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Endsal

LLYN Y CWN: Twll Du

Musikalische Plattentektonik im Dunkel der Polarnacht


LLYN Y CWN: Twll Du
Genre: Dark Ambient/Drone
Verlag: Cold Spring
Vertrieb: Cold Spring
Erscheinungsdatum:
10. Juni 2019
Medium: CD & Download
Preis: ~13,00 €
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Das walisische Dark-Ambient-Projekt LLYN Y CWN, wiewohl bereits seit über zehn Jahren aktiv, ist bislang primär durch auf dem hauseigenen MANKYMUSIC-Label veröffentlichte und via Bandcamp vertriebene Releases im File-Format in Erscheinung getreten, die Reichweite war jedoch vergleichsweise begrenzt. Mit "Twll Du" legt BENJAMIN IAN POWELL, der kreative Kopf hinter LLYN Y CWN und MANKYMUSIC, bei COLD SPRING nun das erste "vollwertige" Album auf CD vor und kann damit verdienterweise auf eine signifikante Steigerung seines Bekanntheitsgrades hoffen. Noch etwas länger als mit LLYN Y CWN, nämlich seit 2004, ist POWELL bereits mit seinem musikalischen Alter Ego MANK aktiv; in einem Interview aus dem Jahr 2009 sagt er über den Unterschied zwischen beiden Projekten: "The Mank stuff usually has more of a recognisable melody and rhythm, I think maybe Llyn Y Cwn is some kind of evil Son of Mank." Die Idee zu einem reinen Drone-Projekt sei ihm anlässlich einer Performance von SUNN O))) gekommen, doch lässt man "Twll Du" in Ruhe auf sich wirken, so liegt ein Vergleich noch deutlich näher: "File next to fellow Welshman Lustmord" schreibt man im labelseitigen Promotext lapidar und könnte damit den Nagel kaum punktgenauer auf den Kopf treffen, denn wenn es eine Instanz gibt, die wohl als ultimative Referenz für den Sound des Projektes mit dem zungenbrecherischen Namen dienen kann, dann Dark-Ambient-Godfather und Co-Waliser BRIAN LUSTMORD, an dessen frühe Alben die auf "Twll Du" sich entfaltenden Sound-Landschaften auf Schritt und Tritt erinnern, ohne indes auch nur ansatzweise den faden Ruch billiger Plagiate zu verströmen.

BEN POWELL / LLYN Y CWN

Der Name LLYN Y CWN rührt von einem kleinen, im Glyder Gebirgszug des Snowdonia-Nationalparks in North Wales gelegenen See her, der unmittelbar an die so genannte "Devil's Kitchen" grenzt, eine kaminartige Felsformation, durch die bisweilen dichte Nebelschwaden emporsteigen, was in früheren Tagen zu der Annahme Anlass gab, der Teufel sei dort gerade am Kochen, und den walisischen Namen "Twll Du" – zu deutsch "Schwarzes Loch" – begründete, der dem Album seinen Titel gibt. Konsequenterweise ist auch jeder einzelne der versammelten sieben Tracks einer geographischen oder geologischen Stätte der bezeichneten Region entlehnt. Wie all dem unschwer zu entnehmen, handelt es sich in der Person BEN POWELLs zweifellos um einen leidenschaftlichen Waliser von echtem Schrot & Korn, der seine Brötchen im übrigen als Elektrotechniker für die School of Ocean Sciences der Bangor University verdient und in dieser Eigenschaft viel Zeit auf Forschungsreisen auf hoher See verbringt, welche ihn schon mal an Bord eines Eisbrechers bis tief in die Arktis führen. Diese Erfahrungen bezeichnet er selbst als weitere zentrale Inspiration für die Soundscapes, die er mit LLYN Y CWNN produziert: das Rohmaterial für viele Arbeiten stamme in Form von Field Recordings von dergleichen Exkursionen, und nicht von ungefähr lautet der Titel der letzten, 2018 veröffentlichten, EP "Lost And Found At Sea, Volume 1". Im bereits erwähnten Interview sagt POWELL über seinen musikalischen "Zeitvertreib" während solcher Reisen: "Without my computer at sea I would go mad and you would probably hear about it on the news - "massacre at the north pole"." – Wenn der Mann allerdings nicht gerade mit Mikro, Laptop und Headphones durch's Eismeer schippert, dann verbringt er – wen wundert's? – so viel seiner Zeit wie irgend möglich mit Rucksack und Camper Van in seinen geliebten walisischen Bergen.

