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Endsal

ELUVIUM: False Readings On

Von Kitsch, Kontemplation und kognitiven Dissonanzen


ELUVIUM: False Readings On
Genre: Ambient
Verlag: Temporary...
Vertrieb: Temporary...
Erscheinungsdatum:
2. September 2016
Medium: CD / 2xLP
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Es kann wohl kaum einem Zweifel unterliegen, dass ELUVIUM, das seit 2003 aktive Ambient-/Drone-/Neoklassik-Projekt des MATTHEW COOPER, für viele der zahllosen Genrekollegen weltweit eine wichtige Inspiration war und immer noch ist, und das mit gutem Grund: Kaum jemand versteht es besser als COOPER, warme, satte Drones dergestalt mit amorphen Gitarrensounds, flirrenden Geräuschparts, Field Recordings, Streicherpassagen und Pianofragmenten zu kombinieren, dass am Ende ein Stück Musik dabei herauskommt, das die Kraft hat, des menschlichen Herzens verborgenste Wünsche und beste Eigenschaften zu triggern: In ihren entrücktesten Momenten evozieren ELUVIUM-Stücke, wenigstens beim Verfasser dieser Zeilen, jene ungreifbare, tiefe Sehnsucht nach endlos weiten Horizonten, an deren Grenzlinie sich die Träume der Vergangenheit mit den Verheißungen der Zukunft treffen und im Gleichklang der Ewigkeit verschmelzen ... – Jaa-ha-haaa, der geschätzte Leser entschuldige vielmals die gestelzten Worte, doch wer sich ernsthaft anschickt, die Musik von ELUVIUM auf sprachlicher Ebene zu reproduzieren, der wird fast zwangsläufig poetisch, immer ein wenig pathetisch und mitunter sogar ein klitzekleines bisschen kitschig. Womit wir schon fast beim Thema wären. Doch der Reihe nach.

Zeichneten sich die ersten, 2009 unter dem Dach der grandiosen 7-LP-Box "Life Through Bombardement, Vol. I" vereinigten, Alben des Mannes aus Portland, Oregon, durch ihren reinen Instrumentalcharakter sowie eine statisch-monotone Grundstruktur aus, die ihre charakteristische emotionale Wärme und organische Lebendigkeit eher steigerte als sie zu konterkarieren, so ist seit dem Album "Similes" ein dezidierterer Wille zu Experiment und Facettenreichtum in der unter dem Moniker ELUVIUM firmierenden Musik zu bemerken. Nach den grandiosen Meisterwerken der "klassischen" Phase wie "Lambent Material" (2003), "Talk Amongst The Trees" (2005) oder "Copia" (2007) ging allerdings der Versuch, auf dem 2010 veröffentlichten Album erstmals Vocals und Percussionelemente (!) zu implementieren, mittelschwer in die süßlich-gefällige Hose, so dass sich MATTHEW COOPER 2013 mit dem Album "Nightmare Ending" wieder mehr auf seine neoklassischen Instrumentalstärken besann. In ähnlichem Fahrwasser, jedoch wieder mit einer deutlich stärkeren Drone-Strömung angereichert, bewegt sich auch das aktuelle Album "False Readings On", das sich durchgängig aus Instrumentalkompositionen typisch COOPERscher Prägung zusammensetzt, in die zudem diverse, meist chorale, mal mehr, mal weniger verfremdete Vokalpassagen eingeflochten werden, die, obgleich lediglich instrumental fungierend, das bei ELUVIUM in der Regel eh schon ziemlich hohe Pathoslevel noch weiter anheben. Pathos und Kitsch jedoch, so weiß der Kenner und Genießer, wohnen Tür an Tür – und wer nicht aufpasst, bekommt die Tür, die beide voneinander trennt, am Ende nicht mehr zugeschlossen.

Alles in allem hat MATTHEW COOPER mit "False Readings On" trotzdem wieder ein ziemlich typisches ELUVIUM-Album vorgelegt: lediglich der besagte, immer wieder einsetzende Choralsingsang hebt es von seinen Vorgängern ab, ist allerdings auch ursächlich für den leicht überfrachteten Eindruck, den das Ganze in der Gesamtwirkung hinterlässt. Spätestens mit den arienhaften Gesangsparts in "Regenerative Being" ist die Demarkationslinie zum Kitsch jedenfalls definitiv überschritten und auch der Engelschoral, der sich durch die zweite Hälfte von "Beyond The Moon For Someone In Reverse" irgendeinem imaginären akustischen Himmelszelt entgegenschraubt, scheint dem Rezensenten einigermaßen grenzwertig. Das überzeugendste Ergebnis erzielt COOPER mit den an- und abschwellenden Choralpassagen in dem traumartig verwaschenen und insgesamt vergleichsweise reduzierten "Movie Night Revisited", das instrumentale und vokale Aspekte austariert, ohne ins eine oder andere Extrem zu kippen. In der Summe kann COOPER mit seinem neuen Album leider nur bedingt an die alten Meilensteine anknüpfen – dafür klingt es etwas zu vorhersehbar und tendenziell zu überfrachtet. Um die abgenudeltste aller abgenudelten Floskeln dann doch noch zu bemühen: Weniger wäre hier mehr gewesen.


