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Tony F.

IN THE NURSERY: The Fall Of The House...

...Of Usher


IN THE NURSERY: The Fall Of The House...
Genre: Neo - Klassik
Verlag: ITN Corporation
Erscheinungsdatum:
Oktober 2015
Medium: CD
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„Der Untergang des Hauses Usher“ von EDGAR ALLAN POE ist sicherlich eine seiner bekanntesten Erzählungen, die, obwohl vom Umfang her eigentlich eine Kurzgeschichte, bereits mehrfach verfilmt wurde. Die wohl älteste bekannte Verfilmung unter dem Namen „La Chute de la maison Usher“ ist die des Franzosen JEAN EPSTEIN aus dem Jahr 1928 – ein Stummfilm. JEAN EPSTEIN hat mit seiner Version allerdings ein eigenes Werk geschaffen, das in einigen, teils wichtigen Details vom Original abweicht. So sind Roderick und Madeleine Usher ein Ehepaar statt eines Geschwisterpaars, was die Andeutungen über Inzest in POEs Werk umgeht. Der Anfang mit der Reise des um Hilfe ersuchten Freundes zum Anwesen der Ushers, den es in der Erzählung so nicht gibt, trägt Züge aus „Dracula“, wenn Anwohner sich fürchten, den Reisenden zum Haus der Familie zu bringen. Außerdem wird die künstlerische Betätigung von Roderick Usher in der Erzählung erwähnt, trägt im Film aber Züge von „Das Bildnis des Dorian Gray“, weil er mit fortschreitender Fertigstellung eines Portraits seiner Frau ihr quasi den Lebenssaft entzieht. Auch überleben die Ushers am Ende das Inferno, in dem das Anwesen im Brand zusammenstürzt. 

Wenn Autoren mit Verfilmungen hadern, die ihr Buch mehr oder weniger umdeuten – ein Klassiker ist hier wohl der Disput um STANLEY KUBRICKs „Shining“ –, dann könnte sich POE posthum sicherlich auch ein Stück weit beschweren. Von der menschlichen und geistigen Zerrüttung eines Geschlechts kommt man bei diesem Film zum desaströsen Einfluss des Materiellen oder auch zu der verfestigen Vorstellung von einem Menschen – das Portrait – das dem Menschen den Raum zum Leben nimmt. 

Jener französische Stummfilm „La Chute de la maison Usher“ wurde jedenfalls von der Sheffielder Band IN THE NURSERY auserkoren, ihre Optical Music Serie würdig fortzusetzen. Wer nach dem Konzeptwerk „The Calling“ auf einen Nachfolger des 2011er Albums „Blind Sound“ gewartet hat, muss sich also noch etwas gedulden. Musikalisch setzt man dabei dort an, wo „The Passion Of Joan Of Arc“ aufhörte. Man setzt also im Grundsound auf schleppende Pianoakkorde und mäandernde Soundskulpturen, Chöre und teils leicht dissonante Flächen. Wo der Soundtrack zu „The Passion Of Joan Of Arc“ allerdings aufgrund des kargen, kammerspielartigen Films eher wenig Potential zum Ausbruch bot, da lässt das Filmmaterial von „La Chute de la maison Usher“ ganz andere Soundmöglichkeiten und eine ganz andere Dynamik zu. 

Da der Film auch kein viktorianischer Gruselfilm, sondern ein surreal anmutendes Werk ist, passt dieser Sound hervorragend zur Stimmung des Films. Surreal mutet der Film deshalb an, weil die Räume des Anwesens etwa übermäßig groß erscheinen, in denen die Figuren also absolut verloren wirken. Auch die handelnden Personen wirken voneinander völlig isoliert und teils recht eigenartig im Verhalten und als sich gegenseitig belauernd, was vor allem auch auf Nebenfiguren zutrifft. Dazu kommen filmische Finessen wie Zeitlupen und Überblendungen, die vor allem in den Szenen des vermeintlichen Todes und der Beerdigung von Madeleine Usher verwendet werden und die damit den entrückten Charakter des Ganzen darstellen. Zudem wirkt die immer wieder dargestellte Natur trist und herbstlich bis feindselig. 

Diese Bilderwelten setzten IN THE NURSERY perfekt in Musik um, wobei wiederkehrende Melodieelemente eine innere Bindung herstellen. Der Soundtrack lebt aber vor allem von seiner Dynamik und den guten Soundideen, wenn Uhren- oder Glockenschläge perkussiv nachgestellt werden, der Sturm heult, oder das Gitarrenspiel von Roderick Usher als Klang eingebaut wird. Höhepunkte sind vor allem die dramatischen Parts, wenn der Sarg zur Insel mit der Gruft befördert wird („Cortege“) oder das Ende, wenn zu Orgelklängen und scharfen Streicherakkorden das Anwesen in sich zusammenfällt („The Haunted Palace“). Aber auch die zurückhaltenden musikalischen Momente, dort eingesetzt wo es nötig ist, überzeugen. 

Gerade dieser Dynamik und der vielfachen, guten Ideen der HUMBERSTONEs ist es zu verdanken, dass der Soundtrack auch ohne Film sehr gut funktioniert. Die Musik unterstützt dabei eindringlich die Atmosphäre, die weniger gruselig wirkt, sondern die den heraufziehenden Wahnsinn und das Bedrohliche, Surreale der Szenerie in den Vordergrund stellt. Mit „The Fall Of The House Of Usher“ haben IN THE NURSERY auf jeden Fall einen der bisher besten Beiträge zu ihrer Optical Music Serie geschaffen.

 
Tony F. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» IN THE NURSERY Homepage
» IN THE NURSERY @ Facebook

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A Settled Apathy
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Sollicitude
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Hyperethesia
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