LLYN Y CWN

Dieser offenkundige Enthusiasmus schlägt sich im Sound von LLYN Y CWN maximal nieder: Selten seit der legendären LUSTMORD-Trias "Heresy", "The Monstrous Soul" und "The Place Where The Black Stars Hang" hat man es mit dermaßen dichten, monolithisch massiven, finster grollenden Klanglandschaften zu tun bekommen wie auf "Twll Du"; formvollendet und packend beschwört POWELL die karge, zerklüftete Urtümlichkeit und atmosphärische Weite der archaischen Gebirgslandschaft seiner Heimat, indem er endlose, extrem tiefgelegte Drones übereinanderschiebt, bis buchstäblich die Luft vibriert, um diese mit unregelmäßig an- und abschwellenden, geisterhaften Klängen und subtil eingearbeiteten Field Recordings zu kombinieren. Der Hörer kann, wenn er sich nur entsprechend auf die unablässig auf ihn niederrollenden Soundkaskaden und -lawinen einlässt, die abgründigen Schluchten, dunklen, titanischen Felsmassive und von tiefgrauen Wolkenbänken umlagerten, schneebedeckten Gipfelebenen förmlich vor sich sehen und die nebelfeuchte, kalte Gebirgsluft spüren. Dieses aktive Sich-öffnen und -darauf-einlassen ist freilich obligatorisch – das vorliegende Album ergibt nur für denjenigen Sinn, der – neben dem entsprechenden musikalischen Equipment freilich, will heißen: gute Boxen bzw. Kopfhörer sind unabdingbar – über die gebührende Ruhe und Konzentrationsfähigkeit verfügt, sich auf ein solches, kontemplatives Abenteuer einzulassen. "The music conveys an immersive atmosphere and is intended to be played as the listener falls into a deep sleep", konstatiert die Labelinfo und gibt damit eine Richtung vor, in der sich die Hörerfahrung indes keineswegs erschöpft: "Twll Du" funktioniert auch jenseits des Tiefschlafes, als reiner Entspannungssoundtrack, als Gegenstand meditativen Hörens oder als akustische Hintergrundkulisse ganz prächtig.


Das Album ist übrigens bereits Anfang 2018 erstmalig unter gleichlautendem Titel als reine File-Version beim englischen Digitallabel KALPAMANTRA erschienen, die Neuauflage in Form einer soliden CD-Fassung war allerdings mehr als überfällig, handelt es sich hier doch um eine echte, deutlich über das im Dark Ambient gewohnte qualitative Normalplateau hinausweisende, musikalische Gemme, der auch die optische Aufmachung, die ihr nun zuteil wurde, perfekt zu Gesicht steht: COLD SPRING präsentiert "Twll Du" in einem gleichermaßen reduziert und schlicht wie edel wirkenden 6-Panel-DigiPak, das alleine schon durch das atemberaubende, ebenfalls von BEN POWELL stammende Fotomaterial beeindruckt und die geschilderte Grundstimmung des Albums auch in optischer Hinsicht perfekt widerspiegelt. Alles in allem eine uneingeschränkt enthusiasmierende Neuerscheinung, die jedem Dark-Ambient-Liebhaber im allgemeinen, insbesondere aber demjenigen wärmstens ans Herz gelegt werden kann, der sich für das klassische LUSTMORD-Oevre der 1990er-Jahre begeistert: Musik, als lausche man tektonischen Plattenverschiebungen im endlosen Dunkel einer Polarnacht.


 
Endsal für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» LLYN Y CWN@ bandcamp
» LLYN Y CWN @ SoundCloud
» LLYN Y CWN @ discogs
» MANKYMUSIC-Homepage
» COLD SPRING-Homepage


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Zusammenfassung
Grandiose erste CD eines bislang eher unbekannten walisischen Dark-Ambient-Projektes, das Soundscapes wie zu den besten Zeiten DES Dark-Ambient-Walisers schlechthin serviert, ohne dabei zu plagiieren: Musik wie tektonische Plattenverschiebungen im endlosen Dunkel einer Polarnacht.

Inhalt
01: Gribin (7:26)
02: Twll Du (11:05)
03: Cwm Cneifion (6:15)
04: Y Garn (7:11)
05: Glyder Fawr (8:20)
06: Cwm Bochlwyd (5:12)
07: Castell Y Gwynt (10:01)

CD im 6-Panel-DigiPak
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