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Andreas X.

ANDREW KING: Deus Ignotus

Der moderne Barde


ANDREW KING: Deus Ignotus
Genre: Traditional
Verlag: Epiphany
Erscheinungsdatum:
Juni 2011
Medium: CD
Preis: ~11,00 €
Kaufen bei: discogs


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Warum nach Worten über einen Künstler suchen, wenn dieser selbst sie schon treffend vorgibt? "ANDREW KING is a British folk singer, presenting renditions of traditional songs and ballads, both a capella and with minimalistic instrumentation, sometimes with an influence from post-industrial / industrial music." So steht es auf der Homepage des Illustrators und Musikers.
KING kümmert sich seit vielen Jahren um altes, vorwiegend britisches Liedgut, eben um (Folk)Balladen (wie zum Beispiel das bekannte und zigfach vertonte "The Three Ravens" und die Abwandlung "Twa Corbies") und Traditionals, also angelsächsische Volkslieder. Dabei arbeitet er mit renommierten Museen und Institutionen zusammen, dieses Mal unter anderem dem TRINITY COLLEGE in Cambridge und dem BRITISH MUSEUM, wo er in Archiven nach alten Notationen und Texten stöbert. Unter anderem hat er für "Deus Ignotus" das einzig bekannte Manuskript der "Judas"-Ballade aus dem 13. Jahrhundert bearbeitet, sich einen Teil der "Carmina Burana" ausgesucht ("Sic Mea Fata Canendo Solor") oder die deftige Liebesballade "Fröleichen So Well Wir" von OSWALD VON WOLKENSTEIN arrangiert, bereits bekannt von der Splitsingle aus dem Jahr 2010 (Besprechung).

Mit dabei auf "Deus Ignotus" sind JOHN MURPHY und HUNTER BARR von KNIFELADDER, zwei alte Bekannte. Außerdem wird KING von der Geigerin MARIA VELLANZ unterstützt, die schon mehrfach im Umfeld von KING, BARR oder MURPHY auftauchte, etwa bei facebook.com/pages/Naevus/22994751603">NAEVUS. Schließlich singt auf zwei Stücken noch der Chor der ehrwürdigen Londoner SAINT STEPHEN'S CHURCH.
"Deus Ignotus" ist das erste Solowerk von KING seit der offiziellen Veröffentlichung von "The Amfortas Wound", also seit 2003. Rund neun Jahre der Planung und der Aufnahmen, wie der Sänger konstatiert. Die meiste Zeit ging dabei sicher für die Suche nach Originaldokumenten ins Land, allerdings war ANDREW KING auch mit zahlreichen anderen Projekten beschäftigt, etwa dem anspruchsvollen Experiment "Thalassocracy", einer Zusammenarbeit mit den britischen Klangkünstlern BROWN SIERRA (2008), oder dem Album mit der französischen Dark Ambient-Formation LES SENTIERS CONFLICTUELS ("1888", 2006).

