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Endsal

THE [LAW-RAH] COLLECTIVE & CINEMA PERDU

"Invocation" oder Von der Leere, die zurückbleibt ...


THE [LAW-RAH] COLLECTIVE & CINEMA PERDU
Genre: Dark Ambient
Verlag: Raubbau
Vertrieb: Ant-Zen
Erscheinungsdatum:
9. Juni 2016
Medium: CD
Preis: ~14,00 €
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THE [LAW-RAH] COLLECTIVE ist ein mehr oder weniger loser Zusammenschluss von Künstlern rings um den niederländischen Musiker BAUKE VAN DER WAL, der das Projekt mit dem enigmatischen Namen um das Jahr 2000 herum gründete. Bevorzugt tummelt man sich im Experimental-, Drone- und Dark Ambient-Sektor, zeigt aber auch keine Berührungsängste mit harscheren, ja dezidiert noisigen Spielarten, was exemplarischen Ausdruck in Kollaborationen mit NAVICON TORTURE TECHNOLOGIES (Box Edition von "The Gospels Of The Gash" und "Your Suffering Will Be Legendary") findet. Überhaupt ist man, was die stilistischen Details betrifft, um relativen Abwechslungsreichtum bemüht, und so reicht das bei discogs aufgespannte Genre-Spektrum von "Elektronik, Pop" über "Experimental, Abstract" bis hin zu "Dark Ambient, Drone". Seiner Grundrichtung bleibt das Kollektiv nichtsdestoweniger  treu; nicht umsonst hat man schließlich – nomen est omen – der eigenen Homepage die Adresse "darkambient.net" verpasst. Entsprechend gerne arbeitet man freilich mit stilistisch benachbarten Künstlern wie CISFINITUM oder eben CINEMA PERDU zusammen. Der Mann dahinter, MARTIJN PIECK, ist langjähriger Freund VAN DER WALs, seit 2008 Vollmitglied von THE [LAW-RAH] COLLECTIVE und seit 2011 unter dem nom de guerre CINEMA PERDU aktiv, unter dem er bislang mehrere Alben im File- und Tape-Format veröffentlicht hat.

Die vorliegende CD "Invocation" ist nach dem gemeinsamen Split mit WOODBNDR, "Blue Ruins Under Yellow Skies" von 2014, die zweite dezidierte Zusammenarbeit mit CINEMA PERDU und folgt stringent jener kontemplativen Drone-Programmatik, die im Großen und Ganzen das Leitmotiv für die Arbeit VAN DER WALs mit dem [LAW-RAH] COLLECTIVE abgibt, hier allerdings in ganz besonders vielschichtiger, facettenreicher Form zelebriert wird. Das Thema der CD fordert eine gewisse Besinnlichkeit freilich nachgerade heraus, beschäftigt sich die inhaltliche Ebene von "Invocation" doch mit dem Zerbrechen, Erlöschen, in jedem Fall aber mit dem Ende intensiver Freundschaften und enger Beziehungen, sowie insbesondere mit jener gähnenden Leere, die eine solche, mehr oder weniger gewaltsame Trennung einer tiefen emotionalen Verbindung nach sich zieht – egal, ob sie "nur" einem menschlichen Zerwürfnis, einer individuellen, existenziellen Krise oder gar dem physischen Ableben eines der Beteiligten geschuldet ist: "Invocation" versteht sich, so führt der Promotext aus, als "split album with personal views and interpretations of the emptiness that remains. Finding closure in a process of grief." Vor diesem Hintergrund erschließt sich denn auch ganz zwanglos der Hintersinn jener Sentenz, die sich auf der Innenseite des CD-Kartonschubers findet: "Some things were never meant to change but here we are" ...

