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Endsal

THEOLOGIAN: Pain Of The Saints

Wen Gott liebt, züchtigt er.


THEOLOGIAN: Pain Of The Saints
Genre: Post Industrial
Verlag: Malignant...
Vertrieb: Malignant...
Erscheinungsdatum:
7. Januar 2015
Medium: 2xCD
Preis: ~21,00 €
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LEE BARTOW, der Mann hinter THEOLOGIAN, ist der industriellen Gemeinde zum einen durch seine umtriebigen Aktivitäten als Betreiber des US-amerikanischen ANNIHILVS-Labels, zum anderen – und insbesondere! – aber durch sein Vorgängerprojekt NAVICON TORTURE TECHNOLOGIES ein Begriff, das er im Jahre 2009 mit der, bei MALIGNANT erschienen, Doppel-CD "The Gospels Of The Gash" zu einem fulminanten Abschluss brachte. Seitdem widmet er sich ausschließlich dem Folgeprojekt THEOLOGIAN, mit welchem er es im Laufe von sechs Jahren schon wieder zu einem derart beachtlichen Output an Tonträgern aller Art gebracht hat, dass die Unterstellung einer gewissen Obsessivität schwerlich völlig fehlgehen wird. Dem korrelierenden Eindruck, des Künstlers obsessive Arbeitswut weise überdies eine Tendenz zu monothematischer Schwerpunktbildung auf, wird man sich angesichts des Oeuvres ebenfalls schwerlich entziehen können, stellte BARTOW doch schon zu NTT-Zeiten mit ausgesuchter Vorliebe den Bereich der Geschlechts- bzw. Liebesbeziehung in den Focus seiner musikalischen Betrachtungen, zudem unter dezidiert misogynistischem Vorzeichen und gekoppelt mit einem außergewöhnlich stark ausgeprägten Hang zu Quälerei und Selbstzerfleischung. Die Tendenz zur Monothematik wurde beim Übergang von NTT zu THEOLOGIAN nicht wirklich aufgegeben, wiewohl doch etwas abgemildert; zudem hat sich der Schwerpunkt vom handgreiflichen Geschlechterkampf etwas weiter in den – nomen est omen – transzendentalen Bereich verschoben. Dementsprechend versteht sich das erste Album, das BARTOW sechs Jahre nach "The Gospels Of The Gash" nun wieder bei MALIGNANT veröffentlicht, laut Labelauskunft als "Anti-Theist manifesto", das "[l]yrically and thematically […] against Christianity and more specifically Catholicism“ wettert. Ei der daus, denkt da der geneigte Rezensent und kann eine gewisse Häme nicht unterdrücken, welch überaus mutiges und ausgesucht originelles Unterfangen: Kritik an Christentum und Katholizismus ist wahrlich etwas, das diese Zeit bitter nötig hat, kann man dergleichen in Kunst und Kultur doch quasi mit der Lupe suchen. Und dass es insbesondere das Christentum ist, das der mutmaßlich aufgeklärten Weltgemeinschaft gegenwärtig von allen Weltreligionen das meiste Kopfzerbrechen bereitet, bestätigt ein Blick auf die Nachrichtenlage ganz ohne Zweifel …

Doch genug des Gespöttels; wenden wir uns den Fakten zu und lassen dem Album die Sachlichkeit und Besonnenheit in der Betrachtung zukommen, die es verdient hat. Und die hat es verdient, denn um eins gleich klarzustellen: "Pain Of The Saints" ist ein ziemlicher Kracher und mit voller Berechtigung verweist man seitens des Hauses MALIGNANT auf "the deft skills of someone who's spent the last 15 plus years creating some of the most innovative and revolutionary sounds in modern industrial music" – keine Frage: Der Mann aus Brooklyn/NY versteht sein Handwerk wie nur wenige andere. So steht der vorliegende Tonträger, das erste "vollwertige" Album seit dem, 2013 bei CRUCIAL BLAST erschienenen "Some Things Have To Be Endured", einigermaßen unvergleichlich in der musikalischen Landschaft – erfreulicherweise hat BARTOW wieder einen gewissen Abstand zu seinen befremdlichen Ausfällen in dark-wavige Gefilde bekommen, die den besagten Vorgänger wenigstens für den Autor dieser Zeilen in weiten Teilen ungenießbar machten. Sinistre Ethno-Schmonzetten wie nihilvs/theologian-grand-guignol">"Grand Guignol" oder pathetisch-kaskadisches Gedudel wie nihilvs/theologian-writhing-corpus">"Writhing Corpus Landscape" sucht man auf "Pain Of The Saints" jedenfalls weitgehend vergebens, wenn BARTOW die Finger auch nicht ganz von einschlägigen, gefährlich süßlich bis unappetitlich verzuckert tönenden, weiblichen Sirenengesängen lassen kann.

