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Roy L.

Cisfinitum :: Bezdna

electronic mind music


Cisfinitum :: Bezdna
Genre: Ambient/Noise
Verlag: Monochrome...
Vertrieb: Monochrome...
Erscheinungsdatum:
30.04.2005
Medium: CD
Preis: ~10,00 €
Kaufen bei: Monochrome...


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Was bringt einen klassisch ausgebildeten Violinisten dazu, sich als düsterindustrieller Fabrikhallenklangforscher einen Namen zu machen? Die Antwort darauf mag allein Evgeny Voronovsky kennen. Wir müssen es nicht wissen und dürfen dankbar sein, dass der Moskauer sich in diesen musikalischen Gefilden sehr heimisch fühlt.

"Bezdna", sozusagen das dritte Album von CISFINITUM, taucht noch ein Stück weit tiefer in die eigenwillige Charakteristik der Idee hinter dem Projekt und entfernt sich konsequenter von den Erzeugnissen anderer Künstler des Genres. Nicht die musikalische Bearbeitung einer speziell platzierten Thematik, sondern die thematische Umsetzung des Klanglichen ist es, das der Veröffentlichung einen partikularen Stellenwert verschreibt. Jede Sequenz und weitausgedehnte, unfixierte Fläche hat nichts als sich selbst zum Gegenstand und spiegelt sich im Ineinanderfließen und Verhallen der einzelnen Tonspuren unendliche Male wider. Die Musik bleibt stehen obwohl sie mit jedem Sekundenbruchteil stirbt, das augenblickliche Klangereignis vergeht, aber sein ideelles Gerüst klebt wie ein Fingerabdruck in unserer Wahrnehmung und häuft sich an, verstärkt sich auf das Ganze bezogen kumulativ. Diese Überlegung mag wahrscheinlich für nahezu jeden Tonträger zutreffend sein, aber hier ist sie mit außerordentlicher Transparenz gegenwärtig.
Für dieses Phänomen bemühte Voronovsky eine ganze Reihe alter sowjetischer Analogsynthesizer, unter welchen auch der legendäre ANS seinen Anteil zu "Bezdna" beigetragen hat. Daraus entstand ein Klangcharakter, der weniger der weichen und milchigen Wiedergabe digitaler Elektronik verhaftet ist, sondern eher rau, brutzelnd und mit einem riesigen Lautstärkegefälle den kompositorischen Grundstock dieser Aufnahmen bildet. Mit anarchischer, metallischer Atonalität, eingefügten Sprachfetzen und dem Brummen elektrischer Felder offenbaren die ersten beiden Stücke den mysteriösen Sektor, in den sich der Hörer hier hervorwagen wird. Wir befinden uns in einem imaginären, automatisierten Kraftwerk, das uns mit der totalen Isolation konfrontiert. Der Mensch existiert nur in kurzen durchscheinenden Erinnerungen und alten Radioübertragungen, die sich auf den knisternden Hintergrund betten. Tarkovsky's "Stalker" geistert omnipräsent durch dieses verlassene Konstrukt. Im Grunde ist das aber auch nicht exakt, weil es schier unmöglich erscheint, "Bezdna" an lokalen Aspekten festzumachen. Diese Musik ist ihrer physischen Komponente völlig entledigt, sie dringt aus den Lautsprechern und zerstäubt im Raum. Überirdisch und abstrakt entrückt, lässt sie sich am ehesten noch mit Kopfhörern leicht berühren. Jenseits konkreter, materieller Vorstellungen erschafft "Bezdna" dann eine hermetische Idee, die in ihrer metastabilen Form zwischen meditativen Harmonien und noisigen Hirnficks variiert. Zunehmend aber verwachsen beide Erscheinungen zu einem klanglichen Amalgam, das in seiner präzisen Intensität immer wieder an BAD SECTOR erinnert.
Voronovsky erreicht die Kälte auf dem Grund der Schallwellen, aber es ist eine ganz und gar  innerliche Kälte und also nicht jene, die man auf der Haut verspürt. Im Verlauf des Albums erwächst aus dieser Abgeschlossenheit ein Gefühl, das sich als melancholischer Unterton zu erkennen gibt. "Transparency" weist hier den größten Bezug zu der wunderschönen, schwermütigen "Landschaft" Veröffentlichung auf. Ein sacht verzerrter Schneesturm, grundiert von tiefen, traurigen Sphären verdichtet sich zum Sinnbild des menschlichen Winters. Diese Passage von "Bezdna" ist in ihrer hypnotischen Kraft einzigartig und wird lange unerreicht bleiben.
Zum Ende lässt Voronovsky den russischen Schriftsteller und Philosophen Yuri Mamleev zu Wort kommen, und experimentiert ausgiebig mit der Phonetik von dessen gesprochenem "ничего" ("Nichts"). Die geistige Nähe zwischen Mamleev's Negation der Existenz der Welt außerhalb des Ichs und CISFINITUM, das im eigentlichen Sinne "unendliche Logik der Nicht-Existenz" bedeutet, ist dabei unbestreitbar.

Das junge Moskauer Label MONOCHROME VISION legt hier mit seiner zweiten Veröffentlichung ein philosophisch angehauchtes Werk vor, das den Ambientnoise Sektor in Zukunft nachhaltig beeinflussen wird und sich nicht nur für Tarkovsky- und Sowjetsynthesizerenthusiasten als große Offenbarung herausstellt.


 
Roy L. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» Cisfinitum
» Monochrome Vision

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Zusammenfassung
Ohne Zweifel, eine der intelligentesten, atemberaubendsten und zugleich schwierigsten Ambientnoise Veröffentlichungen der letzten Jahre.

Inhalt
Harbinger
Holodnaya
Searching The Way Out
Corkscrew
Swimming Ground
Bottomless
Transparency
Deep Down
Nothing

66min

mv02, limitiert auf 500 Kopien in Jewelcase
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