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Michael We.

CURRENT 93: Honeysuckle Æons

Vierter (und intimster) Teil der Trilogie


CURRENT 93: Honeysuckle Æons
Genre: Neofolk
Verlag: Coptic Cat
Erscheinungsdatum:
April 2011
Medium: CD
Preis: ~16,00 €
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Die Marketingmaschinerie, die DAVID TIBET seit dem Erfolg von "Black Ships Ate The Sky" vor fünf Jahren für neue Veröffentlichungen anwirft, ist gewaltig; zuweilen auch lächerlich bis nervig. Auf die CURRENT 93-Einkaufstüte zum aktuellen Album hätte ich jedenfalls gern verzichtet. Nicht, dass ich dem Briten den Erfolg, der sich eingestellt hat, nicht gönne, im Gegenteil: TIBET ist nach wie vor ein Visionär, der stets nach vorne blickt und nicht – wie andere Neofolk-Ikonen – alten Zeiten nachhängt. Wird er gar auf Alben aus der Neofolkhochzeit angesprochen, weist er den Interviewer zurecht auf die Palette an aktuelleren TIBET-Werken hin. Und "Black Ships ..." war ohne Zweifel ein wunderbares Album, eines der besten vielleicht des vergangenen Jahrzehnts. Aber wer so hoch taktet wie DAVID TIBET, macht sich mit zig Extraeditionen für jede neue Veröffentlichung einfach unglaubwürdig.
"Honeysuckle Æons" wird zunächst in sieben Paketen angeboten, mit so unterschiedlichen Gimmicks wie der erwähnten Einkaufstasche oder einer einseitig bespielten Vinyl-Picturemaxi, auf der TIBET alle Texte des Albums liest, untermalt von eigens dafür komponierter C93-Musik. Wirklich unverschämt finde ich, dass es bei der regulären CD bzw. LP für Europa und die USA Unterschiede gibt – ein Merchandising-Schelm, wer Böses dabei denkt. Die Songs gleichen sich laut TIBET zwar, die 'Übergänge zwischen den Liedern' sowie das Artwork würden sich aber unterscheiden. Das hat für mich mit der Idee eines Gesamtkunstwerkes, welches für sich steht und über Wochen und Monate bis ins Detail ausgearbeitet wurde, nichts mehr zu tun. Oder wirft vielleicht ein Maler seine Bilder in unterschiedlichen Versionen auf den Markt, um mehr davon zu verkaufen?

Zur Sache: "Honeysuckle Æons", wie schon aus der Beschriftung zu erkennen, schließt unmittelbar an die letzten drei C93-Alben an. Die Trilogie, ursprünglich von TIBET mit dem Obertitel "Anok Pe" angekündigt, besteht aus den Einzelwerken "Black Ships Ate The Sky" (2006, NONPOP-Besprechung), "Aleph At The Hallucinatory Mountain" (2009, NONPOP-Besprechungen hier und hier) und "Baalstorm, Sing Omega" (2010, Besprechung). CURRENT erzählen eine Art Schöpfungsgeschichte, in der ALEPH – der Anfangsbuchstabe des hebräischen Alphabets und Synonym für den ersten Menschen – die Hauptrolle spielt. Ihn konnte ich auf "Honeysuckle Æons" allerdings nicht entdecken. Wenn es hier um 'Schöpfung' geht – man weiß ja bei TIBET nie so ganz, woran man ist –, dann um naturnahe Thematiken. Das belegen sowohl die Song- als auch der Albumtitel, welcher sich mit 'Zeitalter des Geißblattes' übersetzen lässt. Vielleicht verhilft das ja dem einen oder anderen zu einer Deutung. (Das Geißblatt hat beschränkte medizinische Kapazität, gallenfreundliche Wirkung wird ihm zugeschrieben. Allerdings führt es schnell zu Vergiftungen und Übelkeit.)
Dieser Besprechung liegt die europäische Ausgabe zugrunde, mit dabei sind einige alte Bekannte wie BABY DEE (an vielen Tasteninstrumenten zu hören), ANDREW LILES und – wie schon auf "Baalstorm ..." – ELIOT BATES an der Laute, zuständig für die orientalischen Klänge. Meines Wissens neu in der Familie ist der iranische Theremin-Spieler ARMEN RA, der schon mit MARC ALMOND zusammen gearbeitet hat. Vermutlich rührt daher die Verbindung zu CURRENT 93.

