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Michael We.

JOHN CAGE: Solo For Piano (S. LIEBNER)

... nothing or everything played ...


JOHN CAGE: Solo For Piano (S. LIEBNER)
Genre: Neue Musik
Verlag: Wergo
Medium: CD
Preis: ~18,00 €
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Musik? Neue Musik? Anti-Kunst? Ein Spaß? An der Rezeption der Werke von JOHN CAGE scheiden sich seit jeher die Geister. Diverse Uraufführungen sorgten für das komplette Spektrum an Reaktionen, zwischen Begeisterung, Belustigung und Frust. Für sein "Solo For Piano" nutzte er unter anderem Unebenheiten des Notenpapiers, um daraus Zeichen für seine Partitur zu formen, das Werk beginnt mit 27 Sekunden kaum hörbarer Klänge. Dennoch – oder gerade deshalb – gilt er als einer der einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts und als Wegbereiter der Neuen Musik sowie der Improvisation der 1960er – und 70er-Jahre.

Über einige seiner Werke und deren Interpretation durch die Münchener Pianistin SABINE LIEBNER haben wir hier schon ausführlich geschrieben. Das "Solo For Piano" entspricht nicht dem in vergangenen Artikeln erwähnten Prinzip der Zufallskomposition, etwa durch die Befragung eines chinesischen Orakels oder das Werfen einer Münze. Hier ist es die Deutung der Niederschrift, die große Freiheit mit sich bringt. Als eigenständiges Stück ist "Solo For Piano" Teil eines ganzen Konzerts ("Concert For Piano And Orchestra"), welches allerdings nicht mit einer Gesamtpartitur, sondern lediglich einer Reihe von (13) Einzelstimmen für verschiedene Instrumente festgehalten wurde. So kann es als Duo, als Orchesterstück oder eben als Solopartitur für eines dieser Instrumente aufgeführt werden. Jede Stimme hat CAGE mit notenähnlichen Gebilden in verschiedenen Größen versehen, die sich auf Dauer und Lautstärke beziehen. Für die Klavierstimme schrieb er 63 Seiten nieder, die 84 solcher Zeichnungen beinhalten und dem Interpreten außerdem eine recht detaillierte Anleitung mitgeben, wie diese Zeichen zu deuten sind – allerdings mit der erwähnten Freiheit zwischen (Zitat CAGE) "minimum (nothing played)" und "maximum (everything played)". So ist auch diese CD eine Mischung aus CAGE, seiner Notation plus Anleitung und der Auslegung der Pianistin, und wie andere CAGE-Aufnahmen und -Aufführungen ist sie damit, ganz im Sinne des Komponisten, unwiederholbar.

Der erwähnten Fast-Stille zu Beginn folgt ein einzelner Ton, es schließen sich weiterhin kaum zusammenhängende, in der Luft stehende Klänge an, dazu eine Art Klacken, wie eine kaputte Klaviersaite. Erst nach und nach entstehen etwas dichtere Folgen, Akkorde oder mehrere Töne am Stück. Dazwischen liegen immer wieder leise, kaum hörbare Stellen und Sounds wie Knistern oder Klappern, was an das legendäre CAGE-Stück "4'33" erinnert. Im Gegensatz dazu steht das wummernde Hämmern auf Tasten oder der eine oder andere, seltene Tonlauf, der annähernd einer Melodie entspricht, vor allem gegen Ende des Stückes.

Mit klassischem Hören oder dem Hören von klassischer Musik hat "Solo For Piano" nichts zu tun. Die Töne stehen für sich, lange und hallend oder kurz und perlend, spannend sind die Unterschiede wie hoch/tief, laut/leise. Die rund 70 Minuten durchzuhören und daraus ein großes Maß an Ästhetik zu ziehen, ist nahezu unmöglich. Als Experiment betrachtet, funktioniert das 1957/1958 entstandene Stück dagegen hervorragend. Losgelöst von herkömmlicher Notation und starren Regeln, ein Plädoyer für Zufall und Autonomie, zeigt es einmal mehr, warum JOHN CAGE so eine wichtige Rolle für die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts spielte. Auch ein – wie immer bei WERGO – ausführliches Booklet mit Vorwort belegt dies.

 
Michael We. für nonpop.de


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Zusammenfassung
Die rund 70 Minuten durchzuhören und darin Ästhetik zu finden, ist nahezu unmöglich. Als Experiment betrachtet, funktioniert das Stück dagegen hervorragend. Losgelöst von starren Regeln belegt es einmal mehr, warum JOHN CAGE so eine wichtige Rolle für die Musikgeschichte spielte.

Inhalt
Ein Stück von knapp 70 Minuten, unterteilt in sieben Tracks. Booklet mit ausführlichem Vorwort.
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