Das beim Berliner RAUBBAU-Label erschienene Album enthält sechs unbetitelte, lediglich durchnummerierte Tracks zwischen knapp acht und knapp zwölf Minuten Länge – etwas Zeit, Muße und Geduld sollte der interessierte Hörer also schon mitbringen, möchte er sich mit dieser, ohne Worte auskommenden, "conversation about what really matters" auseinandersetzen. Wer nun allerdings vom leidlich bekannten, sich über die komplette Laufzeit spannenden, mediokren Einheitsgebrumme ausgeht, das so betrüblich oft unter der Bezeichnung "Dark Ambient" firmiert, wird erfreulicherweise eines besseren belehrt: Lediglich das erste und das letzte Stück, beide von THE [LAW-RAH] COLLECTIVE eingespielt, präsentieren sich als ausgesprochen dronige, tiefenentspannte, einzig durch allerlei Rascheln, Knistern und anderweitige Störfrequenzen in minimale Regung versetzte, dabei jedoch niemals langweilige Soundmeditationen, während die von CINEMA PERDU beigesteuerten Beiträge 2 und 3 deutlich experimenteller und collagenhafter daherkommen – streckenweise fühlte sich der Rezensent durchaus ein wenig an NURSE WITH WOUND erinnert. Die eigentliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Outfits, Track Numero 4, gibt denn auch das interessanteste Stück des Albums ab und entwickelt sich, ausgehend von einem sakralen, durch rotorartiges Flattern fragmentierten Choraleinstieg, hin zu einem, schon fast treibend-rhythmischen Mittelteil, um schließlich in einem amorphen, alle Strukturen wieder einschmelzenden Klangbad zu verhallen. Nicht alles auf "Invocation" ist also gar so meditativ, wie es auf den ersten Eindruck und nach Lektüre des zitierten Begleittextes scheinen mag – nach einigen Hördurchgängen entpuppt sich das versammelte Material in der Gesamtschau vielmehr als erfreulich abwechslungsreich und immer wieder für das eine oder andere überraschte "Oho!" gut.

Fazit: THE [LAW-RAH] COLLECTIVE & CINEMA PERDU legen mit "Invocation" ein rundum gelungenes Werk vor, das routiniert mit den Genregrenzen spielt, sie ausweitet und bisweilen beinahe transzendiert, ohne dabei jemals bemüht zu klingen, sich in Beliebigkeiten zu verheddern oder in akademischen Frickeleien zu verlieren. Beide Projekte interagieren perfekt miteinander und realisieren so ein bemerkenswertes, ebenso meditativ-hypnotisches wie dramatisch dichtes Album, das durch seine implizite Programmatik und die unprätentiöse Art & Weise, in der diese präsentiert wird, noch zusätzlich punktet: "the process of composing, writing, producing and finishing 'invocation' has helped us seeing things in perspective again after loosing loved ones. we hope it can do the same to you." – Irgendwie ist die ganze Veröffentlichung ... einfach ... sympathisch. Und wer kann schon etwas gegen sympathische Musik haben? Der Autor dieser Zeilen jedenfalls nicht.


 
Endsal für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» THE [LAW-RAH] COLLECTIVE-Homepage
» THE [LAW-RAH] COLLECTIVE @ facebook
» THE [LAW-RAH] COLLECTIVE @ discogs
» CINEMA PERDU-Homepage
» CINEMA PERDU @ facebook
» CINEMA PERDU @ bandcamp
» CINEMA PERDU @ discogs
» RAUBBAU-Homepage
» RAUBBAU @ facebook
» RAUBBAU @ bandcamp
» ANT-ZEN @ bandcamp
» "Invocation" @ ANT-ZEN

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Zusammenfassung
Gelungenes Splitalbum, das routiniert die Grenzen des Genres auslotet, mit ihnen spielt und sie bisweilen transzendiert, ohne dabei bemüht oder verkrampft zu wirken. "Invocation" ist eine sympathisch unprätentiöse CD, die sich erfreulich vom üblichen Dark Ambient-Einheitsbrei abhebt.

Inhalt
01: The [Law-Rah] Collective: 1 (11:31)
02: Cinema Perdu: 2 (9:34)
03: Cinema Perdu: 3 (10:44)
04: The [Law-Rah] Collective & Cinema Perdu:4 (9:47)
05: The [Law-Rah] Collective: 5 (7:50)

CD im schnieken, bedruckten Kartonschuber
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