Was das alles übrigens mit dem Thema "Kognitive Dissonanz" zu tun hat, das laut Promotext eine zentrale Inspiration für "False Readings On" gewesen sein soll, erschließt sich dem Autor nur bedingt, oder nein: eigentlich kein bisschen. Und doch beharrt man labelseitig wacker auf dem Standpunkt, das vorliegende Album sei am Ende gar "a mirror rather than a magnifying glass, evolving into an hour-long meditation on self-doubt, anxiety, and separation from one's self". Was sagt man dazu? Das Kopfkino des Rezensenten frönt zwar keineswegs dem Müßiggang, während dieser Musik von ELUVIUM goutiert, doch Anmutungen von Selbstzweifel, Angst oder Selbstentfremdung kommen ihm dabei nun wirklich als Allerletztes in den Sinn. Ja potztausend, staunt da der Fachmann, und der Laie wundert sich: so divergent kann Wahrnehmung also sein! Ebensowenig ist der Rezensent freilich geneigt, der Einschätzung beizupflichten, es handle sich bei "False Readings On" um das "most daring, dynamic, and distinct album of his luminous career", denn verglichen mit "Talk Amongst The Trees" oder "Copia" empfindet er "False Readings On" deutlich weniger geschlossen und konturiert, die streng monotone Hymnenhaftigkeit, die für die atmosphärische Dichte früherer Alben konstitutiv war, ist einer etwas weitschweifigeren Verspieltheit gewichen, die man wohlwollend auf Experimentierfreude, weniger wohlwollend allerdings auch auf konzeptuelle Inkonsequenz zurückführen kann. Doch diese Frage bewege der interessierte Hörer in seinem eigenen Herzen und entscheide danach.

Das Ende vom Lied: Für den ausgewiesenen ELUVIUM-Verehrer fällt "False Readings On" selbstredend und ohne Wenn & Aber unter die Kategorie "Pflichtkauf", für den Rest gilt jedoch die Devise: Kann man, muss man nicht. Dem, der einen ersten Einstieg in den musikalischen Kosmos des MATTHEW COOPER aka ELUVIUM sucht, sei im übrigen abgeraten: Er möge stattdessen vertrauensvoll mit dem besagten Frühwerk beginnen und sich von dort aus langsam Richtung Gegenwart durcharbeiten. Auf diese Art & Weise dürfte ein Maximalmaß kontemplativen Entzückens gesichert sein, so denn der fragliche Interessent nicht – auch solche Leute gibt’s bekanntlich – ein dezidiertes Faible für's Süßlich-Verzuckerte haben und auf die Frage, ob's wohl noch ein bisschen Pathos mehr sein darf, begeistert mit "Jawollja!" antworten sollte. Der mag dann auch guten Gewissens mit "False Readings On" beginnen.


 
Endsal für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» ELUVIUM-Homepage
» ELUVIUM @ facebook
» ELUVIUM @ bandcamp
» ELUVIUM @ SoundCloud
» ELUVIUM @ Temporary Residence
» ELUVIUM @ discogs
» TEMPORARY RESIDENCE-Homepage
» "False Readings On" @ bandcamp


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Zusammenfassung
Solides neues Album des Ambient-Großmeisters aus Portland, das zwar nicht mehr an die reduzierte, feierlich-kontemplative und doch herzerwärmende Atmosphäre des Frühwerks heranreicht, den Hörer trotz einiger Ausfälle auf kitschiges Terrain aber dennoch nicht enttäuscht.

Inhalt
01: Strangeworks (4:24)
02: Fugue State (7:35)
03: Drowning Tone (0:59)
04: Regenerative Being (7:21)
05: Washer Logistics (4:06)
06: Movie Night Revisited (4:29)
07: Beyond The Moon For Someone In Reverse (8:52)
08: False Readings On (1:22)
09: Rorschach Pavan (6:43)
10: Individuation (3:09)
11: Posturing Through Metaphysical Collapse (17:22)
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allerdings bisschen false readings