Und die Musik? Stimmt dann doch versöhnlich. Wie schon viele Stücke auf dem Vorgänger "Baalstorm ..." überwiegt Minimalismus, Reduziertheit. Alle Songs werden im Prinzip von einem Instrument getragen, welches sich meistens sehr zurückhält. TIBET liegt dazu wie immer zwischen Rezitation und Singsang.
Nach einem kurzen, leisen Intro setzt das traurige Piano ein, lässt einzelne Töne hervortropfen. Eine singende Säge (so klingt das Theremin) simuliert göttliche Schwingungen, TIBET singspricht. Auf Anhieb ist keine klare Songstruktur erkennbar, kein Refrain zum Beispiel, alles fließt. Das ist das Grundmuster der meisten Stücke: einfache, sich wiederholende Melodien, viel Raum, TIBET in guter Form. "Cuckoo" (04) ist in seiner Instrumentierung orientalisch-folkloristisch (auch hier im Anschluss an "Baalstorm ..."), der Sprechgesang überwiegt zwischen langen, wie improvisiert wirkenden Strecken.
Das Tasteninstrument wechselt, in "Jasmine" (05) spielt eine 70er-Progorgel (dezent) auf, die kleine, sich ständig wiederholende Melodie scheint bekannt, wie aus einem Kinderlied. Auch hier steht das Instrument häufig frei, atmet ohne Vocals. Die Orgel bleibt zunächst, spielt lange, einzelne Töne. Der Gesang passt sich an, dehnt sich ebenfalls und wird schräger. Zum ersten und einzigen Mal taucht hier (06) Percussion auf, sorgt für DEAD CAN DANCE-Ambiente. "Pomegranate" (07, dt.: Granatapfel) ist hinreißend, das größte Stücke des Albums. Theremin und Piano, dazu ein wankender, schmachtender, eindringlicher TIBET und eine Welt, die sich der in C93-Texten immer wiederkehrende "murderer" ausmalt. "Honeysuckle" (08) übernimmt ebenfalls das Songkonzept des Albums und liefert spartanische Drehorgelklänge, dann folgt mit "Sunflower" (09) der dramatischste Moment: eine Kirchenorgel dröhnt, mächtig und sakral die Stimmung, TIBETs Stimme gedoppelt; hier kehrt ein Hauch des verloren geglaubten, irren Predigers zurück. "Planet" (10) ist dann zum Schluss noch einmal überwältigend schön und traurig: gedämpftes Klavier, Beerdigungsmusik, dazu Klargesang, leider unter zwei Minuten kurz.

TIBET hat ja in den vergangenen Monaten immer wieder betont, wie sehr er sich ins Private zurückgezogen hat. (Dies wiederum hat er allerdings mit Freude und ausdauernd öffentlich gemacht.) Dazu passt dieses Album. Es hat eine besonders intime, familiäre Komponente; bei anderen Künstlern würde man vielleicht von einem Akustikalbum sprechen. "Honeysuckle Æons" knüpft an die drei überdurchschnittlichen Songs des Vorgängers an, die meisten Stücke berühren und lassen innehalten. Es steht TIBET außerdem gut, nicht allzu viel Gas zu geben und ins Predigen zu geraten. So macht er einen eher nachdenklichen Eindruck und wirkt beim Singen äußerst treffsicher. Ein leises, ein schönes, ein würdiges C93-Album, bis auf das (wieder mal) nervige Gebrauchtwagenverkäufergehabe drumherum.

PS: Die CD kommt im Digipak, ihr 16seitiges Booklet enthält alle Texten und einige 'Familienfotos'.

 
Michael We. für nonpop.de


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Zusammenfassung
TIBET hat in den vergangenen Monaten immer wieder betont, wie sehr er sich ins Private zurückgezogen hat. Dazu passt dieses Album. Es hat eine besonders intime, familiäre Komponente. Ein leises, ein schönes, ein würdiges C93-Album, bis auf das (wieder mal) nervige Merchandising drumherum.

Inhalt
01. Kingdom
02. Moon
03. Persimmon
04. Cuckoo
05. Jasmine
06. Lily
07. Pomegranate
08. Honeysuckle
09. Sunflower
10. Planet
11. Queendom

ca. 38 min.
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