Auf lediglich zwei von insgesamt zwanzig Tracks wird die Demarkationslinie in Sachen akustischer Kitsch dann allerdings tatsächlich überschritten: Da ist zum einen das kontraintuitiv prosaisch betitelte "Piss & Jism", das nach standesgemäß rumpelig-noisigem Einstieg mit viel Gebrumme, Gefiepse und Gerumpel entschlossen die Ausfahrt ins sphärische Wolkenkuckucksheim nimmt und sich mit hymnischem, bemüht "mystisch" klingendem Frauensingsang verzettelt, der auch als Soundtrack zu zeitgenössischen, von Drachen und blonden Schildmaiden bevölkerten HBO-Fantasyserien funktionieren würde. Zum anderen muss das Abschlussstück "Self-Flagellation As Faith" inkriminiert werden, das nach einleitendem, hippieskem Getrommel mit orientalischem Gedingel und Gedöngel in einen haarsträubenden, vor Pathos nur so triefenden Scheherazaden-Singsang abdriftet und erst in der zweiten Hälfte notdürftig zur Vernunft zurückfindet, um schließlich in finsterem Getrommel auszuklingen. Sieht man von diesen beiden Ausrutschern jedoch ab, ist "Pain Of The Saints“ ein gelungenes, abwechslungsreiches und vielschichtiges Album, das überaus souverän zwischen Noise, Post Industrial und Dark Ambient oszilliert, ohne deshalb unentschlossen oder konzeptlos zu erscheinen.



Wenn man so will, ist Disc 1 – "Piss" betitelt – die Seite mit deutlich mehr Wumms im Tornister: Schon der Opener "Savages" erweist sich als schneidiger, rhythmisch und kompromisslos sich durchs Gelände pflügender Viertelstunden-Maelstrom, dessen martialisch anmutende Samples den Rezensenten bisweilen an die frühen LAIBACH denken ließen. Der Folgetrack "Infections" setzt mit seinem überschnappenden Hochgeschwindigkeits-Kesselgepauke auf den vorgegebenen Kurs noch einen drauf und weckt spontane Assoziationen zu ähnlich brachialen Nummern von KARJALAN SISSIT. Überhaupt dominiert auf der ersten der beiden CDs ein martialischer Grundton, der in dieser Deutlichkeit für THEOLOGIAN relativ neu ist: Allenthalben begegnet dem Hörer ein ebenso kraftvoller wie temporeicher, teilweise bis ins Extrem hochgepitchter Beat; als paradigmatisch darf in dieser Hinsicht wohl der Titel "Of Foulness And Faithfulness“ gelten, dessen maschinenhaft-technoid anmutender, tribalesk eingefärbter Grundrhythmus entfernt an ESPLENDOR GEOMETRICO erinnert. Und in Gestalt von "Sainthood Is Suffering" findet sich sogar ein dancefloortauglicher, potentieller Hit, der nach einer irgendwie seltsam ruhig und doch subtil unbehaglich daherkommenden Einleitung das Ruder unvermittelt durch einen konsequent-geradlinigen Rumms-Beat herumreißt und dergestalt zu fröhlichem Gestampfe auf einschlägigen Tanzveranstaltungen einlädt. "Jism" (!), Disc Numero 2, verfolgt im Vergleich eine deutlich ruhigere, streckenweise schon fast kontemplative Linie: Auch wenn im Opener "The Lies Of The Past Become The Prayers Of The Future" noch mal mit Schmackes die martialischen Kesselpauken bearbeitet werden, so tritt danach doch spürbar Entspannung ein und das musikalische Spektrum variiert in der Folge zwischen psychedelisch anmutenden Versatzstücken, rockigen (!) Einsprängseln und rituellen bis meditativen Passagen. Auch "Jism" besticht durch technische Perfektion und bewegt sich durchweg auf qualitativ hohem Niveau, nichtsdestoweniger bleiben explizite Höhepunkte aus und so kommt es, dass der Rezipient am Ende möglicherweise zwar durchaus das Gefühl hat, ausgesprochen gut unterhalten worden zu sein, die eigentliche, inhaltliche Substanz des Werkes dessen ungeachtet jedoch einigermaßen überschaubar bleibt.

