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Martin L.

Hans-Jürgen Syberberg zum 70. - Teil 1

Kunst, Mythos und der Prophet im eigenen Lande


Hans-Jürgen Syberberg zum 70. - Teil 1
Kategorie: Spezial
Wörter: 1323
Erstellt: 15.12.2005
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Hans-Jürgen Syberberg, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Regisseure und Essayisten feierte am 8. Dezember seinen 70. Geburtstag. Sollte der geneigte Leser nie von ihm gehört haben, so hat das benennbare Gründe. Wenn die FAZ ihn in einem knappen Artikel mit der Überschrift "Nicht mit den Wölfen heulen" halbwegs gewürdigt hat, obwohl so ziemlich alles unterschlagen wurde, was der umstrittene Regisseur seit 1977 gemacht hat, so möchte ich an dieser Stelle erinnern, daß es gerade Herr Schirrmacher war, der nach Erscheinen von Syberbergs Buch "Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege" (1990) den Bannspruch verhängte: "Wo über Kultur gesprochen wird, hat Syberberg nichts mehr zu suchen." Dieses Verdikt im Goebbels-Stil war nur der Tiefpunkt einer langen Reihe von Schmähungen, die Syberberg in Deutschland zu ertragen hatte. Im Ausland jedoch riefen seine Filme enthusiastisches Lob hervor, von Größen wie Henri Langlois, dem legendären Gründer der Cinemathéque Francaise, bis zur amerikanischen Star-Kritikerin Susan Sontag. Bereits 1976 hatte Syberberg in dem Band "Syberbergs Filmbuch" dieses Mißverhältnis aufgezeigt. Dem Jargon des bundesdeutschen Feuilletons der 70er Jahre stellte er eine Sammlung begeisterter Kritiken aus den bedeutendsten französischen Zeitungen gegenüber. Diese Wertschätzung von französischer Seite hat sich bis heute erhalten: so fand erst 2003 im Centre Pompidou eine großangelegte Retrospektive seiner Werke statt.

Was hatte Syberberg so Verwerfliches angestellt, daß er derart in Abseits geraten ist? In einem Interview gegenüber Filmstudenten gab er vor einigen Jahren eine faszinierende Maxime aus: "Man muß so tief in die Wunde gehen, daß man in Verdacht gerät." Das kann auch heißen: Wer nicht in Verdacht gerät, hat sich auch der Wunde noch nicht genähert. Nun, Syberberg hat es, und zwar vor allem in seinen wichtigsten Filmen, die eine Art Trilogie bilden: "Ludwig, Requiem für einen jungfräulichen König" (1972) widmete sich dem Träumer von Neuschwanstein, "Karl May" (1974) einem der wohl einflußreichsten deutschen Trivialautoren, und "Hitler- Ein Film aus Deutschland" (1977), erstaunlicherweise vom jungen Bernd "Untergang" Eichinger produziert, setzte sich ganze 7 1/2 Stunden (!) lang mit der verhängnisvollsten Figur der jüngeren Geschichte auseinander.

Der Inhalt von "Hitler" ist schwer zu beschreiben. Ungewöhnlich an diesem Film waren Ästhetik wie Inhalt: der vom Theater kommende Syberberg (er hatte als 17jähriger Praktikant Bertolt Brecht bei den Proben filmen dürfen) läßt seine Akteure auf einer helldunkel ausgeleuchteten Bühne, einer Art Black Box - Walhalla, in der die Schemen der Vergangenheit beschworen werden, agieren. Diese ist collageartig mit Plakaten, Gemälden, Puppen, bizarren Szenerien, Requisiten unterschiedlichster Art, Dia- und Filmprojektionen, Zitaten aus Musik, Malerei, Literatur, Kino und Geschichte ausgestattet, die Bedeutungsschicht auf Bedeutungsschicht häufen und den Zuschauer zu einem beständigen Vexierspiel einladen. Die Größen des "Dritten Reichs" erscheinen als Marionetten, die Schauspieler, die sie führen, sind sichtbar im Bild. Doch damit nicht genug: eine komplexe, faszinierende Tonspur zieht sich über den gesamten Film, die die Musik unter anderem von Wagner, Haydn, Mozart mit traktatartigen und poetischen Texten, historischen Aufnahmen, Radioverlautbarungen, Wochenschauen, Reden im O-Ton oder von Schauspielern gesprochen assoziativ und vieldeutig verknüpft. Der begeisterte Autor dieses Artikels hat sich einst ganze Passagen des Films auf eine Musikkassette gespielt, und vermutlich steht er damit nicht allein da. So sind Projekte wie "Turbund Sturmwerk" zweifelsohne von Syberbergs Film beeinflußt.

Syberbergs Mammutunterfangen wollte keine Facette des Komplexes "Hitler und Drittes Reich" aussparen, die Faszination ebensowenig wie das Grauen, das Monumentale wie das Banale, das Mythische wie das Realpolitische. Die verschiedenen Teile des Films haben Titel wie: "Von der Weltesche bis zur Goethe-Eiche in Buchenwald", "Ein deutscher Traum...bis ans Ende der Welt", "Das Ende eines Wintermärchens und der Endsieg des Fortschritts", "Wir Kinder der Hölle erinnern uns an das Zeitalter des Grals". Der ambivalent schillernde Film, eine waghalsige Synthese der Antipoden Brecht und Wagner, stellt hohe Anforderungen an den Zuschauer und setzt eine gewisse Kenntnis von Geschichte und Kunst voraus. Erst nach mehrmaligem Anschauen erschließt sich die ganze Tiefe und Vielschichtigkeit von Syberbergs Entwurf.

