formulierung des „molto nemici, molto onore“ – Leitspruchs klang dann leider etwas zu vielen Anwesenden als nur halb verstandener kerniger Slogan in den Ohren. Was all diesen Liedtexten von FIRE+ICE zugrunde liegt, das ist der Zauber der alten Welt, eine völlig andere und womöglich kontrastierte Wahrnehmung der Dinge, eine in Verse geschmiedete Sehnsucht nach Freiheit und echten Wurzeln. Read zeigt aber auch die große Brache der modernen Zeit in all ihrer sinnentleerten Totalität und macht aufmerksam, ähnlich den „Holzwegen“ bei Heidegger, auf die alten Pfade, die „Hollow Ways“, die jeder für sich selbst beschreiten muss. Er erfindet hier nichts, mythologisiert nicht nachträglich, sondern spürt auf und leitet. In diesem Sinne ist „spiritueller Folk“ eine durchaus geglückte Bezeichnung für das Wirken von FIRE+ICE. Die deutsche Neofolk-Gruppe HEKATE hatte in einem ihrer Texte einst den Begriff des „epochalen Winters“ geprägt. Für eine Stunde wurde an diesem Abend die kalte „Weltnacht“ überwunden und bezwungen von einem Reigen aufrichtiger Leidenschaft. Der Neofolk befindet sich, wenn wir ehrlich sind, längst in der dritten oder vierten Generation und ja, bis auf einige Ausnahmen ist diese Subkultur tatsächlich passé und ausgestorben. Für diese eine Stunde war auch das vergessen. Die bunt zusammengewürfelte Kapelle FIRE+ICE und der Barde aus dem goldenen Albion ließen es vergessen machen.


Where have they gone, those proudest of dreamers?“

 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» NolteX
» Tanzbar "Palette"
» Sonne Hagal
» Fire+Ice

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