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Michael We.

Ulver: ATGCLVLSSCAP

Experimentelles Fast-Live-Album


Ulver: ATGCLVLSSCAP
Genre: Experimental
Verlag: House Of...
Erscheinungsdatum:
22. Januar 2016
Medium: CD / LP
Preis: ~14,00 €
Kaufen bei: Prophecy


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Das neue ULVER-Album ist ein sonderbares, angefangen beim Titel. Dieser lässt sich allerdings schnell erklären; es handelt sich um die Anfangsbuchstaben sämtlicher Tierkreiszeichen. Musikalisch wird es schwieriger: "ATGCLVLSSCAP" ist kein eigentliches Studioalbum, sondern basiert auf Mitschnitten einer Tournee aus dem Februar 2014. Die zwölf Konzerte standen im Zeichen der Improvisation, Bandchef KRISTOFFER RYGG wollte experimentieren und seinen Musikern so viele Freiheiten wie möglich lassen. Die Norweger haben aus allen zwölf Mitschnitten je einen anderen Song ausgewählt und das Material behutsam unter der Oberaufsicht von DANIEL O'SULLIVAN nachbearbeitet und ergänzt. Es handelt sich also um keinen klassischen Konzertmitschnitt, sondern eher um eine an unterschiedlichen Orten mehr oder weniger live eingespielte Werkschau; etwa zwei Drittel der Stücke waren bislang unveröffentlicht. Durch die außergewöhnliche Entstehungsgeschichte verändern ULVER – ganz automatisch – wieder einmal ihren Sound. Selbst bereits veröffentlichte Songs beziehungsweise Bezüge darauf sind kaum wiederzuerkennen. Die Band frönt zwar ihren großen Lieben Progressive und Krautrock, wie auch auf einigen vergangenen Alben. Aber durch oft fehlende, klassische Songstrukturen und die langen progressiven Parts wirkt das Werk insgesamt wie Konzept-Ambient.

"England's Hidden" (01) hat klassisches Intro-Feeling, unter mächtiges Glockengeläut schiebt sich eine zarte Ambientmelodie. Warm schimmernde, einem Dudelsack nicht unähnliche Drones führen durch das Stück, bis gegen Ende plötzlich der Schwenk zu experimentelleren Klängen erfolgt, zu stark elektronisch bearbeitetem Silbengesang mit entsprechenden Sounds. Nahtlos geht es mit "Glammer Hammer" (02) weiter. Auch diesen Track würde ich als Ambient einsortieren. Sanfte Trommeln und tickende Gitarren ergeben einen sehr livigen und organischen Eindruck. Der erste größere Ausbruch des Albums überhaupt erfolgt in der Mitte, mit dröhnendem Bass und hektischer Trommel, anschließend wirkt das Stück drängender und rockiger – und erinnert mich an ANATHEMA. "Moody Stix" (03) basiert auf sehr proggigen, schwingenden Klängen. Ein experimenteller Gitarrenlauf, dazu Percussion und gezupfte Streichintsrumente. Der treibende und ebenfalls hörbar improvisierte Space-Rock in "Cromagnosis" (04) wandert zum Schluss in jazzige Ethno-Gefilde. "The Spirits That Lend Strength Are Invisible" (05) ist eine dubiose, fast industrielle Landschaft mit einsam gezupfter Gitarre. Und "Om Hanumate Namah" (06) wechselt zwischen spacig flirrend und rituell beschwörend, auch hier mit einer leisen Gitarre und später zunehmend psych-rockigen Zügen, zum ersten Mal auch – allerdings ganz verweht – mit Vocals.
Dieser Überblick über die erste Hälfte des Albums deckt die Bandbreite ganz gut ab. Im letzten Drittel liegen dann allerdings doch noch ein paar Songs mit klaren Vocals. "Nowhere" (10) etwa, verträumt und weit, mit einem dramatisch mitreißenden Refrain – ein hervorragender, stimmungsvoller Rocksong. Oder die getragene, introvertierte Rezitation in kantigem Norwegisch ("Ecclesiastes",11 ) zu Klavier, die sich zu langgezogenem, englischem Gesang entwickelt.

Ein sehr durchhörbares Album ist "ATGCLVLSSCAP", auch aufgrund der oft nahtlosen Übergänge. Viel Ambient, teils mit improvisiertem Prog Rock oder Drone vermischt. Das beim ersten Stück erwähnte Intro-Feeling haben viele weitere Songs, sie drehen sich in spirituellen Schleifen, die mich auch ein wenig an MIKE OLDFIELD erinnern, passend betitelt mit Substantiven wie "Desert" oder "Beach". Jeder Song klingt anders, aber alles hat seinen organischen Überbau. Aus meiner Sicht kommen die überragenden ULVER-Vocals leider etwas zu kurz, von Liedern wie "Nowhere" hätte ich mir ein oder zwei mehr gewünscht. Insgesamt ein gelungenes Experiment, aber nicht das stärkste Album der Norweger.

"ATGCLVLSSCAP" erscheint übrigens in zwei LP-Versionen und als CD.




 
Michael We. für nonpop.de


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Zusammenfassung
Im Nachhinein bearbeitete Mitschnitte aus zwölf ULVER-Konzerten. Die Liveauftritte waren experimentell, und so klingen auch die daraus entstandenen Albumstücke. Viel Ambient, teils mit improvisiertem Prog Rock oder Drone. Gelungen, aber nicht das beste ULVER-Album.

Inhalt
01. England's Hidden
02. Glammer Hammer
03. Moody Stix
04. Cromagnosis
05. The Spirits That Lend Strength Are Invisible
06. Om Hanumate Namah
07. Desert / Dawn
08. D-Day Drone
09. Gold Beach
10. Nowhere (Sweet Sixteen)
11. Ecclesiastes (A Vernal Catnap)
12. Solaris

~ 80 min.
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