Von früheren Vorträgen habe ich ANDREW KING noch sehr sakral, ursprünglich und spartanisch im Ohr, damals hauptsächlich mit Stimme und – wenn überhaupt – sehr reduzierter Instrumentierung. "Deus Ignotus" macht gleich zu Beginn, einen anderen, moderneren Eindruck. Schellen und Trommeln verbreiten zwar im Intro zunächst historisches Flair, aber das erste 'echte' Stück, das erwähnte "The Three Ravens" (02), sorgt für eine Überraschung: Technisch veränderter, verlangsamter Chorgesang bildet den ganzen Song über einen Dark Ambient-Hintergrund. Trommeln und Schellen bleiben, dazu stößt die – in diesem Fall – markante, scharfe und durchdringende Bardenstimme von KING. Eine klassische, englische Folkballade mit stetig bedrohlichem Unterton. "The Wife Of Usher's Well" (03) startet mit dunklen Drones eines Tasteninstrumentes, Schritte knirschen im Kies, KING bleibt zurückhaltender, wirkt fast traurig in seinem Vortrag. Auch über diesem traditionellen Stück liegt – wie fast über dem gesamten Album – ein dunkler Schatten. "Sic Mea Fata Canendo Solor" (04) glänzt mit inbrünstigem, emotionalem Vortrag, ein Tremolo in der Stimme, nur Streicherdrones im Hintergrund, die zunehmend anschwellen und dann von Orgel und Trommeln ergänzt werden. Auch hier hat sich KING auf die Suche nach Originalmanuskripten aus dem 13. Jahrhundert gemacht und wurde schließlich in Bayern fündig. "Edward" (05) erinnert mit seinem Acapella-Gesang an frühere Stücke, aber auch hier liegt mehr Traurigkeit, mehr Nachdenklichkeit in der Stimme.
Das erste der beiden Doppelstücke (06) startet mit wunderbarem Chorgesang. Das Harmonium im Hintergrund des zweiten Teils erzeugt eher Klänge als eine Melodie, die Darbietung ist beinahe kabarettistisch zu nennen, BABY DEE eine Oktave tiefer. KING erzählt, schauspielert, das Stück wird mit Trommeln immer dramatischer und mündet in einen Schreichor. "Judas" (07), ebenfalls ein Doppelstück (eine der sogenannten Child-Ballads), beginnt gar mit einer Polizeisirene, erneut bedrohlich, Trommeln und Drones könnten von einer Military-Band stammen. Teil zwei zeugt wiederum von schauspielerischen Qualitäten, ein Sich-hinein-steigern bis hin zum Schreien am Ende, Apocalyptic Folk im wahrsten Sinne des Wortes. "Lord Lovel" (08) bleibt a capella, das mittelalterliche "Fröleichen So Well Wir" (09) ist von der Single bekannt, die Mörderballade "Sir Hugh" (10) treibt zum Schluss noch einmal an, mit Percussion, einer Art Dudelsack und der mächtigen, inbrünstigen Stimme.

Verkörperte ANDREW KING für mich bislang eher die historische, archaische Komponente der ausgewählten Lieder, ist dieses Album eindeutig moderner ausgerichtet. Zwar sind die Wurzeln nach wie vor hörbar, aber mit mehr "influence from post-industrial / industrial music", was zum Teil für eine gespenstische Atmosphäre sorgt, die gut zu einigen Texten von Tod und Verrat passt. Der Vortrag ist enorm wandlungsfähig und abwechslungsreich, die Aufbereitung – sowohl was die Instrumentierung angeht, als auch das 'Drumherum' wie die Infos im Booklet – äußerst liebevoll. Frische, hörenswerte Interpretationen von Klassikern aus der europäischen Vergangenheit.

 
Andreas X. für nonpop.de


Verweise zum Artikel:
» KING-Homepage
» KING @ facebook
» KING @ myspace


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Zusammenfassung
Dieses Album ist moderner ausgerichtet als frühere Vorträge von KING. Zwar sind die Wurzeln der Lieder nach wie vor hörbar, aber das Postindustrielle gewinnt mehr Einfluss. Frische, hörenswerte Interpretationen von Klassikern aus der europäischen Vergangenheit.

Inhalt
01. Corvus Terrae Terror (2:25)
02. The Three Ravens (6:01)
03. The Wife Of Usher's Well (6:10)
04. Sic Mea Fata Canendo Solor (6:21)
05. Edward (4:22)
6.1 The Elders Of The People Took Counsel (1:45)
6.2 In Upper Room (5:28)
7.1 Judas (10:13)
7.2 Could Ye Not watch With Me One Hour (1:16)
08. Lord Lovel (6:57)
09. Fröleichen So Well Wir (3:54)
10. Sir Hugh (7:03)

insgesamt 62:03

+ extradickes (24 Seiten) Booklet mit vielen Infos und allen Texten
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