Was abschließend noch einmal zurück zu Sujet und thematischem Kern von "Pain Of The Saints" führt: Oft sei es, so wird LEE BARTOW im Promotext zitiert, Teil der Präliminarien einer Heiligsprechung gewesen, durch die kirchliche Exekutive selbst gemartert und vom Leben zum Tode befördert worden zu sein, da von der offiziellen Dogmatik abweichende Ideen notwendig Vorwürfe der Hexerei, der Häresie oder des Abfalls vom Glauben nach sich zogen. Später seien die Getöteten dann qua Heilgsprechung vor den Karren ihrer eigenen Mörder gespannt worden: "Then, the ultimate hypocrisy: to turn around and dub these victims of the Church as saints, centuries after having murdered them." Angesichts dieses Statements verbleibt man etwas ratlos, bilden diese Fälle gemessen am Gros der Opfer der Inquisition doch die absolute Ausnahme – um es konziliant zu formulieren, denn außer, allenfalls und mit viel Hängen und Würgen, Meister Eckhart, der sich zum Ende seines Lebens gegenüber der Inquisition gegen den Vorwurf der Häresie verteidigen musste, fällt wenigstens dem Rezensenten kein taugliches Beispiel ein. Und auch Eckhart taugt nur höchst bedingt, denn weder wurde er gefoltert und/oder getötet, sondern starb noch während des laufenden Prozesses eines natürlichen Todes, noch wurde er später heiliggesprochen, sondern lediglich rehabilitiert. In diesem Punkt beißt die Maus doch keinen nennenswerten Faden ab: Der durchschnittliche christliche Heilige empfing den Märtyrertod nicht von der Kirche, sondern in aller Regel von Exponenten des spätantiken Heidentums. Welche "Heiligen" genau LEE BARTOW also beim Ersinnen des konzeptuellen Hintergrundes von "Pain Of The Saints" im Sinn gehabt haben mag, muss vorerst dahingestellt bleiben.

Diese, letztlich ja auch völlig irrelevante, Erbsenzählerei ändert jedoch kein Quäntchen daran, dass das vorliegende, übrigens von JOHN STILLINGS aka STEEL HOOK PROSTHESES gemasterte, Opus schlussendlich eine erfreulich runde Sache geworden ist. Facettenreich im musikalischen Ausdruck und perfekt produziert, transzendiert es die Grenzen der Genres, ohne sich deshalb ernsthaft dem Vorwurf der Beliebigkeit aussetzen zu müssen. Es kann dem Promotext vollumfänglich sekundiert werden, wenn dieser das Album als "an impeccable and highly detailed excursion into tortured yet brilliant realms […] and the majestic monoliths of smoldering, post-apocalyptic desolation“ charakterisiert. Und auch, wenn sich "Pain Of The Saints" im direkten Vergleich etwas weniger schwer und brutal als manches Vorgängeralbum präsentiert und insgesamt – sieht man von "Some Things Have To Be Endured" einmal ab – eingängiger klingt, präsentiert sich BARTOWs aktuelles Werk nichtsdestoweniger immer noch brachial genug, um auch Vertreter der rigiden Noise-Orthodoxie zu entzücken.

Und das mit der Christentums- bzw- Katholizismusschelte, das üben wir halt noch ein bisschen. Zu guter letzt gilt ohnehin viel öfter, als man denkt, Gómez Dávilas Rede von den "Leuten, die sich einbilden, Feinde Gottes zu sein, und dabei doch nur Feinde des Mesners sind". Amen.


 
Endsal für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» THEOLOGIAN @ tumblr
» THEOLOGIAN @ discogs
» ANNIHILVS @ tumblr
» ANNIHILVS @ bandcamp
» ANNIHILVS @ SoundCloud
» Pain of The Saints @ bandcamp
» Pain Of The Saints @ MALIGNANT
» MALIGNANT-Homepage
» MALIGNANT @ bandcamp
» MALIGNANT @ SoundCloud

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» THEOLOGIAN/STROM.ec: Hubrizine


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Zusammenfassung
Gelungenes Album, das gekonnt zwischen den Genregrenzen changiert, ohne in Beliebigkeit abzurutschen. Technisch perfekt, facettenreich umgesetzt und im besten Wortsinne unterhaltsam. – Etwas Sinn für Pathos sollte der interessierte Hörer allerdings mitbringen.

Inhalt
1.01: Savages (13:10)
1.02: Infection (8:12)
1.03: Serpentine Angels (6:22)
1.04: Piss & Jism (8:53)
1.05: Gravity (9:35)
1:06: Without Trust, Your Love is Meaningless (6:42)
1.07: Of Foulness And Faithfulness (4:51)
1.08: Iron Pierces Flesh and Bone Alike (3:35)
1.09: You Are the End of the World ((9:08)
1.10: Sainthood is Suffering (7:31)
2.01: The Lies of the Past Become the Prayers of the Future (6:24)
2.02: Suppuration (9:50)
2.03: Witchfinder (5:14)
2.04: Their Gelded and Rapacious Hearts (10:18)
2.05: Deprivation (4:46)
2.06: Blessed Prey (11:03)
2.07: With Eternal Derision (4:12)
2.08: Redemption is an Impossibility (6:06)
2.09: It Was You Who Taught Me Indifference (9:38)
2.10: Self-Flagellation as Faith (11:22)

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