Bewältigung, Trauerarbeit, Prüfung der Geschichte, all das war das "Hitler"-Projekt sicherlich auch - aber in einer Art, die dem Zeitgeist schon 1977 zuwiderlief. Bereits 1975 betitelte die französische Libération eine Rezension von "Karl May": "Die deutsche Romantik - vom Nazismus befreit". Die linksdominierten, Post-68er Feuilletons der 70er Jahre nahmen Syberberg übel, daß er nicht die vorgeschriebenen Bewältigungsschienen befahren wollte, daß er es überraschend anders machte. Statt sich in die auch heute noch karrierefördernde Pose des antifaschistischen Anklägers zu werfen und im Rausch des Selbsthasses alles Deutsche als protonazistisch zu verwerfen, machte sich Syberberg unter den Trümmern des Nazismus auf die Suche nach den großen, kraftspendenden Mythen, die er als zu wertvoll empfand, um sie den Nazis zu überlassen. Entscheidend war für ihn zu diesem Zeitpunkt der Begriff "Irrationalismus". Dabei drehte er gegenüber denjenigen, die den Begriff der "Verdrängung" als bewältigungspolitisches Kampfvokabel führten, den Spieß um. Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen, und zwar in angemessener Länge. Der Text heißt "Über einen schöpferischen Irrationalismus und die deutsche Identitätskrise" und erschien 1978 in dem Buch zum "Hitler"-Film:

"Aber aus Statistiken lernt man keine Trauer, und wie will man Schuld abtragen, denn auch das braucht seinen Ritus und einen neuen, wie das Häuserbauen, es braucht seinen Ritus wie das Morden und Siegen.(...) Während fleißiger Lektionen in Sachen Rationalismus und Materialismus haben sie eine ihrer wichtigsten Traditionen, den verfluchten Hauptstrang ihres Wesens verdrängt, den Nazis kampflos zugeschoben, ihn mit dem Fluch des Faschismus belegt. Es ist die lange Geschichte des Irrationalismus und was dazu gehört. Und damit alles, was Mystik ist, Sturm und Drang, große Teile der Klassik, der Romantik, Nietzsche, Wagner und den Expressionismus und letztlich ihre Musik und Teile des Besten, was sie hatten, abgetreten, verschoben, verdrängt.

...Deutschland wurde seelisch enterbt und enteignet, was nicht soziologisch, gesellschaftspolitisch zu rechtfertigen war, wurde verschwiegen. Wie aber wollen sie Hölderlin verstehen, wenn sie ihn als Revolutionär zwischen Lessing und Marx ansiedeln, wie konnte Novalis bestehen als Vorbild des amerikanischen Roadpictures, und ohne Irrationalität keine 'Räuber' von Schiller und keine Märchen und keine Volkslieder und kein Runge. Alles Hitler und Goebbels schenken? Ist C.D. Friedrich gleich rechts und Faschismus? Ist der Irrationalismus gleich rechts oder links? Haben sie vergessen, daß es ihr verehrter Ernst Bloch war, der im letzten Satz seiner Utopie von der Heimat sprach, dem aus Deutschland vertriebenen Wort, und daß er es war, der schon angesichts der Nazis damals warnte vor der Unterernährung der Massenphantasie. Was wäre das Judentum ohne seine Kabbala? Nur Einstein? Und was wäre Einstein ohne die Musik, die deutsche Musik, die deutsche Romantik und Klassik? Wir leben in einem Land ohne Heimat. Alle stehen erschrocken und staunend da (Anm.:1977/78!!), vor dem Ausbruch dessen, was wir den Terrorismus nennen, manche klatschen auch und oft nicht einmal die Schlechtesten, klatschen für Bombenleger und Mörder von seiten Intellektueller, heimlich oder laut, sie wissen oft gar nicht warum. Nicht alle klatschen aus Snobismus, und sie erkennen vielleicht verzweifelt in jenen Irren eine moralische Opposition gegen die Vätergeneration der Materialisten, wenn auch nicht die Perversion des Ganzen.

....Eine tiefe Ohnmacht der Mittel wird uns bewußt vor der Frage, dies alles darzustellen, nämlich, warum wohl das alles? Dies Erschrecken, dieser Ausbruch? Ist es nicht etwas wie die Explosion des verdrängten deutschen Irrationalismus? Der dumpfe, unbewußte Aufschrei eines kranken Volkes ohne  Identität? So viel Unterdrückung eigener Tradition und seines Wesens mußte Aggressionen hervorrufen, auf deutsche Weise, radikal und fanatisch."

Jenseits des "Sachbuchwissens", einer einseitigen Aufklärung und Bewältigung, wollte Syberberg zum schöpferischen Mythos durchstossen, den die Kunst zum Leben braucht.

"Dieser Film, der sich Hitler nennt, bewegt sich zwischen den Axiomen von Chaos und Ordnungssystemen, Göttern und Unterwelt, Gott und Hölle, Tod und Unsterblichkeit, Opfern, Liebe, Kriegen, Schöpfung und Sternkosmos. Bausteine mythischer Welten.

(...)Da wir die Mythen ernstnahmen, wörtlich, fanden wir Troja, ganz real unter dem Schutt der Geschichte. Wir haben die Trümmer eines Hitler und müssen nun die Mythen darunter suchen."

Fortsetzung folgt!

Martin L., 15.12.2005


 
Martin L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Syberbergs Homepage
» Der KOMPLETTE Hitler-Film in Netz!!!


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